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Freies Blatt · 1893-10-15 · 80 (15.10.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
80 (15.10.1893)
Date
1893-10-15
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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reite XCfl i?eiljgc zum Freren Blatt, Vrgan zur Abwehr des Antiseiiiitisinus. Mie rin Antisemit Vespert vor einer Semitin bekam. Bor zwei Jahren harre sich in Augsburg ein Coniit>- von Tarnen israelitischen Bekenntniffes gebilder;u dem Zwech, die Beiträge für die verfolglen russischen Juden in besonderer Weise vermehren;u ficlfcif. Aach längerer Berathung verfiel mau aus die Idee einer .Saminlung von Ankdgravhen, die zum Besten der £pser des russischen Despotismus verkauft werden sollten. Die JVde fand allgemeinen Beifall, und demgemäß ergingen an alle berühmten Männer Schreiben entsprechenden Inhalts. Ein solches Schreiben gelangte auch au den Schriftsteller und katholischen Pfarrer Dr. Hansjakob in Freiburg i. Br. Ter setzte sich hi» und schrieb an Frau Bertha Untermayer, welche als Leiterin des Unternehinens das Bittschreiben unterzeichnet hatte, folgenden Brief: »Perehrte Dame! Ich komme erst heute dazu, Ihre Perse vom 0. d. M. zu beanlivorleii: Ich bin ausgesprscheuer Antisemit und der Ansicht, daß unsere Juden, die. Geld -in Hülle- und Fülle haben, ihre russifchen Brüder selbst unterstützen sollen. Zudem bekämen Sie für eine Selbstschrift von mir nicht so viel, um einem russischen Wickelkinde jüdiicher Abkunft auch nur eine Maß Milch kaufen zu können, llebrigens glaube ich gar nicht, daß die Augsburger Herren und Tauten so übertrieben sentimental sind, um für russische Juden zu sammeln, während eS bäuerische Christen genug gibt, die diesen Winter über Hunger leiden. Ihre Indengeschichte hat offenbar nur den Zweck, zu meiner Selbftfchrifk zu kommen, und die soll Ihnen werden, weil Sie Ihren Namen unter die Berse gesetzt, und nicht, wie so Biele Ihres (Geschlechtes schon, anonym an mich geschrieben haben. Ihre Periekunst bewundere ich, kann sie Ihnen aber nur verzeihen, wenn Sie in der Kochkunst ebenso erfahren und gewandt sind.. Es erscheint dieser Tage eine nette Schrift von mir: .Schneeballen'. Ich habe eben noch keine Eremplare zur Hand, sonst würde ich Ihnen eines für Ihr Kränzchen beilegen. Mich Ihnen und den übrigen weiblichen Ebenbildern (Zolles empfehlend, Ihr ergebenster Hansjakob, Pfarrer in Freiburg." Tiefer Brief erregte lebhafte Debatten im Dameucomit>- zu Augsburg: der Ausgang war, daß Fräulein Minna Bach, deren an mulhiges poetisches Talent in engeren und weiteren Kreisen schon des festeren Beifall und Anerkennung gefunden hat, folgende, der Form nach dem Goethe'schen Erlkönig nachgeahmte Berse nach Freiburg' sandte > eS ist im Hinblick auf einige Stellen des Gedichts hervorzuheben, daß dasselbe nicht von der Tichterin, sondern ebenfalls von Frau Bertha Untermayer unterzeichnet war : Wer schreibt über di» Wähle weiß und blau '/ * lie in Hansjakob, ich weiß es genau: Er schreibt uns >'o milde, er schreibt uns so wart». Ein Ebrin in er — daß Gott erbarm! HanSiakob, ich berge so bang mein Gesicht: Ich fef)‘ Teilte christliche riebe nicht, Tie christliche riebe, die Ihr >'o vrei» — Tu schreibst, daß es nrir das Her; zerreißt! Im „wilden £ fteit" die rauhe Gewalt, 2ieläßt Tich jo ruhig, sie läßt Tich so kau. Ter gräßliche Jammer, er ficht Tich nicht an, Hansjakob, Tu han mir ein X'eids gethan! .Hemm Tu es denn nicht, des Herrn C*ebot: Erbarmen für jedes Nächsten Noch? Wo diet'e ko groß, so erschütternd ist. Wie kannst Tu noch tragen, ob