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Freies Blatt · 1893-10-15 · 80 (15.10.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
80 (15.10.1893)
Date
1893-10-15
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Freier Blatt. Nr. 80. Seite 2. Einwanderung von Juden, amtliche Uebersetzung des Schulchan Aruch u. s. w. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" nimmt zwar gegen die Eaudidaten der Radau-Antisemiten Stellung, aber wie lau! Sic begnügt sich mit dem Hinweise auf das socialistische Momcul des radau-antisemitischen Unwesens sowie darauf, daß dasselbe für den Besitzstand der Conservativen gefährlich sei. Zur" .'Vil, ald die' „Msrddeuliche Allgemeine Zeitung" in dem Antisemnismus ein „Reizmittel" erblickte, legte sie weit mehr Eifer an den Tag a!s geg-nwärlig, wo sic die Aufgabe hat, den nicht b'oß für die jüdischen Slaalsangehörigen, sondern für den ganzen -inodernen Rechtsstaat verderblichen Umtrieben entgegeuzulretcn. Die Mahlrefsrnr. Am l<>. Tciober, als sich der österreichische Reichsrath wieder zu neue-. Tbatigkeil versainnicll halte, ist die Wahlrcformsrage urplötzlich ui ein neues Stadium getreten. Graf Taafsc hat dem Hause den Entwurf eines Wahlgesetzes vorgclegt, durch welches mit Beibehaltung des bisherige» EurieiiwablinstcmS und mit tb'cilweiscr Zugrundelegung des Bildungseennis ftir die städtische und bäuerliche Bevölkerung das atigemeine R'ablrecht cingcführt werden soll. Wir haben unS über die Bedeutung des siiit'müe imiversfl vom Standpunkte der 2tbwchrbewegung b'reits eingehend geäußert und können hier nur betonen, daß durch die Regierungsvorlage nicht jenes allgemeine, gleiche und dleeede Wahlrecht crtbeilk wurde, wie cs von einem Theil des Volkes aRudert wurde. Ciii den städtischen und;um Theil auch in den ländlichen Wahlbezirken ivürde aber dieses Wahlrecht, wenn cs Gesetz würde, mir Bezug auf die Antisemiten eine ähnliche Wirkung auSu a!s das wirtliche „allgemeine Wahlrecht". In Wien, der Hoch d.r Wurstfeiselpärtei, würden die Antisemiten vcrmuthlich alle llae Äandaic an die Social Tcmokratcn abzugcbcu habe». Hier wurden sich die bisherigen Wähler durch den Zuzug der meist aus A'.beilerkrei'-rn reerutirien Rcuwähler ungefähr auf das fast Vierfache ihrer bisherigen Zahl verstärken. Eine beträchtliche Einbuße., würden die uanonalen Antisemiten voraussichtlich im nördliche» Deutschböhnien, wo sie eben erst mühsam Boden gefaßt haben, erleiden. Die wenigen ländlichen Mandate endlich, welche jetzt in ihren Händen sind, würden sie ferner mit den Elcricälen ' zn thcilen haben. Dazu kommt noch, daß' durch den Aufmarsch der dem Antisemitismus entschieden abholden Sscialisreu sowie der zahlreichen jüdischen und judeiifreundlichen galizischcn Abgeordneten die antisemitische Propaganda weiters an Ehancen verehren würde Ans all dem erklärt cSsich auch, daß auch jene Anti- ’.iiu’cn, welche früher i'o gerne mit dem allgemeinen Wahlrecht ..nsnmiirien, jetzt, wo das Bild desselben in greifbarer Rähc auftaucht, .'