Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 81 (22.10.1893)
- Date
- 1893-10-22
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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/ •' Beilage zum Freien Blatt. Vrgan zur Abwehr des Antisemitismus.' Seite XCV. der Davidstadt gerne das Washington der Vereinigten Staaten des Planeten, die Bundeshauptstadt des in der Gerechtigkeit versöhnten Orients und Occidents, des Nordens und Südens, gemacht. Doch Salvador ist schon bei Jahre» und die Israeliten, welche diese Hoffnungen theilcn, werden innner seltener. Bei den Meisten hat das Universelle die Oberhand über den Stamm gewonnen, die Menschheit drängt., Israel in den Schatten zurück. Wenn ihre ZiikunftSträuine noch eine nationale Färbung haben, so ist dieselbe keine jüdische mehr, viel eher eine französische, deutsche, anglosächsischc. So verlangt I. Darmestetcr, welcher die Ideen Lalvador's wieder aufnimmt, für Paris, das profane Jerusalem der Revolution, den Titel der heiligen Stadt der neuen feiten.244) Und wenn die Juden4 dabei verharren würden, diesen Ruhm für die kleine Stadt Juda'S zu beanspruchen, wären sie damit nicht die Einzige». Wie viele Christen jeden Ritus räumen in ihren Träumen von der Erneuerung dieses alten Erdballs der heiligen Stadt, dem ewigen Sinnbilde unserer höchsten Hoffnungen, einen Platz ein! Vordem schrieben viele Christen diese Rolle des ideale» Mittelpunktes der Welt, deS moralischen Uinbilicns der Menschheit, der Siebcnhügelstadt zu; allein seit es zum Rang der nationalen Hauptstadt herabgcsunken, kann dao verweltlichte, dem Herzen entfremdete Rom kaum mehr eine derartige Würde anstrrbcn; viele Augen, die gewohnt waren, nach den Ufern des Tiber zu blickeii, wenden sich langsam von dein neuen Jerusalem nach dem alte hin.24''» *") Was die französischen Juden von Frankreich nnd der französischen Reöo lntion sagen, sagen die ainerikanischcn Juden von de» Bereinigten Zkaaten und der Revolution in Amerika. So lese ich in ,,The American Holirew“ anläsilich. der Gedenkfeier de« Christoph ColunibuS (Zcptcinbcr nnd Sctobcr 18!)2): „Hier ist da« Zion, woher da« Gesev kommt, hier ist die Freiheit, welche die Welt erleuchtet . . . Wir blicken nicht niehr nach Palästina und Jerusalem als unserem Mekka. Tics kand hier ist unser Kanaan geworden . . . Amerika ist der Messias der Menschheit, die Zuflucht der Unterdrückten aller Nationen geworden, ic." *46) Pta» könnte zahlreiche Zeichen für da« Interne angeben, welches Jerusalein bei den Christen aller Bckennrniffe wiedergewinnr. Ich werde nur einen anführen, nämlich den von dein gelehrten Mönche Pater Tondi»! di t7.uarenghi geführte» Feldzug zur Einführung des Meridians pon Jerusalein als internationalen Meridian. Bon jenen, ivelche den Lib des Papstthuins »ach Jerusalein verlegen möchten, spreche ich nicht; bei der gegenwärtigen Weltlage würde derselbe taniit außerhalb der Civstisation verbannt. Ob Jlluininaten-Wahngebildc, ob Prvpheten-Visioncn, genug vou diesen großen Träumen; den schönsten vielleicht, in welchen sich die Menschenkinder gewiegt haben. Dieser alle Traum Israels wird bald dreitausend Jahre all sei»: es schien uns jüngst, als wäreii die Zeiten gekoinmcn und seine Erfüllung nahe. Tie Wahrsager dcr.Hciden hatten es lius verheißen, und das Jahrhundert, das an keine Weissagungen mehr glaubt, hatte den . Glauben an sein Horoscop. Doch hätte» sich Heidenwahrsager und Zions Propheten geirrt'? Die Nationen gleichen Heeren i» Schlachtordnung, auf Nachtbivouak, den Angriff des nächsten TagcS erwartend: wann wird unscrcil Augen die Morgcnröthe des gebcncdciten Tages leuchten, wo unter den Völkern das Vnmm neben dem Vöroe» wird weiden und