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Freies Blatt · 1893-10-29 · 82 (29.10.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
82 (29.10.1893)
Date
1893-10-29
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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AdollnemeiilSprrj-: Van-jährig mit Postzusendung . . fl. 8.50. Haltjahrlg fl. 1.85. Vierteljährig fl. —.65 Einzelne Nummern 4 kr. Organ zur Abwehr des Antisemitismus. «r Erscheint an jedem Sonntage. 'Jitbaclion und AdiniuislrLlioil: IDicn I. K-ik-rstätte 10. Nummer 82. Wien, 89. (»ctober 1893. II. Jahrgang. Dtis L)cmsil verbot. l Zuichrist eine« (Sroßinbiift: iettrn.) Einer bei Hauptpunkte des sogeuauiileu antiseinitischen Wirih schaftSprogrammS ist daS Berlangen nach Abschaffung des Hausirhandels. Auf den armen jüdischen Hausircr, der leider nur zu oft den Gegenstand deS allgemeine» Spottes der WirlhShnno- und Kaffeehausgäste bildet, ans diesen Paria der großstädtischen Gesellschaft, auf den selbst der arische Canalränmcr verachtungSvyll herabsieht, concentrirt die anliseinitische Reformbcwegung einen Guttheil ihrer Gesamintkraft, weil sie diesen schwachbeschützlen Posten am leichtesten einnehmen;u könne» glaubt. Auch hierin zeigt sich der ganze Seelcnadel der Antisemiten! Doch weder hievon noch über die principielle Seite der Hausirfrage soll hier die Rede sein. Wen» man glaubt, die sociale Frage durch Aufhebung des Hansirwesens ganz-oder auch nur zum guten Theil zu lösen, dann sind wir die letzten, welche den Wunsch haben, dieser tzösung hinderlich im Wege zu stehen. Wir wollen hier nur einmal die Frage aufwerfen, ob eS denn wirklich wahr sei, daß der Hansirhandel auö- 'schließlich in Judenhände:', ist, und ob die Antisemiten, welche aus gezogen sind, daS christliche Bolk zu schützen durch die Aufhebung des Hansirwesens, nicht vielleicht ibensoviele Christen als Juden ruiniren würden? Man thue zunächst einen Blick in die Provinzen. Hier treffen wir ganze weite Territorien, deren Bevölkerung die Prodnele ihrer HaiiSindnstrie ausschließlich ii» Wege des Hansirhandcls n» Mann zu bringen weiß »nd hievon vorwiegend ihren tzebensunlerhalt bestreitet. Man denke an die Klöppelst' tzcn- und Weißwaarenhausircr deS böhmischen Erzgebirges, an die sprichwörtlich gewordenen „Bandelkramer" Mährens und des nördlichen Böhmen, an die armen Weber 0berösterreichö, des Böhnterwaldcs, der Gegend von Rnmburg, Schluckenan, Warnsdorf, Reichcnberg u. s. w. Fast jedes 5iro»land hat eine oder mehrere Hansindnstricn, welche, ohnedies durch die Conoirren; der Großindustrie schwer betroffen, vollends anssterbc» müssen, wen» das Hansirverbot Thalsache wird. Wsssen aber die Anlisemite», daß sie damit eine »»geheuere Anzahl ron gut-christlichen Familien an den Bettelstab bringe» würde»? Denn jene Hausircr sind fast tnrchwegs Christen, und die Auf Hebung deS Hausirhandclö wäre für sie identisch mit der HungerSnolh. Wenn also die anticapiialistischen ->»d antijüdischen Reformer durchaus gute Christen und blntarme Teufel, deren Zahl nach Tausende» zählt, diesem Sch cksale überantworten wolle», so mögen sic getrost gegen de» „jüdischen" Hausirhandel zu Felde ziehen. Daß anch in Wien die Hausircr nicht durchaus und nicht einmal vorwiegend Inden sind, weiß Jeder, der es wissen will.' beider liegt uns keine nach Confrssionen geordnete Statistik vor, um für die Hausirvcrhälinisse in Wie» nach dieser Richtung hin ein vollkommen zutreffendes Bild zu erhalten; ganz begreiflich, denn es konnte ja Riemand ahnen, daß einmal für so rein wirth schaftliche Fragen rein confejsioneUe Momente ausschlaggebend sein würden. Jninierl)iii kann man sich aber aus den