Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 82 (29.10.1893)
- Date
- 1893-10-29
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/4886575-5439157-5441463--0898-4887391- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
reite 10. Nr. 82. Freie Cppenficrtner mitthcilt, erweisen das Gcgentheil. 4!nn ist dieser Schatz Eigenthum der Bodlciana i» Oxford. Wsr Phantasie hat, dem erfühlt der Matal og, von dem noch viel;u sprechen sein wird, wie rege der Antheil an dem. was die Welt da draußen beschäs tigle, in jenen lassen mar, die man sich mir zn gerne von einer sckmutzigen, habgierigen Menge erfüllt denkt, die enge i» einander gepfercht dahinlebte undfür nichts Sinn haben sollte, mir für ihre rvamilic und für ihren kläglich unsichere» (irmerb, nach dein daun' Jeder greife» zu dürfen glaubte, den cs danach gclüslcte. Im früheren Mittclaller muß cs 'ihnen allerdings besser ergangen fein, Anders löst sich nickt wohl die Erscheinung erklären, daß wir unter den Minnesängern einem Juden begegnen. Es läßt sich nicht bestreiten, dag die bloße THatsache einen komischen Bcigeickmack hat: denn sonst begegnen uns stolze Rainen unter ihnen, Männer, die sich ihrer adeligen Geburt und ihrer Ritterschaft voll bewußt waren, und nun und mitten unter ihnen der demüthige ^Tüßtinl, der Jude von Trimbrrg", den die Mancsse'sche Hand fdirift überdies in der- Tracht der Hilden seiner Zeit im spitzen .Hm abbildcl. Das ist eine Vorstellung, die natürlich Grätz, den Heißsporn des Iudcnlhumes, empört. Er denkt sich ihn lieber, den glcichgchalkcncn «Genossen adeliger Länger, der auf feinem Aniitz Vornehme imji Reiche beivirthet und dazu zur Fiedel seine l'ieder fingt. Das geht min nickt. Wir wissen wenig von seinen llinständen. Ein Tüßkiud war Arzt des 9cprosenfpitales in Trimberg, eine Stellung, die man gerne Juden überließ, weil sie traurig n»d gestihrlick war: er wirkte wohl am Tl. Egidien- und Dietrichs Tvilal, und diese Stiftung verkauft ihm 121'» ein Grundstück mit Bewilligung des Tompropstes Dlko und unter der Bedingung, eine nnkenrd'isttn Wasserleilnug ans feine kosten daselbst ein;»- richken und zu erhalten. Ter Ticktcr war cs nickt: seine Zeit reickl nack der sprachlichen Form seiner «Gedichte nicht so hock. Es find uns deren leckte aufbehallen, und sie unterscheiden sich ::> nickts von denen Fiis der Zeit des Ricdcrganges. Ter Minnesang begann vcrtiiöckernd abzusterbc», und das Tüßkiud war der Mann »ickr, ihm neues l'eben einzuflößen. Er klagt über seine Arinnth: wenn aber Tr. dl. Gelbhaus meint, das sei herköiümlich iir der rnrerlicken Poesie gewesen, so ist das so ganz richtig nicht. Wer jammerte, wie Walther .oder Wolfram, dem seine Bedürftigkeit allerliebst hnmoristischc Wendungen eingab, wie die mit den Mäusen, d:e's bei ihm--zu Hanse schlecht hätten - wie sollten sie etwas finden, vor denen man Alles verwahrt,- wenn er nichts;» nagen habe, irövdem ihm Alles offeil stünde — der batte Grund dazu; von venlen, die in behaglfcken Berhältnifsen lebte», wie von Hart inanil v. Aue oder von Gottfried v. Tlraßburg sind ähnliche Acnßcrungen nickt bekannt. Er will, wcnn's ihm nicht besser geht, das Tinge» anfgeben und will fick einen lange» Bart nack Juden - weife wackie» lassen. Er hat ein religiöses Gedicht, das durchaus streng in der Betonung der Einheit ist, selbst da, wo jeder christliche