Iud', ob Christ? Hansjakob, da bin ich viel höher gefinnt Und war doch ein jüdisches Wickelkind: Hier ist nicht ein christlicher Armenverein, In den ich nicht wert' eine Gabe hinein. Teilte Tetbstschrt't, ne ist uns dennoch werth, Ter Seltenheit halber wird fie begehrt: Tu kommst in untere Sammlung hinein. Und ioll'S als .Intiiemitc sein! Tie jZeder Han Tu sehr geistreich geführt: Teine Icage, ne hat tnich atnüürt, Tenn wahrlich, so tief gekränkt ich bin, Iür Wiv und Humor Hab' ich dennoch Sinn Hansjakob, Tu magst gan; ruhig sein. Ich verstehe auch die .stochkunst sein: Sie werden « Tir sage» Mann tutd Rind. Die lieben Gast', das Hausgesind. Zum Schlüsse noch Eins — ich dacht's mir schon oft: Erfüllt wäre wohl, was Ihr wünscht, was Ihr hont. Es gäbe'schon längst keilte Juden mehr,! Wenn der Christ nicht gar so unchristlich wär'! Auf diese poetische Epistel ging von Freiburg folgender Brief ein: „Berehrte Frau! Ich habe vor allen Leuten Respect, die mir richtig die Meinung sagen, und daS haben Sie ebenso scharf wie geistreich besorgt. Wenn Sie aber bedenken, daß ein jüdischer Banquier ü In Rothschild in Wien, Paris und London allein imstande wäre, den armen russischen Juden zu helfen, 'so dürsten Sie begreifen, warum ich es nicht für nöthig halte, daß wir armen Christen es thun. Wenn übrigens alle ehemaligen jüdischen Wickelkinder so schriftlich wärest wie Sie, so gäbe es keine Antisemiten. Aber das wünsche ich nicht, daß alle weib lichen Wesen so geistreich wäre» wie Sie, sonst müßten wir Schriftsteller betteln gehe». In aufrichtigem Respeet Dr. Hansjakob, Pfarrer." Auf diesen Brief ging diesmal, von der Tichterin selbst unterzeichnet, folgende poetische Epistel nach Freiburg ab: To, tos war Reue, wahre, echte, Tie frei und ofien schuldig sich bekennt. Versöhnt reich' ich Ttr meine Rechte, Ter Federkrieg für itnmer ist zu End! Und in für meines Stammes Brüder Im Boruriheil besangen nicht Tein Blick, So nehm' von Herzen gern ich wieder Auch mein geharnischt Trutzgedtcht zurück. Er feilschte einst vor Sodoms Thoren Erzvater Abraham mit uni"rem Herrn, c Und so, wenn zehn Gerechte unter tins geboren. Auch Tu uns milder richten lern'. Zum Lebewohl der letzte« Zeile, Zu mehr fehlt mir die rechte Ruh' ttnd Zeit. Und willst Tu wissen, warum ich so eile: Wir haben eine Riesenwäl'che heut'! * Kurz darauf erhielt die Tarne das angekündigte Werk Tr. Hans jakobs mit folgender Widmung: »Der schneidigen Dame, die die besten Berse macht, die ich je von einem weiblichen Wesen gelesen, und dabei noch die Wäsche besorgt. Mit Hochachtung Hansjakob, Pfarrer." — Fräulein Bach stattete ihren Dank mit folgendem launigen Gedichtchen ab: „Mach aus, -Hansjakob, ich bin da lind klopf' an Teine Thür'. Ich störe Tich? ein Bischen? ,Ia! Ach, dann verzeihe mir! „Ich bringe meinen wärmsten Taick, Ich freute mich nicht wenig. Wer solche Perlen spenden kann. In reicher als ein König. „Tein geistvoll Schafi'en würzte mir Schon manche schöne Stunde, Ter biederen Sprache lauschten wir In fröhlich trauter Runde. „Ich hätte diesen letzten Gruß In Prosa gern verrichtet: Erreichst Tu wohl, warum ich Tich Noch einmal angedichtet? „Irau Poesei so lobei'am Haßt Tante Etiquette: Mit Tir da« liebgewohnte Tu — Tas fand ich gar zu nett." Mau abomiirl das Freie Blakt in der Administration, Wien, I., «cilerstäkte 1». Abonncineulspreis: ganzjährig ö. W. 2 fl. 50 kr., halbjährig 1 fl. 25 fr., vierteljährig 05 kr. Heran-geh Eruij Victor Zenker. Verantwortlicher Redacteur: Josef Vorwahl ner. Druck von Ch. Reißer sr M. Werthner, Wien. l

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