Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 79 (8.10.1893)
- Date
- 1893-10-08
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/4886575-5439157-5441457--0860-4887356- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
. Nr. 79. Freie, <Tit Kremser Versammlung.) Tje„Oesterreichische Land-Zeitung" dar Organ der Kremser Antisemiten, ist über den Eindruck, de» der letzt« Ausflug der Wiener Christlich-Socialen in Krems hinterlassen, wesentlich anderer Meinung als die Wiener Colleginnen. Die „Land Zeitung" klagt darüber, daß sich die Zuhörer mit den salbungsvollen Tiraßen eines Dr. Pattai zusriede» gebe» mußten, mit dem langweiligen Herableien einer Unmpsse Pap ierstreisen seitens deS Dr. Psenner, bei dem jedes zweite Wort Jude und wieder Jude war, bis er schließlich zur Behauptung gelangte, daß auch der Räuber Rvzia Sündor ein „Liberaler" gewesen sei. „Selbst den entschiedenste» Antisemiten wnrde dieses öde Einerlei zu langweilig" — sagt die „Land-Zeiinng" — „so daß sie maffenhaft aus dem Saale flüchteten, llebcrtrnmpft wnrde das geist- und zwecklose Geschimpfe nur durch den bekannten Siempelmann Schneider, der seinen Zuhörern wahrscheinlich das Gruseln lehre» wollte und seine Rede schließlich in dem Wunsche gipfeln ließ, daß jn Oesterreich gegenüber den Jude» derselbe Standpunkt platzgreifen mpge, welcher gegen die Mongolen anläßlich ihres Einfalls in Europa geherrf^I. Gegen die Mongole» sei nämlich ein Schußgeld per Kopf ausgesetzt gewesen. Auch aus Herrn Bergani darf nicht vergesien werden. Der Herausgeber deS seinerzeit unter deutschnationaler Firma gegründete», heute angeblich christlich-socialen „Deutschen BolkSblattes" -besprach die Eorrnplion der Presse, also einen Stoss, der ihn sehr nahe angeht. Dem Urgermanen au» Solle»; beliebte e« hiebei, daj politische Gauklerthnni so weit zu »reiben, sich als Deulschnational-Ehristlich Socialer, und — mit einem sanfte» Augcnansschlag nach oben — als dentschnationaler Oesterrcicher vor zustellen. Ihm und seinem deutschnational-christlich socialen, zweimal täglich erscheinende» Blatte» zuliebe war ja znm Theil die Wanderversammlnng de» Wiener christlich sociale» Vereines veranüaltet worden, und was Pauschalien sind, darüber kann Herr Bergan! ans eigener Erfahrung ja auch etwas erzählen." — Wir erwähnen nochmals, daß die „Oestcrreichische Land-Zhjtnng", deren Ausführungen wir wörtlich wiedergeben, ei» streng antisemitijcheS Blatt ist. Dasselbe muß eS also wissen, wenn e» seine Betrachtungen init dein Satze schließt: „In Krems hat, selbst bei der überwiegenden Mehrheit der Antisemiten) der Besuch der Wiener Ehristlich-Sociale» einen sehr widrigen und unangenehme» Nachgeschmack hinter lassen. Da? steht unleugbar fest." (Ahlwardt vor Plötzcuscc.) Ei» Hamburger Anliscmil beschwert sich in der Stöcker'schen Zeitung „Volk" über den GeschäftSanliscmite» Ahlwardt, indem er schreibt: „Nur gegen 50 Pfennige Entree konnten >vir u»S den Genuß verschasscn. Scho» an und für sich ei» starke» Stück. Daß aber schließlich Ahlwardt die 1000 Mark Einnahme, nach Abzug der nicht großen Unkosten, in die Tasche steckte, und erklärte, er habe die Arbeit gehabt, ihm gehöre auch das Geld, da« ist wirklich — nicht sauber. /Tabei hatte er noch die Kühnheit, einem unserer tüchtigste» BorstandSinitglieder, Herrn Irrwahn, elenden GeschäftSantisemitiSmuS vorzuwcrfen, als derselbe den Antrag einbrachte, die Abendcinnahme der Altonaer Parteicaffe znkominen zu lassen. Wir aber haben den Eindruck bekommen, daß Herr Ahlwardt ein Gesch ästSanlisemit ersten RaugeS ist." —Hiezu bemerkt die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung". „So lange die .Vorjräge' deS Herrn Ahlwardt für 10 »ad 10 Pfennige Entree gehalten wurden, scheint man sich über deren geschäslSantiseniilischen Zweck nicht