Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 79 (8.10.1893)
- Date
- 1893-10-08
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 86% known words query
- IRI
…/4886575-5439157-5441457--0856-4887352- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Beilage 511m freien iMatt, Mrgan zur Abwehr -es 7!nnsemitismus. ^e:re l.KXW ) 1 darum nicht tnindcr dem Geiste des Jahrhunderts »achgcbcn müssen, denn die Gkschichlsströmung war gegen sic. Die Inden Frankreichs und Deutschlands haben ans ihren überlieferten Sonder geist verzichtet, und wo sind die Rabbiner, denen cs einsiele, sich darüber zu beklagen? Dies Geschlecht ist vcrschwniibkii. dasselbe wäre bald in Polen, Ritßland, Rumäiiien der Iall, wenn die Ausschließlichkeit der Alijnden nicht durch jene der Christen genährt wurde.S31) Sic sind im Irrthnin, werden Einige sagen, der Berzichl ans ihren nationalen Partienlarisinno steht den Inden' nicht srei, denn in ihrer Religion sind die nationalen Hoffnungen enge mit dem religiösen Glauben verknüpft. Es ist dies der wesentliche Eha raktcrzng des Indenthnnis. Wir wissen dies und haben es bereits festgeftellt; Rationalität und Religion sind bei den Inden lange miteinander verwachsen gewesen. Sie sind durch die Jahrhunderte miteinander verschlungen und wie verflochten worden: gllein was die Jahrhunderte verbunden, sind sic im Begriff wieder zu lösen. Bon den beiden ineinander gezwirnten und gedrehten Iädc», welche das Iudenlhum bildeten, ist der eine durch die Reibung, der Zeiten abgenützt und fasert sich ans, der andere, Widerslands kräftigere, bleibt und hält ans. In dieser Hinsicht befindet iich Israel noch i» einer Ucbergangszcit. Es ist im Begriff, ans dem Stadium einer Bolksgruppe in jenes einer Bekennlnißgruppe über ^z»gehen. 'Aaclidein es lange ein Bolk gewesen, wird cs bald nur mehr eine Religio» sein.--'-) Es ist dies eine im Oeeidenl nahezu beendigte Mauserung, welche im Orient erst am Beginne steht. Das Iudenthnni, das lange in feine Rationalität wie in eine schützende Decke eingeschlagcn gewesen, hat diese erst halb abgestrrift: während der »topf ni^d der ganze Oberkörper vollkommen heraus geschlüpft sind, bleiben die Füße und die unteren Gliedmaßennoch in der nationalen Umhüllung stecken. Die jüdischen Enltusgcbräuche. haben einen wesentlich nationale» Eharäkter. Das Warum haben wir gesagt: der Talmud wollte Israel vor der Anfsaugnng dnrch die Heide» bewähre». Die Mauern Jerusalems waren gefallen: Inda hatte sich mit einem dreifachen Zaun von Riten und Satzungen nnisricdel. Es genügte der Synagoge nicht, im Hanse Israels das Andenken an feine Ruhmcslhalcn und feine Trübsalr, Iaslen und Iesle zu erhalten, das Ritual ist bcinühl, seine Hossnnngen bis ins Höchste zu steigern. „Der ganze Enllns," versicherte mich ein Orient Rabbiner, „beruht ans dem Glauben an die Wiederherstellung Israels. In unseren Gebeten erflehen wir überall, den Berheißnngen der Propheten entsprechend, die Befreiung Zions, die Wiedervereinigung der Stämme in ihrem alten Baterlande." Zweifellos nchnien tausende von Juden des Orients, Rußlands, Rnmänicns diese göttlichen Berheißungen wörtlich. Sah nicht Ezechiel, wie in dem mit Gebeinen angcfüllten Thalc miter dem Odem des Geistes dürres Todtenbei» zusaininenstrebte und die Abgeschiedenen sich erhoben °? Biete glauben fest daran, daß Iehovah sein Bolk von den nliBcrftc» Enden der Erde wieder vcrsaniincln werde, um es in das Erbe David's wieder cinznsctzen. Bis dahin scheint ihnen Israel zum Goluß, zum Bcrbannlingsschmerzc, verdammt. Ich /»„ einem jungen Hakham >ileinrnßlands, einem Man hat im Jahre 189:1 i» französischen Landen, zn Bona i» Algier, eine neuerliche jiiindgcbung des alte» jüdischen PartienlariSinuS gemeldet, Ein Rabbiner, mir Rainen Ltora, hatte in einer öffentlichen Rede seine Glnnbenegenoffcn vor der französischen Erziehung gewarnt, Tb dieser Zwischenfall wahrheitsgetreu dargcstcllt worden, ist mir nicht bekannt. Tic Ausfälle des Rabbiners von Bona scheinen jedoch weniger gegen die französische Erziehung als gegen den Unterricht ohne Religion gerichtet gewesen zu sein, jenen „neutralen Unterricht", lvic er bei uns oft ertheilt wird. Zn dieser Hinsicht waren die Be schwerdcn des Rabbiners ähnliche, wie jene unserer katholischen l^eisilichkeir: er wurde