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Freies Blatt · 1893-10-15 · 80 (15.10.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
80 (15.10.1893)
Date
1893-10-15
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Nr. 80. Freie, circa 3000 Personen besucht war, sprach der Nordböhni'c Köhler unter allgemeiner Zustiininung vou den historischen Licchtcnstcin-Dra-' gonern und sagte: „Auch heute sendet ein Fürst Liechtenstein seine Truppe» nach Böhmen aus, um u»S Arbeiter zu sangen, allein wir reißen denselben die Maske» vom Gesicht. Wir in Böhmen wolle » von den Christlich-Socialen nichts wissen — o, w ir kennen die Herren, die »ns da S P e t r o l c n in n n d de» Kaffee vcrthencrt haben!" Auch in der in RndolfShcim stattgkfundencn Versammlung kam die wahre Meinung der Arbeiter über de» Antisemitismus in lebhaftester Weise;nm Ausdruck, indei» bei den Worten, womit Redner Hnebcr die angebliche VolkSfreundlichkeit Lucgcr'S schilderte, energische Pfuirufe sowie die Rufe: „Beuscheldoctor", „antisemitischer Oberrabbincr" u. s. w. laut wurden. („Tic Pcst unseres Jahrhunderts.") Graf Cd»m»d Zichy schloß eine Ansprache, welche er aus Anlaß dcS fünfundzwanzigjährigen Jubiläums der Kunstgcwcrbcschulc an den Protector Herrn Erzherzog Rainer richtete, mit folgenden Worten: „Ich schließe mit einem Wunsche: Durch fünfundzwanzig Jahre herrschte hier Friede, und die Pcst unseres Jahrhunderts, der Religious- und Rati ona lit äten ha der, fand hier keinen Eingang Möge cs in den nächsten fünfundzwanzig Jahren auch so bleiben!" (Zur Prüfung der jüdischen Rcligionsbüchcr.) Zu der jüngst tut „Reich Sa »zeig er" publicirten MittHeilung von dem Resultat der conunissioncllen Prüfung jüdischer Rcligionsbttchcr macht die „Allgcmc ine Zeitung des JudcnthumS" folgende Bemerkungen: „Gestehen wir eS nur offen ein, daß uns dieser Ausgang der Sache wenig befriedigt. Wir haben allerdings kein anderes Resultat erwartet oder gefürchtet als das, welches der theologische Schulaufsichtsbeamte und der evangelische Missionär nach langem Suchen gesunden haben. Aber wenn Jemand angegriffen wird, und cs stellt sich heraus, daß dicS mit Unrecht geschehen sei, so gibt ihm der, welcher die Sache untersucht, gemeinhin eine Ehrenerklärung. Daß' die Antisemiten cS durchsetzen konnten, daß die preußische Regierung, die doch sonst wahrhaftig wenig auf Prcßklagen gibt, so rasch sich entschlossen hat, die jüdischen Rcligionsbüchcr auf ihren ethischen Gehalt zu prüfe», ist für uns recht traurig. Und schließlich ist daS Resultat doch ein negatives. Tenn die Antisemiten sind eben nicht zu belehre», weil sic gar nicht belehrt sein wollen! Sic fischen im Trübe», sic kämpfen mit Unwahrheit und Verleumdung — und wenn alle diese Ränke enthüllt werden, dann spinnen sic eben neue und finden — was das Merkwürdigste ist — immer neue Gläubige aus der Schaar derer, welche nicht alle werden. Schon heute verkündet eines ihrer Hanptorganc: .Jedenfalls sind durch die obige Erklärung die Bedenken gegen de» jüdischen Einfluß auf unser sittliches, wirthschaftlichcs und staatliches Leben nicht gehoben/ Welchen Zweck hatte also die Prüfung? Denn alle Anderen, alle gläubigen Christen, ja alle wahrhaft gebildeten Menschen wußten schon vor der Prüfung, daß cs keine specisisch jüdische Moral gibt, daß ebenso die jüdische wie die christliche Moral auf gleicher Grundlage beruhen, und daß in den jüdischen Schulen nur die Grundsätze der wahren Religion, der Humanität und Nächstenliebe, dcS Patriotismus und der