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Freies Blatt · 1893-10-22 · 81 (22.10.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
81 (22.10.1893)
Date
1893-10-22
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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jährlich erscheinen läßt, so kann die staatliche Cultusverwaltung seine Entfernung von der Ausübung' des kirchlichen Amtes verlangen. Wird dem Verlangen der Legierung seitens der kirchlichen Behörden in an^ gemessener Frist nicht entsprochen, so ist das Amt oder die Pfründe für den staatlichen Bereich als erledigt anzuschcn und hat die Regierung dafür zu sorgen, daß jene (Geschäfte, welche die Staatsgesetze dem ordentlichen Seelsorger übertragen, von einer anderen von chr bestellten Persönlichkeit versehen werden." «Antisemitische Betrüger. » Ter ehemalige Borstand der Krankcnrasse der Gemischtwaarenverschleißer, Heinrich Wild, und der gleichfalls vor die Tyüre gesetzte Vorstand-Stellvertreter Josef Ihm, zwei eifrige Agitatoren'von der Lueger-Partei, hatten sich am 18. T'ctobcr vor einem Erkenntnißsenatc wegen Betruges zu verantworten, begangen dadurch, daß die beiden sauberen Herren für die an die Krankencaü'e gelieferten Trucksorten in das Cassabuch höhere Beträge einstclltcn, als sie factisch gezahlt hatten. Die Krankencasse wurde Isicdurch, soweit ein factischcr Beweis zu erbringen war, Um zusammen 35> sl. geschädigt. Ter Gerichtshof verurtheilte Wild und Ihm zu je zwei Monaten schweren Kerkers. Wild war insbesondere im zclnttcn Bezirke für die antisemitische Partei thätig und that sich bei den Wahlen durch seine Flegelhaftigkeit besonders hervor, wofür er einmal eine tüchtige Tracht Prügel cinheimste. i.8nr Ncreptlon der Zvden in Ungarn.) Ter Unterrichts ausichnß des ungarischen Abgeordnetenhauses, welcher mit der Borbcratbuiig der Reccptionsvorlage betraut wurde, hat den Gesetzentwurf in seiner am 14 Tctobcr abgehaltcnen Sitzung mit großer Majorität als Grundlagc der Specialdcbatte angenommen. Im Yaiifc der zweitägigen Debatte haben sich die Vertreter aller Parteien des Hauses' mit der größtekl Wärme für die Annahme des Gesetz entwurfcs ausgesprochen und denselben als die eigentliche Vollendung der schon im Jahre 1868 gesetzlich durchgeführtcn Emancipation der ■ Juden bezeichnet. Rur zwei Mitglieder des Ausschusses, welche katholische Geistliche sinh» verhielten nch ablehnend gegen den Entwurf, aber keineswegs, mit den Inden die Reception vorzuenthalten, welche auch von diesen priestcy(ichcn Vertretern als eine Rothwendigkcit und als ein Act der Gerechtigkeit bezeichnet wurde, sondern weil in dem Entwürfe zugleich die Rcciprorität zwischen allen Eonfessioncn normirt und der Uebcrtritt vom Christenlhnm zum Judcnthum gestattet lyird. Selbst in den Bemerkungen jener Abgeordneten also, welche sich kraft ihrer Stellung in der katholischen Kirche gegen das Gesetz erklären mußten, war keine Spur von antisemitischen Tendenzen zu entdecken, vielmehr stellten auch sie sich aus den Standpunkt der vollen Gleichberechtigung für die Juden. Tic von einem Mitglied? der Unabhängiglcitspartci gestellte Forderung, daß die Juden verhalten iverden, vorder Reception die Dogmen ihres Glaubens zu unterbrcitcn, wie dies seiner-,eit von den Prolcstanten verlangt wurde, hat der Ausschuß nach dem Hinweise des Eultusministers abgelchnt, daß die Juden seit vielen Jahrhunderten im Lande leben, mit der Regierung als Corporation verkehren und man durch diese