denn auch wie ein einfacher Pfarrvcrweser bestraft: dis Regierung iperrte ihm seinen Gehalt, was gegen einen Rabbiner nicht gesevlicher scheint als eineni Pfarrer gegenüber. Liehe viertes und sechstes Eapitel. Schwärmer mil begeisterten, dnntelsirahlende» , Angen, begegnender mir mit Belingen die Schriftlexte nnsnhrle, ans welck,e ,'ein »''staube sick, stül-le, wobei er .sich nbnwchiclnd ans die Tliorn, die Provlielen, den. Talmud, aill Mnimonides, die tilnrchiche» liebele berief und mir mir aller tRstehrfamkeil nncknvies, daß een richtiger Jude kein anderes Bnierinnd als Palästina haben lgnne. Er zählte mir leine Anloriläten her und ließ inir zn meiner besseren Ueberzengnng Tags darauf eine geschriebene Liste derselben znkoinme». „Lesen Sie das Eapitel XXX im fnnflen Buch Moses,"-sagte er zu mir:— So wird der Herr, dein Gott, deine Gefangenen wieder zurnckführen und sich deiner erbarmen und dich wieder versammeln ans allen Böllern. . Wenn du bis an des Himmels Enden zerstreut wärest,' auch von da wird der Herr, dein' Eststt, dich znrückholcn und dich sammeln und in das Land bringen, das deine Bäter befaßen, und du wirst es inne haben. — Ist das nicht deutlich genug? Und dieser Berhcißnng der Thora gemäß wiederholt jeder orthydore Jude all morgendlich, bevor er die Schcmah hersagt: „Hole uns zurück >o Herr!» von den änsicrslen Ende» der Erde, zerbrich das Iocki auf unserem Racken und bring uns in »nser Land erhabenen Hauptes zurück." Und diesen Wunsch, versicherte mein junger Schriftgelelirter, erneuert der.Jude, alltäglich in^em für Alle dreimal jeden Tag bindende» Gebete: „Stoß, o HcrH in die Trompete - der Befreiung! Erhebe die Jahne zur Bercinignng der B-rbannlen,. sammle uns bald und führe uns von den vier Enden der. Erde in nnser Land zurück. Gesegnet sei der Herr, der sammeln wird die Zerstreuten Israels, seines Bolkes! „Bald sind es z'weitansend Jahre," fügte mein begeisterter Sprecherhinzu, „daß diese Gebete, denen ich Hochziele andere beifügen könnte, az» Tage und des Abends von den Inden der'ganzen Welt wiederholt werden, welche unablässig die.Wiederherstellniig Israels erflehen." lieber den ansänglichen Sinn dieser Anrusnngeii besteht lein Zweifel: die lleberreste der Släinme. rieren wirtlich die Wiederherstellung des Hanfes Israel und des, .stvnigreiäies David's mil allen ihren Wünschen herab. Allein, vielleicht weil sie während Iahrhnndcrlen und Jahrhunderten dieser Wiedereipsepiing. Israels vergebens geharrt,' haben so viele Jude» es endlich ansgegeben, sie nach dem Worlsiune zu nehmen und haben sie-, wie die Elirislen das Wirdererfcheinen Ehristi, in das Dunkel vom Zeircvende verwiesen. „llcbers Jahr in Jerusalem!" rufen sich zur Rosch Haschanah iiznncr »och die Inden zu, wenn sie das israelitische Renjahr feiern, „lleber's Jahr in Icrnsalem!" Wie viele unter ihnen nehmen diesen durch den nnerschütterlichen Glauben der Bäter übcrkomliiencn Wunsch buchstäblich? Wie viele in Paris, Berlin, Rew zhork würden dessen Erfülinng herbeiwünschen? .Wo .finden sich bei uns jene Israeliten, welche mil Iehnda Hab-vy sich leise sagen: „Im Westen mein Leib, im Osten mein Herz. Was soll Hispanien mir, mil seinem Himnielsblan »nd semein Rnhniesglan;, dem Häuflein Teinpelstanb genüber, das unter HeideirsMxn knirscht?" -^j Iehnda Hal.'vy war Zeitgenosse der .Kreuzfahrer, und I/nfalein hatte viele damalige «Geistliche und Ritter zn beinahe ähnlicheil Ergüssen .begeistert, ivie jene des Poeten Israels. Es war das Jahrhundert, wo so viele' Franken aller Westländer -niil h'em Ruse: Gott wil'l's! fort »ach Palästina stürmten. Jerusalem ist ja auch .einigermaßen das Baierland von uns Ehrislen. Allein die Zeilen sind andere geworden; der fromme Sturm uild Drang nach dem heiligen Lande hak aufgehört; das Auge der Inden und Ehrislen wird nicht mehr durch den Zionshügel hypnotisirt. Sehen die Israeliten, welche wir ans dem Turf oder nnler den Sänlcnhallen der Börse begegnen, aus, als hätten sie Heimweh, nach Jerusalem? Jene, welche an eine Wiedcrciiisctznng des Reiches David's denken, -"'31 Za, entlehne Cie Ilebenragnng dieier Berie eineni geliiiistei: englüchen I»Cen, welcher een bebräiichen Text gibt in: ...V |>il^riin;mc in tlu- I.m l of ■ my iathers.'. l*v ltersiewl .Muses Maiyrolioutli. B. 11. Aj-i-en-lix /