Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 81 (22.10.1893)
- Date
- 1893-10-22
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/4886575-5439157-5441461--0878-4887372- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Freies Blatt. Leite ll Nr. 81. ist sich dcr Tragweite ihrer Beschlüsse gar sticht bewußt und thut einfach, waS die hohe Obrigkeit von ihr fordert. . . . Darin aber liegt die ganze Tragik, daß diese ungesetzlichen Ausweisungen vor der ganzen Welt als „gesetzlich" gelten! Daß zahlreiche jüdische Familien brotlos gemacht, daß viele arme Menschen dem Hunger prcisgcgcbcn werden, waS kümmert dies die Obrigkeit? Es sind ja nur Juden, die diesem Schicksal?. auSgclicfcrt werden. . . . Eine ebensolche ..Judenausrottung" hat die ncucingcführte'Städte ordnung bewirkt. Sic hat bekanntlich die Zahl dcr jüdischen Clemcinderälhe auf ein Minimum reducirt, so daß die vitalsten Jntcresicn dcr Juden nnnmchr in dcr Gemeinde fast keine Vertreter haben. Sogar Männer, die um das Städtcwcscn hohe Bcrdicnstc sich erworben habe», werden rücksichtslos verjagh. ... In Odessa z. B. ist der Jude Eha ri, dem die Stadt eint» Thcil ihres ReichthnmS, ihre schönen Parkanlagen, ihre monumentalen Bauten zu verdanke» hat, dcr mehr als 25 Jahre der Commune selbstlos gedient, nunmehr verjagt worden, weil er — ein Jude ist. Bon diesem Schicksale.hat ihn nicht einmal ' die öffentlich ausgesprochene Anerkennung des ganzen Gemcindcrathes retten können, lind da sagt man noch, in Rußland gebe cs keine Gerechtigkeit! Aigns. v'Jlllö bcill stillthhanst.) In der Sitzung des Wiener Gcmciudcrathes vom 13. Octobcr, gab cZ wieder einmal einen regelrechten antisemitischen Sturm, durch welchen aber diesmal die Barke eines der Parteimitglieder selbst ans Trockene geschleudert wurde. Dcr Gemeindcrath Greg orig siel die .Rtajorität 'in seiner Brannrwciiikncipcnmanier an, indem er ihr vorwarf „sic kusche, neun der Bürger meistcr mit dcr Peitsche komme". Grcgorig wurde für diese Aenßernng, über welche sich die Mitglieder der Majorität bei ruhiger Ucbcrlcgung kaum kränken dürften, für zwei Sitzungen ausgeschlossen. Zugleich wurde ein antisemitischer Agitator mit dem bezeichnenden Rainen Hackmesser, der sich von der Galerie aus an de» Berathungcn und Scandalcn des GcmcindcralhcS bcthciligen zu können glaubte, durch Brachialgewalt von dcr Galerie entfernt »nd der'Polizei übergeben. In derselben Sitzung wurde über den Antrags 1'ucger'S, das dem Bürgermeister zu erthcilcndc Mißtrauensvotum betreffend, ab gestimmt, wobei cs sich zeigte, daß dcr Zerfall dcr freisinnigen Majo rität doch noch nicht soweit gediehen sei, um dem Dr. 1'ucgcr den Weg auf den Präsidcntcnstuhl zu ebnen. Sein Antrag wurde mit 83 g c g c n 38 S t i m m e n a b g c l e h n t. (Lyssa antisemitira.) Anläßlich dcr ersten 1'csnng dcr Re giernngsvorlage über den Prager Ausnahuiszustand l>at den Mcchanikcr Schneider abermals die anliscmiiische Tollwuth befallen. Den nationalen Kampf in Böhmen stellte Schneider als ein Werk der Juden hin, aber dieser huarstränbcnvc Blödsinn war doch noch die mildeste Saite, welche der wackere Mcchanikus anschlug. Mit vollständiger Jgnorirung dcr gerichtlichen llntcrsiichnng und ihrer Ergcbnissc erklärte er im Parlamte „ans das Dccidirtcstc", daß die in Kolin ums Istben gekommene Anna Hladik einfach von den Inden ermordet worden sei. Zur Zeit, wo die Untersuchung