Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 82 (29.10.1893)
- Date
- 1893-10-29
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 82. Freier H l j 11. reite!> Zitternd langte er nachher milgcbrachtcn Laterne, lcnchletc ans. den j Boden und sah nun daselbst eine leblose Gestalt liegen,- i» der er! bald seine vor acht Tagen auS dein Tienste entlassene Magd Marie! Schmied erkannte. Ta er ahnte, der Lcichcnfund könnte gegen die > Bcrauncr Iudengemeinde in böswilliger Weise auSgcnützt werde», eilte er zum Borstandc der Eultnögemeindc, Herrn Jgnap Roubil , schck, nnd thcilte demselben den - Borfall mit. letzterer ^bcgab sich mit j Höwy zu dem BczirkSrichlcr Herrn H o l ic, erstattete zuerst bei diesem,! sodann beim Bürgermcistcr Herrn Tr. Pst ros die Anzeige und vcr- | anlaßte den Stadtarzt Herrn Tr. stulir, die Hcichcnbefchau unverzüglich vorzunrhmcn. Letzterer constakirle denn auch bei der Magd den bereits eingetrctenen Tod, wünschte jedoch für alle Hölle noch die Hinzuziehung eines zweiten ArztcS. Mittlerweile batte sich in der Stadt wie ein Hauffener das t^crnclit verbreitet, der Schächter hätte sein kürzlich cntlasienes Ticnstinädchen gemordet nnd „;» rituellen Zwecken geopfert". Tic Folge davon waren große Ansammlniigen aus dem Rmgplatze nnd die bedrohliche Stellungnahme derselben gegen . die Jude». Einzelne Weiber forderten ossc» dazu aus, über die Juden „hcrzufallcn und sie aus Bcrann hinanSzujagcn. Gerade als die Erregung den Gipfelpunkt erreicht hatte, traf der Bczirtsrichter Herr Holjc in Gcndarmcricbeglcitung auf dem Ringplatze ein und suchte die Menge zu beruhige». Ta stellte sich die BahnarbeitcrSgatlin Anna Swododä vor die Menge hin nnd rief: „?ic Juden haben das Mädchen uingcbracht! Rächt sie!' Taber schlug sie wülhend mit beiden Fäusten an' die verschlossene Hansihnre so -lange los, bis sic ,. von der Gendarmerie abgefiihrk wurde. Unterdessen halte sich der zu sättig in Bcrann ivcilcnde Bczirksarzl ans Horzowiv Herr Toeror stontnik ans Wunsch deS Herrn BezirksrichtcrS vereint mit Herrn Tr. -stutir nnd der l^erichtSroinmijsio» im l^cineindchanse cingcfunden. Ter Bezirtsarzt, der das Mädchen untersnchlc, ronstälirte, daß cs »och lebe, und seinen Bemühnngcn gelang cs auch, die Schcintodtc wieder zuin Bewußtsein zu bringen, »voraus er ihre Ucbcrsühriing in das »iiantenhans vcranlaßte. Während deS Transportes schrie die Menge, die Acrzte nnd die (Gendarmen seien von deit Juden bcstoclien »vordcn. Es sei gar nicht wahr, daß man die Schmied in das .straiikciihails rranspornre, man »volle das Bolk nur täuschen. Tabei vcrsuckilcn einige-Personen, den Teckel der Bährc ausznheben. Andere riesen, inan habe die Schmied nnr. für einige Minute» ans elektrischem Wege zum '/eben gebracht <!», mit die Vciitc zu betrügen Bor dem .straiikenhaii'e begann die aüsgercglc Menge neuerdings zu lärinen, wobei sich aber mplS ein Weib besonders hcrvorihat. Ter t^emeindeivachuiann Envrian stouckn faßte dasselbe am Arm, führte . cS ins .straiitenziiiiilier an das Belt der Schmied-nnd forderte es aus, das Mädchen anziiivreche» Ta sich das Weib jedoch fürchtete, richtete -stouck» selbst die Frage an die Schmied, ob sic ein <^aS Wein »vünschc. Ta die Schmied bejahte, erkannte das Weib, daß das Mädchen noch lebe, nnd, anj die Straße zuriickgekchlk, thcilte sie dies der dorlsclbst harrenden Menge mir. Als die Slicsmuttcr der Schmied von der angebliche» Ermordung der Tochter hörte, siel sic von einer Ohnmacht i» die andere. Als sic jedoch erfuhr, daß