Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 79 (8.10.1893)
- Date
- 1893-10-08
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 5 Nr. 79./. / Freie» befragen, ich habe Sie gestern Abends schon im Gasthause kennen gelernt!" WaS dann noch weiter erfolgt ist, ist nicht bekannt geworden, doch soll sich noch eine ausführliche Auseinandersetzung über die zweckmäßigste Art der Fortbildung eines VehrcrS n. dgl. angefchlosic» haben.' (Antiscm in Eonflict mit den Ltrasgesetzen.) Wie wir schon in einer der letzten Nummern deS „Freien Blattes" gemeldet, hat das Schwurgericht in Nürnberg den „Schriftsteller" Adam Weber, Ncdactcur des Anliscmitenblattes „Freier Beobachter" in Fürth, zu einer dreimonatlichen Gesängnißstrafe vcrurthcilt. In der Verhandlung wurde fcstgcstcllt, daß Weber wegen Betrug Sv ersuch« sowie verschiedener Vergehen gegen die Sittlichkeit zahlreiche G efä » g n ißst raf en verbüßt und etwa fünf Jahre Hinte» Schloß und Niegel zu gebracht hat. Eine ganz nette Illustration für die sittlichende Wirkung deS AntiscinitiSmuS. (Juden als Feldarbkiter.) Aus Petersburg wird uns berichtet: Zur Widerlegung des Märchens von der Unfähigkeit der Juden zu schwerer physischer Arbeit, beste» i» meinem lstztcn Briefe wieder Erwähnung geschah, liegt ncncrdings eine unbestreitbare Thatsache vor. Ter bekannte russische Gutsbesitzer Baron Wränget ließ jetzt auf seinen Gütern in Swcnigorodka mehr als 300 Juden beschäftigen, und dieselben habe» sich als Feldarbcitcr die Zufriedenheit des Barons inhohem Grade erworben. (;i— (Ein „Rikuali»ord"-Prorcß in Bullsliritil.) Ucbcr de» Berlauf des jüngsthin in N a h o >v o durchgcführtcn „Ir i t u a l m ord" - P r o c e s s c S tragen wir noch folgenden Bericht über einzelne iuterestante Momente nach: Die Sitzung des ersten TageS wurde ausschließlich durch das Verhör der drei Angeklagten, deS Johanna» Benbässa, dessen Frau Sarah und des Haim Levy in Anspruch genomme». Johanna» Bcnbassa bekennt sich nicht schuldig. — Präsident: Da» ermordcic Kind ist am l>. Juli ld9l verschwttiideil und ist am diesem Tage von einem Zeugen in, Judcnviertcl, uiib zwar vor Ihrem Hause gesehen worden. — Angell.: Davon habe ich keine Ahnung. — Präs.: Nun ist von mehrere» Leuten bei der verstorbenen Helene Vultchcva Siudenka ei» Kind gesehen worden, daß dem ermdrdeten sehr ähn lich sah. Die Helene Vulicheva soll zu verschiedenen Leulon geäußert habe»: Sie und Ihre Frau habe» ihr eine» Abend» in der Tunkelstundc ein kleines Mädchen mit rolhc» Haare» gebracht und sie ldie Helene) gebeten, da» Kind zu behalten und zu pflege», bis Sie es wieder abholc» werden. Sie sollen der Helene hiefür 50 Piaster gegeben habe». Aach drei Tagen haue» Sie, wiederum in der Tunlelstunde, das Kind abgeholt und cs in Ihr Han» geführt. Ihre Frau soll nun zu der Helene später gesagt haben: „Wir habe» dem Kinde eine» «ranz von Kornähre» ans de» Kops gesetzt und ihm da» Blut entzogen, bis e» lodt war." — Angekl.. An alledem ist auch nicht Ein Wort wahr. ES ist bcdazierlich, daß Helene nicht mehr am Vrbcn ist; diese kann so etwas gar nicht gesagt haben. — Präs.: Tie Helene könne» wir allerdings nicht mehr befragen, aber mehrere Leute wollen beschwören, daß dieselbe eine solche Erzählung gemacht hat. — Angekl.: Weshalb sollten wir denn eigentlich das Kind ermordet haben? E» lag doch gar kein Grund dazu vor. — Präs.: Ihre Frau soll zu der Helene gesagt haben: „Sic habe» da» Kind getödtet, um demselben das Blut zu entziehen." Ru» behauptet die Anklage: Die Israeliten schlachten Christcnkinder, weil dieselbe» zu rilnellen Zwecke» Christenblnt brauche». — Angekl.: Da» kann aber