Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 82 (29.10.1893)
- Date
- 1893-10-29
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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5cite-'> Freier darzulcgen und zu erörtern, wie der sogcnanpte Antiscmitisinus in seinen verschiedenen Schattirung^n vom Standpunkte der christlichen " Ethik und »ach den in der heiligen Schrift gegebenen Winken zu bcurthcileu sei." Es in wohl das erstemal, daß der Antisemitismus zum Gegenstand einer theologischen Anstellungsprüfung gemacht wird. Vielleicht findet der Vorgang in der Pfalz bei uns Nachahmung. WaS fürein prächtiger PrüfungScommissär in HHtisemiticis wäre V B der geistliche Kamerad des „Schußgeld"-Schneider, der hochwürdige Herr Scheichcr in St. Pölten! «Tie Social-Tcmokrakic und der Antisemitismus.) Auf dem svcial-deinokratischen Parteitag, der in Köln zusammentrat, wurde eine Resolution gegen den Antisemitismus verthcilt, welche in folgendem Schluffe gipfelt: „ Die Social-Demokratie bekämpft den Antisemitismus als eine gegen die natürliche Entwicklung der Gesellschaft gerichtete Bewegung, welche jedoch trotz des rcactionären Charakters und wider Willen schließlich revolutionär wirkt, weil die ckom Antisemitismus gegen jüdische Capikaliste» aufgchetzten kleinbürgerlichen und kleinbäuerlichen Schichten zur Erkenntniß kommen müssen, daß nicht bloß der jüdische Capitalist, sondern die Capitalistenclasse überhaupt ihr Feind ist, und daß nur 'die Verwirklichung des Socialismus sic qus ihrem Elend befreien kann." Diese Ansicht über den Werth und die „ folgen der Judenhetze bietet auch den Erklärungsgrund dafür, daß die Antisemiten in Deutschland häufig seitens der Social-Dcmokratcn unterstützt werden. Der Xinabcnmord in Lauten.) Reichsdeutschen Blättern wird aus L ante II berichtet: „ Der hichcr entsandte Berliner Eriniinalcommissär Ra u rcn berg Kak die ersten Wochen zum Studium des vorliegenden Materiales xjnschlicßlich der Gerichtsverhandlung benützt. Jetzt ist Rantcnberg augenscheinlich damit beschäftigt, Widersprüche in den Zeugenaussagen anfzuklüren. Er geht in die Wohnungen, macht sich dort bekannt und stellt Verhöre an, thut dies jedoch stets im Beisein eines Polizeisergeanten. Bisher waren vernommen: Frau Küppers, deren Mann vor etwa vier Monaten gestorben ist, Frau Kern der. Mall in an n, Kellers, Heg mann, Vater dcS ermordeten Knaben, Clemens Breuer und der kleine Heister. Es scheint, als. ob der Commissär Rautenberg die Haupttdätigteil auf die Bloßlegung verschiedener Meineide verwendet, die bei den vielfach widersprechenden Aussagen vorzulicgen scheinen. So ist zwischen Mallmann und Kellers augenblicklich eine Beleidigungsklage beim Gericht in Lanken anhängig. Wie aus dem Proccsie noch, erinnerlich, behauptete Mallmann, gesehen zu haben, daß Hermine Buschhoff am Mordtagc, Nachmiitags gegen 3 Uhr einen Gegenstand unter der Schürze kragend nach Küppers' Scheune^gegangen sei. Kelcrs will Mallmann nun meineidig machen, indem er behauptet und uiuer Beweis stellen will, daß derselbe an jenem Tage bis Nachmittags 4 Uhr bei Keters gewesen fei. An der Aufklärung dieses Umstandes scheint Rautenberg besonders zu arbeiten. "■ Tic Zlldcilvcrsolgunss in Rumänien.» Die Verfolgungen, denen die Inden in Riiniünicn ausgesepl sind, haben viele derselben zu Auswanderungen getrieben. Ein Bukarest er Blatt macht auf die traurigen Folgen dieser Emigration aufmerksam: es schreibt: „Eine große Anzahl