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Freies Blatt · 1893-10-15 · 80 (15.10.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
80 (15.10.1893)
Date
1893-10-15
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Freie» Blatt. Nr. 80. dadurch zahlreiche Bcthciligtc vor Schaden zu bewahren, so gebietet doch das vliitcrcnc, das der wahrhaft moderne Mensch für die natürliche Entwicklung der Dinge hegt, beizeiten und nach Kräften einen Geisteszustand der Bevölkerung herbcizuführcn, der zukünftigen Rückfällen den Boden entziehen würde. Es ist gewiß nicht unmöglich, die Erreichung dieses Zieles zu beschleunigen. Wir bemerkten, früher die Tharsache, daß den Handwerkern bezüglich niiicrcr Frage genügend Äusklärung geboten wurde. Wir wollen ganz davon abschen, daß gewiß ein großer Theil unserer Kleingewerbetreibenden die Argumente, die gegen das Zunftwesen geltend gemacht würden, gar nicht überprüft hat. Aber auch auf diejenigen, die sich dieser Muhe unterzogcn, mußte die Belehrung in der Regel ihre Wirkung verfehlen. Man wird über diesen Erfolg nicht erstaunt sein, wenn man bedenkt, daß in diese!» Fakte mit Bcrnuiiftgründc» gegen Neigungen, gegen «Gefühle getümpst wurde »ich letztere bei mehr oder weniger ungebildeten Individuen in der Regel die Oberhand behalten. Tie geistige llnmündigkeit dieser Leute, die nicht gelernt haben, ihren Willen dem Berstande zu unterwerfen, und der dadurch bedingte Mangel an Sbjecliviläl bewirkt cs, daß jeder Gedanke, der ihre Sympathien nicht billigt, im Vorhinein zurückgewicsen wird. So lange dieser Geiftestustand den großen Manen eigenthümlich ist, dürfte cs kaum möglich lein, eine ruhig fortschreitende Entwicklung anzubahnen. lind wenn auch periodische Störungen in aller Zukunft unvermeidlich sein sollte», so werden doch heftige und andauernde Rückfälle cndgiltig unmöglich gemacht, sobald das Bolk in ausreichendem Maße das Denken aus den Aitu-lit der Neigungen befreit hat,. wodurch es erst in die Lage kommt, Kenntnisse richtig zu vcrwerthen. Der Weg, diese natürliche Ennvicklniig zu beschleunigen, in klar, vorgczeichnct. Wir können nicht leugnen, daß die bisherigen Bestrebungen der Fouichriiisfrenude spärliche Fruchte getragen haben. Allein die Annahme, daß diese Eultnrai beit gar keinen Ersolg anfzuweiscn habe, wäre durchaus verselilt. Der Geistcs;ustaud eines Bolkes ist wie eine schwer zugängliche Festung, die nur durch unablässige Angriffe erobert werden kann. Die beul,ge Strömung verdankt ihre Lebensfähigkeit in erster Vinte dem Umstande, daß für die Aufklärung des Bolkes im Großen und Ganzen noch äußerst wenig getha» wurde. Eine deutlich sichtbare Wirkung laßt sich aber nur dann crsielcn, wenn das Bildungsinatcrial masienliafr unter das Bolk geworfen wird. Auch ist' cS gnviß nicht glcich- ^iliigf was dein Bildnngsbedürftigcu zunächst geboten wird. Es ist ebne Zweifel löblich und bisweilen auch nützlich, die chemische Zusammensetzung des Wassers zu kennen: man kann jedoch nicht leugnen, daß derartige Kenntnisse nicht den Stempel der Dringlichkeit tragen. Histori'ches Winen und wirthschaftliche Kenntnisse' aufhistorischer l^'i isiidlage sind.für das Bolk vor allem Andere» unentbehrlich, damit cs erfährt, was gewesen in und henke nicht mehr sein kann. Der Grundgedanke der natürliche» Cultnreiitwicklnug muß in Wort und Schrift so lange wiederholt werden, dem Dreschen vergleichbar, bis er allgemein verstanden und