Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 82 (29.10.1893)
- Date
- 1893-10-29
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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freies [ a 11. Nr. 8?. jrciiülctiin. ■gJom Iuden-Deull'cki. Eine Liiidic vo» f. David Es läßt sich heute absolut nicht bestimmen. mmi» bie v\uPcn zuerst »ach Deutschland gekomine» feien 3ie felbev mit men für ihre Ansiedlnngen aus deutschem Bodeii ein sehr ljohro xUlter in Anspruch, und f. v\. Schudt, Der für feine. Indischen renflüüvöiiifeiten" vielfältig die mündliche Tradition der frankfurter fndenschast nützen konnte, erwähnt im fünften Bande feine* höchst ninfänglichen wie einseitigen Werkes ans Leite t>ajj König Rebukadnezar nach der Zerstörung deS ersten Tempels dein Könige von Spanien und seinein Tochlermanne, dein König Phrrho vo» Griechenland, gefangene Hilden geschieht habe. Ans beiden rändern hätten sie sielt dann weiterhin ausgebreitet, »nd so seien sie denn auch »ach Deutschland gelangt. Eine ganz hübsche und annehmliche regende; nur schade, daß die Geschichte ans jener Zeit nichts vo» einem Könige über Griechenland oder gar über Spanien;» melde» weiß. Besonders ehrwürdig erschienen ihren Glaubensgenossen vor nehmlich drei Gemeinden : Worms, Uli» und Regensbnrg. .‘>uo fahre vor Ehristo wollten die Wormser schon am Rheine seßhast gewesen sei». Sie stützten daraus niannigsache Ansprüche, und sie müsse» für das unkritische'Mittelalter imstande gewesen sein, ihre Behauptung annehmlich genug;u machen, denn wir finden sie, als »nschnldig an der Kreuzigung Ehristi, vo» mancher Be drüekung der fnden befreit, fn Ulm fand inan beim Bane des Barsüßerklosters tief in der Erde einen Grabstein mit hebräischer Schrift, worin die fnden gelesen und gesagt, er sei eines fnden, und an der Zahl gefnnde», daß er vor Ehristi Geburt dem fnden auf sein Grab gelegt worden sei, wie Wagenseil in seinem für trag;ur „Belehrung der füdisch Teutschen Red' »nd Schreibart" berichtet, fn Ulm wurde auch, als im fahre 134s sänimtliche fnden der Stadt dein fenerlode überliefert wurden, ein Brief gefnnde», darin die Bewohner ferusalenis ihren denlsche» Stammes genossen Mittheilnng von der Hinrichliing fesu Ehrini machte», fn verschiedene» D.nellen wird dieses Schriftstückes gedacht: in mancherlei Sprachen ist es uns überliefert, die Ursprache, in der es abgefaßt gewesen, sein soll, die Postverbindung, durch die es voii „ferusalepi im Vaud fndäa oder Kanaan" zu „den Brüdern in den Rindern über Meer, den fnden -,u Uli» in Schwaben" gekoninie» ist, wird nirgends genannt. Sie waren somit gewiß, »ach den Begriffen der Zeit, hinläng lich befreit von der Milschnld an jener Thal, die das Mittelalter ihre Brüder so schwer büßen ließ. Ein gleicher Brief fand sich im Besitze ihrer Regensburger Glaubens und Veidensgenossen. Bon ihnen berichtet Wagenseil: „Lo bezeuget auch Eöleffinus, Abbt des Klosters St. Einmerans in Regenspnrg, in seinem Buche, welches er Mansoleum oder herrliches Grab des bäurischen Apostels und Blnt Zengens Ehristi St. Emerani benamset an dein L‘s»> und folgenden Blat, daß die fnden noch im allen Testamenl lange und wenigstens 300 fahr vor Ehristi Geburt »eben den Heiden in Regenspnrg gewöhnet. Und daß, wie sie im fahr 1Ö10 von dannen ansgejaget worden, sie ihr Hettligthninb mit klägliche»^ Gesänge mit sich ansgetragen: unter welchen sürnenilich gewesen ei» Stuck von der steinern Tafel, welche Moses;er worffen, ein Br.iesf, so die fnden;» fernsalem denen Regens purgischen geschrieben Während aber die fuden vielleicht nirgends so viele, so schmerz liche und allgemeine Berfolgniigen erduldeten wie in Deutschland, hingen sie mit einer unbegreislichen und säst räthselhaiten Anhäng lichkeit gerade an diesem Lande und an söiner Sprache. Auch anderwärts litten sie mancherlei: aber etwa in frankreich und in ftalien, von wo ans sie wohl, und zwar sicherlich vjel später, als sie selber zu glauben angaben, nach „Aschkenas" vordrangen, brach ein jähes und allgeineines Unwetter über sie herein, das sich wiederni» verzog, wie es gekommen war. Dann Hallen sie. eine längere Zeit der Ruhe und der Erholnng. Anders hier. Schonte sie dereine Reichsstand aus huinaner Gesinnung oder weil er ihrer zu bedürfen glaubte, so trieb sie ein anderer ans. Bot ihnen somit die Zerrissenheit Deutschlands manchen Bortheil und Unterschlupf, so daß man zu glauben versucht wäre, in ihr fei jene mächtige Anziehung gegründet, so brachte sie doch auch wieder (Gefahren und Rachtheile mit sich. Wenn aber einmal der allgemeine Haß, wie nur zu oft, elementar losbrach, wenn eine allgemeine Bewegung die (deiner ergrin, n-i es nun ein erlalisches Ausflainnieu, wie in den Krenzzügen, fei es ein lieies' <>K-snh> der Heimsuchung durch Gott, wie beim „ Schivar zen Tod- oder in de» vielen Hunger und Sterbejahren, dann lam ein flngsener über die fnden.