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Freies Blatt · 1893-10-22 · 81 (22.10.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
81 (22.10.1893)
Date
1893-10-22
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Beilage 3um Freien Blatt, Vrgan zur Abwehr des Antisemitismus. Seite X( IV. „Zu einer Zeit" — so fragt ei» Jude des Westens — „wo so viele lilciiu'utr zur Entzweiung der Völker beitragen, ist's von Ucbcl, daß sich welche finden^ um sie einander zu nähern?" *S9) Es sei dies, sagte Grätz der Geschichtsschreiber, die nationale — von der- Vorsehung vorhcrbestimmle, getraute er sich nicht zu schreiben — Sendung der Juden."") Warum widmen sie -sich derselben nicht in größerer Zahl? Die Wolken von Vorurthcilen zu zerstreuen, welche sich zwischen den Völkern dieser Zeit zusammengeballt haben, wäre eine schöne Rolle, denn verstünden sich die Völker besser, so würden sie sich »üihcloser verständigen. II. Man stellt uns bisweilen die Inden hin, als säeten sie Haß inner die Rationen, um sic gegen einander zu Heyen, sich mit ihrem Raub zu bereichern und das Reich Israel über die Heiden aufznrichten. Wer solches behauptet, kennt den Geist Juda's schlecht. 2it' ivarcn nicht Israels, jene drei Tischgcnossen von Berlin, die im Juli 1*70 bei dem Gedanken, daß der Mrieg ihnen zu entgehen drohle, ihre Gabeln aus der Hand fallen ließen. Der Jude ist friedfertig. Das gilt nicht allein für das jüdische Temperament, welches für gewöhnlich nicht leicht im Verdachte kriegerischer Jnstineie stellt, sondern nicht, minder für das Jndcnthnm. Gibt es ctivas Beständiges in seiner Ueberlieferung, so ist's die Friedensliebe, die Verherrlichung des Friedens. Auch hier steht das Judentluiin im Einklang mit dem Ehristeitthnm> weil beide aus derselben Grundlage ruhen. Wie könnte man vergessen, daß es im Hebräerthume wurzelt, das große Dogma von der menschlichen Brüderlichkeit, welches die Avoücl von Galliläa der Welt gebracht haben, jenes jüdisch-christliche Dogma, ans welches so viele Moderne die ganze Religion und die ganza Moral beschränken wollest? Diese des unheilbaren Stammesgcistes geziehenen Inden haben zuerst verkündet, daß alle Menschen Bruder sind, .Die von demselben Adam und derselben Eva übstammen. — Warum, fragt der Talmud, gab cs am Anfang nur f'inen einzigen Adam? Damit die Menschen alledenselben Vater hätten und nicht eine Ration zur anderen sagen könnte: Unsere Ahnen waren reicher und größer als die dcinigen. — Alle Menschen sind Brüder, alle Rationen Schwestern: „alle", so sprach der'Herr zu Abraham, „werden in dir gesegnet sein".-") Und diese menschliche Brüderlichkeit, welche die Bücher Juda's in die Wieg' des Menschengeschlechtes legte, haben die 2cher Jnda's für die Zukunft geplant. Zltr Jeit, wo der mitragekröntc Asiyrcr die Völker unter den Räkeän seiner .striegswagen zermalmte, wagte cs der gefangene den Anbruch eines Tages zu verkündigen, wo auf immerdar Einirhchi und Friede unter den ".Rationen herrschen würden. Die Ul br.^erlichkeit muß am Ende der Zeiten wieder hergcstellt werden. Bin:: keiTNl ihre prophetischen-Sinnbilder: es sind jene des Edens: mu dein Welfe wird das i'atnni Hausen »jiö das Zicklein neben dein reovi'.d nächtigen. Ein schönes Symbol, ein edles Hoffen! Was!w:li .eanderes besagen, als daß die Großen und Starken unters d»:t Völkern Schwäche der .kleinen schonen werden. Maii^onides, der Adler der Sstnagoge, zeigt derselben sorglich an, dasdjies sich ,'lme Wlii'.der er'üllen werde. Für ihn sind f'anti» tind Zicklein der bildliche Ausdruck für Israel, Wolf und Panther jener : für die zu O'erechiigkeit und Frieden bekehrten "Rationen. Was fliegt an ddr 'Auslegung der stiabbincr? Die Brüderlichkeit unter den Menschen, der ,Wiede unter den 'Rmionen, dies ist ein Ideal, das nichts Ausschließliches hat: und wenn dies Wcltbürgcrthiim Ust, welchem Patrioteil könnte es ein Aergrrniß sein? Wir wissen, wie Dieses Hassen bei Israel sich nennt. Es ist -■'! iii'-cccrc OiViiuiu.: „Hi-t-'frl-m.'-litc*." 2. .'WT. -j' ,,<rc'd>iil)tc t:r 4'ar.f XI. 2. 