Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 82 (29.10.1893)
- Date
- 1893-10-29
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Freies B l-a t t. Wiens als — Fremdlinge, während ein germanisirter und aus Polen eingewanderter Wälscher sich als Einheimischer gerirt und jene Juden, deren Baker seit tausend Jahren Wien bewohnen, unter Fremdengesetze stellen möchte. Für die Widersinnigkeit dieser Anschauung sprechen in der Thal selbst die Steine. Bravo!) Der Antisemitismus ist eine specifisch kleinbürgerliche Bewegung und recrutirt seinen Heerbann vorwiegend auS denjenigen Kleingewerbetreibenden, welche entweder nicht den guten Willen oder nicht die Fähigkeit besitzen, sich den gesteigerten Anforderungen einer freien Gefellschafts- und Wirthschaftsordnnng an;npasien, und lieber für ihre überlegenen Gegner im Eoncurrenzkampfe Repressivgesetze, für sich aber zünftiiche Privilegien beanspruchen. Wer die Denkweise des größeren Theiles unserer Handwerker ans eigenen traurigen Erfahrungen kennt, wird mit um so größerer Freude die Thatsache begrüßen, daß es auch unter den arg verantisemiteten Kleinmeisiern und Profesfionisten noch zahlreiche Gruppen gibt, welche, von einem besseren Erkenntniß geleitet, ihr wirthschaftliches Heil nicht im Judenhaß und in der politischen Unfreiheit suchen. Co schreibt Robert Knöfel's „Reue Wiener Schuhmacher-Zeitung", das vorzüglichste Fachblatt der Schnbmacheriiieister, in ibier eben eischienenen österreichische» Herbstnummer: „Bon dem Grundsätze geleitet, daß in unserer hochannrebenden Zeit die eigene Geschicklichkeit, der eigene Verstand, gepaart Mit Fleiß und Willenskraft, die beste Hilfe für jeden sind, haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, die Tüchtigkeit, fachliche Leistungsfähigkeit und "geschäftsmäßige Routine der Berussgenoffen zu . heben. Die Fachzeitung macht ihre Leser mit Allem bekannt, waS ihnen nützen, ihren Gesichtskreis erweitern kann. Tie Fortschritte und Berbesierungen in Technik und Arbeitsweise sind heute von so großer Macht'und Eonsequenz, daß. Jederder sie nicht beachtet, überflügelt wild. Der Geringe muß dem Tüchtigen weichen, der Tüchtige weicht dem Geringen aber nicht! Mit der Hebung ser intrllectnellen Kräfte jedes Gliedes tragen wir bei zur Sauirnng tcs ganzen Körpers unseres Standes, welcher in Jahren, in der geistigen Macht erstarkt, die Schädlinge: Unwisten, Reid und Verkommenheit übcrivinden, die schlechten Elemente naturnothweiidig aus stoßen muß. Tie große, gemeinsame Arbeit aller Tüchtigen im Berufe in dazu erforderlich irnd uns erwünscht. Trage Jeder sein Scherflein bei, schließe sich jeder dem Fortschritt, der Aufklärung, der Intelligenz und der collegialen Gemeinschaft an, dann wird, dann muß eö bester werden." Wir möchte» nur wünschen, das; die von deni genannten Blatte vertretene Anschauung Gemeingut sämmt licher Kleinmeister werde: dann hätte das letzte Stündchen des Antisemitismus geschlagen. «Kein einziges Exemplar verkauft. Für die „Popularität" des „sreigewählten Ostmarkführers" liefert nachstehender Gerichtssall einen Beleg von nnzweifelhafteni Werthe: Tie Bezirkshauptmannschasl Horn setzte die Staatsanwaltschaft in Wien davon in Kenntniß, daß der Assistent Josef Portert des hiesigen Photographen Rudolf Krziwanek das Waldviertel bereist und dabei eine Flugschrift an die „geehrten Gesinnungsgeiicsten" verbreitet habe. Der Inhalt derselben legte es nämlich den „Gesinnungsgenoffen" wärmsteus