Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 80 (15.10.1893)
- Date
- 1893-10-15
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
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Freies Blatt. Leite 8 kalboluciien Festlichkeit, wo ei» derlei Element von jedem Christen ohnehin mit scheelem Äuge betrachtet wird, konnte eine gewisse Classe von Staatsbürgerinnen nicht umhin, ihre angeborenen Unarten zur Schau'zu tragen und wahrend der heiligsten Stellen der Messe unter Lachen zu plaudern, v^ch sab mich veranlaßt, einer solchen Gruppe linter Androhung, sie durch eine» Meßner entfernen zu lasten, die weitere Conversation zu verbiete» " Mit Werlaub, Herr Antisemit, im Minen aller Christen zu sprechen, steht Ihne» nicht zu! Im Uebrigen haben diese „Staatsbürgerinnen" eine verdächtige Aehnlichkeit mir jenem Judeiijuiigen, der einen alten Priester beinahe niedergeworfen hätte, sich aber nicht entschuldigte, sowie mit der „feisten Jüdin", die im Tramway - Waggon eine wackere Schustermeisterin um ihren rechtlich erworbenen Platz brachte: sie Alle sind namenlos und scheinen auch inSgeiammt nur Schöpfungen antisemitischer Böswilligkeit zu sei».?kr „schnßgeld'-Borschkag.) Tas „Deutsche Volksblatt" verzeichnet die Trauerkuilde, daß gegen Ernst Schneider wegen seines „Schußgeld" Vorschlage» in Krems die ftrafgerichtliche Untersuchung cingeleitet wurde, und sinder nun, die Blätter hätten seinerzeit die Kremser Aeußcrungen Schneider'« „ganz entstellt" wicdergegebe» I». Auch du. Brutus!i Ta Alle, deren Existenz von S chönerer's ererbtem Gcld-ack nicht vollständig abbängl, sich' gegen ibn auflehnen, wagt es auch die „r. euerreickischeLandzeining" in Krems, ihm eine Rüge zu ertheilen. Es ge'chiebr dies in einer Bricfkastennotiz. wesche lautet: „Nach H. Auch uns ist cs aufgesalleu. daß die Ausgabe der Sckönerer'schen .Unverfälschten Tentscheu Worte' nicht eine Lemerkung über das Erscheinen des neuen deutsch nationalen TagblatieS fallen ließ. Tie Gründe dieser Zurückhaltung find uns leider nnbekannt. T. G " Tas „deutsch nationale Tagblatt" rechtfertigt allerdings die Zurückbaltuiig einer reichen Mannes, welcher nicht geneigt ist, eine „ausgiebige geldliche llnterstützung", zu leisten. Tie Rüge des Kremser Blatte? wird am Ende Herrn Schönerer bewegen, in diesem Winteranderswo seine Residenz aufziiscklagen, z B. in — Favoriten. 'Böckel bcr Undankbare.) Herr Liebermaun v. Soniienberg bringt in einem iächsi'chen Auriielnitenblatte ein Schreiben zur allgemeinen Kenntniß, welches er im vorigen Jahre vertraulich an seine Gesinnungsgenossen gerichtet batte. Es hieß in demselben: „Tie Verdienste Herrn Tr. Böckel'« um unsere gemeinsame Sache sind außerordentlich groß, und er perdient eS wohl, daß ihm in der augenblicklichen schwierigen Lage, in der er sich befindet, auch von deutschsocialer Teile nach Möglichkeit Unterstützung zutbcil wird. Tie Judenichafl hat sich nämlich zusammengethan, kauft alle Forderungen an sein in Marburg begründetes T ruckereigeschäfc ans und klagt sie gegen ihn ein. Bis zu dem i» Aussicht stebenten Eintritte eines vermögenden Geichästskheilhabers hat Herr Tr. Böcke! daher jetzt von Tag zu Tag größere und kleinere Summen auf zubringeii. Er hat sich vertrauensvoll an mich mit dem Anliegen gewandt, auch etwas zur Ueberwindung seiner augenblicklichen Schwierigkeiten durch einen Appell an die deutsch socialen Parteigenosse» zu tbun