Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 80 (15.10.1893)
- Date
- 1893-10-15
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 80. Seite 7. Freie, erklären, bafj wir mit diesen christlich-socialen Politikern keinerlei Genieinschast haben wollen und auch jederzeit unsere Gegnerschast zu denselben zu bethütigen entschlossen sind. („Der Wiener Jtid, der Antisemit aus Wien.") Wenn Jemand eine Reise thut, so kann er tva« erzähle». Herr Geßinan», der in einem Antisemiten vereine, in welchem er namentlich gegen die Socialdemokralen loSzog, seine Reiseerlebnisse schilderte, ergötzte seine Zuhörer durch folgende Mittheilung: „Ich habe in Mähre» mehrere social-demokratische Versaminlungen besucht «nd dort auch gesprochen. Einmal stand ich i» der Nähe zweier intelligent aussehender Arbeiter, von denen der ritte den anderen fragte: ,Wer ist denn Ter, der jetzt g'red't hat?' ,Na, daS ist der Wiener Jud, der Antisemit auS Wien.' In der . Vorstellung dieser keilte spielt Judenthum und Antisemitismus ein und dieselbe Rolle." Par so wunderlich ist die „Botstellung dieser Leute" nicht; sie erscheint uyS vielmehr im Hinblicke aus Individuen vom Schlage eine« Paulu» Dkeyer sowie auf Aussehen und Namen gewisser antisemitischer Wanderredner nur zn sehr erllärlich. (Eine Echlltider-Prodiiclivn.) Jener Aniisemite,tansührer, welcher aus den Ruf „Schneider" hört, prodncirte sich dieser Tage in Margarethe», wo er vor einer andächtigen Zuhörerschast den Borsall von Beraun zu „Schüßgeld"- Zweckeu auSzunlitzen suchte. Wie bekannt, hatte sich in Beraun das Gerücht verbreitet, es sei im Magazin de« dortiget, jüdischen ÄtaShändterS Lewy dessen Dienstmädchen Marie Schmid tobt attsgesuitdett worden, der Sachverhalt, der jenem Gerüchte zu Grunde lag, aber bald in solgender Weise ausgeklärt: AlS Lewy Morgen» sein Magazin betrat, fand er dort da« Mädchen leblos aus dem Boden liegen. Er schlug josort Lärm und sendete um eine» Arzt. Der Arzt selbst glaubte int ersten Momente, daß da« Mädchen tobt sei Da sich inzwischen eine große Menschenmenge vor dem Magazin ansatninelle und eine drohende Haltung einzunehmen begann, verständigte der Borsteher der jiidilcheit CultnSgemeinde da« Bezirksgericht und erbat Hilfe. Es erschien alSbald eine Eommission, zugleich auch der BezirkSarzt aus Horzowitz. Bei sorgfältiger Untersuchung fand man, daß Marie Schmid von einem epileptischen Anfalle heimgesucht worden sei. Wieder zum Bewußtsein gebracht, gab sie au, sitz habe sich im Magazin verstecken wollen. Sie leide häufig an epileptische» Krämpfen, und al« sie da» Herannahen eine» solchen Anfalles siihlle, habe sie sich in da» Magazin geflüchtet. Schneider begab sich, nachdem er die Beranner Geschichte gelesen, nach dem Schattplatze derselbe», um an Ort und Stelle zu ermitteln, tvaS sich daran» machen läßt. Seiner Margarethener Zuhörerschaft erzählte er nun: „Es stellte sich heraus, daß da» arme Geschöpf bereit» acht Tage in dem. Gänsestalle lag. Ich habe mir die Frage vorgelegt, wieso e« komme, daß der Jude die Anzeige nicht erstattet habe, und habe mir gedacht: dort ist der Äänsestall, dort ist die Synagoge, und die jiidiichen Feiertage sind auch da . . . Aber auch andere Ersahrungeu habe ich in Beraun gemacht. Tort befindet sich ein Jude, dessen ,Manie' noch mit alten Kleidern in Prag hausirte. Der Mänu ist heute — siebzehn facher Millionär." Schneider suchte also seinen Zuhörern wei». zumachen, dt^ in Beraun doch ein „rituelles" Verbrechen geplant wenden wäre. Daß Marie Schmid lebt, durfte Niemand mehr bedauern al» er. Wa» den „siebzehnfachen Millionär" von Beraun anbelaugt, so versichern unS Kenner der OrtSverhältnisse, daß man in ganz Beraun keine siebzehn Millionen Kreuzer auflreibett könnte. Natürlich unterließ e» Schneider nicht, feiii'ccteruiii censeo vorzubringen und zur EonfiScation de» jüdischen Besitze» ousznfordern.