- Das machte vor keinem der zabllosen Grenz viähle Hall, die damals das heilige römische Reich so' bunt wie anmnthig schmückten, das übersprang alle Zollschranke.», brannte alle „Gassen" ans und brachte unsägliches Elend über ihre Be ipohner. Und trobdem kehrten sie zurück, sobald sie »nr konnten: obzwar die Geschichte der fnden in Denlschland durch fahr hnnderle nichts ist als eine nnliebliche Abwechslung von atlge ineiuer und begrenzter Bersvlgnng, geschah etwas säst Unbegreis liihes: das Deutsche wurde jüdische Bolkssprache und als solche von unzählige» fnden -seffgehalten bis beute. Ein ziemlich eor rnples Deutsch: ein Dstileet, der Reste der alten Sprache, entstellt durch unzählige flick nnd Vehnworte ans der hebräischen und aramäischen Sprache, verwahrt; aber eine Mundart, die den all gemeinen Vantgesehen gehorcht trog Einer nnd br«n. räumliche Berbreitnng ei» harmlosest^eschichlchen klar macht. Eilt forscher, der nach Sibirien will, ertnndigt sich nach de» Sprachen, deren Kennlniß ihm zu seiner fahrt nöthig sei. „Kennen Sie fnden Deutsch?" wird ihm geantwortet, „Rein." „So lernen Sie's, »nd Sie siudeu damik ihr forttommen.". Er lies; sich's gesagt sei» »nd soll lhatsächlich mit der -Kenntnis; dieses eine» fdioms sich während der iveilen fahrt, wälirend seines Anfentballes in ninvirih lieben rändern vollkommen haben behelsen könne». Und das ist wie ein Wunder. Die Spaniolen halten an ihrem Spanischen fest, so lange es auch her in, das: man sie ansgetrieben hat, und obzwar Rieniand von ihnen a» eine Heimkehr auch »nr denkt. Aber ihnen, war in der alten Heimat eine glanzvolle Geschichte vergönnt: stolze Erinnerungen in Kunst, Tichtnng Und Wissenschasl verbanden sie mit ihr. Aber mit Deutschland und dem fnden Deutsch? .Dein' sie lieben auch diese Mundart, und sie pflegten ne nach bestem Können nikd mit dem Besten, was sie in ihrer völligen geistigen Berarninng ln-saßen. llnd wen» diese Mundart nebenher noch eine traurige Mission zu erfülle» haue: wurde ne anch »och der Grnndbestandlheil des itothwelsch, der Ganner sprache, dann liät Av>- V'Alleniank eine sehr schöne'Erklärung daiür, deren Sinn etwa der ist: die ans der Kaffe Gesallenen bediente» sich der M>>"barl derer, die in keine Kaffe-gehörte»: die Ans gestoßenen der Gesellschaft suchten Anschluß an die, welche die Gesellschaft nicht annehmen wollte. .Wan»-,sich diese Mundart gebildet bat, läßt sich nun nicht be stiniinen. Znnz in seine» „Gottesdienstlichen Borlrägen der fnden-' nimmt chn, daß sich die .fnden durch das ganze Mittelalter hin durch eines eorreete» Deulick, bedient hätten: ihr. ..Lürgon sei erst im Berlanse der lebten lioo fahre entstanden. Av>- V'Allemanl in seiner „Gescknchke des denlschen E'annerlltnuies" bestreitet das: er will schon Ende des \ I \ . fahrhnnderls in oKttinerinffrnnienten vollkoninien jnden deutsche WendNngei^ Nachweisen. M. Steinschneider in Berlin, der Altmeister dieser forschnng, der eine, nn glaubliche Belesenheit und einen einzigen fleiß, den man jehem Andere» ab? echt deutsch anrechnen müßte, an dieses Gebier ge wendet hat, neigt sich mehr der-Meinnng von Znnz. zu. Einzig die Svrachwissenschast-i» ihrer ffrengslen nnd sorgsälligffen Anwendnng könnte da Ausschluß bringen. Auch sie würde oü irren. Denn man »ins; mit dem ponservalivisinils dieses zähesten Boltes rechnen. Wie ffch Gebräuche'tliid Bornanie» bei ihnen durch die fahrhnnderte sorlerben, wie Gebete noch' heute erklingen, die fiir ganz andere Umstände gedaäil wazen, wie feinde, verwünscht werden, deren lebte Spur schon das Gras. überwnchs, so haben sie fornieln nnd Worte, Wendungen und Sai-sügnngen verwahrt, die der lebendigen Sprache längit abgestorben sind. Tadellos inillel hochdeutsche Sätze sinden sich neben solchen, die man noch heule, in de» böhmischen „Gassen" vernehmen kann. Der Arm, der vom mächtigen Ströme der dentscheir Sprache abseits, ins Ghetto ge leitet ward, stagnirle nur zu bald, versninpsle sogar. Aber denen, die daraus schöpften, war er unsäglich wichtig. Er verband sie mit jener großen Gemeinschaft, ilnter der sie geduldet und m»; achtel tchten: er Vermittelte ihnen ein Theilchen der Bildung der Andere», nach der es ihnen verlangte. Denn es isteine ganz falsche Borstellnng, als sei die Bibel und-ihr Slndium das ein. zige Vicht gewesen, das ihnen in der langen -.'lacht der Bedrückirng slainnile. Allein die Jitcl der Bücher, welche Steinschneider-ans der großen, fast einzigen Sammlung des Prager Rabbiners - David