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Freies Blatt · 1893-10-22 · 81 (22.10.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
81 (22.10.1893)
Date
1893-10-22
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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J Büilnge 51111t Freien Blntt, frgnn zur Abwehr des Aiitisriiiitisiinis. Wien, I. Seitevflütie 10. Die Juden und der Antisemitismus. A f r a c l unter den u 110 n c n. Bon ilnatofe s!eroy-Aeausieu vorn französischen Pnsiikui. >. «ulorisine Ucd-rseijunq.?,oriie^u»>i< — «diliifi.' 'ÜMv gehören nicht;u x1fitfn, welche glauben, der Jude oder der Zesuit brächten die Rationalität der Völker oder die Unabhängigkeit der Staaten in Gefahr. Wir sehe» keine zhothwendig kcit für Ansnahmsgcsctze, sei es gegen Zudcn, sei es gegen Zlohola. Unser Glaube an die Freiheit ist stark genug, das; wir 'meinen, Israel und Rom gegenüber sei das genieinc Recht ausreichend. Zn viele Viräflc stehen in der modernen Welt im >lampf miteinander, als das; der jiahal oder der Gcsu dieselbe;n erobern vermöchten. — Zch gehe weiter; wir empfinden keine Abneigung gegen All cd, was über die Vandcsgrcnzcn hinansstrcbl. Und dünkt, es sei in dieser Zeit des nationalen Sichausschließcns, wo Zeder sich zn Hanse luftdicht abspcrre» zn wollen scheint, nicht voine Hebel, Luftlöcher durch die Mauern zu brechen, welche die Völker scheiden, Ed ist dies unter Anderen eine der Aufgaben der Religion. Wie auch die Verfechter der Staatsallmacht darüber denken mögen, es in ein Glück für die Menschheit, daß diese beide» Seelenbande, Vaterland und Religion, nicht immer bon gleicher Vfiiigc sind, daß das eine dort, wo das andere aufhört, wcitcrreichl. Wenn die Grenzen der Religionen mit den Grcnzschrankcn der Staaten zu sammcnfielcn, würden die Grenzen Gefahr laufen, wasserdichte Scheidewände zu bilden, die weder Zdecn noch Reignngcn Durchlaß gewährten. hat der Dualismus sein Gutes. Zin Gegensal-e zu dem Staalswescn des Alterthnmd ' begreift heute jede 'Hation mehrere Religionen in sich, ebenso wie jede Religion in ihrem Schüße mehrere Rationen umfaßt. Ties ist ei» Vorzug der modernen Welt gegen das Altcrthnin. Wenn man und, Zudcn, Protestanten, Katholiken, den Vorwurf macht, außerhalb des Vaterlandes Rrigungrn zu hegen, so vergißt man, daß alle große Religionen weltbürgerlich sind. Tas Vaterland ist nothwendigerwcisc örtlich, die Religion soll international oder supernational sein. Ihre Sendung verlangt, daß sic ein Band zwischen den Völkern nicht minder als zwischen den Einzelnen sei. Darum ist katholisch der schönste Raine, den eine Kirche zw tragen vermag. Wenn das Zudenthum eine geringere Stufe einnimmt, so ist's, weil man ihm den Titel einer Wcltrcligion bestreiten kan», weil es lange ein nationaler Eult, ein Slammcscnlt gewesen. Tiefe» ursprünglichen ethnischen Eharakler hat -es durch die Zerstreuung verloren. Gleich dem Ehristcnthnm wird auch das Zudenthni», und vielleicht berechtigter als der Zslam, welcher die Rationalität in der Religion aufzusaugen trachtet, zu einem internationale» Enllc. Vägc uns »nr che irdische Evolution der Menschheit am Herze», daiui weiß ich lischt, ob wir von dem R'achlassen der religiösen Solidarität befriedigt sein sollten, den» wodurch wäre sie zu ersetzen? Durch das Vewnßtscin der menschliche», Solidarität? Das ist ein gar weiter, gar verschwommener Begriff. Ter Bekenntnis; fanatismns gehört so ziemlich einer fernen Erinnerung an: wir müssen eher gegen den nationalen Fanatismus auf der Hnlh fein. Ter engherzige „Rationalismus", welchem in Frankreich wie in Deutschland gewisse Pädagogen Einlaß in die- Schule verschaffen mochten, ist wenig nach meinem Geschmack. Er in ein rückläufiger - Gedanke, ein Rückstoß des