Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 79 (8.10.1893)
- Date
- 1893-10-08
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 79. Seite 6. Freier geflagtcn freizn sprechen. — Bertheidiger Dr. S toilow beleuchtete in eingehender Weise-die BewciSausnahme und fuhr hieraus fort: Das Ergebniß der Beweisaufnahme bat die volle Unschuld der Angeklagten dargetha». Weder die angebliche Erzählung der Helene, noch da» angebliche Gespräch ini Laden de« Gemüsehändlers, noch ein anderes BclastungSmoinrnt hat sich als stichhältig erwieie». Bedauerlich ist es, daß das m it telalterlichc Märchen: die Jude» brauchten zu rituelle» Zwecken Christenblnt. immer von Neuem wieder austaucht. Proscsior Rohling hat seine Behauptung in keiner Weise bewiesen, er ist dagegen von vielen andere» hervorragenden christlichen Professorender Theologie aus das Schlagendste widerlegt worden. Das Märchen wäre auch schon längst verschwunden, wen« es nicht als Mittel diente, um eine, unser Jahrhundert schändende, wüste ReligionS und Racenhetze zu beleben. Ich habe die feste Ueberzeuguug, daß diese wüste Hetze in diesem Gerichtssaale keine Stätte finden wird. — Die Herren Geschworne» werde» — keß bin ich gewiß — streng ihres Eides eingedenk sei» und, unbeirrt um alle draußen tobenden Paneikämpfe, lediglich den Thalbestand prüfen. Wenn Sie dies thu», meine Herren Geschwornen, dann können Sie nicht anders, als die Angeklagten sreispreche». — In vorgerückter Nachtstunde verkündeten die Geschworne» den Wahrspruch,- der wie schon erwähnt, bezüglich aller drei Angeklagten aus Nichtichuldig lautete. Die Haklentlassung drrselben wurde sofort verfügt. s^töckcr in Amerika.) Ter .Hosprcdigcr a. D., Stöcker, ist mit großen Erwartungen nach Ken Bereinigten Staaten von Nordamerika gegangen, und bitter enttäuscht wird er zurückkehren. Herr Stöcker glaubte, daß die Amerikaner ihm in hellen Schaaren Zuströmen würden, «iw Bruder Moody, sei» Impresario, war derselben Ansicht, Herr Stöcker hat, wie aus Chicago berichtet wird, dort in der ersten . ^stifte des September zum erstenma.le gepredigt; cs waren im Ganzen unr 5l.N1 Personen erschienen, die einen rein theologischen Portrag zu hören bekamen, denn getreu dem eingegangenen Perlrag hielt sich Herr /Stöcker von jeder Polemik fern, mit kcincni Worte berührte er die ' ..Judensrage". Amerikanische Zeitungen prophezeien, daß nach dieser Premic-re .Herr Stöcker ohne jeden Erfolg nach Berlin zurückkchren wird. Tie Anwesenheit Stöcker's in Amerika erregte begreiflicherweise nicht die Freude der dortigen deutschen Zeitungen. Tic Argumentation, die,Juden seien nur Gäste des deutschen „Wirthsvolkrs", kann nicht ihre Zustimmung finden. Sind doch die. Tcutschen in Amerika selbst nur ein „l^astvolk". 2lus antisemitischen Oereinen und Oer sannnlutkgerr. «Abfall von Schönerer.» Im-Lager der „Unversälschlen" macht sich Juiubordination in erschreckender Weise gellend; die Sludenle», der nuinerisch stärkste Dbeil des Schönerer'schen Anhänge», sind auch nicht inehr verläßlich, ja die deutsch.böhmische Jugend antisemitischen Bekennlniffes ist sogar bereit» von Schönerer abgefallen, und er läßt ihr in seinem Leibblatte darüber Lorwürse machen, daß sie nicht Ansland nehme, bald einen liberalen Advocaten, bald sogar — horriliil«" dii-tu — einen Bezirkshauptmail» zu einem Stistnngsscste oder einer Ferialkneipe einzuladen. Bor einiger Zeit fand ei» Eommers statt, den die deutsch nationalen Hochschüler de» Egeilandes veranstalteten, bei welchem Anlane ein „Schriftleiter" des Schönerer'schen Organs eine Menge von Grobheiten, die an die Atrcne seines Herrn und Meisters gerichtet waren, entgegennehmen mußte Besagtem „Schriftleiter" -ist es nunmehr auch bei einem Stiftungsfeste der „Deutschen Tafelrunde" in Prag übel ergangen, worüber er höchst trübielig in seinem Blatte berichtet. Er wurde, wie er erzählt, von dem Obmanne de» Fcsians'chusses mit den sreuudlichen Worten empfangen: „Nun, sind Sie vielleicht dahergekommen, rtzn auch unier heutiges Fest zu sprengen, wieSie cs in Eger gemacht haben? Dann nehmen Sie gefälligst zur Kenntniß, daß Schönerer überhaupt hier nicht einen einzigen Anhänger mehr hat." Ter anne „Schriftleiter" mußte noch eine» Schwall weiterer Borwürse über sich ergeben lasten; er „drückte aber das persönliche Gefühl des Unmulhes gewaltsam zurück" und bat den Festobman», ihm einen Platz anzuweisen. Er wurde dann niit einer „höchst nachlässigen Handbewegung"s an einem Nebentische placirt, wa« er gleichfalls „hinunterichluckle". Glücklicherweise war sein Nachbar ein barmherziger Herr, der ihn in ein Gespräch zog. Ter Obmann des Festausschustes nahm inzwischen im Vereine mit einigen Studenten von der Prager ^Teutonia" den „Schriftleiter" anss Korn. Es schien, seiner Darstellung zufolge, eine Ordre de Kamille ansgegeben zu werden, und so kamen denn die Teutonen und „firinen" — man weiß, was da» bedenket — den unerwünschten Gast Schönerer'icher Lbedienz. Ein Teuloue „umkreiste"-ihn sogar wie ein „sprungbereiter Tiger". Erfreulicherweise erfolgte jedoch der Tigeriprung nicht. ES wurden dann verschiedene Gesänge vorgetragen, wobei es den „Schriftleiter" sehr unliebsam berührte, daß daS Lied: „DaS Trah'n, da« ist mein Leb'n" von einem großen Theile der Anwesenden „stramm" iniigejungen wurde. Jetzt kam Blatt. aber daS Schönste: die Festrede». Herr Schönerer wurde dabei nicht gc feiert, wohl aber nahm ein Herr das Wort und sagte, daß eS nicht gehe, was man von einer gewiffen Seite den Prager Studenten nahcgclegt habe und wa» namentlich von gewister Seite unlängst in einer anderen Stadt so heftig betont worden -sei, daß eS nicht gehe mit dieser sogenannten „Kopf durch die Wand- Politik". Ein anderer Herr sagte, daß sich die deutsche Sludentenschast nie und »immer dazu hergcbe» werde, einem einzelnen Manne blinde Gefolgschaft zu leisten. Beide Redner wurden stürmisch acclamirt. Nun meldete sich der Schönerer'schc Schriftleiter zum Worte, das ihm erst nach langemParlamentiren bewilligt wurde. Gleich zu Beginn seiner Ausführungen wurde er durch stürmische Schluß- und „Abzug".Ruse unterbrochen. Nur mit großer Mühe vermochte er sich weiter hörbar zu machen, wobei seine Apotheose Schönerer'» mit lauten, spöuische» Haha-Rufen, Ohos und Gelächter ausgenoininen wurde. Als er von dem „allverehrten Schönerer" sprach, ries sogar einer aus der Tafelrunde: „Soll sich aushängen!" Diesen Ausbrüchen der Heiterkeit folgten jedoch, als der Herr „Schriftleiter" aggressiv wurde, Ruse: Infam! Gemeinheit! re. Milder größte» Anstrengung vermochte er endlich seine Rede zu Ende zu führe», die er mit einem „Heil!" auf die „wahre deutsche Treue" schloß. „Ich trank eine» mächtigen Schluck," erzählt der getreue Knappe Schönerer'S, „kein Mensch erwiderte mein .Heil!', kein Mensch klang mit mir an, ich setzte mich ruhig nieder. Aber nach ei» paar Augcublicke», wie wen» der Sturmwind eine kurze Spanne Zeit de» Athei» anhält, um dann init erneuter Heftigkeit darauf loszufahren, ging'S an. Ein wahres Wuthgehenl brach los, aus dem ich ärticulirle Laute gar nicht mehr wahrnahm." Endlich ergriff ein Student da« Wort und sagte, man könne die unqualificirbarcn Aeußerunge» tcS Borredners nicht ruhig hinnehmen. (Dröhnender Beifall. Rufe: Man soll ihn hinauswerfcn!) Niemals werde sich die deutsch-nationale Sludentenschast zum Schleppträger eines ehrgeizige» Mannes wie Schönerer mache», nie vor ihm aus den Knien liegen, ihm vielleicht die Hände küffen oder gar den Staub von den Füßen, wie er da», in unbegreiflicher Selbstüberhebung,, sich selbst zum Führer machend, von seine» sogenannten „unbedingten" Anhängern fordert. «Riffe: Pereat! Soll sich aushängen!) 