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Freies Blatt · 1893-10-29 · 82 (29.10.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
82 (29.10.1893)
Date
1893-10-29
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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ilr. 82 5«itf 7. Freies klärt hieraus den Tr. Scheicher als „einen der größten Sociologen der Jetztzeit" und ruft schließlich am: „Wir freuen uns nur über Eines, nämlich, daß auch die'Wiener, wie Tr. Pattai, Dr. Psenner, Znleger» Schneider und Tr. Scheicher, zur Ueberzeugung tornine» mußten, daß mit den Schönerianer» absolut nicht- Ersprießliche« zu erreichen ist, und da» ist un« vorlänsig genug." So hat den» da- Gastspiel der Wiener Christlich-socialen bereitdazu geführt, daß Schönerer , und dessen Getreue al- Verbündete de« Judenthum« erklärt werden. Ob der „Schußgcld"-Vorschlag Schneider'« sich auch auf die Bundesgenossen der Inden, Schönerer und Genossen, bezieht, möge dahingestellt bleiben; vielleicht wird die gerichtliche Untersuchung in dieser Angelegenheit auch die« klarstelle,i. Tagegen bedarf e« nicht erst einer weiteren Klarstellung, um den Werth de« pathetische» Ausrufe-: „Ta-Volk wacht aus!" genau abzuschätze». Thatiächlich will da« Volk von den christlich-sociale» Heilkünstlern nichtwisse». In einer an> letzte» Sonntag in Ober-St. Veit stallgehabten Arbeiterversammlung sprach sich wieder einer der Redner, Arbeiter Hauschka, in der entschiedensten Weise gegen die Christlich-Sociale» aus. Insbesondere geißelte Hauschka das Verhalten der christlich-sociale» Führer« Schneider und sagte »nter lebhasteiu Beifall der Versaminlung: „Schneider, ein Führer dieser Partei, gereicht dem Parlamente nicht zur Ehre. Mit solchen Tuininheilen, wie ein AuSnahmSzusland für Jude», und mü solchen alberne» Märchen, die man an« frühere» Ereignissen ausschrotct und brei'.schlägt, ist dem Volke nicht geholfen. Die Arbeiter verzichten gerne auf die Unlkrstütznng solcher Leute." lLkölker'S Wicdcrauslrklen in Berlin.) Von seinem Gastspiele in Amerika zurückgekehrl, um Stöcker vorige Woche schon i» einer Berliner christlichsociale» Versammlung auf. Er griff heftig Ahlivardt an. Allerdings wurde dieser Tage die Erinnerung daran ausgesrischt, wie bösartig Ehren-Ahlwardt - vorging, als er seine „Enthüllungen" über die „Jndenstintcn" feilbot. Eine Spandauer Eorrespondenz iheille mit, daß nach den letzte» großen Manövern bei der dortige» GewchrprüsungS Commissi»» gar keine Sendnngcn schadhaft gewordener Gewehre eiugelangt sind. Diese Eorrespondenz, welche die Runde durch die Blätter machte, constalirte also, daß alle Gewehre des deutschen Heeres, auch die i» Lvclvc's Elablisiemenl hergcstellle», den gehegten Erivartnngen vollkommen enlsprochcn l»id sich auch hinsichtlich der Haltbarleit gut bewährt haben. Toch Stricker unterließ cs, Ahlwardt wegen seiner lügenhaslcn Ans streunngen über einen großen Theil der deutschen Gewehre anzugreiscn. Was er aber dem Rector a. D. nicht verzeihe» kann, ist dessen Wahlsieg in Ne» stettin, und darum warf er ihm „demagogische Classcnhetze" vor, obwohl die Tivoli-Ritter in Berlin mitden Radaubrüdern au- Anlaß der Laudtggs »vahlen abermals ein Bünbniß geschlossen habe». Viel, sehr viel erzählte Stöcker von seinen Reiseerlebnissen in Amerika. Er leugnete, daß er sich vervslichtet hätte, dort nicht über die „Iudenfrage" zu spreche», und versicherte, daß er diese- Thema in einer New-Ljorker Versammlniig unter großem Beifall behandelt hätte. Tie a»icrika»ische» Zustände, namentlich das Verhällniß der Christen zu den Juden, gcsielen Herrn Stöcker außerordentlich. Wohl wird i» Amerika kein wirlhschasilicher Kamps unter dem Feldgcichrei: „Rauft nicht bei Juden!" gesührl; dagegen sind, wie Stöcker ivahrgcnominen haben will, die Juden von den Richljude» gesellschaftlich vollständig getrennt. Er cmpsahl eine solche Absonderung. Ter Geist slöcker's hat auch über der brandenbnrgi'chcn Provinzialsynode geschwebt, welche