dcS Falles von .den Behörden veranlaßt war,, habe ein Jude in Kolin im Gasthausc ein Glas Bier mit Ehristenblut bestellt, und ein anderer.Jude gesagt: „Nun, Heuer haben sich die Gojim geärgert, weil einer dcr Ihrigen Blut abgcnoninien wurde; in ein paar fahren werden sic uns daS. Bliit verkaufen." Es gibt natürlich kein parlamentarisches Mittel, um solche vor den Strafrichter und den Irrenarzt gehörige Ausfälle hintanzuhalten und nach Gebühr zu strafen, da man ja niemals ahnen konnte, daß in irgend einem Parlamente solch ein blutrünstiges Rowdhthuin Einzug halten werde. Zudem versagen natürlich einem Schneider gegenüber alle auf das Ehrgefühl bcrcchnctcn Disciplinarmittel; so ließ er sich auch diesmal durch die wiederholten Ordnungsrufe dcS Präsidenten ebensowenig beirren wie durch den ihm vor versammeltem Hause ins Gesicht geschleuderten Zuruf „Stampigliensälschcr" und krönte seine Brandrede durch einen Antrag, „die' 'Verordnungen des GesanimtniinisteriumS vom 12. September 181)3, niit welchen für das Gebiet dcr königlichen Hauptstadt Prag rc. Ausnahmsvcrfügungen getroffen wurden, seien bezüglich der Christen deutscher und böhmischer Zunge sofort auf;nheben, dagegen sollen dieselben bezüglich der Juden aufrechterhalt tu werden". Dcr Präsident wies den Antrag als geschäftsordnungswidrig zurück, erklärte, cs der Beurthcilung Schncidcr's übcrlasicn zu müssen, ob er cS »nt der Würde des Hauses 'vcreinbarlich finde, derartige Anträge ernsthaft zu' stellen. ES wäre allerdings sehr traurig, wenn t>ie Würde deS österreichischen Parlaments von der Gnade odcp Ungnade - eines Schneider abhienge. (Der antiselllitischc EoiirSZtltcl.) Auch das poliiiichc l'ebcn bat seine Börse, auf welcher Wcuhpapicre umgcsetzt werden, eine Börse mit allen Attributen einer solchen, mit Coursschwankiingeu, mit Hauste und Baisic. Die Stimmen dcr Wähler bilden ein werthvolles' politisches Capital, dessen Größe die Machtstellung der parlamentarischen i'yiiic tioncn begründet, ei» Capital, dcsicii bestmöglichste F-rnctincirnng - die stete Sorge der Parteiführer bildet. Der vielgehüiichelie „kleine Mann" ist in den letzten Jahren ein solches?iclüingspapicr der österreichischen' . politischen Börse gewesen, dcffen ConrS hoch über Pari noiirtc, die antisemitische Partei in Wien und Umgebung halte diese Actien nahezu vollzählig in ihrer Hand zu vereinigen gewußt und hütete den kostbaren Schatz mit ArguSaugcn, denn aüs dcr Gunst des „klczncn Mannes" schöpfte sie ihre ganze Kraft. Das waren die „Tausende 1 des' ehrlich arbeitende», christlichen Volkes", welche einem Brinzcn Oicchtcnstcin und Schneider ihre Mandate erringen halfen. Ans ihren Reihen rccrutirten sich die begeisterten Anhänger der Jndenhctzc, die Freunde des BcsähignngSnachweiscs, die Mitglieder dcr „Christlichen Familie". Dcr 10. Octobcr brachte eine« Run auf diese Actien: Eine jähe Panik ergriff die Börie. Gras Taafse -hatte schon mit dcr Anküildignng sei»-' Wahlreform eine Entwcrthnng dcr kleinbürgerlichen Wählcrstimmcu hcrbcigcsührt. Drei Tage später, und wir sehen den Prinzen Vicchtcnsteiii, dem die kurze Spanne Zeit genügt, um iscine Geistesgegenwart wieder zu gewinnen, an der Arbeit, sein politisches Vermögen für alle Fülle zu rangiren. Einem, Equilibristen gleichend, dcr auch auf dcr dahintolleiiden Kugel das Gleichgewicht zu erhalten vermag und, Knßhändchcn werfend, in .eleganter Pole seine