Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 81 (22.10.1893)
- Date
- 1893-10-22
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 81. SfiU-7. ' -Freier „Favorita" bestrebt sich in jüngster Zeit, den Verein so »»populär als möglich z» »lachen E» haben sich nämlich in den Vorstand Vmte eingcschliche», die bei der Ausnahme »euer Mitglieder nicht die Achlbarkeil de- Charakters, sondern die politische Gesinnung des GesiichftellerS in Erwägung ziehen. So wurde erst i» fetzlerer Zeit dem jüdischen BezirkSarzle Tr. Ha »dl und dem Gastwirlhe Pleininger die Ausnahme in den Verein verlveigert, trotzdem die beiden Herren sich in alle» Kreise» der Bevölkerung de- X Bezirkes großer Belieblhei! erfreuen. I» Folge dieser zwei ganz und gar ungercchlserligte» Ballotage» wird eine größere Anzahl von Mitglieder» ihren Austritt aus dem Verein anineldcn E« ist bereitein offenes Geheimniß, daß die Majorität der Llubleilniig der Ausnahme von Juden »her von sogenannte» Judenliberalen in den Verein „principiell" entgegenarbeitet. (Nur national) Man schreibt »ns aus Prag: I» einer Versammlung zu Asch hielt Herr Bareulher jüngst eine tängere Rede, in welcher auch solgende Stellen vorkamen: „Nur ivenn in einer Verbindnng Alle das nationale Zntereffe ihres Volkes Uber alles Andere stellen, ist ei» entschiedenes Vorgehen möglich. Wer eine solche Verbindung will, darf jedoch die Engherzigkeit »icH begehen, streng national gesinnte StammeSgeziosien deshalb auSzusttiließen, weil sie den schädliche» Einfluß des internationalen Judenthums und jener Preß, und Geld »lächle, die sich i» dessen Dienst gestellt, bekämpsen. Ich begreife nicht, wie man sich daran stoße» kann. Ter Internationalismus ist ja der selbstverständliche Widersacher der nationalen Idee, mag cS iinn der goldige, rothe oder schwarze sei» Mit dieser schwarze», rotheu und goldenen Dreiheit l>gben wir ebenso wenig etwas gemein wie mit der Jndenhetze, wie sie besonderin den Wiener Vorstadlbezirke,, betrieben wird. Ein Bund, lvie ich ihn mir dcilke. von Gleich gesinnten geschloffen und entschloffe» zur Bethüligung einer wahrhast nationalen Politik, ein solcher Bund würbe sich zu einer Macht klheben, mit der inan rechne» müßte." Also nur national! ES gab eine Zeit, in welcher Herr Baremher auch ans den Liberalismus große» Gewicht legte, und ältere Wähler von Eger und Asch'erinnern sich noch, wie er z« Veginn der Siebzigerjahre alle anderen ForlschriltSmäittier an „freiheitlicher Gesinnung" zu ttberbiete» suchte, wie wenig liberal ihm dadamalige Cultusminisleiiuin war. Auch stand er damals in inliine» Beziehunge» zu jene» „Preßmächten", deren Bekämpfung ihm jetzt nicht anstößig erscheint. Toch die Zeile» ändern si.tl, und Herr Bareulher fand es für angemeffe», rückwärts zu schreite», al» reactionäre W>»de wehte». Trotz seiner Erklärung gegen die „schwarze, rothe zind goldene Trei heil" sehen wir seine jetzigen Parleigeuoffen heule mit der schwarze», morgen .mit der rolhen Internationale „hochherzig" liebäugeln; wir nehmen wahr, daß sie auch.bei der „Judenhetze, >vie sie besonder» in de» Wiener Vorstadtbezilken betrieben wird", bald als stolze Arrangenre, bald bescheiden als Eoniparlcn mit wirken. Das Feldgeschrci: „Nur national!" hindert gewisse germin'ische Kämpe» auch tticht, sich den ärgsten Widersachern des TcutichlhumS in Oesterreich innig anznschlicßcu. p. (Eitlk jttdkllskiltdlichk Gcnossenschast.i Tie FleUckchanergenossenichast in Krakau wendete sich an die Lembcrger Statthalicrei mit dem Ansuchen, es möge ihr gestaltet werde», jüdischen Fleischhaner» die Aufnahme in die «Genossen schasl zu verweigern. Begründet wurde dieses Ansuchen mit der sonderbaren Erklärung, daß die Genosielischasl sonst den „katholischen Eliarakter" einbüßen würde. Tie Bchörbe wie» dieses Ansinne» zurück: Eine Gciwsscuichast sei eine wirthschaftliche und leine conseffiouelle Jnslitulio»; eS könne daher »übt ein Thcil von Geiverbetreibenden wegen seiner Eonfession ausgeschlossen werden. lEhrabschiikldkr.