doch kein vernünftiger Mensch glaube». — Präs.: Professor Rohling in Prag soll de» Nachweis geführt hoben, daß 'der Talmud die Ermordung von Ehristenkindern geradezu vorschreibe, um Ehristenblut zu rituellen Zwecken verwenden zu könne»? — Angekl.: Herr Präsident, ich kenne den Prosestor Rohling in Prag nicht. Wen» dieser Mann aber so etwas behanp'.et, dann ist er entweder verrückt oder er thut es aus Haß gegen die Juden, um Judenverfolgungen inS Werk zu setzen. Mir und wohl auch keinem andern Jude» ist bekannt, daß auch nur etwas AehnlicheS im Talmud steht. Was sollten wir auch mit dem Blute eines Kindes beginnen? Unsere Retigion schreibt n»S vor, daß wir selbst nicht einen Trepsen Thierblut genießcn dürfen. — P r 8 s.: ES wird Ihnen aber vielleicht bekannt sei», daß. man vor einigeu Jahre» in Ungar» »nd vor einem Jahre auch in Deutschland Juden beschuldigt hat, Ehristenkinder zu rituellen Zwecken geschlachtet zu habe»'? — Angekl.: Diese Anschuldigungen waren doch aber sämmlich nur erdichtet, um die Inden verfolgen z» können. Ein Beweis hiesür ist doch nirgends geführt worden ilnd konnte auch nicht geführt werden. — Präs.: Aus welchem Grunde mögen wohl dem ermordeten Kinde zunächst Hände und Füße gebunden und alSVan» der Mord vollführt worden sein? — Angekl.: DaS weiß Gott. — Präs.: Der weitere Umstand, daß dem ermordeten Kinde mittelst eines spitze» Instrumentes mehrere Löcher beigebracht wurden, und zwar augenscheinlich in der Absicht, um ihm daS Blut zu.entziehen, hat die Staatsanwaltschaft in der Annahme bestärkt, daß hier ein Ritualmord vorlitgt. — Angekl.: Herr Präsident, ich vermag selbstverständlich nicht zu sagen, aus welchem Grunde der Mörder das arm« Kind noch derartig gemartert hat. Gott ist Mein Zeuge, daß weder ich »och ineine Frau den Mord begangen haben, und ich halte e« auch für unmöglich, daß Hain, Levy den Mord Blatt. begangen hat, den» Ritualmorde ezistiren micht. Wir Juden brauche» kein Ehristenbl»t,, wir schlachten keine Ehristenkinder. , Unsere heilige Religion verkieket den Mord ebenso wie die -christliche und inohammedanische Religion. — Präs.: Prosessor Rohling soll behaupten: Da« Gebot in. dem jüdischen Gesetzbuche: „Du sollst nicht tödten", bezieht sich nur aus Jude», nicht ans Andersgläubige. —> Angekl. (mit großer Entrüstung): Wik'kan» der Maim so etwas behaupten? DaS Gebot „Tu sollst nicht tödten" läßt keinerlei Deutung zu, daß eS sich mir ans Jude» bezieht. DieserMann kau» ja alle« Mögliche behanple», e« kommt aber daraus an, ob er ev auch beweise» kann. — In gleich entschiedener Weise stelle» die beiden andere» Angeklagten jede Wissenschaft von dem Morde in Abrede. — Der zweite Verhandlungslag war dem Beweisversahren gewidmet: ES wurden 21 BelastungS- und 9 Etitlastungszengen vernommen; die meisten Zeugenaussagen sind schivankend, widersprechend und rühren oftenbar voin Hörensagen und Wiedersaqen her. Ein Zeugender Schneider ProtinSky, bekundete, am 5. Juni 1891 sei er am Jndenviertel vorübergegangen, vor der Thür de« Jude» Sakutcho habe er zwei kleine jüdische Mädchen mit einem drille», dar seinem Aeußern »ach eine Christin war, gesehen. DaS eine jüdische Mädchen sagte, aus daS christliche deutend: „Tie kan» nicht reden". Al» er nach kurzer Zeit zurückgekehrt sei, habe er die Kinder uichstmehr gesehen. Das christliche Kind sprach kein Wort, es war barsnß, hatte «othe Haare und trug ei» blau und roihscheckiges Kleid. — Vertheidiger Dr. S toi low: Weshalb haben Sie diese Ihre Wahrnehmungen erst nach Auffindung der Leiche, also säst zehn Wochen nach dem Verschwinde» des Kindes, mitgetheilt? — Zeuge: Als die Leiche gesuuden wurde und