Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 79 (8.10.1893)
- Date
- 1893-10-08
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Freies B-latt. tarnt man wohl mir dem Ausdrücke .im Staub« liegen" bezeichne«. Nun ist «L hoffentlich nicht mehr nothwendig, daß die „Einheimischen" mit Dreschflegeln in der Hand von un« die Beweise für unsere Behauptung fördern. ES sei u»S nur noch gestattet, ein wenig zu beleuchten, wie der Fischhos-Demokrat von 1870 heute auSfieht. Jetzt, am 1. Oktober 1893, schreibt Johann Simader in feinem lustigen Antiseinilenblatk: „Daß wir wie so viele Andere um das Jahr 1818 von deu Juden einen anderen Begriff als jetzt hatten, das haben wir ja ohnehin schon gesagt. Wer kannte die Juden im Jahre 1848? Niemand. Wie verschieden ivaren die demüthigen, hündisch kriechende» Juden von damals und von heute! Niemand kannte sie. Niemand wußte, wie sie nach ihrer Emancipation sein werden — das mußte man ja erst erleben. Niemand ahnte, daß sie internationale Parasiten sind, die nach vielen Millionen zählen. Niemand wußte überhaupt irgend etwa» Genaues über sie. Niemand wußte, daß sie eine große, über die ganze Erde ausgedreitete, internationale Organisation bilden. Man hatte weder von ihrem Parasitismus, noch von ihrer gigantischen Organisation, die die ganze Welt wie ein Netz umspannt, eine blaffe Ahnung. Niemand hatte eine Ahnung, wie bald sie mit ihrer Presse und durch die Macht deS Capital» über den Parlamenten und Regierungen stehen werden, wodurch da» eonstitutionelle Leben zur reinen Carricatur *) wird; Niemand hatte eine Ahnung, welche Lorruption^daS nach sich ziehen muß, so daß heute der Bestand der Gesellschaft in Frage gestellt ist. Damals betrachtete man die Juden nur im Lichte einer ganz harmlosen Religionsgenoffenschast, der das Christeuthuin zum Tanke verpflichtet ist, man sah in denselben nur ruhige, demüthige Menschen und erwartete, daß sie nach ihrer Emancipiru ug auch so bleibe» werden. Und edel, wie man schon war, envärmte man sich für diese demüthigen Menschen, machte ihre Sache zu der eigenen, und als echte Deutsche fing,man an, sogar für sie zu schwärmen und eine Art Judenculms zu treiben. Ta» war vor dem Jahre 1818 und um dasselbe herum." So also sieht, heute die demokratische Gesinnung de« Herrn Simader aus, der noch im Jahre 1870, also bereits 22 Jahre nach der Revolution, ein glühender Fischhof-Berehrer war. Weil „inan" glauble, die Juden würde» auch sürder ^demüthige" und vor den Herren ä Ja Simader „hündisch kriechende" Mensche., lei», darum gönnte man ihnen gnädig, „edel, wie man war", J>aS bische» Gleichberechtigung. Fürwahr eine-schöne Temokralie, Herr Simader! Sie werden nnS mit Nichten weismachen wollen, daß „man" um 1848 allgemein diese Ansicht gehegt habe. Auch u»S sind alte „Demokraten" auS dem Jahre 1848 wohl bekanut, diese würden sich aber höchlichst dafür bedanken, wen» man ihnen eine solche Denkweise zumuthen würde. Diese sind eben sich und der Menschheit treu geblieben, ivaS von Ihnen, Herr Johann Simader, ganz und gar nicht gilt. Sie find nur in einem sich treu geblieben, in Ihrer Sucht, die schöne deutsche Sprache zu mißhandeln. Ties zu constaliren, kann u»S doch nicht „verwahrt" sein. (Ein christlich-socialer '„Sieg".) Großer Jubel herrscht im christlichsocialen Lager. Es ist Herrn Lueger wieder