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Freies Blatt · 1893-10-08 · 79 (8.10.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
79 (8.10.1893)
Date
1893-10-08
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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freies Blatt. Nr. 79. senntiSmuS das Dasein gegeben hat, ist dieser;u,n Objecte wissenschaftlicher 'Forstung geworden, deren Ergebnis für oder gegen seine Berechtigung sprechen soll. 3» Wahrheit ist cs aber ebensowenig die Racc wie die Religion des jüdischen Stammes, auf welche seine Entstehung znrückzufiihrcn ist. Wäre cs anders, warum ist es erst unserer Zeit Vorbehalten geblieben, die Entdeckung des Raecnuntcrschicdcs zu machen und darin das Motiv für die Verfolgung der Juden zu finden? In der nahezu zweitausendjährigen Zerstreuung derselben hat inan genug oft in diabolisch-rassinirtcr Weise Ursachen und (Gründe ausfindig gemacht, um sic zu nnterdrücken, zu peinige», -511 foltern; daß man aber in ihrer Raec einen Anhaltspunkt für deren Begründüng auch nur gesucht hat, davon wurde nichts gehört. Ist cs vielleicht auch ei» Triumph moderner Eivilisation, daß Abstamniungs inerkmale bcstinimcnd sein können für daS Zngcständniß oder die Ab sprechung der staatlichen Gleichberechtigung, für die Gewährung oder Berweigerung dcS Rechtsanspruches auf die ungchindcrlc freie Bewegung im socialen Verkehre, für die Znlasiung oder Verwehrung, der freien Berufswahl und der ungestörten Bcthätiguug dcS gewählte» Berufes? Gewiß ist cS »och keinem vernünftigen Menschen in den Sinn gckoinmcn, cinci» puderen dte ihm gebührende Achtung und Wcrthschützung zu versagen oder ihn der ihm znstchcnden Rechte verlustig z» erklären, weil dessen Kopf einem häßlichen Thicrkopf glcichsicht, oder daß das Gefallen oder Mißfallen an der Rase entscheidend sein darf für die Achtung oder Mißachtung der Autorität der Vorgesetzten. Akademisch ist cs sicher von Werth, sich in wisicnschaftlichc Sublilitätcn über Racen- und Abstaniinungsfornicn cinzulasicn, aber sie als Brcnnusschwcrt in die Waagschale der Entschcidnng zu werfen, ob eine Ela sie von Menschen, die in civilisakorischer Beziehung keiner anderen nach fteht, ihre» Platz gleichberechtigt in den europäische» Völkcrfamilicn behaupten kann oder nicht, muß, gelinde gesagt, als unzulässig bezeichnet werden. Welches Interesse erweckte der edle, nicht mehr unter den Lebenden weilende Eardinal Lavigoric, als er in jüngster Zeit für die Befreiung der Schwarzen von den Sclavcnkctten in begeisterten Worten ciutrat? Stieß man sich an deren Racc?! Und hat denn diese als solche irgend .eine größere reale Berechtigung als irgend eine andere? Entstammt die ganze Menschheit nicht einem Menschenpaare? Die Verschiedenheit der Zeit, Zone, Herrlichkeit, Umgebung, Individualität:c. vermag Variationen hcrvorzubringen in ihrer Erscheinung, Eigenthüinlichkeit :c.; aber Ebenbilder Gottes sind sic Alle; „ein Gott hat sic geschaffen." Gerade die Juden in ihrer verschiedenen Erscheinungsform und Eharaktcreigenthümlichkeit beweisen, daß sie, wie alle Menschenkinder, Prodnctc jener Factorcn sind, die auf sic cinwirken. Um nur bei den europäischen Juden zu verweile» : wie anders stellt sich der deutsche, der slavischc, der französische, der italicnische Jude dar! Jeder ist ein Kind jenes Landes, wo er das Licht der Welt erblickt, feine Erziehung genossen, Umgang gepflogen, für seinen Beruf sich vorbereitet und eine Lebensstellung errungen hat. Wie die Führung des Einzelnen in der Gesellschaft sich gestaltet, das ist desicn ureigenstes Werk, für das er, gut oder schleckst, wie cS ist, ganz allein das Verdienst oder die Vcraistwortung hat. K.ein schwereres Unrecht kann eS daher geben, als die Schuld des einen auf die Schultern der Gcsaninithcit seines Stammes zu wälzen; thnt man das Gleiche, wenn cs sich um ein Individuum eines anderen Stammes handelt? Rach all dem muß eS als müßig bezeichnet werden, wenn mau die Juden unter die Lupe wissenschaftlicher Untersuchung stellt, um einen Erklärungsgrund für den - Antisemitismus zu finden. Ter Antisemitismus ist und bleibt eine Verwilderung ' unserer Zeit und kann mit Erfolg nur bekämpft werde», wenn die Wächter und