Ich richte daher an Sic die herzliche Bitte, in Ihrem Vereine oder im Kreise zuverlässiger Gesiniiungsgenossen Beiträge zu sammeln und möglichst bald au die Adresse des Herrn Tr. Böckel in Marburg «Hessen) abznscnden. Es dürfte sich emvscblen, bei den Sendungen kurz zu bemerken: ,A«f Anregung des Abgeordiielen v. Lieberniann senden wir Ihnen p. p.' Herr Tr/ Böckel wird daraus ersehen, daß ein friedliches Zusammengehen mit linkerer Richtung auch dazu geeignet ist, ihm seinen stampf gegen den gemeinsamen Feind.zu erleichtern." Herr v. Lieberniann versichert auch, er sei in der Lage »achznweiseii, daß sein Brief nicht ohne Erfplg geblieben fei. C, dieser undankbare Böckel! Er lohnt ja Liebe rmann'S Hilfeleistung in derselbe» Weite wie un''er Vergani die Uiilersrützuiig Schönerer'? Bedenkt man auch das Verhalten Ahlwardt's gegen seinen ehemalige» Gönner Stöcker, Arnokchk's, Hron's und Wolf'« gegen ihren früheren Brotgeber, so gewinnt es den Anschein, daß Undank einen inkkgrirkiiden Bestandtheil der specisikch antisemitischen „Morat" bilde. «Eine „borftigk" Geschichte. AuS Leipzig kam eine Nachricht, welche in den Reiben der Antisemiten Allkeutschlands große Erregung hervorrief. Ei» Leipziger Platt berichtete: „In der Handelskammer wurde seitens des MesscailsschusseS derselben über eine Eingabe der in Leipzig zur Messe weilenden jüdischen Borstcnhäiidler wegen Aufhebling des im .Königreich Sachse» bestehenden SchäcklungsverbokeS Berich) erstattet. In der betressenden Eingabe wird ge wünscht, die Kammer möge bei der sächsischen Slaatsregieruug ihre Verwendung dahin eintreten lassen, daß das seit etwa einem Jahre in Sachsen erlassene Nr. 80 Verbot, gewisse Schlachtthiere zu schächte», wieder ausgehoben werde. Die Borstenhündler weisen in ihrer Vorstellung darauf hin, daß, iven» jenes Verbot aufrecht erhalte» werde, sie geuöthigt seien, die Leipziger Messen zu meiden und ihre Geschäfte alsdann in Berlin zu betreibe»; sie fügen aber auch die Bemerkung hinzu, daß, wenn dieser Fall eintreten sollte, dann auch die Leipziger Handelshäuser, die sich mit dem Borstengeschäst befasse», veranlaßt sei» würden, nach Berlin Lberzusiedeln. Ter Referent betonte, dem Ausschüsse sei nichts Anderes übrig geblieben, als vorzuschlagen, die betreffende Eingabe zur Kennluißnahme an daS Ministerium des Innern gelangen zu lassen und hiebei darauf hinzuweise», daß es sich um die Angehörigen einer Branche handle, deren jährlicher GeschSftSumsatz in Leipzig 20—25 Millionen Mark betrage. Die Handelskammer genehmigte die Ausschußanträge." Die antisemitische Presse ist über diese Eingabe und die Art, wie sie von der Kammer behandelt wurde, empört. Einzelne Antiscmitenblätter führen »u» gegen die „borstenhandelnde Judcnschasl" die Würde deS „christlich-germanischen Staates" in» Tressen, der vor ihr nicht capitulireu werde, und geben dem Wunsche Ausdruck, daß al« „richtigste Antwort auf diese ungeheure jüdische Anmaßung von reichswegen ein Schächteverbot erlassen werden möge". Man chicanirt die Juden aus Schritt und Tritt — die ganze „Schächtfrage" wurde nicht au« Thierfreundlichkeit, sondern aus Judenfcindlichkeit aufgeworfen — und da nennt mau cs eine „ungeheure Anmaßung", wenn Juden sich einmal zur Wehr setzen! Am »leisten scheint die Antisemiten zu ärgern, daß in dem Beschlüsse der Leipziger Kammer die Be sorgniß vor geschäftlichen Verluste» deutlich ausgesprochen wird. In