man sagte, die Juden habe» da« Kind gemordet, da fiel cs mir erst wieder ein. — Vertheidiger: Da» Ver schwinden erregte aber doch sofort Aussehen, und man sprach auch sosori, daß die Juden daS Kind umgebracht hätten. — Zeuge: Damals legte ich der ganze» Sache keine» Werth bei. — Drei al« Zenginnett ausgernsene Frauen sagen ziemlich übereinstimmend aus, Helene habe ihnen einmal erzählt, eine» Abends in der Dunkelstunde habe ihr der Jude Benbasia mit seiner Frau ein kleine« siebe», bi« achtjährige« Mädcherr^gebracht. Dasselbe sei ohne Kops- und Fußbekleidung gewesen, habe, rolhe Haare gehabt u»d ein bunte« Kleid gettage» Die Juden hätte» zu ihr gesagt: „Pflege da» Kind einige Tage, wir gebe» dir fünfzig Piaster". Rach drei Tage» hätte» Benberssa und Frau da« Kind wieder abgeholt. — Prä s. (zu der einen Zeugin): WaS hat Ihnen Helene seiner erzählt? — Zeu gi » F rau P otalow: Weiter hat mir Helene nichts erzählt. — Präs.: Hat sie Ihnen nicht erzählt, die Frau Benbasia habe ihr gesagt, dem Kinde haben sie da« Blut cntzoge» und c« so lange gemartert, bis eS todt war? — Zeugin: Davon weiß ichnicht«. — Präj.: Bei dem Untersuchungsrichter haben Sie das aber ausgesagt? — Zeugin: DaS habe ich nicht gesagt, da muß ein Jrrihum vorliegen.. — Die zwei anderen Zeuginiieu bestritten ebensallS entschieden, vor dem Untersuchungsrichter die 'letzterwähnte Bekundiilig gemacht zu haben. — E« erschien hieraus als Zeuge der Gemüsehändler Fedor K r i sto w. Dieser bekundete: Eines Abend« waren Baro Lern, und Haim Lev») in meinem Lade» Tie beiden Brüder sprachen spanisch miteinander. Ich glaube,, daß Baro Levh z» Haim Levy sagte: „Ihr habt euch zu sehr beeilt,, ein Bulgare durste eure Angelegenheit nicht kenne», denn die Sache wird eine büie Wendung für unS nehmen." — Vertheidiger: Habe» Sie genau verstände», wa« Baro Levy sagte? — Zeuge: Genau nicht, ich glaube aber, daß da« der Woitlaut war. — Vertheidiger: Sind Sie des Spanischen vollkommen mächtig? — Zeuge: Vollkommen nicht, ich versteh« eS aber iin Allgemeiiieu. — -Vertheidiger: Sie können also auch die Bemerkung mißverstanden haben? — Zeuge: Ja wohl. - — I,» weiteren Verlause wurde» noch sü»s Frauen zeugeneidlich vernommen. Diese bekundeten ttbereinstimmeud: sie hätten täglich bei der Helene verkehrt, aber »icinal» ein fremde« Kind bei derselben gesehen; das Kind der Helene, ein achtjähriges Mädchen, habe ostmalS im Keller gesesie». — Am dritten Tage begannen die PlaidoyerS. StaatSanwaltS-Substitut Tr. Konakow sagte u. A: Wir stehe» am Ende eines traurige» Trama«, da« wcü über die Grenze» Bulgarien« hinan« Auf. sehe» errege» dürste. Ein schrecklicher, räthselhasler Mord ist begangen worden. Allein wer' der oder die Mörder waren, hat leider diese Verhandlung nicht aufzullärc» vermocht. Ju der Anklageschrift ist al« Motiv für die That angegeben worden: Tie Angeklagte», die fännntlich Israeliten seien, hätten daS Kind auS rituellen Gründen erinordet. Ich will eS dahingestellt sei» lassen, wie weit der Ritualmord begründet ist. Ich bemerkt dabei, daß ich nicht der Berfasier der Anklage bin. ES ist auch nicht meiize Ausgabe, scstzustelle», ob die Israeliten Ritualmorde begehen; ich habe nur die Aufgabe, sestzustellen, ob die Angeklagten sich de« ihnen zur Last gelegten Verbreche»« schuldig gemacht haben. Ter Staatsanwalt ging alsdann näher aus die BetveiSausnahme ein mnd fuhr hierauf sort: Ich bi» nach dem Ergebnisse dieser Beweisaufnahme nicht in der Lage, die Anklage aufrechterhalten zu können. Die Beweisaufnahme hat nicht da« Geringste für die Schuld der Angeklagten ergebep; ich ersuche Sie daher, meine Herren Geschwornen, die An-