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Freies Blatt · 1893-10-15 · 80 (15.10.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
80 (15.10.1893)
Date
1893-10-15
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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thätig war gegenüber einem (Kandidaten der Böckel-Zimmcrmann'schcn Reformpartci. Das Gleiche gilt von dem russischen „Doctor" Bauer. Dieser „verschwand gegen daS Ende der Wahlzeit aus Leipzig und hals, bcgleitck von einem ganze» Gcneralslabe geübter deutsch-socialer BereinS- und BersaminlungSrcdner, der conservativen Partei die Wahlkreise Marienbcrg, Döbeln '.und' Borna erobern." Diese Agitations- . arbeit leistete. Herr Bautr für 10.000 Mark. Den, Wahlkreis Borna, der fast ganz schon deutsch-social war, machte Bauer „beinahe mit (Gewalt wieder conscrvativ": dort candidirte Dr. Frcge, für de» Bauer cintrat. Bon Theodor pritsch sagt unser „Deutsch- Socialer", derselbe sei jeder geordnclcn Geschäftsführung abhold, verberge sich lieber iyl Hintergründe und gefalle sich im Ruhme, das geistige Haupt der Deutsch-Socialen zu sein. Die häustge Berurtheilung in seinen Rcchlstreitigkcitcn solle er lieber seiner Lässigkeit als der Mißgunst der „vcrjudcten" Rechtspflege zuschreibcn'. Ebenso wie Liebermann v. Sonnenberg erfährt auch seine „Politik großen StylS" eine vernichtende Kritik. An der Hand seines Flugblattes „Tic Deutsch- Socialen und die Jndenfrage" wird ihm seine Ignoranz und mangelnde Logik klar vor Augen geführt und der Rimbus, als ob Fritsch der Theoretiker dcS Antisemitismus sei, zerpflückt. Das Endresultat, zu welchem der Bcrfasier gelangt, ist: ..Die I cs ni te» p o l i t i k der Herren Fritsch und v. Lieber mann bedeutet nichts Anderes als ein unerhört leichtfertiges Spiel mit dem Wohl und Wehe dcS deutschen Bolkcs!" Wie die Antisemiten überhaupt Alles, was ihnen nicht -genehm ist, als „jüdisch" bczcichncu, so wimmelt cS natürlich, auch in dieser Broschüre von diesem nrnan?, welches diesmal jedoch immer auf die — Dcutsch- Socialcn augcwendct wird. Der Borstand dcS Reformvereines wird eine „Iudcnichule" genannt, in welcher selbst „die Bcrfasier deS Schulchäu Arnch für die Abschnitte ihres viclgcfürchtcten Buches, wo cS ftd) um die Borschriftcn für jüdische Richter in der Rechtsprechung zwischen GoiS und Juden bandelt, noch haben in die Lehre gehen können." Eine Schilderung des inneren ParteilebcuS, daS der Beriasicr doch anS persönlicher Erfahrung kennt, verdient vollinhaltlich wiedcrgcgcben zu werden. Der Bcrfasier sagt: „Die Partcizusammcnküuftc, ,auf denen wichtige Angelegenheiten der Partei beralhcn werden sollen, arten immer mehr zu bloßen Trinkfeste» aus. -Starke Dinge wurden-in dieser Beziehung in Hannover geleistet, wo dem eigentlichen Berathungslage das große Biersest am Hermannsdenkmal voransging und die Pcrhandlungen erst um 10 Uhr eröffnet wurden. Man denke: im Hochsommer! Warum nicht schon früher'? Mögen nur die Herren Bertreter Tags zuvor einige Stunden früher zn Bette gehen. Was bei diesem Zusammensitzcn ins Endlose gcrcdel wird, ist d o ch m ei st e n s n u r A u s kc h r ich t. In Hannover kam dann ein langes Mittagessen, bei welchem männiglich eine ganze Flasche Wein vor sich hatte und manche auf die erste noch eine zweite setzten. Hieran schlossen sich güligsi noch einige Stunden