Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 82 (29.10.1893)
- Date
- 1893-10-29
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
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reite 11. Nr. K2. Freies schrieb, und er war ein ehrlicher Mann, der das Unrecht beklagte, das darin liegt, wenn der Gcsammlhcit der Inden das vergehen des Einzelnen zngcrechnct wird, der sogar das Wort wagen durfte. — es wird ihn für ewig znm „Judenkilccht" stempeln: „Schmähen, schänden und verhöhnen ist keine Ümift, fromuiet auch gar nichts, sondern dienet nur zu mehrerer Bcrbitlernng dcS ohnedas vergällten GemütheS." -Es gibt übrigens von Luther, der auch kein Freund der Juden war, ähnliche Aussprüche zur Genüge; diese werden freilich »jemals angeführt. Jede gelegentliche Aeußcrung des Unwillens aber wird sorgfältigst gesammelt und verzeichnet. Es ist das eine für sich unerschöpfliche Materie. Man mußte deshalb die Aussprüche Wagcnseil's so breit anführen, um einfür allemal und ans dem Munde eines t^egners des JudenthumeS festzuftellcn, was in der jndcn deutsche» Literatur nicht vertreten ist. Fragen wir nun, welche Dichtartcn finden sich darin? So lautet die Antwort kurz und bündig: Alle. Es sind entlehnte, es sind nationale Stoffe darin vertrete»; neben den Erbauungsschriften, neben sehr zeitigen Ucbcrtragnngc» der heiligen Schrift in die Mundart — Lcssing fuhrt die von. Joscl Laiben Hausen, Amsterdam bei Josef AlhiaS lt>7l>, und die von Michael Adam, herauSgegcbcn von Paul Fazio l!'>44 in Rostititz, in Quarto, deutsche Sprache, hebräische Vettern, an — findet sich reine Belle tristik. I'ct Mann mußte nach jüdischen Begriffen der Sprache Gottes mächtig sein. Diese Uebertragnugcn wenden sich somit an die Frauen. Das war immer so beim Juden; die Frau vertrat die weltliche Bildung, der Mann ging seinem Erwerbe nach oder | forschte in der heiligen Schrift. .Aber nicht den Neichen allein i waren diese Bücher zugedacht. Sic wcndclcn sich auch an die Be- I dürftige». ES war bekanntlich lange in der deulschr» Literatur die unsinnige Auffassung allgemein, als schände die Annahme von Honoraren. Sich von einem Gönner, einem Mären aushallen lassen, daö galt für ehrenvoll; von seinem Bcrlegcr Entgelt für die geistige Arbeit, die ihn bereicherte, durfte man nicht empfangen. Erasmus verwahrt sich gegen einen solchen Anwnrf, und Hutten, gegen den Verdächtigungen genug geschleudert wurde», da er von Gott und der Welt verlassen seine letzte» Tage verbrachte, vcr thcidigt sich gründlichst gegen solche Beschuldigung. In der. Gasse gatr» keinen Mäccn; ans den Absatz seiner Werke allein durfte der Autor die Hoffnung eines leidlichen GewiuusleS bauen. So verfehlt er denn auch nicht, zum Ankäufe zu animiren, und vertritt damit unbewußt jenes gesunde Princip, das iiii Vanfc der feilen die Be frcinng des deutschen Schriftstcllerstandcs herbeiführte. Die Ein leitung zu einem religiösen Werke finde hier Platz und beschließe diese Einleitung, gleichzeitig eine Probe für Sprache und Bers: Ich der Schreiber alle Weiber und fromm Veiber ihn' ich rufen I «Lin neu Frucht mit erbarer Zucht hon ich gesucht;u verlasen. " : Alle O'ebot die unter (?ott ums geben Hot und den Strafen. Auch Perufch bet> verstehn gar treu mag wer es iett Reich und Trop'en Und all Lidra hat Bisvora ihr Hastora bei ihr lasen Und wer all Wach lest das Buch wirl Milch tmd Vebtiid) im Mal trifen.; An int .Sieben wirk daneben ewig reden ohn all schimpfen tLhr und Reichkeit und all Weiskeit Fernüsiigleit mit pil vansen. | Is es litt schein da» Buch feil septt, dag da» alls drenu in geschtosen. j (Sin Wnnderlein seht im Buch mein wie Vettree sein scharf olm fchleisen , AIS der Sappir iS das Papir nnd auch tapfer anzngreifen. Ich hon den Preis dag alle Greis ich wo! daraus hon Ihnn klopfen. i Auch mit gros Acht Hab' ich'» gemacht, da» Tag noch Rocht hon gefchlofen. Und das aller auch ein Thaler ist der Zahler wohl z'n schaffen.! Etliche Mad seit es nit lad ihr eigen Slad pt vertanen. Ihr all Sachen Geld zu machen fett mit buchen nnd Göns stopfen. <i Und gewinnen mit dem spinnen fit» sie innen GänS zu ropsen. Und voll die Tesch von.rohn der Weich die sie mit Aesch macht nnd Safe».! In beide Welt t?ott es vergelt wer mit dem Geld das wert -käsen Unser derqnicken mit kein schrickeit soll er schicken den wir hohen Also ich sag au dem Tag da« am Tieustag Tag Purim fausen. Und tricht und kracht das auch bet) Rächt viel wol man macht Bore Grien. In schön Manier ich ha» fürtvar lieb und gut iS mein Waffen. Das ist eine Vorrede in aller Form: war gereimt, wie das bis vor nicht gar Langem bei Allen Brauch war, die überhaupt reimen konnten; nur sprachlich und metrisch so nngchenerlich, daß auch der Renner der Mundart, der nicht zugleich des Hebräischen mächtig ist, nicht Alles versteht. Eine ungefähre Assonanz muß nur zu oft den vollkommenen Gleichklang ersetzen. Der Verfasser ist mit seinem Lobe nicht sparsam: sein Fleiß wird in allen Tonarten angepriescn. Der schönen Ausstattung seines Werkes wird gebührend gcdael)t — ganz wie noch heute; der müßige Preis herausgcstrichcn, müßig zumal, in Anbetracht der geradezu beispiellosen Vortheile, die für den Betrag von einem Thaler — damals allerdings ohne allen Vergleich mehr Geld als heute — erworben werden sollen. Zeitliches Wohlergehen verheißt er seinen Lesern Und überdies Gottes Lohn; man könnte sogar etwas wie die ewige Seligkeit heranslcse», V l a t1. wofcruc man sich nur die Mühe nicht verdrießen läßt, allwöcheuilich das Buch einmal dnrchzunehmen und, natürlich, im Leben seine Vclncii zu bethütigcn. Aber nichts davon ist »terlwnrdig äu dieser Vorrede. Nur das Publicum, an das sic sich wendet, will beachtet sein, und man darf vielleicht Schlüsse daraus aus den Geist ziehen, der in den*Ghclti heimisch war. Wir haben schon gesehen, warum diese Gattung von yifmvtnv sich ausschließlich au die Frauen wendete. Vielfältig ist cs ja noch heute in jüdischen -Häusern so, daß der-Mann allein des» Erwerbe lebt, in ihm anfgcht, während die Frau das Schmucknück und Rlcinod des Hauses darstcllt, das sich mit aller modernen Bildung zu bcsrcundcn und vertraut zu machen hat. Sic soll glänzen, sie die geistigen Honneurs des Hauses machen, das seine Eiukünstc ihr zu führen gestatten, während er die Folie, nur zu oft die dunkle Folie für sic ist. Es ist das eine jener Erschcinuügcu, die mit dem höchst lebhaften Familiensinn dieses Volkes, den ihm ja nicht einmal seine Gegner absprechen können, zusammenhängeii. Rührend an sich, hat sie im Laufe der Zeiten nnd durch den Wandel der Vcr hältnissc allerdings manchmal zn minder erfreulichen Zuständen, sogar in manchen R reisen zn nugesnudcr Verschiebung der gegenseitigen Stellung der Geschlechter geführt. Im Grunde war's aber schon damals so. Die jüdische Frau strebte nach Bildung, wie