klar geworden zu sei». Bedurfte es erst der Tarisstcigerung aus 5" Pfennige, nm dar einzusehen? Tic Berliner „Volk»zeitung" schreibt: „Koniisch ist cs, gerade ein Stöcker Blatt über de» verdienstreichcn Ahlwardt'schen OSetmbf betrieb im Umherziehen sich aushalten zu sehen. Stöcker hat in Breslau einmal eine Vorstellung bei 75 Pfennigen Eintrittsgeld gegeben. Ec ist also feinem Freunde und ehemaligen Gönner Ahlwardt im Entree-Nehmen. noch immer über." — Am 3. Octobcr ließ sich Ahlwardt noch einmal vor seinem Slrasantritl in eiiter Berliner BolkSversammlnng hören, die ihn anlicipaiiv al« zu künftigen Landtagsabgeordneten für ArnSwaldc Friedeberg feierte, wogegen Ahlwardt eine neue Jndenslintc» Broschüre ankündigte. AlS znm Schlüsse des Meetings eine Tellersammlung für Ahlwardt'« Familie veranstaltet wnrde, inscenirten die Antisemiteit, die sich von der Sammlung drücken wollten, einen großen Scandal. Sie stürzte» aus einen auf der Galerie befind-' lichen, angeblich jüdischen, thatsächlich aber christlichen Herrn und behaupteten, derselbe sei der bekannte Ahlwardt-Jntcrviewer Redakteur Saling, der lhatsächlich augenblicklich in Plötzensce sitzt. Die Antisemiten erpedirten denselben von der Galerie in de» Saal hinunter, wo er furchtbar mißhandelt und die hohe, achtzig Stufen zählende Freitreppe buchstäblich hinabgeivvrfen ivurde, ohne daß Jemand einschritt. TagS daraus trat Ahlwardt seine sünsmonatliche. Gefänguißstrafe in Plötzensce an. (Gill durchgepriigrlter Abgeordneter.) Der antisemiiische Reichsiagrabgeordnete Leuß hat in Thorn einen schlimmen Abend verlebt. Ein dortiger Buchhalter hatte neulich eine Versammlung gegen ein Eintrittsgeld von £0 Psennigen einberufcn. Die au» etwa 400 Personen bestehende Bersamnilung forderte, als Leuß das Wort ergriff, die Bildung eines Bureau». Der Einbcrufer und Herr Leuß widersetzten sich dieser Forderung. ES entstand nun ein Tumult, in Folge dessen der Vortrag auf einige Minuten unterbrochen werden mußte. AlS Herr Leuß wieder zu sprechet!, ansing, ging der Tumult aus» Nene loS. Ungestüm wurde die Bildung eine» Bureaus verlangt. Leuß kam dieser Anf- Blatt. Seite 7. sorderung nicht nach, tind da löste der überwachende Polizcibeautie die Per sammlung ans. AlS Leuß den Saal verließ, folgten ihm viele Personen, nnd c» entspann sich im Vorraum des Saales ein Vorgang, der einem deutschen Reichs tagSabgeordneten wohl bisher nie vaksirt ist Herr Leuß ivurde durchg'eprügelt und konnte nur von der Polizei mit Mühe vor weiteren Mißhandlungen geschützt werde». (Wieder kill aiitisemttischer Parteitag.: Die Jahreszeit muß der. Abhaltung antisemitischer Parteitage sehr günstig sein. Parteitag in Berlin, Parteitag in Chemnitz und neuesten» Parteitag in Marburg. Alle drei Meetings haben das Geinciusatne, daß sie angeblich zur Bereinigung dienen sollen und in Wirklichkeit der Welt daS erhabenste Schauspiel von der inneren Zerrissenheit der antisemitische» „Partei" bieten. In Berlin wurden die Slöckerianer und Tivoli- Brüder in Acht nnd Bann gelhan. Der Parteitag in Chemnitz beschäftigte sich fast ausschließlich mit den Zäukercien unter den Leipziger Antisemiten, und auf dem Parteitage der deutschen Resormpartei, welcher am 24 und 25. September unter dein Vorsitze Z.imm ermann'- tu Marburgin Hessen statriand, wnrde wieder den „Tcirisch-Socialen" arg mitgespielt. Böckel erklärte, nachdem er betont halte, daß er die „Judensrage" lediglich als sociale Frage erfasse: Ei» Zusammengehen mit der christlich-socialen Partei f.