Sittlichkeit gelehrt werden." Achnlich äußert sich die „Jüdische Presse". Sic schreibt: „Ein etwaiger Ansdruck der Freude über das Resultat .der amtlichen Prüfung wäre Selbst rrnicdrigung. Dieses Resultat stand von vornherein fest, und die Gcnngthuung, daß nunmehr auch ,von Amtswcgcn die Bcriinglimpfiing unserer Rcligionsbüchcr gekennzeichnet wurde, wird reichlich ausgewogen durch die traurige Thatsache, daß der preußischen Slaatörcgiernng die Anwürfe eines Subjccts vom Schlage Schwcnnhageu'ö lcgitimirt genug erschienen, um daraufhin eine große Staatsaction cinzulcitcn und unsere Rcligionsbüchcr erst untersuchen zu laffcn, ob sic so scheußliche Infamien, wie das Hirn jenes Rcvolvcrjournalistcn sie ansbrütctc, nicht wirklich enthalten! Selbstverständlich haben wir gegen eine Prüfung unserer Rcligionsschriftc» an sich nicht daS Geringste cinzuivendcu — sie brauchen das Licht der Scffcntlichkeit nicht zu scheuen t aber daß diese amtliche Untersuchung auf Grund der aberwitzigsten Bcrnnglimpfnngcn eines Schwcnnhagcn erfolgte, müssen wir als ein ticfschmcrzlichcs, leider charakteristisches Zeichen der Zeit beklagen." (Paulus Meyer.) Wider Paulus Meyer, weicher kürzlich zu vier Monaten Arrests vcrurtheilt worden, hat die Staatsanwaltschaft eine neuerliche Untersuchung cingelcitct, und zwar in Folge einer von einem Mithäftling erstatteten Anzeige, wonach der Genosse des Pfarrers Dcckcrt das Verbrechen der Majcstätsbcleidigung begangen hätte. (Hron's Rückkehr.) Ter ehemalige Gehilfe und spätere Gegner Bergani's, dcr"antiscmilische Schriftsteller Carl Hron„ welcher vor zwei Jahren wegen Ehrenbcleidigung zu sechs Monaten Arrests vcrurtheilt wurde, sich der Abbüßung dieser Strafe jedoch durch die Flucht entzog, ist vou dem dsterrcichischcn Consulale in Alexandrien, wo er Blatt. Zeit» 5 sich zuletzt anfhiclt, hiehcr übersendet worden. Er winde am l l.d. M. durch zwei Wachmänner aus Triest dem Wiener Landcsgcnchtc cingclicfert. (Ailtiscinitischc Giitcrschliichicr.) Daß die edle >i»»sl der söge nannten Gütcrschlächtcrri nicht bloß von den Jude», sondern auch von anderen Leuten »iustcrl>aft geübt wird, beweist ein sicherer Herr Zi in m er man n, der Besitzer eines ansehnlichen Rittergutes i» Lki schwitz in Sachsen ist. Dieser feine Herr, der unzweifelhaft „arischen^Ursprunges, christlichen Bekcnntnisies ist und sogar ein Freund Ahlwardl's sein soll, hat, wie man sich erzählt, einmal die Aeußerung geil,an, in zwanzig Jahren würde ihm das ganze Dorf gehören. Und in der That hat Herr Zimincrmann den Anfang zu dieser wirlhfchasl lichcn Reformarbjnt bereits gemacht, indem er zwei Bauerngüter unter für ihn sehr günstigen Bedingungen ansgckaufl hat. t^s erinnert uns dies an die gute alte Zeit, wo die Herren, welche heute an der Spitze der christlich-socialen Bewegung stehen, jede Mißernte, jeden Unglücksfall „ihrer" Bauern benützten, um den armen Teufeln gnädig ihr Hab und Gut „abzulösen", und so ganze Dörfer in ihren Besitz'brachten. — Wir brauche» übrigens nicht in 'die Ferne zu schweifen, um rein arischen „Beuschlhcraüsnchmcrn" zu begegnen.. In der Villacher „Deutschen Allgemeinen Zeitung" finden wir folgende Erklärung : Ich habe im Jahre 18s'» von mrinein -Tnkel chregor .guchling die io genannte Hnojiiig Realität in rind ob-Pelden im .stanswege übernommen: ich bi» dabei durch den-kostipieligen Aniba» derselben wie auch durch die ver cinbaric .