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Freies Blatt · 1893-10-15 · 80 (15.10.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
80 (15.10.1893)
Date
1893-10-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Freies Blatt Adooiiemelltsprri»: Organ zur Abwehr des Antisemitismus. SanitShlij mit Postzulrudung . . >1. 8.54. Haldjiihrlg fl. 1.85. Lierteljährig fl. —.65 Sinjelnc Nummern 4 kr. Erscheint ÜN jedtM S0IIIltagk. Redaction und Administratioii: Wicu I. Seikerstätte 10. /S SlummerSO. Wien, 15. (Ortober 1893. II. Jahrgang. . " ' —«=** i i m Mit der hentigen Nninmcr erhalten nnserc ifcfcr die zwciiiiid zwanzigste Fortsetzung des Werkes: Sic Jiidkii nnb brr A»tisr»iitir>i»is, Afraei' unter den 'Stationen von Anatofe Leroy-Aeaukieu „ vorn frcrnz>?fischen Institut. sJic» cintretcudc Abonnenten erhalten auf Aerlange» die bereits erschienenen Fortsetzungen nachgeliescrt. (yu den preußischen Landtagswahlen. (Original-Mitiheilung de» „Freien Blatte» '.) i B-erlin, 12. ^eiober. I Die Borbereitungen zu den Landtagöwahlen in Preuße» biete», i wenn man sie vom Standpunkte der Bestrebungen zur Abwehr! dcö Antisemitismus betrachtet, so manches interessante Moment.! Die konservativen beider Arte», diejenigen, welche ihrem Parteinamen" daS Wörtchen „deutsch" voranschicken, sowie jene Gruppe, i welche osficiell den Titel „Reichöpartei" führt, gemeiniglich aber! „freiconservaliv" genannt wird, haben i» ihren Wahlaufrufen der! antisemitischen Bewegung nicht erwähnt. Die Rational-Liberalcu aber bekämpfe» in ihrem Wahlmanifeste die Raren- und Eo» fcssionshetze und erklären auf das Feierlichste, daß man ihr stets 'entschieden enlgegentrelen müsse, um das öffentliche Lebe» Deutsch lands von ihren verpesteichen Einflüssen zu befreien. Wer also den Stand der Dinge nur nach den ofsiciellen Wahlprvgrammrn beurtheilen würde, könnte zur Meinung gelangen, Deutschland befinde sich, was die antisemitische Epidemie nnbelangt, auf dem Wege einer erfreulichen Reconvaleöccnz. Prüft man aber näher das Verhalten der Parteien, so kommt man zu ganz anderen Ergebnissen. f Allerdings haben die Eonservativcn strenger Observanz eine arge Enttäuschung erlebt. Ihre Speculation, die demagogischen Elemente deö Radau-Antisemitismus zu zähmen und zu gefügigen Werkzeugen des Junker- und Muckerthunis zu machen, crwicS sich alS eine verfehlte; sie haben sich mit dem Tivoli-Geschäfte verrechnet und sehen sich von Jenen betrogen, die sie selbst mit Hilfe einiger für Geld und gute Worte leicht zu gewinnender Ucberläufer zu überlisten hofften. Allein »och immer vciharrt ein großer Theil der Conservativen in jenem Jdccnkreisc, in welche» ihn die Beredsamkeit eines Stöcker gezogen hatte. Rur mit schwerem Herzen verzichtete dieser Theil darauf, i»z Wahlaufrufe seiner Feindseligkeit gegen die Juden-Ausdruck zu gebe». ES geschah dies jedoch hauptsächlich »ur auS Rücksicht für licbwerthe Parteigenossen, die in Folge der Blamage, welche der Tivoli^ Scandal den Conservativen cintrug, ganz nervös werden, so oft sie das Wort „Jude" oder „Antisemit" höre». Wir wollen übrigens nicht in Abrede stellen, daß einzelne conservative Männer genug Gerechtigkeitssinn und Selbstachtung besitzen, um antisemitisches Treiben zu verabscheuen. Das Gros der conservativen Partei ist jedoch nach wie vor judenfeindlich; die „Kreuzzeitung", die . Eonservalive Eorrespöndenz" stehen auch jetzt nicht hinter den hetzerischen Leistungen des Ahlwardt MonilcurS zurück. Auch die Frei-Evusetvativeu nehmen eine sehr zweideutige Haltung ein.