Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 82 (29.10.1893)
- Date
- 1893-10-29
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Lir » 8 l a t t. Seite 3. . Nr. 82 „Freien Blattes" vom 22. Oktober pokemisirt und Folgendes erklärt: 1. Daß seit mehr als einem Jahrzehnt jährlich Zionisten nach Palästina auSwandern, um daselbst die culturellen Borbcdingungen einer gedeihlichen. Colonisation zu schassen, und dieser Aufgabe ihre ganze Carriöre opfern. 2. Daß diejenigen Zionisten, welche „selbstverständlich" nach Palästina nicht auswandcrn dürfen, weil „sie in Europa im jüdischen Bolle das nationale Gefühl und die Erkenntniß ihrer einzig möglichen Rettung erwecken müssen, immer und überall in Schrift und Wort gegen eine leichtsinnige, unsystematische, mit geringen Mitteln ausgestattcte Emigration Protest erheben." Wir haben diese Zuschrift dem Verfasser des obenerwähnten Artikels Herrn Dr. Friedrich S. Krauß mitgethcilt, welcher zu derselben bemerkt: Was Herr Dr. N. Birnbaum eigentlich „erklärt", ist schwer zu ergründen. Soviel ist unbedingt gewiß, daß er in Europa im jüdischen Volke daS, nationale Gefühl und die Erkeuntniß „ihrer" einzig (!!!> möglichen Rettung nicht erwecken m ü j j e. Wer schasst cs ibm?! Wer befreit u»S von den Zionisten in Europa? Niemand wehrt dem Herrn Dr. N. Birnbaum das- Auswandern. Je eher er geht, desto lieber. Wenn wir . ihn wieder zurückrnfen sollten, mag er sich, unS zur Strafe, weigern zurückzukommen. Was bis nun von Belang Segensreiches zu Gunsten der Inden in Palästina geschaffen worden, ging weder von Dr. R. Birnbaum, noch von seinem Freundeskreise aus. Auch ist eS, gelinde gesagt, eine Flunkerei, wenn sich gerade Dr. R. Birnbaum, ein Mann von so bescheidenen Fähigkeiten und ohne jeden Einfluß, znm Wortführer der Zionisten aufwirft. Ihm spreche ich anr allerwenigsten das Recht zn, in Sachen von so großer socialer Tragweite das Wort zu ergreifen. Oder meldet er sich nur darum an, damit man erfahre, daß auch er existirl? (Ans dem Rükhhllllsk.s Die Krise im Rathhanse, welche leider schon zn lange wie ein chronischer Zustand an der Arbeitskraft und dem Ansehen unserer Geiuciudcvcrtrctnng zehrte und von de» Antisemiten in der schamlosesten Weise zn immer erneutem Stnrmlanse gegen die liberale Position, sowie im einseitigsten Cliqueninteresse ansgcnützt wurde, ist endlich in ein acutes Stadium getreten, indcm Dr. Prix anläßlich einer neuerlich sich ergebenden -Complication freiwillig sein Amt als Bürgermeister der Stadt Wien u i c b e vielte. Es ist zu beachten, daß Dr. Prix nicht etwa in Folge eines Mißtraucnsvolü ns der eigenen Partei seinen Entschluß 'faßte, noch weniger einer von den Antisemiten geführten Stnrmcolonnc wich Alle etwaige» Combinationcn, welche den Aniiscmitciipapst Lueger bereits am Ziele seiner Wünsche angelangt oder wenigstens eine» Platzhalter desselben als Candidatcn für de» Bürgcrmcistcrstnhl kennen, entfallen sonach von selbst. Bis auf Weiteres besitzen noch die Liberalen die Majorität im Gcmcindcrathc, und wenn auch einzelne Mitglieder der Partei nach ihrer persönliche» Ucbcrzcugnng oder anS anderen Motiven sich bewogen sahen, gegen. daS Verfahren des bis hcrigcn Bürgermeisters. Stellung zu ergreifen, so möge» doch die Herren Antisemiten freundlich bedenken, daß wohl für alle diese Srcessionistcn contra Prix noch lange nicht identisch ist mit pro Lueger. Ja, es ist ganz und gar nicht ausgeschlosicn, daß die Krise ihren definitiven