Forderung nur an den Tag legen würde, daß man bisher eigentlich nicht gewußt, mit wem man verlehrt habe, llcberhaupt trat der Eultusminister Graf Csaky allen Einwendungen in einer.sehr warm empfundenen Rede entgegen, welche vom Ausschüsse mit lebhasteui Beifalle begleitet wurde. Ter Minister führte den Rachwcis, daß die Reception nnr die gesetzliche Sanction des lhatsächlich bereits seit vielen Jahren bestehenden Zustandes-bedeute. Es handle nch um eine gesetzliche Verfügung, welche fast in ganz Europa in Geltung stehe und mit welcher Ungarn unmöglich zurückblcibcn könne. Tev Minister freute sich," coustatiren zu können, daß gegen den Grundgedanken des Gesetzes überhaupt keine Einwendung erhoben wurde. Tie weiteren-Ausführungen des Ministers waren der Entkräftung der sonst vorgcbrachtcn Einwendungen gewidniet. Großes Interesse erregte cs, als der Abgeordnete Albert K i s s, protestantischer Geistlicher und Mitgücd der Unabhängigkeitspartci, erklärte, daß er diesen Gesetzentwurf im Ausschüsse sehr gern acceptire, im Plepum aber nur dann für denselben stimmen könnte, wenn er bis dahin in der Lage wäre, auch den Gesetzentwurf über die obligatorische Civilehe zu kennen und zu beurthcilcn. Graf Csaky erwiderte sofort, es. dulde gar keinen Zivcifel, daß die Regierung ihr k irchen p olitisches Programm in dessen ganzem Umfange durchführen werde, welche Erklärung Abgeordneter Kiss mit großem Tanke entgcgcnnahm, da dieselbe nicht bloß ihm, sondern auch vielen Anderen eine große Beruhigung gewählte. — In der am 16. lTctober abgchaltenen Sitzung nahm der Ausschuß den Gesetzentwurf auch in der Specia-ldcbatte an. Ter,8 2 wurde in folgender Fassung angenommen: Tic Geltung der in den lsH 1 l'-s x und 14 des Gesetzartikels 5)3 vom Jahre ,186.8 enthaltenen B'.stlmmungcn wird auf den Uebertritt vom israelitischen zum christ¬ Blatt. Nr. 81. lichen- Glauben oder umgekehrt vom christlichen Glauben zur jüdischen Religion ausgedehnt. Der Ausschuß beschloß ferner, in einen neuen - Paragraph die §§ 18 bis 21 und 23 des Gesetzartikels 53 vom Jahre 1868 aufznnehmcn, beziehungsweise deren Bestimimingcn auch auf die Anhänger der israelitischen Religion, auszudchnen. In dem dem Hause vorzulegcndcn Berichte beschloß der Ausschuß, die Aufmerksamkeit der Regierung darauf zu lenken, daß cs niit Rücksicht auf die massenhafte Einwanderung auS deni Anslande auch im Interesse, der Israeliten wünschensiverth wäre, daß das Heimatsgesctz strenge dnrchgcführt werden soll oder, wenn dies nicht gelingen sollte, eventuell entsprechende legislative Verfügungen getroffenwerden. (Tic „Kölnische Zeitung" über das Tivoli Programm.) In einem längeren Artikel, in welchem die „Kölnische Zeitung" das Tivoli-Programm einer abfälligen Besprechung unterzieht, 'heißt cs u. A.: „Man kann nicht eine .Jndenfrage' aufstellcn oder in ein Programm aufnehmen und damit Anklagen erheben, die unterschiedslos jede» Juden treffen oder doch unterschiedslos auf jeden Juden bezogen werden, ohne sich auf den Boden der Rohheit und der Ungerechtigkeit zu stellen; wer einer Reformaufgabe eine Bezeichnung gibt, die alle anderen Titel der Gattung und alle anderen Merkmale als die der Abstammung zerdrückt, stellt sich, gleichviel wie .gemäßigt' er im Ucbrigcn zu verfahre» beabsichtigen mag, auf jeden Fall unter dieses Urtheil. Und darin, daß die conservative Partei diesen Schritt vollzogen und sich des Vorsatzes, vornehm und gerecht zu sein, cntäußert hat, -liegt der charakteristische