2)ie treuesten Genosse», einer um den ander», werden aus denReiben hiirausgcworsen von diesein Manne, der sich nicht entblöoet, sein eigenes-Bild auf fein Lriespapier. zu setzen. (Gelächter und Unruhe. Ruse: Hoch Sylvester!- „Wir deutsch-nationalen Studenten hängen au der Freiheit," sagte der Redner, „und geben uns keiner politischen Fraktion hin. Wir Deutsche habe» eben einmal die Art, nicht Alle eines Sinnes zu sein, uns nicht Alle fclavifch Einem unterzuordne». Unser deutsches Staminesvolk ist uns über Alles, nicht aber ei» einzelner Man», der sich ganz und gar in Kleinigkeiten verliert (großer Beifall) und ein Führer ohne Armee ist." (Neuer Beifall.1 Nun wurde der vielgeprüfte „Schriftleiter" noch von dem Obmann des Festeomiic-S, der ihn unter tosendem Beisalle als „Schreiber" bczeichuclk, abgeführt. „Wir geben un»," so rief er, „nie zu Speichellecker» u n d, K n echten Schönerer'» her." Der „Schriftleiter" wollte dann noch antworte», aber er wäre um ein Haar dttrchgcprügell worden und vermochte erst nach allerlei Fährlichkeiten, wobei er sich sehr couragirt benommen habe» soll, dem Haufe» der gegen ihn Audräugenden zu entgehen. „Damit verließ ich die Festkneipe" — so schließ» er seine» elegisch abgefaßten Bericht. Aber nicht bloß die deutsch-böhmische Jugend macht sich von Schönerer lo«, der von Herrn Kießlich heransgegebene „Deutsche Volksbote" in Prag erklärte vielmehr im Namen aller dortigen deutsch-nationalen Antisemiten, daß sie fortan die Führerschaft des „besten Mannes der Ostmark" ablehnen. Die Epidemie de« Abfall» von Schönerer beschränkt sich nicht aus Böhme», auch in Nieder-und Oberösterreich regen sich Insubordination und Tesertionslust. Im „Briefkasten" des Schüiierer'schen Moniteurs, und zwar im Borderhause ist unter Anderem zu lesen: „1. I. K. Mir ist'» Wurst, ob diese Leute nörgeln und kritisiren; so lange ich zum Obmann gewählt werde, will ich c« verhindern, daß der Deutsche Bolksverein iu .schwankende, formvollendete und vornehme' Hände gerathe. U. d. Gr. Sch. — 2. Aus mehrere Zuschriften. Diese« neueste Schlagwort: .Deutsch-Rationale ohne Schönerer', imponirt mir gar nicht, denn darin ist die Absicht nicdergelegt, vom streng nationalen'Pfade bei Zeit und Gelegenheit abzuweichen. 1t. d. Gr. Sch. — 3. Schönerianer in R. Wenn die (Linzer Montagspost' anläßlich der Auslösung des Germanenbunde« u. Ä. schrieb: ,daß die zu täppische Weise, in welcher die BundeSleilung von einige» Heißspornen angegriffen wurde, der Behörde willkommenen Anlaß gab, den Germanenbund auszulösen' — so beweist dieses Blatt durch diese .formvollendete, vornehme' Ausführung, daß es eben in diesem Falle nicht auf Seite Schönerer'S und seiner engsten Genoffe» steht. U. d. Gr." Schönerer ist, wie e» scheint, wirklich zu bedauern. Schon da« Martyrium des nüchternen Gaumens mit Allem, was damit verbunden ist, namentlich der schmerzliche Verlust des Ritterstandes, hätte ihn, glaubt er offenbar, vor einer solchen Einpörung im Lager der „Unverfälschten" bewahren solle». Bald wird er nur aus diejenigen Individuen bestimmt zählen können, die von ihm wirthschafllich' abhängig sind, seine ganze Führerschaft also aus rein capitalistischer Grundlage beruhen. Wie soll dann ei» Führer dieser Art den „jüdischen Eapitalismu«" bekämpfen, wenn er sich auch dem Wahne hingibt, in jedem deutschen Wahlbezirke ein Mandat erwerbe» zu können?