1*w» um» folgende. -4 (•’Yiume XU, die Messiaslehrc. Wir finden uns von Neuem wieder angesichts des großen Dogmaö Juda's, und von Neuem müssen wir eingestehen, daß der alle orientalische Glaubenssatz mit dem Erhabensten in unseren modernen Bestrebungen im Einklang steht. Von diesem künftigen goldenen Zeitalter, welches die Juden Alexandriens der griechisch-römischen Welt durch die Stimme der Sibyllen weissagen ließen, texte David cum Silnllk. hat auch unser gealterter Occident zu träumen begonnen. „Aus ihren Schwertern," sagt JcsaiaS, der Sohn des AmoS, „werden die Völker Hauen und aus ihren Lanzen Hippen schmieden;, eine Ration wird nicht mehr das Schwert gegen eine andere ziehen, und man wird nicht mshr den Krieg lernen." Wären int waffenstarrenden Europa der Hohenzollern derartige Visionen ritt Verbrechen geworden? Oder empfinden wir Franzosen nicht mehr, was diese fernen Verheißungen mit unserem nationalen Geiste und unserem Glauben a» die Gerechtigkeit Uebereinstimmcndes haben? Fricdensreich durch die Herrschaft des Rechtes, Brüderlichkeit der Völker in der Freiheit der "Rationen, haben nicht auch unsere Seher von 1789 sich erkühnt, von ihrem dünkelhaften Sinai herab der Welt dies zu weissagen? Verbietet das Ehristcnthum, von diesein fricdensreichen Zeitalter zu träumen! Keineswegs. Das Ehristcnthum heißt diese Hoffnungen gut, cs hat sie zu den seinigcn gemacht und nicht unsere" Philosophen abgewartct, um an ihrer Verwirklichung zu arbeiten. Würden die christlichen Rationen auf" die Stimme der Kirche hören, die mit jedem Tage für den Frieden unter ihnen betet, so könnte die Welt sagen: O Krieg, wo ist dein Stachel? Rach dem Gottcsfricdcn hätten wir Gottes Frieden. Das neue Gesetz hat die Erbschaft des alten übernommen und das .Evangelium sich zur Verwirklichung dessen verpflichtet, was die Propheten des Karmel nur im Dämmer erblickt; wenn ihm dies noch nicht ge? lungcn ist, liegt die Schuld an der Hoffahrt des Lebens und der Begierde der Augen! Dies Sehnen nach Frieden unter den Kindern des gemeinschaftlichen Vaters, nach Frieden unter den Rationen, unter den Elassen, ist so sehr dem neuen Gesetze wie dem ‘ alten eigen, daß gewisse Söhne Israels sich nicht gescheut haben, ihre Zuflucht zu dcm Papstthum zu nehmen. So rief Isaak. Pereire (in verschiedener Hinsicht ein Repräscntativ-Judc der ntodcrncn Juden) vor seinem Tode den Papst Leo XIII. an. Und den Traum des alten Bankiers, des Scphardi-Jndcn, hat ein junger Gelehrter und Poet, Herr I. Darmestctcr, jüngst für seinen Theil wieder aufgcuommcn. Das sind doch wenigstens Inden, die »tau nicht der nationalen Ausschließlichkeit beschuldigen könnte.!,!) Einige bringen allerdings mit diesen großen Zukunststräumen die Vergangenheit Israels in Verbindung. Sic verzichten nicht auf die dem Hause Inda gewordenen Verheißungen und behalten der Tochter Zion's in der künftigen unter der Gerechtigkeit geeinigten Menschheit einen Platz vor. In ihrem Hoffen sehen sie, den Traumgesichten des Micha und des Jcsaias entsprechend, die Terrasse von Moria, den Berg mit dem Hause des Herrn über den Hügeln einporstcigcn und alle Völker von überall hcrbeiströmen, um die neuen Ostern zu feiern. Josef Salvador,"-') dem Sohne des alten Israel und des modernen Frankreich, bei welchem die Ueberlieferung Juda'ö sich mit unseren französischen Bestrcbnngen vermischte, erschien Jerusalem im Däntmer der Zukunft als der ideale Mittelpunkt der Menschheit, als die heilige Stadt des noviim t'ocdus. des Bnndnißvertragcs zwischen den Völkern. Dieser französische Jude hätte ans 3. Sarmoftetcr: „Tie Propheten Israels", Vorrede. Pergl. (Gustav d Eichthal: ..lles Lvanxiles". Einleitung. — ojaat Percire, selbst noch in der Utopie ein praktischer .»topf, verlangte, daß der heilige Ltuhl mit dem Dchiedsrichteranne zwischen den Elationen betraut werde. Dieser Jude hätte getvünscht, „den Papn eine (Grenzlinie ziehen zu sehen zwischen dem Ehrgeiz der verschiedenen Mächte, zwilchen Frankreich und Deutschland, zwischen Oesterreich und Italien re." (I. Pereire: Question religieuse-1, 1878.) *4’) Paris, ..Home et Jerusalem."

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