Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 82 (29.10.1893)
- Date
- 1893-10-29
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 82 und diese lausend Christen, die heute vom Hausirhandel kümmerlich ihr Dasein fristen, würden zweifellos die Opfer des Antisemitismus werden; denn für den größeren Theil wäre die Aufhebung der Hnusirfrcihcir zugleich der sichere Ruin. Wir müssen eS dem >''ew sien und Urlhcile der Anlisemilen überlassen, ob sie ihre „Reform zum wirihschafilichen Schutz: deö 'christlichen Volkes" auch auf diese Gefahr hin durchsetze» wollen. Baden bei Wien, im Ociober. HI. (ei. Vw 2Uetho£c der journalistischen Bekämpfuna des 2lntisenlitisnnis: I ankend muß anerkannt werde», daß ein großer Theil der Journalistik, und zwar der vornehme und angesehene, stand- und mannhaft den aiamvt gegen den Antisemitismus rührt. Zn der Erkcnntniß, daß Inebei die Erruiiaenichasien der Anftlärnng, des Fortschrittes, -der bürgerlichen Freilieik auf dem Spiele stehe», wird dieser Kampf dies ilierls nidit als ein individueller, partieller, lediglich nur eine Gcscllieiiarreelaise berührender, sondern als ein solcher angesehen, welcher de ganze gesikkele Welt iniercisirk. Dementsprechend wird auch die Wahl der Warfen getrosten. Der ungeschliffenen Waffe der Lüge, Vcrlcnmdnng, r^ewalilhärigkcik, Rohheit wird mit der blanken Damasccncrtlinge der Wahrheit, des Rechts, der Gesetzlichkeit, der Gesittung entgegen,zeireten. lind znkrcstend wie die Wahl ist auch die Fahrung der Wa'ien: ruhig, bcwiinen, ernst, ziclbewußk. Daß auch der Sieg nicht ansdletben wird, ist zweifellos: im Ringen Ahrimans mit Ormuzd gewinnt schließlich dier'er die Oberhand. '.'licht unwesentlich wird dieser endliche Ausgang erschwert und ausaedaUen durch die Kampscsmclhodc eines anderen Theilcs der Taacsr:el!e. der ebenfalls in den Tienst der Bekämpfung des Antisemitismus stell neu:. Rieinand vermag cs übclzunehmcn, wenn gegenüber der .Fügelrcstgkeit im aniiscmiiischen Lager daS Blut rechtschaffener, eiunchtovoller, edelgesinnter Menschen in Wallung, geräth und in heftigen Iusbinchen sich äußert. Man erkennt hierin nur jenen „heiligen steril'', dessen Feuer ans ksin Altäre reiner Menschenliebe und koSmovälitiichcn Solidarilütsbcwußiscins lodert. Hingegen ist nichts vcrdcrhlicher, als den Antisemiten in derselben Redeweise zu entgegnen, in der sie ihre Erpecloralionen in die Well senden. Diese Redeweise ist d.- I.aib nicht um ein Atom weniger widerlich, weil sic das Echo ders.-niaen ist, die von aniifemilifcher Seite in die Kreise des öffentlichen Bcrl.vrs und Gcsell'cha'rslcbcns hineingcrufen wird. Und was soll auch damit erzielt werden? Das wüste, verhetzende Treiben der Anti- 'emiten wird hiedurch mit »ichrcn cingcdümmt: im Gcgcnthcile, es nimmt — wie das Feuer in der Schmiede• durch daS Anfache» des Blasbalgc» — crieusiv und intensiv zu zum Gaudium des niederen und laberen PöbclS, und der zu vertretenden Sache wird auf diese Weste am allerwenigsten gedient, da jede Sache — und ist sic auch die ade:beste- — ermpremilkirt erscheint, wen» sic solcherart zur Darstellung gelangt. Und wenn damit etwa eine sogenannte Retorsion b.ab'ianiüt wird, io zeigt dies entweder von dein Mangel an