modernen Geistes, »ach dem Mittelalter. Damit wird durch lauter Ilcber-treibnng die nationale Zdce bloßgestellt. Man schaffe die Religionen abä lasse deiu Volte nur den- Vatcrlandscult und man erzielt nichts iveringeres, als eine 'KYut kehr 511111 Heidenthnm, eine Art erneuertrn Gövendiensl des Alterthnms. An Stelle.des einzigen Gottes, gemeinsamen VatcG aller Völker, tritt eine Art, nationale Vielgötterei, worin jede Ration ihre Götter haben wird. Wir kehren zum Gemeinwesen des A ter thnms, zum Eulte Roms, zum Angustus Eulte, zur Vergönernng des Eäsars zurück, gegen welche Zndcn und Elirinen durch das Blut iü vieler Märllirer Verwahrung eingelegt haben. ' Wohl weiß ich, daß nnseie Zeit nur Verwirrung und Wider sprach ist. Während von den ofneiellc» '.'ehrlanzeln herab noch gei,visse' Gelehrte unseren mindern die Anbetung des zur einzigen Gottheit erhobenen Vaterlandes predigen, verkünden Stimmen von unten, die sich immer lauter erheben, den Manen die Verncinnng des Vaterlandes. '.hoch ist das Zahrhundert, welches das nationale Princip so lärmend verkündet, nicht zn Ende, und schon wird der. nationale Gedanke in seiner eigenltichsten Berechtigung, in Frage gestellt. Es ersteht ihm aus den unlerstcn Schichten unserer Gesellschaft ein furchtbarerer Gegner als das verschwommene philosophische Weltbürgerthum des XVlll. Zahrhnndcrts. Während blinde und taube Wachposten gegen den Ultramontanen oder gegen den Semiten Värm schlagen, bat sich ein viel gefährlicherer Feind über unsere Grenzen geschlichen, welcher über unseren Haiiptstädlru die Fahne des Arbeiter Weltbürgerthums zu entfallen drobl. " Ter Feind der modernen Ralionälitäten, jener, der bereits alle»!« halben einen Staat im Staate bildet und ehrgeiziger als Eart'dcr ' Fünfte öderRapoleon d«is Wellreich anstrebt, denen '.Hamen wir kenne» und den wir am Werke sehen, ist der revolutionäre Soeialismus. An Stelle des nalionalen Patriotismus und der religiösen So lido.rilät will er die Gemeinsamkeit der Mißgunst und die Solidarität - der Begehrlichkeiten sehen. Diesem Znlernarionalisinus, der allein heute zn fürchten,ivird weder die jüdische noch die christliche Verbrüderung den Weg bahnen. Ganz im Gegenlheil, dadurch schon, daß die Religionen von den Elaneninieressen unabhängige Bande zwischen den Menschen knüpfen, verhindern sie, von ihrem DAV»a und ihrer Moral abgesehen, den Sieg des nmsiürzcnden Znler- »ationalisnins. Um zu siegen, muß er über den Veil» der Religion I ebenso wie über den i'eib des Vaterlandes hinwegschreäien. Das weiß er wohl, und dies ist unter Anderen ein Grund seiner Ab j Neigung gegen den religiösen Gedanken sowohl als gegen die na! lionalc Zdce. : Seien wir minder unserer Zeit-, halten wir nicht die Schauen! bilder zurückgebliebener Vorslcllnngen für lebendige Wesen. Drohj den modernen Ratioüen eine Gefahr, so loinml sie nicht von den > Religionen her, weder vom katholischen''Mönche^ noch vom resor j nurlen Pastor, noch vom israelilischen Rabbiner/ Di.e Zeit liegt > weil zurück, wo Hugeiiolien und Viguisien das deutsche Rcitervolk und die spanischen Tereieros auf franzöfischen Boden hereinriesen. Was den Znden, diesen sinminen Sündenblißer der- Vergangenheil, angcht, welcher Fremde ist jemals zu feiner Veribeidigung herbei, geeilt? Rur das unversöhnliche Gedächtnis; des.Eastiliers veriuig. dem Znden den Vorwurf zu machen, die Städte des Honigs Rodrigo den Arabern Tarit s geöffnet zu haben. Wenn her Znde durch seine Erziehung oder seine Absiammnng zum Weltbürgerthum zu neigen scheint, ch macht ihn dies geeigneter, als Bindestrich zwisckn'n den Bollern zu dienen, wie seine Väter des alexandrinischen Altertlmms und des arabischen Milleralters. I

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