.rnia e.rank davon sind. ir as „Vaterland" incint, die Vorlage des (strafen Taasfe gehe wer ure. dasjenige hlnans, was von christlich-socialer Seite zur Eric.!! des Wahlrechtes in Aussicht genommen wurde. Die Regierung »ei weiter gegangen, als von irgend eittec Seite erwartet wurde, und diejenigen, welche mit dem allgemeinen Wahlrecht zu bef.u.dncn Zwecken nur liebäugeln wollte», seien übertrumpft worden, ras isi inchr Aufrichtigkeit, als man von.dem „Vaterland" erwarten .ui ähnlicher Wci'c äußern sich die gesinnungSvcrwandtcn B'.drin-.b älter in Linz, Graz u. f. w. Nicht minder klar über die erwa:g-n Folgen der Regiernngsvorlagc sind sich die reinen Anti- 'ennten. U! u,<r Beu'ammlung hat t'iiegcr bereits die Erklärung Li! .' > .v„, wenn 'eine Partei auch in Wien „den einen oder den Sin" versiere, die Landgemeinden seien ihm sicher, „borausgesinr. r. - k^eistlichkeit wirklich mit und zu den Antisemiten hält", ü.is lann brr nichts Anderes Heißentals in Wien verlieren wirzwar un'c.. -.'.'uiii. ,iv, dafür können wir uns aber auf das Land zurückri.lh», r .'.n v. ' wir ganz ini Elcricalisnins aufgchen. Das :. . n b. b - w:u!a rnrcrsichtlich und entspricht genau dem, was wir d.n A.n" m:le' 'iliou immer für den Fall des allgemeinen Wahlrechtes reors zeit haben. Wenn Lueger und sein Trgan heute gute Miene zum bö'en Spiele machen, so kann uns dies über ihre wahre Stimm-ina nicht täusche». Aufrichtiger sind jedoch mir vereinzelten Ausnalnneu ree Antisemiten Siemwcnder'schcr Dbedienz, in deren Reihen von Reichenberg bis >^ra; die Lotung erschallt: Ablchncn! Tie '.Norgerrothe einer besseren Zeit sehen in der Regicrungsrrnlagr i'.ir die ganz nationalen Antisemiten, vermnthlich deshalb, neu t:e Ännahme dieser Vorlage nichts so empfindlich treffen würde r.'v oetädc das Deut'chihuni. Das Drgan, welches den Zwettler Ritus d'r Aiiti'cniiken 'eit einiger Zeit in der kläglichsten Weise täglich einmal zntkrikk, erklärt, die dciitfch-narionalen Abgeordneten — welche es isi nicht ersichtlich gemacht — werden für die Vorlage stimmen. denn wenn auch irgendwo die tschechischen und die deutschen Arbeiter sich vereinigen sollten und der bisherige deutsch-liberale Vertreter eines Wahlbezirkes in Folge dcffcn durchsicle, so wäre das für das deutsche Volk kein Unglück, soiidern ein Glsick, In den Alpenländern und wohl auch in einigen Wiener Bezirken werde das 'allgemeine Wahlrecht jedenfalls den antisemitischen Parteien Erfolge frringtn; durch ziclbewußte und energische Thätigkeit könnten auch die Deutsch-Nationalen in dem allgemeinen Wettstreite, der durch die Wahlreform entfesselt werden wird, sich eine achtunggebietende Stellung erkämpfen. Hieran knüpft das antisemitische Drgan eine sehr eiudriugliche Betrachtung über die eigene Unentbehrlichkeit und Unterstützungsbcdürftigkcit. - Das Fechte» verstehen diese Leute eben besser, als einen politischen Calcul zu stellen. Welchen Täuschungen sich die nationalen Heißsporne jetzt aus blindem Haß gegen den Liberalismus hingeben, würde am schlagendsten in dem Augenblicke erhellen, wo das allgemeine Wahlrecht, System Taässe, Gesetzeskraft erlangt hätte und die hitzige Wahlschlacht ansgefochten wäre. Österreichische Anarchisten. ' Ei» höchst sensationeller Vorfall ereignete sich in jüngster Zeit in Berlin. In einer in Brandenburg erscheinenden soeial-dcmokratischcn Zeitung war vor einiger Zeit mitgethcilt worden, daß die Tochter eines dortigen höheren Dfficicrs aus dem Elternhause verschwunden, zugleich aber auch der Bursche des Dsficicrs in seine Eompagnic zurückversetzt worden sei. Diese Notiz hatte Aufnahme in einem Berliner Blatte gefunden, worauf gegen die Rcdactcure beider Zeitungen die Ehrcnbcleidigimgsklagc erhoben und der eine