Ticktcr die Trinität genannt hätte. Am merkwürdigsten ist ein Vicb, i» dem »ick der Wolf mit seinem Hunger und seiner Art entichnldigl, daß er raube. Es ist wohl kaum persönlich, wohl kaum als Abwehr gegen manche Vorwürfe;n nehmen, die gegen die Inden damals wie heute erhoben wurden. Thicrshmbolik ivar bei de:: Inden immer beliebt: einen noch intcresfameren Fall davon zeigt das „Josefs Spiel", Aber man meint in der bernhniien Rede, die Heine den Wölfen des Teutoburger Waldes ..ganz ohne Vorbereitung" hält, einen Rachklang des Tones zn vernehmen, die ein halbes Jahrtausend vorher das Süßkind von Trimberg.angeicklagcii. Und der Trang nach deutscher Bildung, der fick in diesem Manne bekundet, ist eine beachlcnswerthc Thalsache: ein „nVh'bän" ivar das Tackle» damals gewiß noch weniger, als es heule eines ist. Tas Tüßkiud faninil seinen Bcstrebnngcn blieb^vereinsamt und bis heilte in seiner eigensten Bedeutung inißkannt. Tie Inden aber klammerten ück nach wie ehe an s Tentfchc. Ehrni'aüder, einer der genauesten Meitner ihrer Mn »dark, lvzweifcll, ob sie sich einer anderen Sprache jemals genähert und innigst angeschlosscn hätten. Er sagt l o-ründlicher Unterricht vom Rutzcn des Inden Tentick, Teile '>»: ..To ist auck die Frage zn beantworten, ob die Inden in allen Vändcrn ebenfalls die Anhängsel, womit die hebräifckcn Wörter im Inden Teukschen "geendigt werden, aus derjenigen Tvrackc hcrnehmen, die da, wo die Inden wohnen, im Tchwange ist. Ick kann Tolckcs nickt behaupten. Tondern, laut denen Rach richten der, die weil gcreifek sind, wird von ihnen mit der deutschen Tvrackc nur eine solche Bcrmischung gemacht." Thatsächtich werden sehr häufig im Inden Tcutsckcn hebräischen Wottcn deutsche Endungen angcfügt, ein Borgang, der aus keiner anderen Tprachc i - - 1 Blatt. belegt ist. Tie bemühten sich sogar, nach den Reim- und Vers gesehen, die für ihre Schriften gelten, nach den noch lange nicht genügend erforschten Metren ihrer kanonischen Bücher zn dichten. To sagt Wagcnsc.il im „Fürtrag": „Mit keiner Sprache sind die Juden jemals so, was man sagt, lächerlich, als nzit unserer deutschen nmgcgangen, denn sic haben solcher einen ganz fremden Ton und Vaut gegeben, die gut deutschen Wörter gcstünimclt, geradebrecht, verkehrt, neue, uns unbekannte erdacht, wie auch unzählig viele hebräische Wörter und Redearlcn in das Deutsche gemischt, daß solchergestalt, wer sie deutsch reden hört, nit anderst glaubte, als sic reden pur lauter hebräisch, indem fast kein einziges Wort verständlich für kommt. Auch haben sic in dieser kauderwelschen und vermischten Tprache eine nicht geringe Menge geistlicher und weltlicher Bücher mit hebräischen Buchstaben drucken lassen und iverdcn deren täglich (Wagcnscil'o Werk erschien 1691)) noch mehr gedruckt. Ja, damit so viele Aenderungen als möglich cingcführl würden, haben fix gar eigene Metren und Gedichtarten, welche sonst in der deutschen Poesie nicht üblich, zur Rachahniuug ihrer hebräischen." Und I. I.' Schudt gedenkt ihrer barbarischen „Mlippelrcime". Daß nun juden-deutschc Verse nicht zum Besten klingen, läßt sich nicht wohl bestreiten. Die Sprache ist ohne alle Würde, ohne Adel, wie jedes Sprachgcmisch; sic läßt den schönen, stolzen und freien Schritt nicht einmal ahnen, mit dem das Deutsche sonst einhcrzugchen vermag. Was gehoben wirken soll, das