das Zicklein neben dein Leoparden nächtigen können? Statt diesem Tage näher;« sein, ist unser Europa niemals entfernter davon gewesen. Gleichviel; für die Welt ist es. gut, daß unsere Herzen'lüehl von diesem große» Traume lassen? Bibel und Evangelium verbieten unS, ihn verloren zu geben. An uns Christen insbesondere, i ist cö, frei von jedem Stainmcsgeist und jeder RaccauSfchließlichkeit, 1 dieser Frirdenshofsnung und der Gerechtigkeit nicht treubrüchig zu werden und ihnen unter den Rationen und de» Racön ebensowohl alS unter den Classcn und Individuen zum Siege zu verhelfe». Wir können diese Sorge.nicht den Jacobskindern überlassen; auch hier ist cs eine Pflicht für uns, an dem Emporkommen des Reiches Gottes, des Reiches des Friedens und des Rechtes, zu arbeiten, indem wir Alles, wäs dje Völker entzlpcit und die menschlichen Stämme scheidet, beseitigen. Und auch ich, der Schreiber dieser j Zeilen, die Hassesworte von ineinen Rippen weisend nnd den; Glaube» ablehnend, Blutsvcrschicdcnheil habe zwischen der Rach-! kommcnschaft Japhct'S und den Bindern Sems ewige Feindschaft! geschaffen, habe das Bewußtsein, für meinen allzu schkvache» Theil zu diesem Fricdenswcrke beigelragen zu haben, und glaube, mit > solchem Beginnen dem Geiste der Nächstenliebe und Milde treu gej wese» zu sein, s der von den Hügeln .Gatliläa's stbcr uns hin-! gegangen. ." 1 Eu d e. liutt wandl' ich, zweimal tausend Jahre i von, Gottesflnche fortgescheucht, Bis für die Schuld, die unsiihnbare. Die Gottesanade icb erreicht. ' l schwer war die schuld und schwer die Strafe: : Ich zieh' von Zions Fracht getrennt. Durch Länder fort, der letzte Sclave, wo Niemand meine Sprache kennt. von jeder Thür ward' ich gestoßen Mit Hohn, wo Tinlaß ich begehrt, verschlossen blieb dem Heimatlosen Der gastlichste, der^stillstc Herd. Der gleich die Heil'gen und verruchten Befreit von jeder Trdennoth, Selbst er kennt nicht de» Gottverfluchte», Flicht mich der Allerlöser Tod. Bein! Mit der Schuld, der schwervcrbüßre» Ging' Gott nicht länger ins Gericht; Denn Thrist verzeiht. Doch seine Thriste» verzeih'» dem cw'ge» Juden nicbt. A H cl S v e x. 0), währt es fort dies ekle Leben? — So räumt mir doch ein Plätzchen ei». Auf daß, wie ihr ein Mensch, ich »eben Den andern Menschen möchte sein! Und sieh, schon glaubt ich mich am Ziele: <Ls öffnete sich manche Tl'ür, Und freundlich winkend riefen viele: Komm, vielgeprüfter! weile hier! Doch kaum, daß ich mich glücklich wähne Am friedumschwebten Rnbeort, Schon hör' ich wieder schrille Töne. Die treiben mich aufs Bene fort: „Fort mit der Pest ans »ns'rcr Mitte. Dem Gotteslästerer, dem wicht! verdirbt er nicht die gute Sitte? Durchseuchet nnscr Blut er nicht?" Und mit der Schuld, der längst verbüßte», ' Geh'» sie aufs Bene ins Gericht, Denn jene unverfälschten Christen - verzeih'« dem ew'ge» Jude» nicht. Dan» kehr' auch ich mit frohem Mnthe Lrlöst, entsühnt zur Ruhe ein: Dann werd' auch ich, der cw'ge Jude. Begraben und vergessen sein! i So greif' ich denn zum Wanderstabe '! Mit Dulders!»» ein letzresnial,.! Mich fristend voir der Bettclgabe. > Erfüllend meine Büßergual. I Und wandeln will ich bis zur Stunde wo hell das Morgenroth erglüht i Des weltentages; und von Munde Zn Mund die Jubelbotschaft zieht: „Prometheus, er der todtgeglanbte, Ist losgckcttet! Ben entflammt Tr seine Leuchte, die er raubte j vom Göttersaal, dein sie entstammt. " 1 Der Fackel heilige Gluthcn brennen v Hinweg, was Stand einst schied von Stand, j Die Brüder noch von Brüdern trennen i Die Schranken tilgt der Gorterbrand. Die Binde fällt, die lang gewunden Uns. siebenfach »ms.dinge war Der Geist der Bacht ist überwunden Und Aller Blicke werden klar eirruus. *' >