Berathung, während welcher die Kellner endloses Bier herbcischlcppten, so daß der S ku »> pfsinn in der Bcrsam m ln ng immer großer wurde und nian es schließlich allgemein als Erlösung begrüßte, als — der EommerS begann, der bis »ach Mitternacht dauerte und von dem Borsitzcnden der Partei, Herrn Dr. -K ö n ig, schneidig und tadellos geleitet,wurde. Es ist hohe Zeit, daß solchem Ilniugc ein Ende gemacht werde, sonst verbicrt die Partei. .ES gibt keine saure Gurkcnzcit mehr in der Weltgeschichte , am allerwenigsten für Antisemiten und Deutsch- Sociale," Woher nur die Antisemiten, die sich gegenseitig so gut kennen, noch den Muth haben, anderen Leuten beständig den Revolver an die Brust zu setzen? Rcvolvcrschüffe gegen ein Kaffeehaus.) Wie aus Stuttgart berichtet wird, wurden dort am 11. d. M. Abends auf ein kürzlich von einem Juden in der Sderen Schloßstraße cröfsnetcs Kaffeehaus,aus dem gegenüberliegenden Liedcrhaltcngarten vier Rcvolvcrschüsie abgcfeucrt. Eine Kugel durchschlug ein Fenster, prallte an der, gegenüberliegenden , Wand ab und siel dann zu Boden. Glücklicherweise wurde Riemand i verletzt. Dem Thüler gelang es zu entkommen. Der Vorfall ist, um so unerklärlicher, als unsere- Wissens der Schußgeldvorschlag Schncider's bisher auch von Württemberg noch nicht genehmigt wurde. lTie Jtldkll in Tänkinark.) Wie aus Kopenhagen berichtet wird, bringt ein dortiges Blatt einen interessanten Bericht über die jüdische Bevölkerung in Dänemark. Danach kamen die ersten Juden um die Mitte des XVII. Jahrhunderts ins Land, und zwar waren eS portugiesische und deutsche Juden. Im Jahre 1720 lebten 65 jüdische Familien in Kopenhagen. 1*34 zählte die Hauptstadt 2465 jüdische Einwohner,' die anderen Städte 1545 Im Jahre 18'.HJ war die jüdische Bevölkerung in Kopenhagen bis auf 3401 gestiegen, in den anderen Städten aber war eine Abnahme bis auf 492 zu verzeichnen, als deren Ursache die Schließung von Mischehen bezeichnet wird. (Fürst Ferdiffand von Bulgarien und die Juden.) Wie uns aus Sophia berichtet wird, erhielt der Großrabbincr von Bulgarien, Herr Dr. M. G r ü n w a l d, folgendes Schreiben: Nr. 752. Euxinograd, den 15/27. September 1853. Seiner Ehrwürden dem Großrabbincr von Bulgarien Dr. M. Grünwald, Sophia. Ich habe die Ehre, Euer Ehrwürden zur Kenntniß zu bringen, daß Seine königliche Hoheil der allerdurchlauchiigste Fürst bedanert hat, daß e« allerhöchstihm nicht möglich war, sich bei der Grundsteinlegung des deutsch-israelitischen Tempels in Sophia vertreten zu lasten. Mein allergnödigster Herr ist vou der Treue der unkerthänigen Gefühle der deutsch-israelitischen ReligionSgemcinde in Sophia wir überhaupt aller seiner israelitischen llnterthanen überzeugt und geruht mich zu beauftrage». Euer Ehrwürden für die Pflege eben dieser Gefühle zu danken. Tie Intendanz der allerhöchsten Eivilliste wird Ihnen, ehrwürdiger Herr Rabbiner, die Summe von 300 Francs übermitteln, die ich Sie bitte, im Namen Seiner königlichen Hoheit an die Aermsten der Sophianer israelitischen Gemeinde vertheilc» zu wollen. Genehmigen Euer Ehrwürden die Versicherung meiner vorzüglichen Hocha<^llm8 - - Tr. Stancich. Fürst Ferdinand hat schon bei wiederholten Anläffe» die Ilnterthancntreuc der in Bulgarien lebenden Inden anerkannt und dcn- .sclbcn Beweise wohlwollender Gcsinnnng gegeben-, auch dies dürfte ihm in Rußland