Abschluß in der Wiederwahl des D r. Prix finden werde. Daß um den Bürgermeistcrstuhl ein heftiger Successionskrieg zwischen Liberalen und Antisemiten entbrennen wcrdx, scheint indeß »och weniger ausgeschlossen, und die Prognose für die zn erwartende Stimmung im Rathhansc lautet also für die nächste Zeit auf: sehr stürmisch. Einstweilen haben die gemeindcräthlichen Antisemiten beschlossen, eine zuwartcnde Stellung cinzunchmcn und ihr Vorgehen von dem der Liberalen abhängig zu machen. (Alls drill Abgcordlictcllhallsc.) Bei der ersten Lesung der Wahlreformvorlage deS Grafen Täaffe ergriff auch der Abgeordnete Profcsior Schlesinger das Wort, um dieselbe zu befürworten Schlesinger warf dem Abgeordneten Dr. v. P l e n e r vor, daß er durch sekue Gegnerschaft wider die Vorlage sich auf den Standpunkt des JudcnthumS gestellt habe, das sich als auserwähltcS Volk Gottes betrachte. Die Herren Graf Hohenwart, ,Ritter tx IaworSki, Graf Stadnicki re., welche ebenso entschieden wie der Führer der Deutsch-Liberalen die Regierungsvorlage ablehnc», wurde» von Schlesinger pardonnirt, ihnen erließ er einen solche» Vorwurf, ja er fand sogar die Opposition der Polen um so verzeihlicher, als er 'die Bcsorgniß hegt, daß von der Einführung der Wahlrcform in Galizien die dortigen Juden den größten Nutzen hätte» Daß rin so gründlicher Kenner des Finanzwesens wie Schlesinger auch bei einer TiScussion über daS Wahlrecht nicht umhin konnte, einen Abstecher auf daS Gebiet der -Münzpolitik zn mache», ist ebenso begreiflich, wie daß er, der in der österreichischen Antiscmitcnwclt als Forscher auf dem Gebiete der Raumlehre berühmt ist, eine Vermehrung der Abgeordneten mit Rücksicht auf die — Raumverhältnisse des Parlaments bekämpfte. In die unangenehme Lage, in Folge eines zu kleinen LchriaalcS 'Eollegicn gelber zurückweiscn zu müsse», ist wohl Herr Schlesinger noch nicht gekommen; wahrscheinlich .ist ihm bei seiner sorgfältigen Rücksichtnahme auf die Raumvcrhaltnissc auch niemals das Malheur vaifirt, ^i» einer bescheidene» Wohnung einen Familienzuwachs zu erhalten. lDcmokratcn und Anliscillitc».) Am 2\ d. Ri sand unter dem Vorsitze des Obmannes Bcrn crl eine vom Brigiltenaucr Fortschritts club einberufeue Versammlung statt, auf deren Tagesordnung ein Vortrag des Rcichsrathsabgcordnctc» Dr. Kron.aweiter über die Wahlrcform stand. Der Saal war dicht gefüllt: unter den Anwesenden befanden sich viele Arbeiter und Anliscmilcn. Letztere traten dem Abgeordneten Dy. Kronawcttcr, nachdem er seine» Vortrag beendet hatte, in-beleidigender Weise entgegen, und »ach einer Rcilzc lumutinarischer Sccncn rcplicirte Dr. Kronawelter in schärfer Weise. Er wyrde häufig durch Jnvcctivc» aller Art unterbrochen, blieb jedoch auf dieselben die Antwort nicht schuldig. Dr. Kronawelter »ahm.in seinem Vorträge, den demokratischen Standpunkt ein und bekämpfte das Verhalten der Deulschliberalcn in der Wahlrcfornifrage. Ein antisemitischer Bäct'cr- »icistcr interprUirlc de» Abgeordneten, warum er, der jetzt gegen die Liberalen spreche, - ein Mandat aus de» Händen liberaler Wähler angcnvinmen habe, an daS er sich klammere. Schließlich legte der Interpellant Verwahrung dagegen ei», daß Dr. Kronawcttcr den Prinzen Liechtenstein angrtife. Andauernder Lärm folgte diesen Worten, und sichtlich erregt betrat Dr. Kronawelter wieder die Tribüne. „Niemand hat das Rccht," sagte er mit erhobener Stimme, „glich hier zur Rechenschaft zu ziehen, nachdem in diesem Saale 