sic ihr eben zugänglich war. Nicht allein die Reiche aber; wir haben hier den Beleg für jene Behauptung, die wir etwas früher auf gestellt. Denn wen führt der Autor an unter denen, die er sich als Raufer seines Werkes, also geneigt denkt, einen Thaler, ein großes Slüek Geld für jene Zeit, dafür ansznlegcn? Es sind das die Gäiifchäudlerin,- die Fcdcrnschlciß^rin, die Waschfrau, durchwegs . also Personen, die wahrhaftig nie und nirgends zn den Begüterten gehört haben. Mehr — er fordert das Mädchen aus, sein eigenes Rtcid zu verkaufen, nm sich dafür in den Besitz eines so köstlichen und heilsamen Buches zu setzen. Ein frommer Wunsch und eine Ucbcrtreibuug -wird man sagen. Aber ein frommer Wunsch ohne jcdx Möglichkeit, ohne Gedanken au Erfüllung ist noch nie ausgcsprochcn worden, und nichts kann nicht übertriebe» werden. . . Eine eigentlich dramatischc Literatur touuie sich im deutsch jüdischen Dialcete der Natur der Dinge nach nicht cniwi'tkeln. Den» daS Drama ist bedingt durch Mannigsalligteii der Interessen hier war einseitige Thätigkeil, einseitiges Streben wie Erreichen: . cs verlangt nach Desseniliäikeit, während daS Ghetto, seltene Aus nähme» abgerechnet, ein Schlupfwinkel mit verborgenen Freuden und Leiden, verstohlenen Genüssen, versicckicn Rcichthümern war. Eine gewisse, und zwar eine ansehsiliche Höhe nnd Freiheit des Standpunktes verlangt das Lustspiel: gewiß ist nicht Jeder frei, der seiner Retten spottet, wer sie aber nur zn schmerzlich'nnd bei jedem Schrille empfindet, der muß wohl ein Ansnahmsmensch fein, ltni, darüber lachen zn können. Die Tragödie aber ist imm^r die Rnnsi form des großen, innerlichen Sturmes, der »iedcrwint,- damit sich a» Stelle des Erslcrbcudcu Lienes erheben könne, der mächiigcn Leidenschaft-' gewesen. Starker Äihein des nationalen Lebens muß sic umwehen, soll sie wirklich und kräftig gedeihen könne». Wie aber hätte das in die kläglich tünimerliche Enge-, in der tic tidi verborgen, zu dringen vermocht? In die Siidlnsk, in der sie sich langsam durch Gewöhnung wohl fühlten V Gewiß, es spielten sich schon damals Tragödien jeder Art, des Herzens, des Glaubens, des .Erwerbes in jenen Rreisen ab: sie zn schildern aber war Niemand stark genug: Niemand gewann jene heilere Höhe des Gesichts krcifcs, nm die wunderliche. Beschränktheit rings um sich mit dem klaren Auge des Lnstspieldichters zn erfassen und wicderzngeben. Der Grundzug der Ghclli war wohl immer fast greisenhaft ernst. Einen Tag gab und gibt cs, der eine Ausnahme macht. Dies ist „Purim",. das Fest der Uebcrwiitdnng der Anschläge des bösen und hochmülhigen Hamnn durch die Schönheit Ha da na- Esthers, durch die Rlughcit ihres Qheims und Meisters Mardochar, eine Legende, die durch das ewige Lied von Liebe, zu dem sie Grill parzcr Anlaß gab, auch den Deutschen vertrank nnd lieb geworden ist. An diesem Tage ist jedes Gefühl von Noch und Sorge ver bannt ans den Gassen: des gefährlichsten Anschlages, der jemals den Inden gedroht, den eine wundersame Fügung Gottes vereitelt, Erinnern muß gebührend gefeiert werden. Der nüchterne nnd, viel leicht schon durch seine Abstammung, mäßige Jude vergißt daran seiner Mäßigkeit, nnd nach dem Fasttage, der gebührend zur Erin ncrung an Rönigin Esthers Fasten diesen eintägigen Fasching. ein leitet, ist .zügellose Lust gestattet. Man fingt Spottlieder ans einander, in denen Schwächen nnd Eigenheiten bekannter Persönlich-