gleich nach seinem Wiederanftrelkn i» Berlin den engherzigen Beschluß faßte, bei der Revision dekirchliche» Zuchtgeictzes besonders daraus Bedacht zu nehmen, durch welche Maßnahmen der lieber handnahine christlich-jüdischer Mischehe» wirksamer alS bisher Einhalt geboten werden könne. Stöcker'« Expectoratione» und der citirte Synodalbeschlnß werden selbstverständlich kein Hinderniß bilden, die Jude» in chrisilich-socialen Versammlungen nach wie vor des Separatismus, der Sonbcrgelüstc rc. zu beschuldige». Im Uebrigen ist Stöcker « Sinn für Wahrheit nicht über jeden Zweifel erhaben, er hat eine zu lebhaste Phantasie, und seine Angaben über da« Verhällniß der christliche» Bewohner Amerikas zu den jüdischen sind um so unglaubwürdiger, als sie Allem widerspreche», was in dieser Hinsicht wohlunterrichtete und achtbare Männer erzählen. Unter de» amerikanischen Gesandte» in Europa befände sich, sollte inan meinen, niemals ein Jude, wenn die geiell schajiliche Trennung »ach Conseisione» jcnseit» des Oceans so vollständig iväre, wie Stöcker behauptet. Ter Ep Hofprediger hat sich vielleicht geirrt. Es kommt ja vor. daß selbst bei einer vor Gericht feierlich beschivorenen Aussage ei» Jrrthum unterläuft. — lieber Slöcker's Auftreten in New-'.York, dessen er in seinem Berliner Vorträge erwähnte, liegt uns folgender Besicht vor: Lutherische Geistliche halten am 0. d. M. Abends zu der von ihnen in der „Association Hall“ (so heißt daS Gebäude der „Yoimg Mens Christian Association“; arrangirten Versammlung, und zwar zu einem Vortrage Slöcker's über: „Niemand kann Gott diene» nnd dem Mammon" eingelade», und bereits um 8 Uhr >var kein Stecknadelranin mehr in dem großen Saale vorhanden. Au« diesem zahlreichen Erscheine,! folgerte Stöcker, baß man hier nicht Alle« glazthe, wa« im alten Europa über ihn gedruckt worden ist. Hieraus lobhudelte * er der amerikanischen Presse, daß sie nicht die alten Märchen über ihn verbreitet, sondern sich selbst ein Unheil gebildet hätte. Zum Thema führte er bann auS: „Bleibt der Mammon der Gott der Zeit, so steht die christliche Welt vor den größten Gefahren." Tie Erklärung für den kur; nach dem Kriege von 1870 71 Blatt sich vollzogenen Abfall vorn Glaube» liege in den sranzösiichen siini Milliarden Im Mammon liege die Gefahr für die religiöse» nnd socialen Zustande. Man habe jetzt-bereitin Deutschland eine Religion de» Gewissen«, die keinen Versöhner brauche,- und eine Religion der Bildung, die nick»« vom Ckrisleiilhnm wissen wolle. Slöcker sprach dann über den SocialiSmn» in Deutschland, den Gründungsschwindel, endlich über die Gründung seiner „Christliä'-ocialen Partei", welche berufen sei, die Irreligiosität, den SocialismnS und die Anarchie, welche sich mit der Roth unausbleiblich eingestcUt hätten, ans den Reih.» des VolkehinanSzutrage». Weiters sagte er wörtlich: „Tie Inden sind bei un« in Deutschland mehr wie hier eine doppelte Gefahr. Wenn ich mir die menschliche Gesellschaft alS eine Linie denke, so sind sie an einem Ende die größten Schürer der sociale» Gefahr durch Anhäufung von Reichthnm und am andere» Ende Schürer der Revolution. Ich erinnere an Marx und Lassalle, die Väter der Social Demokratie! Tie Stellung ist unverträglich, daß ein Volk, welche« sich in der Minderheit besiudet, die sociale Frage durch den Mammondicnsl verschärft und gleichzeitig das Volk zur Revolution ausruft. Ich liebe die Jude», aber ich bi» gegen dieAninaßtzng derselben. Sie, eine halbe Million unter'50 Millionen, dürfe» die Kirche nicht zerstöre», und wenn sie dieversuchen, dürse» wir ihnen znruscn: DaS dulden wir nicht. Ich habe nie angegrissen, nur verlheidigt, und eS ist merkwürdig, daß mau immer nur das Christenthum, nie das Iudettthui» angreist, nud legt man einmal die Sonde an dieses, dann gibt'- ein allgemeines Geichrei. Was die Juden hier sind, iveiß ich nicht, aber ich kenne sie in meinem Baterlande. Wenn erst einmal die Inden zurückkehren ins gelobte'Land, dann . wird ihnen wohl