- Ihr Hauptorga», die „Post", bringt äußerst selten eine Rotiz judcnfeiudlicher Tendenz, welche Eigenbau wäre; sie befleißigt sich aber, insbesondere in ihrer Journal-Revue, de» giftigsten Auslassungen der aiilisemiiischc» Schaudprcsse eine weitere Verbreitung zu verschaffen, und sie erklärt sich mit denselben einverstanden, indem sie cs unterläßt, irgend eint Verwahrung 'vsuSzusprechen. . AlS unbedingt verläßlich läßt sich auch nicht das Einstehe» der Rational liberalen für die Aufrechthaltung der Gleichberechtigung erkläre». Den erhebenden Worten des Wahlaufrufes folgte in der pärlei-officiöscu „Rational liberalen Eorrcspondenz" ein Eom muiiiquü," welches mit wenigen Aendcrungen i» jedem Antisemiten blatte hätte stehen köuiicn. „Es würde thöricht sein," sagte daS national liberale Organ, „wollte man die antisemitische Bewegung als eine ausschließlich künstliche Mache bezeichnen. Derartige- Er scheinuugcn sind nicht möglich, wenn ni bt irgend ein thalsächlichcr Untergrund vorhanden ist, der dann, ganz wie bei der Social- Demokratie, von einer ebenso geschickten wie frivole» Agitation auögcbeutet wird. In der national-liberalen Partei ist man immer, darauf bedacht gewesen, nicht nur diese/ den sociale» Frieden störende Agitation entschieden zu bekämpfe», sondern auch jenen Untergrund z» erkennen und au» dieser Eekeunlniß die richtigen Folgerungen zu ziehe». Demgemäß hu die national liberale Partei an den gesetzgeberischen Maßnahmen zur Abstellung gewisser wirlh schafilichcr Schäden, die unbestreitbar durch eine vorwiegend von jüdischen Geschästsleuten gehandhabtc Praris entstanden sind, rück haltlos inilgetvirkt. Auch vcrkciinl man nicht, daß eS nicht lediglich wirlhschaftliche Verhältnisse sind, aus dcnen die antiseiuilüche Be wegung ihre Rahrnng zieht. Die Schwierigkeiten welche das Vorhandensein eines über daS czauze Reichsgebiet ausgebresteten, »ach Herkunft und Gebräuche» sreniden BestandtheilS in unserem Volkskörpcr bereitet, müssen gehoben wenden. Das wird aber nicht anderö möglich sein, als durch eine allmäli'ge Verschmelzung dieses BestandtheilS mit der Gesammthcil unseres nationalen Organismus." Sollen wir diese Aeußrrunge» näher beleuchten? Es ist wohl überflüssig, sic eingehend zu widerlegen. Haben cs doch schon ehrenwerlhe national-liberale Politiker selbst gethan, die ins besondere in überzeugender Weise kiarstellten, daß die wirlhschaft lichen Schäden nicht auf das Verschulden von Individuen dieser oder-jener Abstammung zurückgcführt tverden könne», wenn man nicht ungerecht sein will. Was für Schwierigkeiten cigcnttich der „nach Herkunft und Gebräuchen fremde Bcstandthr.it in unserem Volkskörper" bereite, verschweigt daS Eommuniguü. Die Thucn der Rational Liberalen entsprechen durchaus nicht der Erklärung,» sie wäre» immer darauf bedacht gewesen, die de» socialen Frieden störende Agitation zu bekämpfen. Mit Recht rügte eö Eugen Richter auf dem Parteitage der freisinnigen Volkspartei für die Provinz Schlesien, daß die Rational-Liberalen in Breslau sich mit de» dortigen Eonservativen verbanden, trotzdem die Letzteren den Antisemitismus in den Vordergrund stellten. Und die Regierung? Tritt sic der verhetzende» Thätigkeil deS Antisemitismus scharf entgegen? In einigen Wahlbezirke» tauchen Radau-Antisemiten als Landtagseandidatcn ans, unter'denen sich auch best' Man» der „Judenslinten", Herr Ahlwardt, befindet.' Das radau-antisemitische Wahlprogramm stellt eine stattliche Anzahl von Forderungen auf, so Verbot des Schächtcns, Verbot der .a4 \-J\

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