eiumal gelungen, eine liberale Versammlung zu sprengen. Dieselbe war vom fortschrittlichen Verein für Bade» und Umgebung nachAlland einberufen und zu derselben Abgeordneter Tr. Freiherr v. Sommaruga eingeladen worden. Als ungebetene Gäste fände» sich nun unter Führung Luegers Ritter v. Troll, eine Anzahl Wiener Bezirksgrößen re. ein, und e» kam zu solchen Radau-Scenen, daß die Liberalen, die sich nur mit Mühe vor thätliche» Insulten schützen könnten, da» Versammlung« local verließe». Ta» „Vaterland" und das „Deutsche Bolksblalt" besingen diesen -christlich-socialen „Sieg", was selbstverständlich nicht hindern wird, daß sie bei nächster Gelegenheit, wenn Social-Temokraten ein Aiilisemitenmeetiug stören, in gewohnter Weise über „Vergewaltigung" klagen, nach der Polizei, »ach Militäraisinenz und sogar nach Ausnahmszuständen schreien werde». «Paulus Mcycr.) Ter Ausgang des Wiener „Ritualmord" - ProceffeS gegen Paulus Meyer, Tr. Teckert und deu Redacteur des „Vaterland", Herrn Doll, vetanlaßt die „Staatsbürger-Zeitung" ihren frühere» Schützling, Paulus Meyer, als einen Charalter zu bezeichnen, „dessen bodenlose Schlechtigkeit und Niedrigkeit nur noch durch die widerwärtige Heuchelei übertroffen wird, mit der er vor seine Richter zu treten die Stirne hat". Ter Brief Paulu» Meyer'S w»>de seinerzeit von der „Staatsbürger-Zeitung" in einem Leitartikel wiedergegeben: jetzt findet sie, daß er die schauerlichen Eiuzeiheile» eine« BlutniordeS mit „scheußlicher Genauigkeit" schildere. Ebenso schamlos benimmt sich die'Leipziger „Neue deutsche Zeitung". Am 18. Jänner d. I. *)-Natürlich schreibt Herr Johann Simader das,Wort „Caricatur" falsch, nämlich mit zwei „r". Nr. 79. schrieb sie über Paulus Meyer im „Briefkasten": „Herrn Paulus Meyer, hier. Wir bestätigen Ihnen sehr gern, daß der Satz in dem .Eingesandt' unserer Nummer vom 11. d. M.: .jetzt läßt ein neuer Apostat seine Stimme in den .Deutschsocialen Blättern' erschallen', schon deshalb nicht aus Sic bezogen werden kann, weil Sie thatsächlich kein Apostat sind. Einen .Apostaten' kann man doch nur eine» Mann nennen, der einer ReligiouSgemeinschaft abtrünnig wird, um einer anderen beizutreten, wir wiffen jedoch, daß Sie die« nicht gethan haben, weil Sie unmittelbar nach Ihrer Geburt griechisch-orthodox getauft worden sind. Für Denjenigen, der auch'nur die elementarste Kenntniß der russischen Reichsgesetze über gemischte Ehen besitzt, war dies von vornherein selbstverständlich. Wenn also der Einsender seinen Satz wirklich auf Sie bezogen hat, so hat er sich in einem Jrrthuine befunden. Bon Ihren uns eingereichten Arbeiten werden wir mit Vergnügen Gebrauch machen." Im Leitartikel vom 23. September nennt sie ihn aber gleich in der zweiten Zeile den „ehemaligen RabbinatScandidaten" und späterhiit findet sie die Worte: „die bodenlos rasfinirte VertheihigungSrede jenes gelausten Juden", „in echt semitischer feiger Manier", „jener Jude — denn ein Jude schlimmster Art ist PauluS Meyer geblieben trotz der Taufe" u. a. m. Jetzt bertfft sich Erwin Bauer, der Pseudo-Doctor, auch auf Pastor v. Bodelschwiugh, obschon ihm doch Meyer'S Beziehungen zu diesem Geistlichen längst vor seiner (Bauer'« Freundschaft mit Meyer bekannt gewesen waren. Jetzt leistet er sich den Satz: „Ter .Deutsche Antisemitenbuud' in Berlin brachte diese zweifelhafte