> Zn Vc>sa»iinlungcn zu Kevelaer und Weeze hat der AttlisemilknansUhrer Tr. König a>,S Willen einen jüdische» Seschäslsmani, als „Wucherer der schlimmsten Art" geschildert. ES ist zwar allerorten die Art der Racenhetzer, sich der gerichtlichen Ahndung ihrer rhetorische» Ausschreitungen durch Leugnen zu entziehen. Allein diesmal gelang jene« Ausknnslsmitlkl nicht, und König wurde vom Schöffengerichte in Gelder» wegen vczlciiinderischer Beleidigung zu einer Geldstrase von 60 Markverurtheilt. König ist ein kleiner Ahlwardt, aber noch entwicklungsfähig. 2lus antisemitischen blättern. (Zweierlei Maß.) Ta» „Deutsche VolkSblatt" bringt solgendcn Be ' rkcht ans-dem GerichtSsaale: „Vor dem Erkentttnißgerichle, bei dem LGR. Neu. bauet den Vorsitz führte, hatten sich der 12jährige Volksschüler Franz Neinetz und der 2ljährigc Glasergehilfe Sebastian Bamlitschka »nter der Anklage des Verbrechens dc-TiebstahlS und der Verltiilndung zu verantworten. Der der Anklage zngrunde liegende Thalbestand ist kurz skizzirt der nachstehende: Franz Nemetz hat im Laufe des Monates August seinem Vater zuerst die Caffeschlüffel entwendet und diese zu Diebstählen an dem Caffeinhalle benützt. AlS der Vater deshalb das Schloß der Eaffe ändern ließ, entwendete der Knabe dem Vater ans de» Kleidern da« Baargeld und zuletzt aus dem Rocke die Brieftasche. Diese und die Schlüffcl fanden sich nachträglich unter den Sachen des im Hanse bediensteteu Dienstmädchens Earoline Kalousek, die. deshalb in den Verdacht de» Diebstahls gerieth, verhaftet und in Strafuntersttchung gezogen wurde. Mittlerweile ivar erhoben lvorden, daß der kleine Nemetz mit deni vagirenden Bamlitschka herum« » l a , t. vagire, große Ausgaben mache und Gasthäuser^ besuche: mm. inulde er in ein scharfes Verhör gezogen, in dem er einbekannie, daß er die ennähnten Di>b - stähle und eine» Diebstahl a» einer freinden Person versibl und die Schlüffel und die Brieftasche, des Vater» unter die Dachen der Kalo»»'! gl, gl habe, um den Verdacht vor) sich ab und aus/dieje zu lenken Er bchavplele aber,;« dielen Diebstählen von Vamlilschka verleitet worden sein Zuerst habe dieser ihm geschmcichclt und dann l>abc er angesangc», ihn zu bedrohe»/ zuerst damit, daß er ibn, wenn er sich zu stehlen weigere, anskänge» werde, dann niiler Vorweisung eine- Dolche», daß er ihn sonst erstechen würde. Ta» Versahrc» gegen die Kalousek wurde eingestellt, und die eigentlichen Thäler wurde» in Unierinchung— gezogen und angeklagl. .\. Ta daS Bewcisversahreu die Schuld der beiden'Angeklagter» erhärtete, verunheille der Gerichtshof Fraiiz^ Nemetz zu. einer einmonatlichen Verschließniig a» einem abgesonderten £xt, während Vamliischla eine schwere Kerkerstrae in der Dauer eines Zahiej zuerlann« eihicll." Der Fall Neinetz-Bainlilschka ist al>'o int Wesentlicheu ein gleicher wie der d.» Eoascrvatoristcn Moriz Löwy. Diesmal.unterläßt e» aber das Vergani-Blalt, Schlüsse aus die moralische Atino phäre zu. ziehen, welche früher den verdorbenen Knaben ningehe» haben inüffe; auch spricht eS nicht von den Gefahren, welche arme christliche Dienstmädchen bedrohe». Die Besorgnis!, daß der „tumine Kerl von Wien" zur Erkenniniß gelange^ daß zwischen arische» und skiniliichen Tange nichlscn kein llntcrschied sei, scheint das Antisemiienorgan nicht;n hege», sonst hätte es wähl von der ganzen Assaire keine Notiz genommen. (Johann Ljniadcr gegen feilte (ioiitutrtiUtii.) 3» der Steurer „Inden frage", al» deren Eigenthüincr und Redacleur Zohanu Siinader signrirt, werden Lueger und Genossen verriffeu, aber auch Schönerer wird hinterrücks ein Schlag versetzt. Die „Zudcnsrage" schreibt: „Unter den heutigen Zeit krankheite» nimmt die VergnügniigSsncht einen unheilvolle» Platz ei». Jeder ehrliche Mensch, der seni Volk liebt, der für die Hebnng desselben einstehl, innß diele Zeiikrankheit mit allen Mitteln lnlämpsen, nmsoinehr soll daS e^ft bei jene» .