Zug des neuen Programms; daß gerade die ,Jndenfrage' das AmvendungSfcld des Umschwunges bildet, ist für die Bcurtheilung der Eigenschaften des Wechsels im Grunde nebensächlich. Man hat so zugleich die Antwort auf die Bchauptnng der ,Krcu;;citung', daß die Conservativcn besser gefahren wären, wenn sie den Antisemitisnius schon früher in ihr Programm'ausgenommen hätten. Gewiß wäre ihnen das schon vor Jahren möglich gewesen; sie hätten nur dieselbe Urthcilsschwächc hinsichtlich des wahren Gesichts des neuen Zugstücks oder dieselbe Scrnpellosigkcit in der Wahl der Mittel schon früher zu besitzen brauchen. Aber der Erfolg wäre ihnen damals so wenig zugefallcn wie heute. Denn in Dingen, deren Anfang die Abstreifung der Besonnenheit und der Griff ins Demagogisch«; ist, behält die kräftigste Tonart, auch die Führung bis ans Ende; auf der schiefen Ebene hat die .Mäßigung' ihr Recht verloren und liegt der Erfolg unten. Es >värc auch ohne jede Bedeutung gewesen, ob der Antisemitismus damals schon seine besonderen Führer hatte oder sozusagen unbesetztes Gebiet war. Er hätte sich diese Führer gesucht und sic genau so, wie sic jetzt vor Augen stehen, gefunden. Tenn diese Leiter und Vorkämpfer gehören zu seinem Wesen: der Antisemitismus hat die Führer, die er gebraucht und die er verdient." So trefflich diese Ausführungen des national-liberalen rheinischen Blattes sind, an der traurigen 'Thatsache, daß in vielen Wahlbezirken Preußens, Sachsens ,-c. die Rational-Liberalen Helfershelfer jener Patrone sind, die sich auf den „Boden der Rohheit und der Ungerechtigkeit" gestellt haben, ändern sie nichts. Wir können einem freisinnigen Breslauer Blatte, nicht Unrecht geben, welches .auf die nculichcn, stark antisemitisch gefärbten Auslassungen der „Rational-liberalen Corrcspondenz" hinwcjst und der „Kölnischen Zeitung" zuruft: „Wenn sic den Antisemitismus bekämpfen will, so kann sie in ihren eigenen Reihen den Anfang machen." (Kommt Stöcker ill den preußischen Landtag'?) Der arme Stöcker stoßt auch auf Schivicrigkeiten bei seiner Bewerbung um ein Landtagsmandat. Seine früheren Mandanten in Bielefcld-Halle-Her- 'ürd, wo er mit Hilfe der Rational-Liberalen gewählt worden war, ahen sich um einen anderen Candidaten um. Der Wahlkreis Minden-Lübbecke, dem die Tivoli-Männer nun die Ehre zugcdacht haben, Stöcker einen Abgeordnetensitz zu verschaffen, sträubt sich dagegen. Der einstige Wiener Arbeiterführer Oberwinder muh« sich beizeiten mit Traucrphrascn versehen, um als „Schriftleiter" des Stöcker'schen Trganes „Volk", für den Fall, daß Stöcker in Preußen ebenso wie im Reiche parlamentarisch obdachlos würde, imtande zu sein, wochenlang Schmerzcnskundgebungen äußern zu können. (Wieder ein Kirchenfürst gegen den Antisemitismus.) Während seiner Anwesenheit in Bromberg hatte der Erzbischof von Posen Dr. v. Stablewski jüngst die Gelegenheit, auch den Rabbiner der Stadt Tr. Walter zu sprechen. In der Unterhaltung kam die Rede ans den Antisemitismus, und der Kirchenfürst wies darauf hin, daß cr von dem Augenblicke an, als er sein erzbischöfliches Amt angetreten, «eine Aufmerksamkeit auch den Strömungen ans den verschiedenen confessioncllcn Gebieten zngewandt habe. Wie er jeden confessioncllen Partcihader hasse, so auch insbesondere den Antisemitismus. Unsere .Religionen, führte er ans, sind ja nahe venvandt, und umsomehr haben wir Ursache, den Frieden unter den Confessionen zu pflegen. X.

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