zu einer Gefängniß? strafe, der andere zu 1000 Mark Geldstrafe verurtheilt wurde. Der Rcdacteur des Berliner Blattes hatte Ich vor Gericht erboten, den Wahrheitsbeweis zu erbringen, dies war aber als unerheblich abgelehnt worden. Einige Zeit hierauf erschien in der Wohnung des Berliner Journalisten ein Herr in Civil, nannte sich Generallicutenant v. Kirchhoff aus Brandenburg und forderte als Bater des Mädchens Rechenschaft wegen des Bewcisantragcs, mit dem Verlangen, der Journalist solle ihm sofort schriftlich erklären, daß er ein „gemeiner Lump" sei; gleichzeitig setzte Kirchhofs dem Rcdacteur einen Revolver, den er aus der Tasche geholt, auf die Brust. Der Bedrohte wies die Zumuthung ab und setzte auch der dann fokgcndcn Drohung: „Wollen Sic oder wollen Sic nicht, sonst schieße ich!" ein Nein entgegen. Hn diesem Momente krachte auch schon ein Schuß, den Kirchhofs aus so unmittelbarer Nähe abgcfeuen hatte, daß der Nockaufschlag des Journalisten angesengt wurde; die Kugel selbst traf ihn auf die linke Brust, direct ühcr dem Herzen, prallte aber an der Rippe ab und wurde später etwa zwölf Fuß entfernt auf der Diele vorgefunden. In der stcisgeplättcten Hemdbrust halte sie eine Vertiefung erzeugt, im klebrigen aber keinen weiteren Schaden angerichtct. Als Kirchhoff wahrnahm, daß sein Gegner noch aufrecht stehen blieb, erhob er nochmals den Revolver, senkte ihn aber wieder, als der Journalist in Folge des Schreckens, den die abgcfeuerte Kugel bei ihm erzeugt hatte, ins Wanken kam. Kirchhoff glaubte, die Kugel habe ihn getroffen, und. entfernte sich mit der Erklärung, daß er sich selbst der Polizei stellen werde. Soweit die Vorgeschichte der Affaire, welche nun die Gerichte erst recht beschäftigen wird. Ist dieselbe schon an und für sich geeignet, ein Licht auf die traurige Thatsache zu werfen, . wie wenig Rechtsgefühl in unserer Gesellschaft und in deren obersten Schichten selbst verbreitet ist, so muß diese kleberzeugung mir noch bestärkt werden durch die Haltung, welche gewisse Leute zu dieseui bedauerlichen Vorfall nehmen. Wir sind weit davon entfernt, uns für eine Journalistik zu begeistern, welche aus Scnsationslüstcrnheit Mittheilungen aus dem privaten Leben, die einer Anwendung auf dos öffentliche Interesse ganz unfähig sind, die Publicität leiht. Wir sind in diesem Punkte eben entschiedene Gegner des antisemitischen Abgeordneten Pattai, welcher im permanenten Strafgesctzausschusse den Antrag stellte, eS sollten auch Beleidigungen, die auf solche Mittheilungen zurückzuführen sind, straflos bleiben, falls dafür der Wahrheitsbeweis erbracht würde. Tr. Pattai dachte dabei gewiß an die Presse seiner Partei, die ja, wie niänniglich bekannt, von rein persönlichem Tratsche vorwiegend lebt.. Doch wiegesagt, wir können uns für daS Borgchcn jenes Berliner Journalisten nicht erwärmen und finden die ihm zugesprochenc Strafe für eine höchst gerechte. Damit ist aber keineswegs gesagt, daß wir die Handlungsweise jenes OfficierS auch nur im Entferntesten gerechtfertigt oder menschlich erklärlich finden. Abgesehen davon, daß doch ein Mord keine äquivalente Genugthuung für eine »och so schwere Ehrenkränkung bietet, wohin würde es führen, wenn sich ein Jeder, der sich in seiner Ehre verletzt fühlt, mit dem Revolver in der Faust sein Recht selbst schaffen wollte?

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