der jüdischen Emigranten'sind Handwerker, wie Schuhmacher, Tischler, Schneider, Pelzarbeiter. Wir wollen nicht von den Specialisten sprechen öder-von geistig hervorragenden Männern, welche alle'amiut dem 'Ambe von großem Nutzen waren, aber von dem jüdischen Ackerbauer, welcher sich unserer Landbevölkerung besonders nützlich erwies Die Abwesenheit der jüdischen landwirthschafilichen Arbeiter sängt an, sich stark fühlbar zu machen. Der arme Bauer, welchc»in früheren Fahren mit Wichtigkeit' seine Pelze und sonstigen KlcidüngSstücke im Umtausch für Hühner, Eier und Bodenproductc repariren lassen konnte, muß jetzt nach der Stadt gehen und dort die Ausbesicrung vornehmen lasten, wofür er mehr zu bezahlen hat, als der wirkliche Werth ist. Er muß daar bezahlen, was der rumänische Bauer nicht leicht bewerkstelligen kann. . . . Wenn ein Wechsel stattgefunden hat, s.o sind die jetzigen Zustände unzweifelhaft viel schlechter als die vorangegangeucn. Die Parteimünner, welche die Wohlfahrt des Landes im Auge haben, müsien zur Erkenntniß gelangen, daß in der gegenwärtigen Lage ihre Erwartungen gewiß nicht verwirklicht werden können, also viileimt consules! Diejenigen, welche der Welt über die Ursachen der jetzigen Nothlage Sand in die Augen streuen wollen, sollerz und müsien entlarvt werden. . .. Die Juden bilden ein'Element, ^das viel Gutes und Nützliches leistet, und ihre Auswanderung kann dem Lande nur zum Schaden gereichen." (Zur Lage der Zuden in Rußland., Aus Warschau wird nnS geschrieben: „In Petersburg hat der Antisemitismus seit einiger Zeit unter den christlichen Schneidern wieder plotzgcgrisfen. Bereits 1'** hatte die Bereinigung christlicher Schneider um die Blatt. ■" ’• ' ITr. 82. Ausweisung der mit ihnen concurrirenden jüdischen College« pctitionirt. Um die Concurren; los zu werden, hatten sie damals bereits angegeben, daß die Juden nicht nur die Preise verderben, sondern überhaupt nichts von der edlen Schneiderkunst verständen . und Pfuscher wären, die das Handwerk entwürdigen. Auch seien viele Juden nur auf ihrem Gewerbeschein Schneider, während sie in Wirklichkeit dem Handel nachgingen; der Gewerbeschein diene nur als Mittel zur Erlangung des Aufenthaltsrcchtcs in der heiligen Stadt. Damals wurden die Geschäftsantiscmiten mit der Motivirung abgewicsen, daß die das Handwerk betreffenden Gesctzcsnormcn Schwindlern gegenüber Schutz gewähren, und daß solche, ob Jude oder Christ, wenn sie entdeckt werden, die Strenge des Gesetzes erfahren. Nun haben die antisemitischc» Kleidermacher eine schwarze Liste vou jüdischen Schneidern der Behörde unterbreitet, welche angeblich ohne Gewerbeschein und ohne Aufenthaltsberechtigung die Schneiderei in der Czarenstadt ausüben; cs ist abzuwarten, was sic nun erreichen werden. — In Charkow wurden in die Universität unter 211 Studenten ll jüdischen Bekenntnisses ausgenommen. Wegen weiterer 79 zur Anmeldung gelangter Abiturienten wandte sich der Rector an den Unterrichtsminister. — Tie aus Kurland ausgewiesoncn Juden, welche bekanntlich am 13. November Kurland verlassen sollten, haben sich um Aufschub ihres Abzugtermins an das Ministerium gewandt. Da zahlreiche christliche Bürger bescheinigten, daß durch den Abzug der Ausgewiesenen auch sic, die mit jenen in Geschäftsverbindung gestanden, zu Schaden kommen würden, wurde den dortigen Juden dieser Tage nunmehr ein Aufschub bis zum 13. Juni 1805 bewilligt." Aus antisemitischen Vereinen und Versammlungen. i