dieselbe lebe, und sie von de» Aerzten ausgesordcrl wurde,-sie zu sich zu »ehmc», äußerte sic: „Ich nchnie das V . . r nicht zu mir." Auch die in die Spinnfabrik zurückkchrenden Arbeiter wurden von der Menge aufgcfordert, gegen die Juden losziizieheu. Ticselbc» bcantivorteten jedoch diese Aussordcrung mit de» Worten: „Tie ganze Sache ist ja nicht »vahr. Wir kümmern uns nicht »m solche Sachen. Man »vill uns nur in eine «Talle locken, damit gegen »ins vorgegangcn werden tonne." Ein größeres Unglück wurde nur durch das taktvolle Tazwischentrcten deS Bürgermeisters Tr. Pst ros und des Bezirksrichters Herrn Holte verhütet, und auch die Abends sich wiedcrholenden Ausschreitungen ivurdcn durch vcrstäudnißvollcS Borgehcu aller intervcnircndcn Organe im Entstehe» erstickt. Tie Schmied, die sehr entkräftet, aber .momentan nicht krank war, gab beim Berhörc an, bereits acht Tage bcivnßkloS in dem Magazine gelegen zu sein. Sb diese Aussage auf Wahrheit beruht, wird erst die gerichtliche „Unter - suchung fcststeUc». Treimal hatte sich daS Mädchen bereits in ähnlicher Weise verkrochen, zuletzt in einer Ziegclhüttc in Iarov bei Bcraun, wo ihr damals — cs war im Winter — einige Finger und Fußzchen absrorcn. Ter berüchtigte Mechaniker Schneider hat während seines Aufenthaltes in Bcraun mit Tr. Knlir, der das Mädchen als tobt erklärt halte, viel verkehrt! ((hegen tendenziöse Entstellungen.) Der Großindustrielle Herr Friedrich Kubinzky veröffentlicht in der „Neuen Freien Presse" folgende Erklärung: „In der 234. Sitzung des Abgeordnetenhauses ivrerdc von antisemitischer Seite in Bezug auf mein Bcrauncr Etablissement behauptet, daß in demselben die Höhne so elend seien, daß die Arbeiter massenhaft an Tubcrcnlose, ja geradezu an Hunger sterben. Tcm gegenüber constatire ich. daß laut Ausweisen der Bctriebskranteneassc im Jahr« 1>'.K) üct. .•iuci» Arbeiierstallde von sjii s,' int Jahre lS'.H bei einem z'lrbeilerstande von M'i i.!, im Ialne bei einem Arbeiterslande von vl 1 > Tod--stä»e vorlamen. TieseS ergibt für die drei genannten Jahre einen Turchichniit bei >32 Arbeitern von l I'... Todesfällen oder!.!»'>.' per Mtlle. Im Handbuchc für-Hygiene nnd (^e»vcroctra»the:l.»l von Hiri mnd Merkt, ' Jahrgang 1882, wird auf Seite ’2 '-t angegeben,- daß die belgische»» Baünnvollarbcitcr ein Aller von 47 bis jü) erreichen und die Mortalität Pereenl lalio '■'>') per Mille» beträgt. -Tie Slerbtichteiiszitfer in den meisicir größeren Städten Böhmens dn»f:e gleichfalls, ffiv die Bcivohncr vom 1 <». Lebensjahre auswärts eine höhere S.uoie ergeben,- als die für mein Berauuer Etablissement nachgewiesene." l^ülizjschc 'Zllslündt. - Ter „Neuen Freien Bresie" »vurde ans Genna vom 17. Selober gemeldet: ,.Tas beriichtigie' Todlenschi's .Earlo :)».’ - Eigenlhilin des seil den eotnmlnan.i'chen Festen vietgeiiannle» inillionenrrichen Schist'srhederS Raggio, welches auf t>cv Fahrt »ach! Rio 2>» Todke balle, mit dem ürest der Auswanderer »nieder zivangs! »veise nach Europa zurückkehrcn mußte nnd '»nährend devRnckreil'c irenerdiiigs mehr als 1H»l Emigraiiien ans offener See lnstalieie, ist! soeben nach überstandcner S.uarailiaiue in» Hazariih von Asinara im i Hasen von Genna angckommcn und hat mm li>" in pr.itft-ii erhalten." : In einem weiteren Berichte, des genannicii Blattes vom 23. d. M heißt es: „Tie auf dein Unglücksschisie .Earlo R.' »vährend-ziveicr. Fahrten.! dem Tode entgangenen >.'» österreichischen Ausivauderer siud auf Ein schrclien des hiesigen l. und' k «^eneraleonjulakS