dementsprechend angcnouimen wird. Wenn es uns auf diese Weise gelungen sein wird, dem Volke \ Biineipien beizubringen, die lediglich aus Betständniß beruhen und! von keiner Sniiivaihic beeinflußt werden und dadurch unsere civili- * siilen Wilden in die Reihen wahrhafter Enlturmcnschen cinporfteigcn, 1 daltn ent diirfen wir sicher sein, keinen zünfklerischen Tendenzen und : keinem Antisemitismus zu begegnen. Ein gewaltsames Eindämiucii derartiger Slröuinngcn, rvoranf so Biele ihre Hoffnung setzen, har niiudesicns einen sehr problematischen Werth. Wir können dies im dent'chen Nachbarreiche deutlich beobachten. Ein Antrag ans Wicderein'nbinug des Befähigungsnachweises wurde von der dortigen Volks- | veriieiniig .ingeiiommen. Die deutsche Reichsregiernng wcigerre sich, im Hinblick an' eie schädlichen Wirkungen des Züustwescns in Oesterreich, ■ den Antrag der Krone zur Sanetion zu unterbreiten, worauf derselbe j neuerdings cine.ebi.icht wurde. Da wir offenbar eine Uebereiustnumung > der Antra,ziteller init ihren Wählern voraussetzen, müsien, werden wir! auch zu der Annahme gedrängt, daß die Ansichten der interessirtcu i K.reiie durch die Aetio'.' der Regierung nicht geändert wurden. Mit dem Anliscimusnius verhält cs sich nicht anders. Es ist , selbstverständlich, daß dac staatliche Behörde die Pflicht hat, auli-! semitische Ereesse, Boyeoitirunge» n. dgl. zu verhindern. Man darf } aber darüber nicht im Zweifel sein, daß durch energisches Einschreiten; und Ausnahmsgesepe zwar die Acnßernngcn des Anlifemilismnö untcr-! drückt werden können, keinesfalls aber letzterer selbst ans der Welk , geschafft, wird. Dies kan» erst dann der Fall sein, wenn die Er-! zichnng des Bolkes ,enen i^rad crreickn hak, der durch die Achtung | vor dem Wörklcin „selbst" charakicrisirl ist. i Robert Drill. (Ter mißglückte Putsch im Rathhause.) Die gcmeinderäthlichen Antisemiten, welche den Fall Stritzl für den geeigneten Moment zum Bürgermeisterstürzen erachteten und den Sieg diesmal schon in Händen zu haben meinten, habe» abermals zu früh frohlockt. In einer am 5. October abgchaltenen Versammlung nahm der fortschrittliche Parteiverband gegenüber den letzten Vorgängen im Wiener Ge mcinderathc unzweideutige und entschiedene Stellung durch die ein stimmige Annahme folgender Rcsoluton: „Der fortschrittliche Parteivcrband mißbilligt das von der Opposition gcgcn den Bürgermeister in der letzten Zeit, insbesondere in der S itzu ng vom -3. b., a n den Tag gelegte, der Würde des Geineiudcrathcs und jedem parlamentarischen Anstande hohnsprcchende Verhalten, bedauert die dem Bürgermeister widerfahrenen Beleidigungen und bringt demselben, dessen große Verdienste uni die Entwicklung der Stadt Wien er anerkennt, sein vollstes Vertrauen zum Ausdrucke." Diese Resolution wurde nachträglich auch von jenen Mitgliedern des PartciverbandcS unterfertigt, welche bei der Versammlung nicht zugegen waren, so zwar daß die R c solution jetzt d i c ll n t c r s ch r i f.t e n s ä m ni t l i ch c r Mitglieder der Majorität einschließlich der Secessionisten trägt mit alleiniger Ausnahme der drei Mitglieder des Präsidiums und dreier Partcigenosien, die zum Thcilc. krank, zum Thcile verreist sind. Die liberalen Gcmeinderäthc haben damit der antisemitischen Opposition wohl deutlich genug gezeigt, daß eine Desorganisation der liberalen Partei höchstens im Wunsche der Antisemiten bestehe, und daß die liberalen Gemeindcräthc zwar in einzelnen