Folge der Judenhetze hat Leipzig als Handelsstadt schon viel Schaden erlitten; zahlreiche Geschäflskeute meiden das vom Antisemitismus verseuchte Leipzig / und suchen andere Märkte auf. Tie Kammer erfüllte nur ihre Pssicht, indem sic auf die eventuell drohenden neuerliche» Verluste aufmerksam machte. < Tas „satanische" Judkttthum.1 Ter „Osoerratore liainana" ließ sich jüngst wieder einmal über die Freimaurerei aus, wobei djese mit den schmeichelhaftesten Attribute», wie: heuchlerisch, demagogisch, den religiöse», politischen und sociale» Organismus der Völker und Nationen zersetzend, antidynastisch lt. s. w. reichlich bedacht wurde. Zum Schlüsse gönnte sich das vaticanische Blatt aber folgende Glanzleistung: „Tic Freimauerei ist endlich satanisch in Allem: in ihrem Ursprung, i» ihrer Organisation, i» ihrer Thätigkeit, in ihrem Zweck, in ihien Mitteln, in ihren Vorschriften und in ihrer Leitung, den» sie ist vollständig mit dem Jndenthuine verschmolzen, ja sie bildet sogar die Hauplkraft und die Hauptarmec des Judeuthums, welches dck« Reich Christi von der Erde verbannen und das Reich des Satan« an dessen Stelle errichten will." Ter „Osservatore liownuo" dürfte mit dieser Exclamatian wohl eine Esclei begangen habe»; deiin man wird es ihm weder im Vatica» danken, daß er dessen Anschauung über das Judenthum so unverblümt in.die Straße hiuau-posaunt, »och weniger wcrden's ihm aber jene Antisciniren danken, die da stet« betheuern, man verfolge die Jude» nicht »m ihrer Religio» willen. , «„Bulgarien den Bulgaren!") Unter diesem Titel erschien NU» in Sophia das erste Heft der von »ns bereits signalisirtcu jiidkttfeindlichetz Zeitschrift, in welcher ein Abeckteurer, der sich selbst als ungebildet bezeichnet, das tollste Zeug aus bekannten antisemitischen Publicationcu zusammenträgt. Das bulgarische Regicrnngsorgaii „Swoboda" nimmt von dieser neuen Zeitschrift Notiz^und lagt: „Die Motive dieser Veröffentlichungen sind doch nur, den Judyn einige« Geld abzupressen durch die Trohung, daß man im Volke eine antisemitische Ströniung verbreiten werde. Auch sonst haben sich verarmte Leute gesunden, welche zu diesem Mittel griffen — nämlich judenfeiudliche Bücher auszugcben und dann von den Juden Geld zu verlangen. Das ist ein unehrenhafte« Vorgehen. Unabhängig davon, fühlen wir uns gezwungen, zu wiederholen, daß es nickt im Interesse des socialen Friedens liegt, wenn gegen eine Nationalität gehetzt wird. ES widerspricht die» unseren Gesetzen und wäre eine Erniedrigung für ui»'er Volk und unseren Staat. Es gereicht Niemandei» zur Ehre, sich mit solchen Sachen zu beschäftigen." Briefkasten. Herrn H., Rudolssbcim. Abo»nei»e»tsbcträge sind ausnahmslos im Vorhinein zu entrichteu. All unscrr P. T. Abonnenten. Bei ZeitungSreclamatioiien bitten wir die Adreßschleife beizulegen. Beitrittserklärungen zum „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" werden entgegengenommen im Sekretariate des Vereines, Wien, I., Parisergaffe 4. Kboa«eme»t»anmeld«»gen auf bas „Freie Blatt" nimmt die Administration, Wien, I., Seilerstätte 10, jederzeit entgegen. Ebendaselbst »erden auch einzelne Nummern abgegeben. Probenummeru zur weiteren Verbreitung des „Freien Blattes" werden Gesinnungsgenossen aus Berlangen bereitwilligst zur Verfügung gestellt. Herausgeber: Ernst Victor Zenker. — Verantwortlicher Redacteur: Josef Vorwahlner. — Druck von Th. Reißer & M. Werthner, Wien.