«i ausgeschlossen, weil diese nur eine Spielart und HilsStruppe der Eon - lervativen sei, und nach den letzten Erfahrnngen könne man in den Conservativen keine BundcSgenoffrn erblicken. Ebenso könne man die deutsch-sociale Partei nicht als.Schwester- oder Brudcrpartei betrachten. Herr v. Liebermann habe sich für einen -Eonservativen gegen den Reformer erklärt;. Tr. Bauer sei nach Borna gekommen, um die Brudercandidatur zugunsten v. Frcgc'S zu unterdrücken. Herder, Rother und v. Langen waren von jenen Herren als Deutsch-Sociale empfohlen, sie seien aber ohne Sang und Klang zu. den Eonservativen gegangen.. Die Dentsch-Socialeu halten sich als freiwillige Schntztruppe der Conservativen entpuppt nud ein Zusammengehen mit ihnen könne nur schaden. — Wie man sieht, arbeitet der Anliiemitismn» selbst fleißig an seiner inneren Zersetzung. Aus antisemitischen Blättern. (Heiteres iu crilsicr Zeit.) Herr Johann Si in ad er, der große/Jndaeo phage von Steyr lind dereinstige Verehrer deS Jude» Fiichhos, ist geneigt, eine öffentliche Angelegenheit daran» zu' machen, daß wir ihm dieie ehemalige Schwärmerei so oft inS Gcdächiniß zurückrufen. Er meint, dieie Sache be küminere „alle Einheimischen, weil sie (die Indem, chenn sie eS zur Antrecht crhaltung ihrer Herrschaft für gut finden, jedem Linheitnischen etwas vor zutvetfe», wa» geeignet ist, den Charakter desselben heruttterztisetzen, ein solches Treiben'wickerholen löntitc»". Wie gut hätte also Herr Simader gelhan, wenn er die Abgeordneten Lueger, Pattai :c. nicht inttner so vehement augerempelt hätte, weil sie timt in dieser „Sache" den Ministe, präsidenlcn interpelliren könnten, was dieser zttm Schutz der „Einheimischen" gegen unser Treiben zu thttn gedenke. Lüie Herr Simader, nebenbei bemerkt, dazu kommt, iniS Judei? jtt tiemtfit, ist im» nicht leicht erklärlich, da er ja nur den Herausgeber und' den verantwortlichen Redakteur des „Freien Blattes" dem bloßen Namen nach kennt, und ihm dies« schon gesagt haben 'follten, daß wir zninindestenS ebenso gute „Arier" seien als Herr Johann Simader in Steyr. Bezüglich seines ehe. maligen Fitchhoj Cnllus scheint sich Herr Simader doch nicht ganz'geiviß zu sein. Er kann sich nicht reckst an All,«, was.er ehedem war, erinnern; möglich,, daß er einmal „in einem Zeitungsartikel mit Achsung voti Fiichhos gesprochen haben lötmtc", im Staube vor ihm sei er aber nicht gelegen. Nun, Herr Simader ist zwar ein ganz ausgezeichneter Deutscher, aber die deutsche Sprache und den deutschen Sprachgebrauch kennt er einmal nicht, und so,wie ihm der llntcrschied der Worte „überlegt" itnd.-„überlegen" unbekannt in, so scheint er auch nicht zu wissen, wa» da» heißt, vor Jemandem im Staube liegen. Wik werden's ihm an einem Beispiele erklären.. Ein sicherer „Johann Simader" schrieb einmal eine politische Abhandlung: „Es geht nimntermehr", erschienen Stenr, 1S70,_ Druck der Michael Haas'schen Erben in Steyr. In dieser Broschüre geberdet sich der Verfasser Simader al? ein großer Demokrat vor dem Herrn, welcher gegen das Regime Schmerling und gegen die Männer des Majdritätivotums geharnischt in die Schranken tritt. Aber nicht etwa deshalb, weil dieselben den „jüdischen Parasitismus" gezüchtet, sondern weil sie über Oesterreich nicht das volle Füllhorn der Freiheiten auSgegosscn nnd den Völkern nicht die Autonomie geschenkt haben. Ter Verfasser erklärt, so wie bisher, d. i. bi» 1K70, gehe cs nicht weiter, und man müsse in andere Bahnen einlcnkcn, die er in einer zukünftigen Schrift vielleicht weisen will, und schließt mit dem AuSrufe: „Warum soll es den» gerade mir verwührt (--io!) sein, mich, wenn auch unberufen, an das Krankenbett der siechen Austria heranzudrängen, meine Diagnosis zu stellen, meine demokratische Apotheke anfzumachcn und der artncn Leidenden mein Recept zu verschreiben, wie die» auch der brave Tr. F)tchhos gelhan hat!'?" Sehen Sie, Herr Johann Simader, daS ist nicht bloß „mit Achtung" von Fischhof gesprochen. Hier sehen Sie in dein antonomistischen Demokraten Fischhos direct de» Arzt der siechen Austria und Ihr eigene« Vorbild, nnd da«