Fragen sich in Opposition zum Präsidium setzen können, sich aber nie dazu hcrgcbrn werden, den Antisemiten den entscheidenden Einfluß im Rathhausc oder gar dem Dr. Lueger den Bürgcrmeisterstiihl zu verschaffen. Immerhin mag der Fall Stritzl und seine Folgen im Gemcindcrathe jenen liberalen Stadt Vätern, die sich in diesem Falle aus irgend einem Grunde bcmüssigt sahen, mit der O pposition zu gehen, zur Warnung dienen, welche Gefahren für die Sache der Freiheit und des Freisinnes überhaupt solche scccssionistischc Gelüste in sich schließen können. Darüber scheint man sich denn auch vollkommen klar geworden zu sein, und eine von V ucger in der Sitzung vom 10. d. M. versuchte Wiederholung des gegen den Bürgcrmeisterstiihl geplanten Handstreiches fand libcralerscitS die gehörige. Abfertigung. Es handelte sich um die behördliche Interpretation jenes Paragraphen des GcmcindcftatutS, durch welchen dem Sladtrathe das Recht der Veräußerung von Gütern im Betrage bis 10 000 fl. znstcht. Bisher bestand die Gepflogenheit, daß der Stadtrath dieses Recht sowohl hinsichtlich her liegenden als auch der mobilen Güter ausüble; eine jüngst rrflossene gerichtliche Entscheidung sprach dem Stadtrathe bloß das Recht der Veräußerung von mobilem Vermögen - bis zu IO.«'0) fl. zu. Dies also war der neueste Hebel, mittelst dessen uiau Dr. Prix vom Büigcrmcisterstuhlc heben wollte. Untcr der bekannten Assistenz der Gemeindcrathskorybantcn , 05reg orig, I cdliczka u. s. w.'stellte Dr. Lueger den Antrag, der Gemcindcrath solle dem Präsidium die Mißbilligung über die Verletzung des Statuts und die dadurch bewirkte Verletzung der Rechte des Plenums des Gcmcindcrathcs auSsprechcn. Geincinderath S t i a ß n y bemerkte, da ß man cs der Majorität überlassen müffe, dem Bürgermeister das Mißtrgucn auszusprcchen, wenn sich die Rothwcndigkeit dazu ergebe der Opposition zuliebe werde die Majorität aber nie einen Mißtrauens bcschluß fasten. Lueger wird also auf lange Zeit hinaus seine Bürgermcistcrschastsgclüste zähmen müssen, mag ihm auch über die angeblichen Statntsvcrletzungci! seitens des Dr. Prix das Herz noch so bluten. 3»t Uebrigcn machte Dr. Fried jung die Enthüllung, daß seitens' des Stadtrathcs im Juli dieses Jahres über solche Grundverkäufc rcferirt und Beschluß gefaßt wurde, ohne daß der anwesende D r, L u c g c r nachträglich c i n W o r t d a r ü b c r g e s p r o ch c n hätte, daß er somit selbst zu jenen gehöre, die er .heute, als Gesctzcsvcrächter gcbrandmarkt wissen will. Tie Arbeiter »iid der Aiitisclliitismiis.) Anläßlich der Wieder' eröffnung des österreichischen RcichSrathcs am 10 d. M. fanden Tags vorher zahlreiche soeial-demokratischc Vcrsaiuinlnngcn in allen Bezirken Wiens statt, deren irächstlicgcndcr Zweck die Beschlußfassung einer ge mcinsamcu ssicsolution behufs Einführung des allgcineiiicn, gleichen und dircctcn Wahlrechtes war. Bei diesem Anlasse kam cs auch zu scharfen Verurtheilungcn des Antisciuitismus, welche zeigen, daß derselbe in Arbciterkreiscn chet noch an Boden verliert als gewinnt. In einer der Versammlungen wendete sich der Socialist Carl Leu Ihn er gegen die Abgeordneten Geßmanii und Lueger, den er unter stürmischer Heiterkeit den „i. bcrrabbincr der Anti s ein itcn" und den Führer der -Lchutztruppc für die noblen Herren und die Geistlichkeit nannte. In der in Neulerchcnfeld abgchaltenen Versammlung, die von

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