richtiger D t.nnnuß der ganzen Tragweite der antisemitischen Bewegung, indem man rrah.rr, sie mit so geringfügigen Mitteln ans der Well schassen r» io::neu, od r von einem geringen Grade sich selbst schuldiger Rück ' tu, ind.m inan eine widerfahrene Kränkung damit für hinreichend .z-'ubnr hark,, wenn man dein (Gegner auch eine solche znfügt. Durch die Milliilse der Journalistik kann in dem ausgedrungencn ll '.arv'e vielmehr nur dann ein sieghafter Erfolg herbcigcführt werden, es gelingt, die Anriljprtruppen des Antisemitismus zu be si..:!N >>', t st>en Fahne zu vertanen. Das kann geschehen, wenn man den Frrw.-.hn .der -antisemitischen Lehre rücksichtslos bloßlegt, die Verirr-.:l>-it ihrer Apostel sonnenklar darthut, die Gefährlichkeit -ihrer Denk.-nren inrwiderleglich denionstrirt. Dazu ist jedoch das nöthig, was!nrr .r d bündig in der Sentenz ausgedrückt ist: <»avitsr in niuclo. rtt.-r in vd'.iilhni, würdig in der Form, entschieden, nnnach- >lchsig in der Sache. Emanuel Baum garten. Israel untcr den Nationen. Ein Aieininv von Clk. (Lvrrevo, »ranzöntttzen r.'ormirrcN in ^raurnlN a. M. '.juichrift an das „Freie Blatt".! Der Vertaner des in diesen Blättern eben zur Veröffentlichung ge-langten Werkes: „Israel unter den Rationen"^ Herr Anatole Leroyb.":.rni:cu, Mitglied der Pariser Akadcuiie, sagt in seinem Vorwort: Llatr. „Dies Buch hat ein Christ, ein Franzose geschrieben. Als Christ gehört der Bcrfaffcr zu den Leuten, welche die Intoleranz als inr grellen Gegensatz zum Christenthume stehend betrachten . . . Als Franzose ist der Verfastcr einer von denen, welche überzeugt sind, daß Frankreich seinen Traditionen der Gerechtigkeit und der Freiheit treu bleiben muß. DaSist die einzige Größe und das einzige Vermögen, welche das Schicksal der Waffen ihm nicht rauben kann. Je härter die Schläge, die es getroffen, je verhängnißvollcr die Gefahren, denen es ausgcsetzt, desto nothlvcndiger ist eS, daß eS in den Augen der Völker die gr-ßen Gedanken, deren Herold vs gewesen, nicht vcrrathe. Diese Gedanken verleugnen, hieße für Frankreich sich selbst untreu werden und seinen Anspruch, aufs Dasein in der Geschichte verlieren." Da der Grundto» deS ganzen Buches gegen den immer weiter um sich grrifcndcn KrebS des Antiscmitisnlus gerichtet ist, verthcidigt der Verfastcr mit der den Franzose» eigenen Bcredtsamkcil und Ritterlichkeit das gute Recht der von so vielen Seiten angefochtenen Juden. In meisterhafter, spannender Darstellung zeigt Leroh-Bcaulieu, daß die meisten ungünstigen Eigenschaften, welche die Christen den Juden vormcrfeii, die Früchte der hundertjährigen Unterdrückung der Juden durch! die Christen sind. Wo die Judengasten und die Ghettos gefallen sind, in Frankreich, in Deutschland, in England, vollzieht sich allmälig die langsanic-Bcrschmclzung der Jude» mit den Christen — ein AssimilatiouSproceß, welcher aber durch das -ungerechte Mißtrauen der Christen und durch die Thätigkcit des Antisemitismus nur gehemmt wird. Die durchaus ungerechten Vorurtheile der Antisemiten, die berüchtigten und immer wiedcrkehrenden bösartigen Verdächtigungen deS Talmud, die Beschuldigungen der Ritualmorde, die geheime, esoterische Auslegung der Thora zerlrümmert der Verfastcr, indem