-Zusicherung eines ungewöhnlich Hobe» RaiuralanSznge» a» dem Uebergebcr in Fähig,igsstocknngen geralhen Nichtsdestoweniger habe ich mich bemüht, »leinen Pflichten nach.znlommen, »nd habe de» staiiischilling für das Jahr Is!»2 bis auf den geringe» Rest von 50 fl. vollständig beglichen und zugleich meint» Cntd sowohl als dessen Vertreter Herr» Eoncipicnte» Tr. Morl bei Herr» Advocaten Tr. Tinzl i» Bi Nach gebeten, ans diele Abschlagszahlung bla l. Oktober d. I. zu warten, da ich bis zu diesem Tage nach Emeaisicnmg meiner Pachtgelder in der Lage lein werde, vollständig Jablnng z» leisten IN, habe inid) mm der Hollnnng hingegebe», daß diesem meinem woblbegründeien Ansuchen entsprochen wird, mich dabei jedoch gründlich getäuscht, indem der genannte RechtSanwalt zwei Tage-vor Eintritt dcS erbetene» Zahlungstermines sowohl ans niemer genannten Reälilät in rind ob Pelden die Mobiliarp'ändnng, alS auch bei mir in Pillach st-lbst »ogar die Lcibcsp'ändnng vornelimen ließ, um' z» dem Restbetrag von .'»>> fl: zu gelange». Rarbdem mein Best» in Lind eine» Schävwerih von mi-idestenS *0>t0st. repräiemirl, so kann dieses Porgchen wohl im höchste» Olrade als herzlos bezeichnet werden. ck»d scheint - sich Herr Tr. Mort bei dieser seiner HändlniigSiveiie den Wiener Temagogen Tr Lueger znm Muster genommen zn haben, welcher' belaimtliNi geiaglj bau „Ptan »mst de» reuten das Benkchl beransnebmen." Indem ich erwarte, datz die löbliche Lchriltleimng der „Tenilchen Allgemeinen Zeitung", die sich bei Bekämpfung von llnrräst sä'vn >o große Pertienste eilvorbe», auch memem Rotlnchrei ihre Lpalien nicht Verlagen wird, zeichne ich mit vorzüglicher Hochachlimg Pillach, am 1. Teiober V »eas M ii ch i i» g, .. Tommis hei», .staumia»» Jojel Benedict, l Collllsicilgcschichlc». Wir haben bereits des Zerwürfnisses unter den Leipziger Antifcmiien gedacht, ivelches manche interessante Eilt hüllunge» über die Träger des antisemitischen Gedankens zn Tage förderte. Neuerlich ist in Leipzig eine Broschüre, „Herr Lieber^ m a n uv. So n ii c n bcrg als P a r t c i f ü h r e r » n d c f i n n u n g igenoss e. Aufschlüsse /iber die Vorgänge in der deutsch socialen Be wegung Leipzigs. Von ein cm T c»tfch -S ocia lcn", erschienen, welche .den schlagenden.Beweis liefert, daß die Antisemiten lediglich den Junkern, Jesuiten und Muckern die Säcke i» die.Mühle: tragen helfen'. In dieser Broschüre erscheint Licbermann v. Sonmcnberg als ein kleiner Partcipapst, der »ne Fritsch »eben sich duldet, sonst Riemandtn. Auf köstliche Weise wird seine Unwissenheit illnstt in Seine Rede für die Jgsuitcn und für das Zcdlitz'ichc Schulgesetz werden be sprochcn und die geradezu, klägliche Unwissenheit des RcichskagSabgcordnctcn ins hellste Licht ' gerückt. Er brachte cs zuwege, eine lange Rede über die Jesuiten zu Hallen, ohne das Jcsuitcngcsctz von 1872 zn kennen; über daS Bolksschnlgesctz sprach er lang und breit in einer so ignoranten Weise, daß der deutsch-sociale Verfasser zum Schluß kommt, Herrn v. Liebcrmann's Gedankenlosigkeit schlage hiebei in Absurdität und Frivolität um. Ebenso wie seine Unwissenheit wird auch sein Charakter illustrirt. AnS'intimer Rcnntniß desselben heraus schreibt der Verfasser: „Herr v. Licbermann hatte.sich in den Geruch gebracht, daß .seinen Worten nicht recht zu trauen fei." Wenn Tr. Böckcl türzlich die Deutsch-Sociale» eine Schuv»r»ppe der Conservaliven nannte, so gibt ihni die Broschüre Recht. Sie weift nach, wie Licbcrinanu v. Sonnenbcrg bei der Rcichstagswahl im 7. sächsischen. Wahlkreise zn Gunsten des Conservaliven Dr..' Fr ege

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