vorhandenen Angaben über Heimat und Perschleißgcgciistand der Hausircr einen meist zutresfendkii Schluß auf deren Confessio» erlauben Wen» wir.;. B. erfahren, daß im Jahre 1801 57 nach Straui heimatberechtigten Hausirern daS Hausirpatent und daß cs 78 Personen für den Südfrüchtcnhandel verliehen wurde, so uulcrlicgt es wohl keinem Zweifel, daß von diesen 78 Südfrüchtenhändlern 50 bis 60 bestimmt christlicher Confessio» waren. Man kann die ganze Gruppe also —r man verzeihe uns, wenn .wir uns der \ lächerlichen antisemitischen Auödrncksweise bediene» —. als eine 1 „christliche" bezeichneni etwaige Ansnahmen von jüdische» Südfrüchtenhalisirern ändern insoferne nichts a» dem Tolaleindrucke, als ja auch ningekehrt in „jüdischen" Halisirzweigen Christen zahlreich vorkvmme». Gehen wir also nach dieser Methode vor, so erhielten i im Jahre 1801 in Wien nach de» osfickellcii Angaben das Hansirpalent, und zwar vorwiegend Christen: für dc» ^ndsrüchieiitiandel . . ..... ,. „ Eile» , 2>at»- »nd Blechtnindet . „ Anrnbcrger Spieiwaarrn. „ Bneslenbindenvaaee». „ de» Handel mit Teppichen >end .losen. „ „ „ -Visen . 78 Personen 11» .74 . ’ . . . ■ :io .25, .2» I rwaniinen . . Nt!' Personen, vorwiegend Juden: für de» Handcf »in.,tnr;waaren. „ „ „ „ Calammciväartn . . „ „ . „ ,, opii'chen .tnüeuincnien „ „ „ „ .BcllcidnngSgejiensllindeii „ „ „ Lchreibrcaiiislie» . . . . :soI . 21!' . 2.‘| . 17» . 11 Personen zniannnc» . . 7',''Personen. Nicht möglich ist die Theilnng Nach Confessione» bei den Hausirern mit Schnittwaaren, tzcinen-, Baum und Schaswoll waarcn und sonstigen Hctndelsartikeln, Deren Stimme <18:5 betrügt. Bia» darf, ohne fehlzngcye», den größeren Theil, etwa zwei Drittel, alS Christen bezeichnen, da in diese Gruppe ja djc große Zahl der Tiroler ttodenhändlcr, der bosnischeü Messer »nd Pfeifen hansircr, de.r slovakischen Glas- und Hvlzwqarenhandler sowie jener schon oben erwähnte» armen Hatisindustriellen ans Böhme», ^berösterrcich, Ungarn und Mähren gehört, welche de» Prodnclcn ihres häusliche» Fleißes ans dem Wege des Hansirh.indels auch in der Großstadt Absatz verschaffen wollen. Bon den u» Jahre l8.'l ausgestellten oder erneuerten 1 *00 Hausirbewilliguugc» entfielen also »ach dieser approximaliven Berechnung rund etwa *00 auf Christen und 10U0 auf Jude». Eine Art Controlc für diese Be rechnung liegt in den Angabe» über die Heinialsbcrechligung der mit Hansirpatcnten veisehenen Personen. Reben den rein christliche» Kraincrn (57 Personen) dürften Ricderösterreich (mit Ausschluß von Wien >, Tirol, Kärnten, die Küstenländer, Steiermark, das Lecnpalionögebiet und Ungarn mit seinen Rebenländcrn zusammen 678 Personen) fast ausschließlich Christen, also elivi 500—600 entsenden. Bo» den 246 Wienern, 227 Böhmen und 162 Mähre» und Schlesier» entfällt gewiß anch ei» stattlicher Pcreenlsatz auf, die Christen, so daß unsere Annahme, daß 800 von #en_iu Wien im Jahre 18'.M mit Patenten versehenen 1*00 Hausircr» Christen seien, gewiß begründet erscheint. , Ist schon »ach diesem Zisserjatz die .anliseinitische Phrase von dem jüdischen Hansirhandel wenig gerechtfertigt, so wird sie dies noch weniger, wenn wir cifahrc», daß in diesen Ziffer,, nicht einbegriffen sind jene Personen, welche Artikel des täglichen Ber brauchcs, wie;. B. Milch, ^?bst, Gemüse. Bietnalien aller Art von Haus zu Haus trage» oder auf der Gasse feilbieten u. dgl., deren Zahl sich' wieder auf mehrere Hundert beläuft und die ausschließlich dem Christenthnm angehören. Cs zeigt also schon eine obeistächliche Berechnung, daß zumindest die Hälfte der Hausirer in Wien christlicher Confessivn ist,

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