^ Auch wiederholte er die alte antisemitische Lüge, daß der Abgeordnete Tr. Max Menger ein Jude sei, und schimpfte schließlich über die „jüdischen Magyaren", zu denen er offenbar die Minister Gras Esaky und Szilagyt zählt. Im Lause de» Productionsabend» geschah auch de» Antisemiten Wolf Erwähnung, der die Ehristlich-Socialen bekämpfe, worauf der Ruf erscholl: „Judendnbenarl!" (Im Geiste der Liechtenstein schen Socialreform.) Ter „Katholische BotkSverei» für Oberösterreich", an dessen Spitze Tr. Ebenhoch steht, faßte einstimmig folgende Resolution: „Tie couservaliven Abgeordneten Oberösterreichs werden ersucht, mit allem Nachdruck dahin zu wirken, daß die geplante Einbeziehung der gesammlen kandwirihschaft in die Arbeiler-Unsallver sicherung nicht zur Turchfnhrung komme." Tie „Politischen Frag mente", sonst ein waschechte« clerical-antiseinitiiches Organ, haben, nun in einem schwachen Augenblicke der Wahrheit die Ehre gegeben ttnd diesen Beschluß alt» glossirt: „Wir wollten unseren Augen kaum trauen, als tvir diesen Beschluß lasen. Tic österreichische Arbeiter-Unfallversicherung ist ein äußerst magere» Gesetz. Wenn der Arbeiter ohne sein Verschulden-bei der Arbeit verunglückt und arbeilSunsähig wird, erhält er von der Arbeiter-Unfallversicherung eine Rente, die, wen» er dauentd arbeilSunsähig ist, 60 Percent seine» Arbeitslohnes, wenn er aber nur zeitweise arbeitslinsähig ist, nur SO Percent, und zwar nur für die Dauer der Arbeitsunfähigkeit, beträgt. Ta» Gesetz erstreckt sich bisher nur aus die Fabriksarbeiter; cS besteht aber allseits daS Bestreben — auch bet der Regierung — e» auch auf die lantwirthschaftlichen Arbeiter auSzudehnen Und da kommt der .Kacholische Volksverein für Oberösterrcich', der unter dem Protektorate deS hochwürdigsten'Bischofs von Linz steht und einen'Mann zum Vorstände hat, welcher bei jeder paffenden Gelegenheit seine katholische Gesinnung hervor kehrt — da kommt eilt Verein, dem die Majorität deS katholischen CleruS in Oberösterreich angehört und deffen Grundstock die katholischen Bauern LberösterreichS Blatt. bilden, und spricht sich gegen die Einbeziehung der landtvirthlchaftlichitt Arbeiter in die Arbeiter Unfallversicherung au»! Erkläret mir Gras Oerindur! — Der arme landwirthschastliche Arbeiter in Oberösterretch," der 'einem spudalen Herr» da» Geld erarbeitet und verdient, aus daß dieiec standesgemäß leben und allen Freude» deS irdischen TaieinS stöhnen kann, der arme Knecht nntz die arme Magd deS katholischen Bauern diese» Kronlande», die von der frühesten Morgenstttnde bis tu die Nacht hinein schwer arbeiten und schassen bei geringem Lohn und schmaler Kost — denn die Bauern selbst haben keinen. Nebenfluß — ffc Alle sollen von der Wohlthat der Arbeiter-Unfallversicherung ausgeschlossen bleibe», sie sollen, wenn sie im Dienste ihrer Arbeitgeber vetUnglücken und arbeitSnnsähig werden, nicht einmal die wenigen Kreuzer*) auS der Arbeiter. Unfallversicherung erhalten,. sondern — um einen Ausdruck des Fürsten BiSmarck zu gebrauchen — wie die Hunde am Mist verfaulen. Das nennt man Huntanität, christliche Nächstenliebe, -Flirlorge für die Armen und Unglück licheu!" Wir haben dieser Würdigung deS im Geiste der Liechtenstein'tchen Sociatreform gefaßten Beschlusses nichts hiltzuzusiigen. Aus antifcmitifdjcu blättern. (Zweierlei Maß.! Eine sogenannte Probirmamseü, die bei einer Eon seclionSsirina einen MonatSlohn. von 35 fl. bezog, von welchem aber für jede ' Viertelstunde de» zu späten Etnlrenen« im Geschäfte zehn Kreuzer abgezogen wurde», stahl 102 Jacken und wurde dafür zu einem Jahre schweren. K'erkerS verurlheilt. Die Firma war eine jüdische, und so bringt denn da» Organ de» Solecer Philanthropen einen-„Jüdische Ausbeuter" iiberschriedenen aufreizenden Artikel, welcher besagt: „Tie Verhandlung Hai ein grelle« Streiflicht aus die Verhältnisse geworfen, die in gewissen Gelchäslen, die sich-im Besitze von Juden befinden, herrschen... In erster Linie hat sich wieder gezeigt, daß christliche Mädchen, wenn sie in jüdischen Geschärten ihr Unterkommen suchen, den größten Gefahren anSgeletzt sind. Durch eine uttznlängliche Bezahlung, durch Chicanen aller Art wird die Ehrlichkeit derartiger arnter Geschöpfe aus eine harte Probe gestellt, und weint sie es nicht vorziehen, ihr Geschlecht zur Quelle eine« Neben entkomme»» zu machen, dann werden sie dem Verbrechen in die Arme getrieben. Die An und Weite, wie.gewisse Firmeninhabcr ihre Bediensteten zur TiSciplin anhalten wollen, die nnverhältnißinäßige Höhe der .St-qsabziige', die gemacht wurden, auch daS Alle« ist ungemein charaktetiftijch für da» System, da» die Leute ihren christlichen Untergebenen gegenüber zur Anwendung bringen." In derselben 'Nummer, in welcher dieser nicht von Mitleid, sondernvon nieder-, trächtiger Gehäisigleit eingegebene Artikel er-chien, brachte aber das Hetzblatt auch, folgende» Bericht über c.nc andere Gerichlsvetkandtung: „Em junge), kaum I«jährige» Dienstmädchen Namen« Levpottine Artnian» batte sich nnter _der Anklage de« Diebstahl» zu verannvorten. DaS arme t'lelchöps war bei der Volkcsänzerin Paula Tietel bedienstet und bezog einen Lohn von "> ff. (!i per Monat, von tvelchem Betrag ihr überdies Io zahlreiche Abzüge gemacht wurden, daß chr'ost nur ein Gulden von ihrem Lohne übrig blieb und sie in ihrer Kleidung und in ihren Schuhen, da da» Mädchen sich nichls anzuschaffeu vermochte, bereits ganz herabgekotnmOt war. In ihrer Roth ontwendete sie ihrer Herrin eine Pliischiacke im Werihe von 2>> st., die sie versetzte. Mit dem erhaltene» Betrage kaufte sie sich ein Paar Schübe. In Anbetracht der zahlreichen mildernden Umstände vcrurtheilte der Gerichtshof Leopoldine Artmann zur Strafe deS einfachen Kerkers von l l Tagen." Für vernünftige Leser kann e« eine schtagendete Widerlegung der jndeitseindliche» AttSlaffnnge» deS oberwähmen Artikel« nicht geben, -NS sie dieser Bericht bietet, doch antijemittschtz „Schrift leitet" ipeculiren ja nur aus die Tummhelt, und leider mit Ei'olg" i Abgkscrligt, > Man mag über den Wiener Junggesellenverein dieser oder jener Meinnng sein, die Noibwendigkeit teilte« Bestandes anerkennen oder leugnen -- lobenSweuh ist e» jedenfalls, daß derselbe daS sich au ihn herandrängende „Deutsche - Volts bl alt" gründlich abgeserligt und die>em gegenüber den httmanitären Charakter d.S Vereine» höflich, aber onlschicden betont bat. Im' Namen de» Gritndttttgscoinitös beantwortete Herr Paul Seeg »er eine Zuschrift des Vergani'ichen Blatte» wie folgt: „Ihr geschätztes Schreiben vom 3. d. M., womit Sie sich recht gerne bereit finden wollen, Berichte über Pie .Vereinigung lediger Herren' zu veröffentlichen, wenn Ihnen vorher eine Erklärung eingefendet wird, daß dieselbe ..judenrein' iei, habe ich sofort dem GritndungScomitö zur Beschlußlaffung vorgelegt. Diese Entschließung, geht nun dahin, daß, nachdem diese Vereinigung alS ge-ellig-hnmannäre gedacht ist und die wirthschaftlichen Interessen de» ledigen Standes wahren 'oll, weder die Nation »och die Consession eine Vorbedingung für die Ansnahtne tritt soll, sondern lediglich ein integrer Charakter in erster Linie verlangt werden wird." (Eilte verdächtige Achnlichkeit.) In der Form eines „Einge'endet" bringt ein Antisemiteiiblatt folgende Hetznotiz: „Bei der Festmeffe de» Wiener Männer gesangvereineS in der Augustinerkirche befand sich unter dem Audiiorinm, ivie selbstredend, eine große Anzahl Andersgläubiger. Doch auch bei vieler rein *) Ta der durchschnittliche Lohn eines landwirthschaftlnhen Arbeiters 30 kr. beträgt, würde ein verunglückter Arbeiter täglich 15 bi« höchsten« IS kr.' erhalten.