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Freies Blatt · 1893-11-05 · 83 (5.11.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
83 (5.11.1893)
Date
1893-11-05
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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1 Freies Blatt SHontttmtitH*«»«; (Dttjatt zur Abwehr des Antisemitismus. Redactio» Uli- Administration: mit Postjusrudun- . . (I- *.SO. H-lWhti, fl. Lierttljährig p -.6» i UPien , einitine Nummern 4 kr. Erscheint Olt jcbfUl Sonntage. l. Keilerstätte 10. Stummer 83. Wien, 5. November 1893. II. Jahrgang. ~ -——— — Aiischehen. Alle Jene, tvclchc nicht wie die wirklichen oder unigestiilpten Antisemiten, daS sind die Zionisten, in dein gegenwärtigen pathologischen Verhältnisse der Konfessionen und Raren zu einander Scll'stzweck und Ziel 'erkennen, inüsien sich sagen, daß cs nur ein Mittel der Abhilfe, nur einen Ausweg aus diesem unerträglichen Zustande gebe, dic vollständige Assimilation. Mit der fortschreitenden Assimilation würden dem Antisemitismus selbst seine Scheinargumente entzogen. Daß aber hiezu die bloß äußerliche Anpassung in Sprache »nd Sitten nicht ausnicht, sehen wir in den deutschen Ländern, wo dic äußere Assimilation längst vollzogen ist und der Antisemitismus nichtsdestoweniger oder sagen wir, nur umsoinchr grassirl. Zur rnlturcllcn Anpassung muß entschieden dic materielle Vermischung trete», nm dic Assimilation objectiv vollständig nnd den Antisemitismus auch schon snbjcctiv nnmöglich zu machen. Man denke sich nur Fülle, wie den des assimilirtcn Drumont, der von einem ^tuschen Schächter in Stuttgart abstammt, der assimilirtcn Kinder ^chöncrcr'S, welche von einem mährischen Jude» namens Schmul Leb Kohu abstanimcn n. s. w., in -inem Dolle vere.llgcmcinert, nur zu begreifen, daß unter dem Einfliisic einer gründlichen materiellen.Assimilatio» wenigstens der Raren antiscmitiömuS schon nach wenigen Generationen nnvcrmcidlich der Lächerlichkeit anheimfallcn müßte. Also materielle Vermischung! Der einzige Weg hiezu ist das Eon- »ubinm. Dieses alterprobtc Mittet zur Versöhnung der heftigsten Gegensätze, das dem erbittertsten nnd langjährigsten Classenkampsc, von welchem »ns dic Geschichte berichtet, dem Kampfe der römischen Plebs mit den Patricicrn ein Ende bereitete, das Connubium, wird auch heute von allen ^cnen als der einzige Weg zum Fiicdc» betrachtet, die sich nicht ans der Aufrcchterhaltnug der die Juden u»d Richtjude» trennenden Schranken ein Geschäft machen, oder etwa ans Gründen rcli giöscr Orthodoxie solche Verbindungen für unzulässig halten müssen. Die Gegnerschaft unserer Antisemiten dem sogenannten kirchcnpolitischen Programm der ungarischen Regierung gegenüber ist daher höchst einleuchtend. Was sic an diesem Programme am heftigsten betümpfcn, ist keineswegs dic Reecption der (luden, sondern die Civilcbe, weil diese dic einzig mögliche Form der Mischehen zwischen Juden \it»b Christen ist. Es muß den ungarischen Orthodoxen sowohl auf christlicher als ans jüdischer Seite rühmend nachgcsagt werden, daß sic bei der Be urtheilinig dieser Vorlage sich im Großen und Ganzen nur von rcligiöscn Rücksichten leiten ließen, und daß dic Garantien, welche sie verlangen, meist ihrem religiösen Gewissen entspringen. Sic bekämpfen» wo dies überhaupt geschieht, nicht eigentlich dic Mischehe, sondern die Eivilehc. Umgekehrt unsere Antisemiten, welche dic ganze Sache ja eigentlich gar nichts angeht; sie bekämpfen keineswegs dic confcssionSlose Ehe, sondern dic Mischehe, weil ihnen die vollständige Assimilation von Inden und Magyaren im Brudcrstaatc Ungarn höchst unbequem wäre. In dem benachbarten Deutschland und spccicll in Preußen sind Mischehen zwischen Oitbcii und Christen gestattet. In, preußischen allgemeinen Landrcchtc ist dic diesbezügliche gesetzliche Bcstimmnug allerdings unklar*), die Praxis tappte im Unsicheren» sie war eher gegen, als für dic Zulassung. Erst der Artikel Xll der Bcrfassungsurkundc vom 31. Jänner 1850, nach welchem der Genuß der bürgerlichen nnd staatsbürgerlichen Rechte unabhängig ist von dem religiösen Be *) Er heißt dort (II. I. § flti): „Ein Christ kann mit solchen Personen keine Heirat schließen, welche »ach den Grundsätzen ihrer Religion sich de» christlichen Shegesetzm zu untecmersen gehindert werden." , kcnntnifsc, hat auch hierin Wandel und Klarheit geschaffen. Merkwürdigerweise hat zwar eine Entscheidung des preußischen Obcrtribunalü voin 18. Deccmbcr 1854 daS Fortbestehen dieses EhchindernifscS behauptet, aber die Praxis ist dadurch nicht geändert worden, und de facto ist dic Mischehe zwischen Juden und Christen eine sehr häufige. Im Jahre 1800 betrug dic Zahl solcher Mischehen in Preußen nach einer erst jüngst erfolgten Berechnung 16.000, dic säst sämmtlich erst in den letzten zwei Dcccnnien geschlossen wurden. DaS ist ei» schönes Resultat und ein Hauptgrund, warum in Preußen die Assimilation der beiden Raren bereits weiter gediehe» ist als etwa bei uns. Diese Verhältnisse sind aber auch keineswegs nach dem Gcschmackc der preußischen Antisemiten, welche dadurch langsam aber sicher an Dcrrain. verlieren. Weil sie nnn auf eine Abänderung der Staatsgcsctze.nach dieser Richtung hin kaum zu hoffen wagen, suche» sic dic Christen durch Androhung kirchlicher Strafen, durch Ausschließung aus der cvangcli scheu Kirche, Verweigerung des christliche» Begräbnisses, durch de» großen Bann vor dem Eingehen solcher Chen zu warne». In diesem Sinne' hat sich ei» orthodoxer Heißsporn auf der jüngst abgehaltencu braudcnburgischen Provinzialsynodc ausgesprochen, während' ihm ein anderer Prediger mit der Einbringung des Antrages scenndir'e, di>- Provinzialsynode solle Iti der Generatninode beantrage», daß das Kirchenrcgimcnt der preußischen Landeskirche gebeten werde, „bei der auch von anderen Provi»zials»»oden beantragten Revision des tirch lichen Zuchtgcsctzcö besonders auch darauf Bedacht zu nehmen» durch welche Maßnahmen dein Ilebcrhandnchmcu christlich jüdischer Mischehen wirtsamcr als bisher Einhalt geboten -werde» tonne, und wie Christen und Christinncu, dic betlagenswerihknveise eine solche einzugctien bcab sichtigen oder eingcgangcn sind, kirchlich zu behandeln' seien". Sie (Gründe, womit dic sromnien Herren ihren Antrag moiivirten, waren scheinbar eonscisioneller und ethischer Ratur. Die Ursache solcher Chen, meinte einer der Thcilnehmer an der Synode, sei meist „Sinnlichteit und (Geldgier". Aus der augenscheinlichen Hinsälrigkcil dieser u»d ähn licher Argnmente tan.» .man wobt auch schon ermessen, von welchen Motiven die Antragsteller in Wirklichkeit geleitet wurden. Vorderhand dürften die Mischehen in Preußen nach wie vor znnehmen'und damit dic Assimilation der Juden mit dem deutschen Volke rrsreuliche ForE schritte mache». Bei nns in Oesterreich liegen die Dinge'weit ungiiustiger. 'Vach dem unscrc Chcgcsetzgcbung einen rein ronfcssioncllen und mehr noch einen katholischen Charakter hat, und dic obligatorische Civisehc in Oesterreich nicht cingefülsrt ist, sind bei uns Mischehen zwischen Juden nnd Christen nur unter großen Schwierigkeiten ermöglicht- Entweder es muß der eine Thcil sich zur Religio» des andcrc» „bekehren", um eine rituelle Eheschließung zu ermögliche», oder der eine, wenn nicht beide Theilc müssen coiifcssionsloS werden, in welchem Falle die Roth civilche statthaft ist.- Die Convcrsion sowohl wie dic Ablegung der Conscssion ist aber eine zu harte Bedingung für dic Meisten, welche sich in der Gesellschaft damit oft große Ilnannehmlichkciten, wen» nicht Schaden zufügen. Ans dem flachen Lande tritt dies fast nie ein, und die Mischehen beschränken sich daher meist auf die Großstadt. So betrug die Anzahl der im Jahre 1880 geschlossenen derartigen Ehen für ganz Oesterreich 01, wovon bloß 0 auf Triest nnd Gebiet, dic übrigen 4:.' ausschließlich auf Wien entfielen. ' . i . Nichtsdestoweniger erhalten wir aus den amtliche» statistischen Angaben über die in Wien znnschcn einem, jüdischen nnd einem ronfcssionSloscn Theilc gcschlosicncn Ehen.ein bcincrkcnSwerlhcs Bild. Dic Anzahl derartiger Mischehen betrug in Wien in de» Jahren 187«* bis 1891 nicht weniger als 643, d. i. 10'0 Pcrccnt der daselbst ge-

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