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Freies Blatt · 1893-10-08 · 79 (8.10.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
79 (8.10.1893)
Date
1893-10-08
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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reit« I.XXXVIir. Beilage zum Freien Blatt, Mrga» zur Abwehr de». Antisemitismus. sind kaum zahlreicher, als fric lihrifrcn, die noch davon träumen, dem Ungläubigen das heilige Grab zu entreiße». Uebcrs Lahr in ~ ofnimlcm! Sehnt wohl die Jude» Frankreichs, Deutschlands, Englands. Amerikas, welche Rösch Haschauah begehen, wie Seute aus, die Alles' attfzttgcbcn bereit wären, um ihr Zell im >iidronlhale aufzufchlagcn? Bekunden sie durch ihr BcrHallen, dass sie sich in uuscreu Stadien als durchreisende O'iuif betrachten, die nur für eine gewisse Zeit bei uns verweilen? Schließen ne nicht Geschäfte ab aus lange "feistst? .staufcn sie nicht Sandgülcr? Bauen sie nicht für sich und ihre Nachkommen Häuser,' Snn^ogcn, Spitäler, Schulen, als gedächten sie aus immer bei den mindern Laphet's zu verbleiben? Lhre Gegner werfen ihnen nicht vor, daß ne bereit seien, uns zu verlassen, sondern daß cs ihnen bei uns zu gut. gefüllt. Und sieht mau die Altjudcn des Ctteito, die immer »och die Wiedereinsetzung Israels und die baldige 'Ankunft des Befreiers erflehen, ihren Besitz zu Geld liiacheu, um, aller fesseln ledig, nach ihrem künftigen Balcrlande ziehen >u können? Bersäunten sie darob ihr «Geschäft, oder weichen sie in den Alltagssorgen von ihren thristlicheu Nachbarn ab? t''cwiß, viele weichen davon ab, allein gewöhnlich weil ne nch mehr um den nächsten Tag kümmern a,s diese. Thaliächlich haben diese der Wiedervereinigung der Stämme harrenden Luden eine sonderbare Aehnlichkeit mit inten Protestanten vom tausendjährigen Reich, wie sie noch in Großbritannien vorkoinnieii und die. über die THroubesteigting der von Daniel angc 'kündigten 'üntteit Monarchie Berechnungeu anstellcn. Lch habe solche angelsächsische Träumer gekannt: obwohl sie der Erfüllung der Weissagungen harrten, lebten ne darum nicht minder tvie'gute .Naufleute lind gute Engländer. Bei'weitem nicht'alle 'Dstjndcn Eurovas übrigens nähren derartige Träume. Biele tvürden den Boten, der ihnen autüudigte, das 'tffidt T avtd's fei wieder Hergcstellt und ne hätten noch den mageren Weidegründeu des Sandes .'iauaan stirückznkehren, wäre er selbst ein Engel vom Himmel, mit einer verdrießlichen lieber- > raschung aufnehmen. „Wenn jemals Israel wieder ein Boik würde," äußerte zu nur ein ^Lnde von der 'Weichsel, „so wünsche ich nichts weiter, als cmmil für Palästina in Warschau zu werden." Wie viele tausende von euiarleten Söhnen Laeob's hätten denselben Wunsch, dieser für Paris, jener für Berlin, dieser für Nom, jener für Washington! Wie viele würden eher alle Plackereien über sich ergehen lassen, als' nach -den steinigen Hügeln ihrer Borfahrcn zuriickznkehren? Tnir die Mehrzahl, selbst der Dstjiiden, besieht die i wahre Wi'ederaufrichtuug Lnaels, das Neich des Mi estuas Befreiers, in dem Auihöreu der Selaverei, in der Befreiung von den Ausiiahinsgefetzeii. Tas künftige Jerusalem, das irdische Zion, denen Einl laß üe linier alten rabbinischen Formeln erflehen, in die bürgerliche' Freiheit ltnd »'leickheit. Man nchmc die erbärmlichstenlithauiselten oder welüruntschen Ludenschaftcn, man frage die ariuscligsten rumä nischen oder volniichem Luden, ihre Antwort wird latiten,"daß sie j Nichts verlangen, als au den Ufern des 'Riemen oder des- Prulh zu verbleiben, wenn man ihnen nur gestaltet, dort ein erträgliches Selten ztt führen. Llw Batcrland ist jette Erde, wo ihre Bäter ' starben und ein >"rab fanden,, und sind ne gezwungen, diese zu verlassen, so scheint ihnen ihr Auszug eine wirkliche Bcrbannung. - III. Wenn die Einbürgerung der Luden best uns zu Sande nur . die tnesstanischen Hoffnungen gegen sich häkle, würde sie, bevor! zwei oder drei Generationen vorübergegangcn, vollzogen sein. Allein i es gibt bekanntlich moderne Länder, wo der Lude sich kauin um l! den Bürgcrtitcl bewerben kann. Wir sehen heule wie im Mittel-! alter Negierungen, welche mit allen