'Niemand ist, dem gegenüber ich Verpslichtnngcu eingcgangcn bi». Man soll sich schämen, öffentlich Unwahrheiten zu reden, ich habe den "Namen drs Prinzen Liechtenstein. nicht genannt. iRufe: Ach! Reden s was woll'n! Hoch Liechtenstein! > Das ist eine Unwahrheit, ich habe überhaupt leinen Namen genannt." <Neuerlicher Lärm.) Der Vorsitzende ermahnte die Vcrsaminlung, daS Gastrccht nicht zu verletzen, nnd Dr. Kronawcttcr führte »nn, nachdem auf einige Momente Ruhe cingctrctcn war, weiter aus,. daß zwischen de» Grundsätzen der Liberalen -und Dcinotratcn keine Unterschiede bestehen': nur in der Durchführung der Principie» seien Gegensätze vorhanden. „Ich ltzibe," erklärte er daiinj „überhaupt nicht candidirt: mir ist das Mandat angetragen worden, und iür mich habe ich noch nie etwas angeslrcbt." .Gelächter folgte diese» ' Worten, und ein betäubender Lärm dnrchioblc den. Saal, Soeialisteu und Demokraten machten gegen die Antisemiten Front.?r. atrona weiter rief mit scharf durchdringender Stimme, die das Lärmen übcrtönie., de» Antscusiten zu: .-„Seien Sic nicht io roh und ordinär, lache»' Sic nicht, das ist gemein!" Dixse Worte wirkten verblüffend ans die Versamnilnng: einen Moment lang herrschte Ruhe, dann aber wurden aus' der Gruppe der Antisemiten betecdigcnde Zurufe laut. In größter Errcgnng wendete sich Dr. äironawettcr an die Schreier. -„Schämen' Sic sich," rief er voller Entrüstung ans, „schämen Sie sich, S:e wollen Männer sein! Pfui,' das ist gemein!" Die Annstmiten be ganncn wiederum zn speetaenliren, und der Regierungsverlreter drohte mit der Auflösung: dem entschiedenen Anstreteu der Arbeiter gelang cs aber, die Ruhe wicderherznstellcn. It. ätronawetier nahni seine Entgegnung von Neuem ans nnd bcinerttc u. Ä : „Was iel> tage, ist wahr. Ich bin als Demokrat gewühlt worden nntnchabe auch vor der Wahl erklärt, nie meiner Gesinnung untren zu werden i Slürmn'ch.-r Beifatl, ) Wer hier anders spricht, ist ein-Lügner, ein bezahlter Sold ling der clcrieal feudalen Partei." "Neuerlicher Tumult folgte diesen Worten. Der Vorsitzende drüetic sein Bedauern über die Vorgänge anS und crllarte dieselben als unwürdig Ein Arbeiter 'vrach sich dahin aus, daß ein solches Vorgehen in Arbeilerversammlmigen nicht vorkamtne, dem Ansehen der Bürgerschaft gereiche es nicht zur Ehre tBeifall.s Die Versanimtung wurde -hierauf unter Hoch.isten änx Dr.-Kronawelter und das allgemeine Wahlrecht geschlossen (Kuxn I<M|iiiint tir. Bei den Dcmolirnngsar'bcilen, welche gegenwärtig an der Stelle.des alten Schwarzenberg'scheil Palais am Mebl markte vorgenonimen werden, förderten die Erdarbeiter eine» geborstene» Grabstein zu Tage, welcher eine lzcbräischc Inschrift answies. Der Stein wurde der israelitischen Eultnsgcmeindc übermittelt,^ und wenn die Inschrift desselben auch noch nicht cnträthselt wurde, so bestätigt sich durch den Fund doch die Annahme älterer Hisloriter, daß sich nur daS Jahr 1000 -an der Stätte des, .alten siärntncrthor Theaters, wo jetzt daS „Hotel Sacher" steht, der älteste Wiener Jndcnfricdhot bc fand, von dem aus offenbar der Stein einst auf seinen gegenwärtigen Fund'ort verschleppt wurde. Der Fund gewinnt dadurch ein aecuellcs Interesse, weil er so manchem glühenden Verehrer der „Gast- und Wirthsvölkerthcoric" so rccht eindringlich die Lächerlichkeit seiner Doeltin zn Gemüthe führen kan» Vielleicht leben Nachkömmlinge jenes Inden, besten Name auf jener Steintafcl eingeschrieben ist, »och in den Mauern