als schwere Sünde angcrcchnct werden. (Die Jtldcnvttfolgtttig in iHiimällicit.) Eine Bukarest er Eorresponden; der' Budapcstcr Zeitschrift „Der ungarische Israelit" thcilt über die Judenverfolgung in Rumänien folgende Einzelheiten mit: Die Lage der Juden in Rumänien ist eine-so traurige wie die der Juden in Rußland. Nur 364 jüdische Familien sind naturalisirt, die übrigen Inden werden insgcsammt als „Fremde" behandelt, die jede Minute auf ihre Ausweisung vorbereitet sein müffcn. So lange sie jedoch ein AuSiveisungSdecret nicht in Händen haben, sind diese „Fremden" verpflichtet, Steuer zu zahlen und Militärdienste zu leisten. In Jassy leben 90.000 Einwohner, darunter 75.000 Juden. Bon diesen siiid ini Ganzen 19 Familien naturalisirt, die übrigen sind rechts- »nd hcimatSlos, obwohl sie viel zur Hebung des Wohlstandes Rumäniens beitragen, da Jasiy nach Galatz und Brgila den größten Exporthandel betreibt. Diesen 75.000 Juden wurde von Rumänien bis vor einigen Jahren sogar ein Bcgräbnißplatz verweigert; man mußte die Tobten gleich einer Waarc in Kisten verpackt nach Sesterrcich und Rußland zum Begraben crporiircn. Erst in neuester Zeit konnten die Juden in der Nähe von Jasiy. ein Gut ankaufen, das zu ejncm Friedhöfe verwendet wird. Da sämmtliche Juden Rumäniens „Fremde" sind, dürfen sie natürlicherweise auch keine Enltusgemeinden bilden, und die Rabbiner, die sich dort bcsindcn, sind auf ein ganz unsicheres Brot angewiesen. Bukarest, daS 25.000 Inden zählt, hat zwar einen Tempel -und Tcmpelvercin, einen Prediger und Schuldircctor, aber keinen Rabbiner ex offo! . Was in anderen Ländern als höchstes Glück gepriesen wird: Schönheit und Tugend der Frauen, ist für die Juden in Rumänien zumeist ein Bcrhängniß. Durch eine schöne und tugendhafte Frau ist dort schon manche jüdische Familie in Ungjück gerathcn ... In Bottus'chany bcsindcn sich 22.000 Juden, 11 jüdische Familien sind naturalisirt. Diese Juden sind die besten Handwerker in Rumänien; indessen mit Ausnahme einiger vermögender Männer nagen sie am Hnngcrtuchc, denn die Rumänen haben eine Liga gebildet, die Juden von jeder Arbeit auszuschlicßen. Tie jüdischen Maurer in Rumänien, einige Tausend an Zahl, gehen feiernd und hungernd herum. Die Rumänen selbst verstehen vom Maurerhandwerk nicht das Geringste, und sie holen zu größeren Bauten Arbeiter aus Schlesien herbei, denen sie doppelten Lohn für eine kürzere Arbeitszeit zahlen, um nur keinen Juden zu beschäftigen. Der Architekt muß sich gleich im Baucontracte verpflichten, bei dem Baue keinen Juden zu verwenden. — Die Rumänen erweisen sich also als sehr würdig der Sympathien Lueger'S und 'Schncider's. 2\us antisemitischen Oereinen und Oersammlungen. «Eine Kriegserklärung.) Ter hiesige „Deutsche Volksverein" verständigte die Christlich-Socialen, daß er folgenden Beschluß gefaßt hat: Mit Rücksicht darauf, daß sich die Angehörigen der christlich-socialen Partei durch daS unerhörte Vorgehen gegen die in der Bersammlung vom 21. September 1893 anwescnd gewesene» Deutsch Nationalen auf den Standpunkt pöbelhafter Ausschreitung gestellt und sich zugleich mit dem zur Genüge bekannte», aus der deutsch nationalen Partei ausgeschlossene» „Bolksblatt"-Bergani eins erklärt haben, erachten wir cS für unsere Pflicht, als deutsche Männer hiemit offen ju

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