er sic' mit dem Zerigniß der berühmtesten Rabbiner und der meisten Schriftsteller des Judenthums l vergleicht. Er erhebt sich gegen dir Jdcutisicirung der Nationalität und des Stammes und spricht die Juden von den gegen sie erhobenen Beschuldigungen frei. Der Jude ist, erklärt Lcroy-Bcaulicu, ein Product seiner Uebcrlieferungen und seines Gesetzes, und dieselben sind bloß darum so sehr mit den Juden verwachsen, weil diesen ihre Jnternirung in den Judcngasscu jeden anderen Verkehr mit den übrigen Völker» unmöglich gemacht hat. Bleibt die physiologische Und psychologische Entwicklung der Juden hinter der unserigen zurück, was überhaupt »irr 'in den Ländern der Fall ist, wo die Juden noch unterdrückt sind, so erklärt sich das zur Genüge durch das eigenartige Gepräge, welches ihnen die Verfolgung verliehen hat. Daß der jüdische Geist nicht wesentlich verschieden ist von dem Geist der arischen Völker, beweist nicht nur der hervorragende Platz, welchen die Juden in der Literatur und Wissenschaft Europas einnchmc», sondern auch der bedeutende Einfluß, den viele Juden im Staate, in der Politik und in allen Künsten ausgeübt haben. Man denke nur an Männer wie Disracli (Lord Bca coussield), Gambctta, Mendelssohn, Reander (den berühmten potcstantischen Theologen) nebst Anderen. DaS Bestreben aller europäischen - und amerikanischen Juden geht darauf hin, sich mir den übrigen Völkern zu assimilircn, und.ihre Rationalisirung ist nur noch eine Frage der Zeir, cs sei denn, daß cs der Rcaction des Anlisemilismus gelänge, die Juden je länger, je mehr in jenem Bestreben zu hemmen, was cineui furchtbaren Rückfall und einem nngcheucreu Nachthcil für die Ehristcnhcit glcichküme. An eine Rückkehr der Juden -nach Palästina kann Leroy-Bcaulicu nicht glauben, einmal weil die ungünstigen wirthschaftlichen Verhültniffe des heilige» Landes es nicht gestatten würden, und dann weil die meisten im "Abendlande ansässigen Juden schwerlich ihr jetziges Wohlgchaben mit dem unsicheren und ärmlichen Leben in Palästina vertauschen würden. Dagegen sind die Jude», dank ihrer nach dem mcssianischen Reiche gerichteten Religion und ihrem eigenen Geiste, ein Hauptfactor des europäischen Friedens. Aus der Religio» deS alten Testaments ist der große Gedanke der Brüderlichkeit und Zusammengehörigkeit aller Menschen unter demselben himmlischen Vater in di« weite Welt hinauSgctragen worden, und das den ewigen Frieden der Völker verkündigende Christenthum hat sich einfach an die biblische Anschauung angeschloffen. Der echt israelitische Geist ist also derselbe wie der echt christliche. Wie das Christenthum wirkt das wahre Judcnthum nicht zerreißend, sondern verbindend. Soll der Weltfriedc gesichert werden, so gilt es/ das Judenthum mit. dem Christenthum zu versöhne» und zu verschmelzen. Das ist die Aufgabe der Zukunft, die Mission der Cultur und der Kirche. Das auch der Schluß des bedeutenden Werkes des französischen Gelehrten, welches zum Siege der von diesem Blatte verfochtenen Idee gewiß wesentlich beitragen muß. („Auf, auf nach Palästina!") Von Herrn Dr. Nathan,Birnbaum, Herausgeber der Zeitschrift „Sclbstemancipation", Organs der Zionisten, erhalten wir ein Schreiben, welches gegen den Artikel deS