ans Herz, den Zeitpunkt, da die durch die Berurtherluiig Georg Schönerer's ei» getretenen flcechlssolgen erloschen, durch ein solennes Festeste» zn be gehe». Zugleich wurde aber in dem Aufrufe auch des Geschäftes nicht , vergessen, indem für das Bild Schöuerer's Propaganda gemacht wurde, i welches vom Pholographen-Assistenten Porkert in Wien für 1 fl. per > Stück zu beziehen war. Aus Grund dieser Anzeige erhob die Staats-! anwaltschaft gegen Porkert die Anklage wegen unbefugter Berbreitnng! vervielfältigter Photographien und gegen seinen Ehef Krziwanek wegen! Mitschuld an dieser Preßübertretung sowie wegen Richtablieferung der Photographie Schöuerer's als Pflichtexemplar. Bei 'der neulich statt gehabten Verhandlung vor deni Bezirksgerichte Alsergrund gaben die von Tr. v. Bincenz Berger veriheidigten Angeklagten an, sie seien gar nicht diejenigen. die den Aufruf veranlaßtcn, das müßten nähere Freunde Schöuerer's selbst gethau haben/Herr Krziwanek meinte überdies, die Berwerthung der Photographie Schönerer's zu Handelszwecken sei' nur ein „Problem" gewesen, besten Ausführung schon daran gescheitert sei, daß kein Mensch das Bild Schönerer's gekauft -stabe. Rur eine einzige Anfrage sei schriftlich gestellt, aber selbst durch diese sei kein Bild verkauft worden. Terstaatsanwaktschaftliche Fnnctionär Tr. Pingitzer trat von der Anklage gegen Krziwanek zurück, beantragte dagegen die Berurtheiluug Porkert's. Der Bertheidiger machte geltend, daß durch die incriminirte Flugschrift keine einzige Photographie Schönerer's verkauft wurde, daß also dze Flugschrift höchstens als Borbereitungshandlung gelten könne, wobei aber noch zu erwägen daß kein Beweis dafür yorliege, daß Porkert diese Flugschrift ver- >.!uaßt habe. Ter Richter, Ädjunct Tr. Kurzweil, sprach auch beide Nr. 82- Angeklagten frei. Der Schloßherr von Rosenau dürfte es dem Advocate» Berger sehr übeluehmeir, daß in einem Procefse, in welchem dieser fungirte, öffentlich die Thatsache constatirt wurde, daß troß aller Reelame- und Hausirkünste im Waldviertel auch nicht eine einzige Photographie Schöuerer's anzubringen war. Eine solche kann Einem nur anfgedrnngen werden, wenn er — einen Brief Schönerer's erhält. (Paulus Meyer.- Der literarische Gehilfe des Pfarrers Decker», Paulus M eye r, welchem im September seine „Ritnalmord"-Dichtn»,i eine viermonatliche Arreststrase eingetragen hatte, befand sich a»p 3°). d. M. neuerlich als Angeklagter vor Gericht, und zwar diesmal unter der Beschuldigung der Majestätsbeleidiguug, der Anfreizung zu öffentlicher Gewaltthätigkeit und der Herabwürdigung einer Einrichtung der katholische» Kirche (des PapstthnmS). Zn den Aenßernngen des Angeklagten, welche von der Anklage incriminirt waren, gehörte seine vier Sträflingen. gegenüber abgegebene Erklärung, er möchte den Ring, den Jnstizpalast und noch eine andere hervorragende Baulichkeit in die Vuft sprengen. Eine nicht in die Anklage einbezogeue Aenßernng Meyer's enthielt das Bedauern darüber, daß er von seiner Macht gegen die. Dynastie . nicht früher.Gebrauch gemacht habe. Paulus Meyer stellte in Abrede, daß er die incriminirten Worte gesprochen habe, und bezeichnet«: die gegen ihn erhobene Beschuldigung als Ausfluß der Bosheit der Sträflinge. Er hätte überhaupt keine» Grund gehabt, sich über den Kaiser von Oesterreich ungehörig zu äußern. Der Präsident, Rindesgerichtsrath Dr. Ren bau er, wies darauf hin, daß eine genaue Untersuchung