wird komisch; sic verzerren das Original unbewußt. In eigenen Druckereien, und zwar mit hebräischer Eurrcnl schrist, wurden die Werke dieser Bteratur gedruckt. Die Anklagen, die gegen alles Jüdische erhoben wurden, kehrten sich natürlich auch gegen diese Schriften. Es war am Ende nur natürlich, daß diese gehcimnißvolle Tprache Mißtrauen wachrief; nur zu billigen, wen» der Augsburger Reichstagsabschied von lööl im 8 79 vorschnell, daß zwischen Inden und Ehristen nur dann giltige Verträge lind Verschreibungen sollten geschlossen werden dürfen, wenn sic vor der ^Tbrigkeil, welcher der. Ehrist untersteht, anfgcrichtct worden sind. Was aber die sonstigen Anklage» anlangt, so soll der aste Wagenseil, der gewiß nickt im Ruf? sonderlicher Iudenfreundlichkeit steht, sprechen: „Ich habe hiezu zn anderer Zeit ausführlich gehandelt und gestanden, daß zwar die Inden wider die Abgöttischen und ihre Feinde in den Thnagogen beten, doch aber bekräftiget, daß solcher Gebcler sehr wenige jfini, und daß auch diese uralt und Anfangs wider die Römer, welche ihre Ttadt, Tentpel und Gottesdienst zerstört und sie ans ihrem Vande verjagt seien, gedacht worden, welche dann folglich die Ehristen ans sich gezogen und auch die Inden, nachdem sic oft von denen Ehristen grausamer a ls i hre B orcl lern von den R öm crn gckinartcrt worden, von denen E hristcn zn verstehen angefangen, wozu noch übcrdas des größeren Tl>cilcs unter ihnen Dummheit kommt, indem sie glauben, daß die heutigen Ehristen und auch alle Römer an Herkommen, Religion und Sitte für eine Völkerschaft zn achten. Der Eifer wider die. Juden und ihre Bücher ist bisw cilen gar zu groß und etwan wohl aus guter Meinung, doch aber aus Unverstand herrührend. Es hatte für einigen Jahre» ein gewisser der Augsbnrgischcn Eonfession zugelhaucr Stand des Reiches denen Juden die Freiheit verliehen, in seinem Gebiete eine Druckerei auszurichten. Dieses misficl dem Geistlichen sclhigcs Srtes, und nahm immerhin in denen Predigten Gelegenheit fürstellig zn machen, wie eine große Tünde das sei, denen Juden die Macht zu geben mit lauter Gottslästcrung und Ehristi seiner heiligen Mutter auch unserer scligmachcirden Glaubenslehre Beschimpfung angcsüllte Bücher zu drucken. Die Juden, nachdem der Geistliche mit Beschuldigung gegen sie nicht aufhören wollte, beklagen sich endlich deswegen bei den Landesherren, überreichen ihm Alles, was sic bisher gedruckt hatten, und baten, er möchte den Geistlichen dahin halten, daß er zeigte, was in solchen für Gottslästerungdn enthalten seien. Dem Geistlichen wird solches zu thun anferlcgt, welcher, weil er solches zu bewerkstelligen nicht vermochte, an n:ich kam »nd sehr bat, ich möchte ihm doch die Gottslästerungen, welche er zugleich übcrschickte, befindlich auszeichnen, dann er. in Ermanglung Beweises dessen, so er denen Juden sürgeworsc», sonst um den Psarrdienst komnien möchte. Ich schickte die Bücher wiederum zurück mit denr Vermelden, daß sie von Gottslästerung befreiet seien und Eriiinrrung sich doch hinfüro einer Anklage zu cnlhaltc», deren man keinen Grund und Bewcisthum hätte." lFürtrag zur „Belehrung".) Also schreibt ein Erzfeind der Juden, der freilich vor. allen seinen Rachtrctcrn, die noch heule unablässig aus seinen Schriften schöpfen, Eines voraus hatte: Er war in dem Stoffgebiete vollkommen zu Hause, über das er