Kunststücke zum Besten gibt, hat Prinz Liechtenstein die christlich sociale Toga abgestreift und zeigt sich dem versaniinelten Volke im dliilrplhcn TricotL», Das erfordert dcr Zug dcr Zeit, und dcr Erwählte von Hernals versteht sein Geschäft. Er acceptirt die ^Reformvorlage des Grafen — Taasfc; noch mehr, er tritt für das allgemeine, gleiche und directc Wahlrecht ein. U»d dcr „Keine Mann"? Der zählt für ihn offenbar schon zu den politisch Tvdle», ist Macnlatur, und mir Macnlatur befaßt sich Prinz Liechtenstein nicht. Er ließ die Haribcrgcr Bauern fallen, als seine Uhr ihm die Stunde hiezu wies. Er laßr den „kleinen Mann" fallen, da er die Zeit für gekommen erachtet. Wer wird sich nin den Sliminciifaiig von Tausenden ^bemühe», wenn Zchüiauscnde entscheiden?-Es zeigte sich wieder, das; der Be'ähignngsiiachivcis nnd die confcssioncllc Schule nur leere Schlagworte lind. Wird .»»» dcr „kleine Mann" erkennen, wem er sich ausgclicfcrt, als er sich lüechienstein und Schneider in die Arme-geworfen hatte? in >>>. (Flllgschri'sttkl.) Durch die Admiiiistralion des „Freien Blattes' (Wien, l., Seilcrstättc Il>) können G,csttinniigsge»oiseii folgende Broschüren gratis und franco beziehen: l. Bericht der zweiten Generalversammlung des Vereines zur Abwehr' des Anti-'' scmitiömuS 1802. 2. Stenographisches Protokoll der am 13. Octobcr 1802 vom Verein zur Abwehr des Antisemitismus veranstalteten Protcstvcrsaiiimlung. 3. Bericht dcr dritten Ge n er a l versa mm l u ng des Vereines zur Abwehr deö Antisemitismus 1803. — Um Weiterverbreit»ngdieser Schriften nnlcr 'R i ch t gesinnungs genossen wird gebeten! . . Affairc (yidlhoril.) Unseren Ocscrn dürste noch erinnerlich.' sein, daß der »iederösterrcichischc 1'andesschulrath Anfangs Mai v. -I < die Enthebung des ehemaligen aiilii'cmilischc» Abgeordneten Pfarrers Eichhorn » Höflein a.'d. D. voii seiner Stelle als taiholifcher Rcligionslehrer verlangte und diese an das "fnrstcrzbischöiliche Con sistorium gestellte Forderung in ausführlicher Weife begründete Dieses - Verlange» war die Folge einer Anzeige, welche dcr Vater eines schul .pflichtigen Mädchens gemacht Halle nud mit der sich Gericht, -1'andeS fchulrath.»nd Consistorini» eingehend beschäftigten. Das Cousistoriniu verfügte die Einleitung einer Untersnchnng, die vom Domherrn Kor n hcisl bis in die kleinste» Details geführt -wurde. Das Resultat der gepflogenen Erhebungen vcianlaßte das Coniistorinm', an den Propst dcS Klosterncuburgcr Stiftes, welchem der -streitbare Pfadrer angehört, die Aufforderung zu richten, Eichhorn von Höflei» zu entfernen nnd als Rcligionslchrer an Schulen überhaupt nicht mehr anzustellcn. Der Propst Ubald Ko st er sitz ließ aber diese Anssoidcrung bis nun unbeachtet,. nnd cs gewann fast^den Anschein, als ob trotz der erwiesenen, die Sittlichkeit verletzenden Aenßcrungcn des Pater Eichhorn dieser ans seinem Posten verbleiben werde. Wie verlautet hat nunmehr die Regierung in dieser bcmcrkcnswcrlhcii Aifaire' Stellung: gcnom'mcn und die kirchlichen Behörden dahin informirt,. daß sie im Einklänge mit dem Verlangen des Vandesschulrathes auf der Entfernung' Eichhorns bc stehen müsse. Die'Intervention der Regierung gründet sich-aus de» 8 8 des Gesetzes vom I. Mai 1874, welcher lautet: „Hat sich dcr Seelsorger eines Verhaltens schuldig gemacht, welches fein ferneres Verbleiben in dem kirchlichen Amte als dcr öffentlichen Ordnung ge-