vom Ausivanderungs-- i Agenten nicht iinr kostenfrei in ihre Heimat znrückbcsörderl worden, j sondern haben von demselben aiißeideii, die Erwachsene» je zehn Francs, j die inder je fünf Francs für ihre Berpklcgung »vährend der Reiie l erhalten." Bezeichnend für die dermaligen ioeial'c» nnd »virihtchaftlichen Zustände in >s'alizie»-ist es. daß eine aus siehe» Personen ■ b c st c l> e n d c i s r a c l i t i > cl) e F a m i l: e n r >' v r ü n g l i et) i i ch »v e i i gerle, in die Heiinat znrückbcsörderl zu »verden, nnd | t r o v der eben erst n be r st a »de-» en S. u a le n. E n't b e h rnngcn! nnd <>'e fahre n inständig b a t,-/»v i cd er nach SIidamerila - n u siv a n der n zn. dürfen, da.rie zu Hanse ein Etc.nd cr- »v a r t e i, welches t a u m geringer als das eben erlittene! ist. Ta jedoch momcnlau die luientgelilich: Ausivandernug"»ach Braj litten' wegen der :n cinigeii ilalienucheii Häsen herrschenden kan.itälen! Berhällnisie völlig stock', >'o mußten d:e?e Bitte» unberücksichtigt b:ei>-en." . Wenn man anriieinitische Bläner liest und e.e B,iiibe:l»»ge» einzelner : Hevrediicr libcr die pz»stände ii- ^Estilizirn vernimuit, >'o 'vlkle man s »leinen, das; die galizischen Juden iamitiz and-sonders in Ileberst»»; schwelgen. Bon dem große» Elend jiidischer Maö-en ersalui das-Pu- ' blieni» in Anliseulilenversanlinlnngen auch incht Ein Wort.! Vnilicr Über Mlschchen.i In einer ^N'chrive an die ..National-! .Feiliing" wendet sich Herr Tr. E. Ä n d : - - e »vie folgt gegen den- | von uns a» anderer Stelle verzeichnelen > Beschluß der inandeiibnrgi l scheu Brovinzialsynode', der die christlich jüdischen Mischel»e» rerdämutie:! Angesichts der rrommen Enlrüstnng, die unsere vrihodoien Eratlados über die christlich jüdischen Mischehen zur Schau trugen, dü'.'i es von '.VntKit sein, an -den Ausspruch Vutlier's in feiner- Schrift vom ebe lichcn Vebcir zu erinnern »gch ritire nach Friedberg, Hel".buch d.s -stirchenrcchlS, P 14>> : , Arich »l'üiiderr. daü hä» die Fievelwraiineii iiichr in ibr H.->-z i.bänieu, 'o onenilich »rüder deii bellen -Ten ’t-auli I Tor. 7.' nä, sip-n. da er spriän: Will ein heidmich Weib-oder -.'Jiaim bei dein Tbrisievgeinabl bleiben.-^'ell er stä, >r:än von ihr iäieiden'. . .. Tarnmb wiike, daß-t-ie Ebe ein anßeili.l» leib 1i>1» Tirig >il. irre andere »veliliche Hautlbiernng Wie >in>i-^»:ag um ein» Heiden, Jude», Tniken, .neuer esiez>, rrinter». iäila'eo, -..el-sn. reiten, lan'en, reden und handeln, allo' -mag ich auch mit dein cbeliä, werden und bleiben: und lehre dick» nil an.der blarreu besetze, die «oicheS verbiete», iiiäns. Ala», find ivohl El»inen, die ärger sind im Unglaube» iiineweiidig v.Y^ta das mehrer Tbcil, denn lein Jude. Heide, oder Turte oder n.per. Eju Heide in -ebensowohl ein Araiin ^niid Weib von -H>on ivobi iji^ gm ge-äiaüen. als St. Peter nnd Et. Paul und -St. pneia: ietnveig denn als ein loievk falscher- Etniii Pr ächte i> doch unsere positiven Ultras die Werke Hnlher'S eitriger lese»,' che sie sich durch ihre ebenso anmaßende wie lächerliche Art der Polemik die Bariante aus. dem „Wallenstein" zuziehe» : Toch sein Genie, ich meine sein Geist Sich nicht ans der Sunode weist Ter NiitisellntisunlS als Prüfniigslhema. Tie „Allgemeine Evangelisch Hntherische ätirchen Zeitung" schreibt : Unter den schriftlichen Ausgaben bei der diesjährigen theologischen Anstellungsprülung in der Pfalz war-für die Ethik als Thema gegeben : „ Tie rechtliche Stellung des Christen zu dem Iudcnthum und zu den einzelne» Juden ist /