--der Fall sei», die sich in einen religiösen Mantel hüllen, wie die Ehristlich- Soeialeu in Wie». Aber von dielen geschieht gerade daS Umgekehrte: ist doch heult die Vergnügungssucht der einzige-Strohhalm, a» de» man sich gnklainmert. um noch eine kurze Zeit sorlschwinnneu zu könne». Die VergnügnngSsncht ist de- R»>g, der die Pa> lei „ach Innen zulaininenhalten soll, nach Außen soll sie älS Blendwerk dienen, um »och von sich reden zu mache», um zu zeigen, daß diese Pa.tei denn doch »och nicht verschwunden ist Um da» zu erieicheu, arbeitete »ui» Heuer immer in VerguügnngSinchi,, in Vergnügnngszügen. Wurde ein VergnügiingSzilg in Anssiäu genommeii, io w.i.de woche» und inonatlang daffir Reclame gemacht, uni die Sache ja iinposiinl zu machen Kam dann der Vergnügnngszug in dem in Anssicht genommenen Drte an, io ivnrde von den Veignügungszüglern selbst ein großer Lärm und Sveelakel gemach»„ als tvenn lfie Beivohner des betreffenden Drte» ihre Freude über Siefen Vcinch gvänßerl hätten,-und die Parteiblälter beinühen sich auch, die Sache so darznstcllen, >vie diesbei dein Salzburger Vergnügnngszng der Fall ivar. Za Wirliichkeit ist daS [ittHT ganz ander» Die Druckerschwärze des Berichtes über deil Salzburger Ansstug war noch nicht einmal lrocken, so begann nneder eine neue Rerlame für einen Vergnügnngszng nach KremS lind ivnrde lange Zeit sortgeetzk, man war ganz glücklich über diesen gelungenen Ausflug --- und-das n nnen die Leute ein voliliiches Parteileben. Za solchen Ausflügen nicht. man sich solche Dole an», >vo die elericale Partei ziemlich stark verlr>ken ist,' ivie Salzburg, arein», und trotz all-dein blieb die gehoffte Wirkung ans Solche Mittel sind sehr bedenklich, sie sind nur Galvailisirstnge», der Todle richtet stch nioinentan ans und sinki dann wieder zniück. Eine Paitei, die zu Galvanisirungon greisen inuß, muß immer mehr lierniltcrkoininen, die chri^ljch sociale Parteiist seit kurze)- Zeit kveit, weit znrülkgelonimen, so daß man denie mit Sicherheit lagen kann, Ihre Rolle, ist ansgespielt, wenn sie sich auch in Wien »och eine Zeirlang häsi, weil dort eben' eigenthümliche Verhältnisse herrschen. Zn Wien können sich die>e Ehristlich Socialen ans rinnt großen Dheil der Bevölkerung stützen, auf die Tschechen, so daß man sagc>> kail», die Ehristlich Socialen werden eigentlich von den Tschechen geirage», die Elericale» bilden die Minoriiät, die anli'emiiische Maske hätte da» Aller decken sollen. Weil aber die Wiener, so lange sie noch deutsch waren-, vermöge ihres gemüthlichen Eharakicrs, ihre» unverwüstlichen HuniorS in de» Provinzen sich der größten Achlnng erfreuten, glaubte» diese Chtistlich-Sociale», der Name .Wiener' iinponirl den Promi,stern Heine auch noch so wie früher. DaS ist aber nicht mehr io, ja diese Achlnng. ninß noch mehr sinken, wenn man das Treiben solcher L^uie> betrachtet." Die „Inden frage" verweist dann ans den Verlauf de» Kremser Gastspiels, ans Lneger'S FiaSco in Böhmen :c Au einer andere» Stelle äußert sich das Vrgän Simaddt's: „Wir Deutsche lönue» nn-erc Vertheidiguug nicht in die Hände eines Dr. Lueger, Liechlenslein oder Vergani lege», lveit eS dadurch noch 'mehr hernnlcr komnien müßte, den» diese Leute sind doch wieder nur die Werkzeuge von Feinden deS DentschlhnmS. Wir können unS aber auch nicht einer Führung anverlrane», die so blind war, daß sie sich von einein Dr. Lueger, Vergani übertölpeln und in den lange» Sack stecken ließ. Wir können aber auch nicku wie die jüdisch tiberale Partei »ach Polizei (?) rnien, daß wir von den kleinen Naliönchen nicht bedrängt werden, sondern wir inüffe» u»S aufraise», »in nn» selbst zu vertheidigen. An unS Teutschen fehlt cS nicht, aber Führer habe» wir