Persönlichkeit an die Oberfläche und glaubte, sie als Zeugen wider das Talmud Judenlhum verwerthen zu können." Fürwahr, ein schöner Beitrag jitr Repnzeichnung der Corruptio» im'Leipziger Antisemitenlager! (Radau- und Tivoli-Antisemiten.) Ter Kampf zwischen den reichsdeutschen Antisemiten, lvelche im Radau ihr Heil suchen, und jenen, welche das Tivoli-Programm als das allein seligmachende preise», dauert in den beiderseitigen Preßorganeu mit »»geschwächter Heftigkeit fort. In Nordhause» führte diese ZeitungSsehde zu einer gerichtlichen Verhandlung und zu einer Verurtheiluug des sür die Exceffe des Radau-Blättchens Verantivortlicheu zu einer Geldstrafe von 150 Mark oder entsprechenden Arreststrafe. Das Hauptorgan der Tivoli-Patrone, die „Conserva live Correspondenz", zieht gegen die Radau-Brüder los, denen eS vorwirst, mit dein Schlagworte: „Gegen Juden und Junker!" nur für das Judenthum zu arbeiten, dem sie auch sonst dllrch ihre Nebertreibunge» nützen. Zu/den in Radau Versammlungen geäußerten Gelüste« »ach Beschlagnahme des jüdischen Vermögens bemerkt die „Conservalive Correspondenz", daß die Jade» dadurch keineswegs eingeschnchtert werden, da sie „sehr genau wiffen, daß/Jjc i» einem geordneten Staate vor Raub geschützt sind". Ter Hinweis auf den Schutz, -welchen ei» geordneter Staat gegen Raub gewährt, wäre wohl in dem osficiellen Organe der Tivoli-Anlisemite» nicht vorgekommen, wenn die Ahlwardt, Böckel und Genossen „berechtigten Antisemitismus" getrieben, d. h. Junker und Mucker in Ruhe gelaffen und sich damit begnügt hätten, nach wie vor bloß gegen die Juden zu Hetzen. Briefkasten.! .)• „Ein ständiger Leser": Wir bedauern, von der Sache keinen Gebrauch machen zu löime», da Sie uns Ihren Namen nicht nenne». T. L-, Wien, Neubau. Wir sind nicht genug Heraldiker, um die Wappeniprache jenes Adlers versiebe» zu können, welcher am .Hopf des neuen anti semitischen Tagblattes prangt. Sowohl der preußische Adler, als auch derjenige des Teutscheu Reiches sind eiulöpfig. In Bezug aus die Lebensdauer des von einer Wochetrschrifi zu einem Tagblatte avancirlen „national radikalen" Organs können wir umsoweniger eine Prognose stelle», alS dasselbe sich bereit« be müssigt sieht, um Zuwendung von Spenden öffentlich zu bitten. Zur gefälligen Beachtung! Wir erlauben uns darauf aufmerksam zu inachcn, daß wir bei Ucberscndung von Abonncmcntsbcträgcn zwar Postmarkcn, nicht aber Stempel an Gcldesstatt annehmeu können. Ferner er suchen wir bringend, sowohl bei Abonnements-Anmeldungen als Ncclamationeu Uame «nd Adresse (besonders Ort und Post) leserlich zu schreiben, da wir sonst bei bestem Willen nicht in der Lage sind, eine Verantwortung für uichtbrstclltc Exemplare zu übernchmeu. Die Administration. Beitrittserklärungen zum „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" werden cntgegcngeuommen im Sekretariate des Vereines, Wien, I., Parisergaffe 4. Ado»aemeataanmetd«t»gr« auf das „Freie Blatt" nimmt die Administration, Wien, I., Seilerstätte IN, jederzeit entgegen. Ebendaselbst »erde» auch einzelne Rnmmern abgegeben. Prabennmmrrn zur »eiteren Verbreitung des „Freien Blattes" werden Gestnuungsgenoffeu auf Verlangen bereitwilligst zur Verfügung gestellt. Herausgeber: Ernst Victor Zenker. — Verantwortlicher Redacteur: Josef Borwahlner. — Druck von CH. Reißer & M. Werthner, Wien.