in dieser Sache gepflogen wurde, u»d daß die Aussagen der Sträflinge den Stempel der volleit Wahrheit trugen. Diese Sträflinge hätten die Anzeige erstattet, weil sie, wie sie sagten, geglaubt hatten, daß dem Meyer als einem „besseren Sträfling" gestattet werde, was man bei Anderen nicht dulde. Tie vier Sträflinge wurden sodann ver'nommeu und bestätigten ihre früheren Angaben Diese Zeugen waren wegen RanshandelS verurtheilt worden. Auch zivei Entlastungszeugen wurden vernommen. Es waren dies zwei wegen Betruges verurtheilte Sträflinge, welche angabeu, das; Meuer sich zu ihnen rühmend über den österreichischen Kaiser ansgesproche» habe. Aus den Eonstatirungen des Präsidenten ging hervor, daß Me>>er nichts weniger als ein bescheidener Häftling ist und fortwährend wegen seiner diost und sonstigen Behandlung Beschwerden erhebt, sowie mit den anderen Häftlingen in Streit lebt. Der Präsident theilte ferner mit, daß der Bertheidiger des Angeklagten um die Uittersnchung des Geisteszustandes seines Elienteu gebeten habe, daß aber diesem Wunsche auf Grnird des ParereS nicht stattgegeben wurde, welches von den Gerichtsärzte» schon vor dem ersten Proeesse Meyer's ausgestellt wurde. Hienach sei Mener ein blutarmer Reurastheniker, aber keineswegs geistesgestört. Rach den. PlaidoperS des Staatsanwalt-Substituten Freiherr» v. Drechsler und des Ber theidigers Dr. v. Fürth, welche, wie die bisher erwähnten Vorgänge, in geheimer Beryandlnng stattfanden, verkündigte der Gerichtshof in öffentlicher Sitzung das Urtheil, mit welchem Paulus Meyer zu vier Monaten schwerer Kerkers mit einem Tage Einzelhaft in jedem Monat verurtheilt wurde. Als mildernd wurde der hochgradige nervöse Zustand aiigenömmen, unter dessen Einfluß der Angeklagte gehandelt habe. Es spielte sich hierauf folgende Scene ab: Meyer stellte die Bitte, daß er die gesammte Stra'zeit in Einzelhaft verbringen könne, damit ihm nicht neuerlich Gleiches passive. — Präsident: Das ist Sache der Gefängnißverwaltung. — Meyer: Dann danke ich noch herzlichst für die Nachsicht. Bier Monate sind wirklich eine kleine Strafe — trotz meiner Uiffchnld. Ich möchte aber doch appelliren. Auf dem Eorridor bemerkte Meyer vergnügt zn einem Bekannten: „Rur vier Monate!" (Ter Vorfall von Berann.) lieber den schon mehrfach erwähnten Borfall von Berann werden der „Gemeindezeitung" nachstehende charakteristische Einzelheiten berichtet: Tie israelitische Cultusgemeinde in Berann hat auf dem Ringplatze ein großes Gemeindehaus, in welchem außer der Synagoge und der Schule »och die Wohnung des Lehrers sowie des Tempeldieners und Schächters Löwy untergebracht ist. Letzterer, der nebenbei ein Glasergeschäft betreibt, entließ am 37. September l. I. sein Dienstmädchen Marie Schmied. Seit diesem Tage wurde sie von Löwy nicht gesehen. Am Mittwoch den 4. d. M., gegen 13'z. Uhr- Mittags, begab sich Löwy in sein im Hofraum befindliches Magazin, um demselben eine Anzahl von GlaScylindern für Lampen zu entnehme». Dieses Magazin ist ein kleines, sinstereS Berließ, das durch einen Lattenverschlag vollständig abgesperrt ist. Der Fußbodenverschlag ist mit leichter Strohlage bedeckt, welche zum Verpacken der Glaswaareu dient. Als nun Löwy zur angegebene» Zeit den Verschlag betrat, stieß er beim Borwürtsschreiten mit dem Fuße auf ein Hinderniß. Er beugte sich nieder, tastete mit den Händen herum und fühlte plötzlich zn seinem Schrecken den Kopf eines Menschen zwischen seinen Händen.