Eine" „populäre Darstellung".) In einer Aiiiisemiteiiversainmümg zu 2t Pölten äußerte Herr Lileger: „Wer ist denn die Ursache, warum das Volk to betrogen wird? Tie Juden. Wir haben die Nickelwährung, die Inden haben die Goldwährnng. Bi« jetzt ist die Balutaregulirung ein nicht zu rechtfertigender Mangel an Boraussicht; werden aber einmal die Baar- Zahlungen aufgenommen, dann wird sie ein Verbrechen. Wer ist denn bei der Nordbahn im Spiele, daß der Staat sich den Gewinn entgehen ließ? Ter Roih'child! Und bei der Südbahn? Ter Rothschild! Jininer und immer sind es, wir können nicht« dafür, die Inden, die am Marke deS Volkes zehren." Diese Aeußerungen, von deiien wir durch das Lergani'sche Blatt Kennlniß erlangen, bezeichne: dasselbe alS eine „populäre Darstellung". Zur Aufhetzung der Armen im Geiste sind sie allerdings geeignet. Tie Frage, ob es für das Ge mcinwohl beffer sei, Bahnen-in die Staatsverwaltung zu übernehmen oder sie der Privatwirth'chast zu überlassen, ist noch immer controvers, und erst dieser Tage hat sich Marchese di Rudini, der jedenfalls davon mehr versteht als Lueger, für das letztere erklärt. Daß bei den Privatbahnen auch kehr einflußreiche arische Persönlichkeiten betheiligt sind, dürste Lueger nicht unbekannt sein Auch weiß er wohl, daß es kerne eigene Währung für Inden gibt, wiewohl mancher bedauernswerthe Christ, dem ein herzloser PfändniigSmeister das „Benschl herausiiimmt", thaiiächlich nur über Nickelmünzen verfügt. Aber apodiktische Urtheile in strittigen Fragen und das Jgnoriren thatsächlicher Bei Kältnisse, wenn diese dem Hetziqstem znwiderlaufen, gehört zu einer „populären Tarstellung" im antisemitischen Sinne. «Noch einmal daS Kremser Gasklpirl.) Der Kampf, der auS Anlaß des letzten Gastspiels der Wiener Christlich-Socialen in Krems ausgebrocheu ist. wird noch immer fortgesetzt. „Eine Stimme auS dem Waldviertel" läßt sich i:> der „Kremier Zeitung" gegen die Unverfälschten also vernehmen: „Das Voll wacht auf! — und wir im Waldviertel wollen nicht die letzten sein. Wir beglückwünschen das .christliche Krem«' zu der großen Action der Wiedereutwicklung deS christlichen Lebens und das umiomehr, da die letzte Persaininlung gezeigt hat, daß man es auch versteht, die Ausbeuter des Christenthum«, die pharisäischen Blutsauger an dem Marke der Religion*) von sich abzusioßen und sie in die Schranken zu weisen. Zwischen zwei Stühlen sitzt der löbliche .unverfälschte', .reine-, .echte-, liberale Antisemitismus der ,Landzeitung' aiss der — Erde. Was man seinerzeit bekämpft hat, ^sissvanan jetzt willkommen. Und dieser Partei, die sich Schönerer Partei nennt, sollen die Waldvieriler folgen? Rein, der Waldvieriler muß seine Ehre retten, darf einer Partei nicht dienen, die sich jetzt mit dem Jiidenihume verbindet,, um di« geeinigten Christen zu sprengen. Ihr seid auf falscher Bahn! — falsch, weil eure Politik nicht« Andere» «IS die Berhiinineliing Einer Perlon bfzweckt; falsch, weil eure Führer Religionshaffer sind und sich jetzt mit den Liberalen und Socia^Demokraten verbinden zur Sprengung der vereinigten Christen." Die „Stimme a>iS dem Waldviertel" cr- *) Es war zum mindesten unvorsichtig, die „AüLbeuler deS ChristenthumS" und „pharisäischen Blutsauger am Marke der Religion" nicht näher zu bezeichnen, denn gar Mancher — die „Kremser Zeitung" hat sicherlich auch oberflächliche Leser — dürste darunter Leine verstehen, mit denen die „Stimme aus dem Waldviertel" iinnpaihisirt. ' Tie Red.