Mitteln bemüht sind, seine ' Assiinilirung aufzuhalten, als wollten sic ihn für iinmerdar im ' Zustande einer abgesonderten 'Itation erhalten. Solchergestalt koinint > es, daß hundert Lahre nach Mendelssohn und dem Emancipations- > -decrct der Nationalversammlung solche Lsraeliten, welche den Glauben! an die Assimilirung halten, von Zweifeln ersaßt werden.! „Wenn man uns tagtäglich versichert, wir könnten keine Nüssen, Polen, Numänen werden, seien Luden und könnten nur Luden . sein," sagte mir im Bertrauen einer jener Studenten, die sich in j Paris die Doctordiplome holen, welche' iiutn ihnen in Nußland verweigert, wie sollen wir uns da nicht selber fragen, ob wir nicht auf falschem Wege sind? Da man uns hartnäckig als ein Botk betrachtet und für unanglcichbar erklärt, warum sollten wir nicht die Krage untersuchen, ob wir nicht wieder eine Nation iverden könnten? Man läßt uns ja bitte Wahl. Wir versuchten aus unserer Ausschließlicksteit herauszutrelen und man führt uns mit Gewalt wieder hinein, und man vertreibt uns aus den christlichen Städten und'Drtschastnt, um uns in unsere Ludcnschaften zürückzubringen; mau versperrt uns den Zugang zu den Unlerrichtsanstalten und Hochschitlen, mit anderen Worten, den Eintritt in die Eivilisation.; Selbst im Westen, dort, wo die Ausuahmsgesetzc seit langem ausgehoben sind. Hört man lärmende Stimmen deren Wiederherstellung fordern.. Warum sollten wir jene, dje uns ausstoßcn, nicht von! uns weifen nnd unseren Stolz darein setzen, wir selbst zu bleiben oder wieder zu werden? Was hindert Lsrael schließlich au seiner Wiedergeburt? Die Neligiou geht in unserer Lugend verloren, die Nationalität überlebt. Ueberlassrn wir die Westjuden, deren Bcr schmelzuug mit den modernen Böikeru litt Zuge ist, ihrem Schicksale. stönutc» wir nickil dort, wo wir zahlreich sind, in russische», volnisäien, rumänischen 'Sauden, eine Nationalität inmitten der ' älalioueu bilden, welche stch die Obergewalt über den Cfirn streitig machen? Warum selbst sollten'wir nicht Palästina und Shunt zu besiedeln, wieder einen jüdischen Staat auszurichten, mindestens gleich den »'•’vicrfH'u einen unabhängigen nationalen Schwerpunkt wiedzt zustudeu vermögen, wo uns gestattet wäre, nach' uitscren Gesetzen und Sitten, unserem historischem Genie gemäß, zu leben? Schließlich hat es vielleicht seine Nichtigkeit, daß das Baterland Anderer für den Luden niemals mehr als eine Stiefmutter und nie eine Mtilter fein wird, :> ste|>-fatlj<-rlmnl, wie ein Engländer sagen würde." Den ehemals durch G„ Eliot dem Mordcchai tu den Mund gelegten Wunsch Habe ich wiederholt solcherweise aussprechen gehört. Als „Daniel Derouda" erschien, erregte er ein Sächeln. Heule verdient er minder leicht genoininen zu werden, denn die Cft juden haben scildcin viel gelitten, und ihre 'Seiden und Besorgnisse lassen bei Bielen von ihnen wieder den Wunsch aufkommen, von den Ehristcu unabhängig zu sein, eilt Heitnallaud. ein eigenes Gebiet zu besitzen.''"» Wird sich dieser Traum von cincm jüdischen Staate jemals verwirklichen? Lch möchte cs nicht verneinen; so schwierig es sein mag, unmöglich ist es nicht. Die Krage verlohnte ' '.inlersuchl zu werden, vielleicht werde ich mich eines Tages daran machen. Allein sollten sich die Luden, tvie bereits in Lerttfalcin, auch im Saude Kanaan von Neuem in der Mehrheit befinden, sollten sic an den beiden Ufern des Lordan eine winzige Nepublik oder ein kleines jüdisches Kürstcnthunt errichten, so würden dadurch die Westjuden doch nicht zur Nückkehr nach dein alten Heimatländc bewogen werden. > .rortscyong folgt.» “*) Es sind außer den Tcheifle» des verstorbenen Saurence Dliphant viele lztugschrinen über dieses Thema veröffentlicht worden: ich führe unter Anderen an „Tie jüdische Unabhängigkeit" von Isch-Berlin (Hern, Istiiüj. Man abonnirl das Freie Blatt in der Administration, Wien, I., Teilerstätte 10. Abonnementspreis: ganzjährig ö. W. 2 fl. 50 kr., halbjährig 1 fl. 2b kr., vierteljährig 65 kr. Heraus§.'ber: Crnr't Victor.Zenker. — Verantwortlicher Re^acleur: Zoief Vorwahlner. — Druck von Ch. Reißer & M. Werthner, Wien. i

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