sei» und un« noch wohler!" Auch in New zyoick. berührte es komisch, daß Stöcker allen Ernstes sagte, daß mau da» Judenthum nie augreisc, und von seiner Liebe für die Juden, sprach. Tie wahre Liebe ist das nicht. (Tcutsch-Socialc und Rksormer.Y^Ter Parteitag der reichsdculschcn antisemilischen Gruppe, die sich „deutsch social" nennt und unter Führung von- Tr. König' undLiebcrmann v. Sonnenberg steht, hatte a» Dr. Förstrr, der neuerdings zu der Böckel'schen Gruppe übergetreten ist, solgeyde« Schreiben gerichtet: „Im Hjnblick auf.die unsere Partei beschimpfenden Beraihungen und Entschließungen desMarburger-Parieitages hallen wir cs'mit der Ehre unserer Partei und mit den Pflichten eines ihrer Abgeordneten für unvereinbar, daß ein solcher der .Deutschen Resormpartci' bcitritt Sollten Sie an Ihrem Entschluß, sich letzterer Partei als Hospitant anzuschließen,, sesthalle», worüber--wir. Sie bitten,^dem Unterzeichneten Tr. König baldigst Nachricht zugehen zu lassen, >o würde» wir zu unterem Bedauern annehmc» nlüsseu, daß Sie daraus verzichte», un>'erer Partei ferner anzugehörcn." Aul diese Drohung mit einem Consilium abouncki hat Dr. Förster in einem längere» Schreiben geantwortet, in dem er aiizeigt, daß er sich jetzt gezwungen iehe, seinen Austritt au« der deutsch sociale» Partei zn erklären. - . 2lus antisemitischen blättern. lPscitNU's Gcschichiswisicii.t Herr Dr. Psenner ist einer der prodtictivsten „Schriilsteller" des yntiieniiliiche» Elans, produciiv nicht nurnach der 'Maste — er kündigt fast in jeder 'Nummer seine« Blättchen» irgend ei» neuerichiencnes, epochale» „Werk" aus seiner Feder an — productiv auch im Hinblick am' die wahrhaft schöpferische Veranlagung seiner occidciiiallichen Phantasie. In tcr lctzien Nümnier des „Vo lt s.tre u ndjj — der, was die Selbstberäuche rung des Herausgebers betrifft, den „Unverfälschten" bereu» ernstliche Coiicurrenz macht — hat Dr. Psenner von dieser seiner productiven Phantasie wieder eine» glanzende» Beweis geliefert. Er gibt von der Enlstchung der Freiheitsbewegung im Jahre 1848 eine so esoterische Erklärung, wie wir sic selbst dem Hipvolnt Daine der Wiener „Christlich-Socialen" nicht zugetraul hätten. „Nachdem 'Sesterreich zu Ansaug diele» Jahrhunderts schwere Kämpfe gegen Napoleon I durchgauiacht batte, erholten sich die österreichischen Bölkepallmälig, lebte» glücklich und im gegenseitigen Frieden und bildeten einen einheitlichen, großen und 'mächtigen Kaiser Ilaat, der maßgebend ivar in Europa." 'Nachdem Tr. Pienncr >'» daS große Wort von dem goldene» Zeitalter der Meilernichligkeit gelassen und ->» fast biblischer Knappheit ausgesprochen, schreitet er wohlgemutst an die Lösung des schwierigen Problems, wie denn der giftige „Freiheitsschwiudel" urplötzlich die Kopse der glücklichen Arcadier erfassen konnte. Nun die Sache stellt sich für einen Tr. Psenner spielend einfache Natürlich „brachten die verbündeten Liberalen, Freimaurer und Juden im Jahre 1848 fast in ganz Europa eine Erhebung zu Staude, wobei e-s ihnen überall gelang, ihnen passende zügellose, politische Dtnd wirihschastliche Freiheiten, zu erringen, mittelst welcher sie den Mittelstand an«- beuten, unterdrücken, iniltclst welcher der Liberalismus, die Freimaurerei und das jüdische Großcapital seine Herrschaft in Europa, ausrichtcn lonute." Ueberraschend und großartig. Aber an Psenner'S Erklärung ist uns nur das Eine unerklärlich: wenn unter der Mellernich'jche» Aera wirklich die Völler i'o „glücklich und im gegenseitigen Frieden" lebten, wie kam es denn, haß die>e Völker urplötzlich dem drcibeinigen Ungclhüm: Liberalen, Juden und Freimaurer» Glauben schenkten, »achliesen und sich von ihm leiten ließen? Herr Tr. Psenner schick! uns da nach Ablauf jede» O.narialS einen Herrn (wie wir glaube» einen cmeritirte» Saccista» oder dergleichen) mit dem aulicipando l airSgefülllen Abonnemenlsscheine aus den „Volksfrcund" und mit einer „schönen

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