Machthaber der gesellschaftlichen Ordnung cö allen Ernstes wollen und anstrcbcn. Es ist nichtS Anderes a lS eine Vorarbeit des Anarchismus. Wenn dies noch einer Erhärtung bedarf, so ist sic in den Worten Schncidcr'S zu finden, die er jüngst in der in Krems stattgchabten Antisemitenversammlung christlich-socialer Färbung gesprochen: „Es war einmal eine Zeit, in der man auf Mongolen ein Schußgcld anssctzte; dasselbe soll bezüglich der Inden geschehen." , Ema n u el Ba u m garte». Böhmische Aorallen.? Der rühmlich bekannte Slavist und Herausgeber der ausgezeichneten Monatsschrift für Volkskunde: „Am Urquell", Tr. Friedrich S. Krauß, hat im Vdrlagc der Gebrüder R u b i n st e i» in Wien ein inhaltreichcS Buch veröffentlicht, welches de» Titel führt: „Böhmische Korallen aus der G ö t t e r w e l t, f o l k l o r i st i s ch c B ö r s e n berichte vom Göt"ter- und Mythe»markte". Die Tendenz f Seite ‘i des Werkes erläutert der Verfasser gleich zu Beginn «einer Ans führungen, indem er schreibt: „AuS den dunklen Schrunden germani scher Vergangenheit haben mit Hilfe sinnreich, kunstvoll und innlsiam zusamincngcsetzlcr Tauchapparalc schwcrgcpanzcrtcr Gelehr il,eil ««'rin»», Simrock, Uhland, Schwartz, Weinhold und so manche andere Lies, grundforscher kostbare Perlen und Koralle» hcraufgeboll, van, Sckilamm und sonstigen Ansätze» der Zcilfluch gereinigt nnd sein säuberlich 'der überraschten Mitwelt einen Zaubcrl'chatz an Wissen und Werili als Liebesgabe dargebracht. Das ist sehr viel für das deutsche Bell, aber lange nicht genug den neidischen Augen der Rachtauchcr teilst in heimischen (flauen und vollends zu wenig für die Scheelsucht und zu viel für die Geduld der guten 'Rachbarn, die auf einmal leer. nnd hloß dazustchc» schienen . . . Um das ungestillte Verlangen nnd Seltnen minderbcglücktcr Völker zu stillen nnd zu befriedigen, erstanden nach nnd nach cdclinüthigc Eharaktcrc, die weder Plage »och Mühe scheuten, um mit allem Aufgebote eines umsangrcichcn, - verzwickten Tümpel Wissens und argonautijchcr Kenntnisse auch bei anderen Völkern solche Korallen oder lieber — cs geht ja in cizlem Aufwaschen — gleich Korallcnbünke, sagen wir, zn entdecken. Doch des Glückes ungetrübter Frieden nimmer ward den'Irdischen bcschiedc»! Tie erst bescheiden und vereinzelt auftrctcndcn Entdecker und Erfinder böhmischer Korallen aus der Götter nnd Mythcnwclt halte» den Fehler begangen, - ohne Patent und Schutzmarke den Markt - hcrauszufordern. Tie Rach räuspcrcr und Rachspncker singen an, in bcsorgnißerrcgender Weite sich zn mehren, ■ unb was der Hebel größtes ist, die nach echten "Korallen fischenden Gelehrten erhoben darüber den unschicklichsten Heidenspectakel, der schier nicht zur Ruhe kommen will. Man befürchtet nämlich ans übertriebener Acngstlichkcit, die echten Korallen, die ohnehin schwer;n gewinnen sind, könnte» allinalig durch ' den nachgcmachte» Schmuck aus dem Handel verdrängt werden, so daß - cS sich vielleicht nicht einmal »lehr lohnen dürfte, echten Kostbarkeiten nachznspürcli. Zum Ucbersluß wird die Börse durch das Gerücht in nervöse Sl""un>"g versetzt, daß einige pfiffige Korallcnsuchcrböhmische Fabeecale indie Tiefe versenken, um sic dann unter geschickter theatralischer inG-.-nsi-i'iic zufällig wieder heraufzuholcn." Tr. Krauß bekämpft also im Bereiche dcS Folklore eine Reihe von Mäckner», denen die Wissenschaft nicht die hohe, die himmlische Göttin ist, sondern bloß eine' tüchtige Kuh, die sie mit Butter versorgt: er bekämpft auch Jndttslrierilker, die als Gelehrte verkleidet ihr sauberes Geschäft betreiben und hauptsächlich oder nebenbei in folkloristischcn Speculatione» il>r Glück ver ' suchen. Eine den „böhmischen Korallen" auf wissenschaftlichem Gebiete ge widnn'tc Streitschrift kann den Antisemitismus kaum unberührt lassen Mil dieser trankhaftcn Bewegung hängt ja Alles zusammen, was unsolid, schwindelhaft und bankerott ist. Eine „Socialrcfcxm", welche Faullcnzcrn durch Ausgrabung und Wiederbelebung mittelalterlicher Vorrechte auf Kosten von Mitmenschen ein bchaglichcs- Tasein sichern soll; jener Rationalismus, der die Möglichkeit einer Verbrüderung mit gcschworncn Feinden des eigenen Volkes zur Befehdung des letzteren nicht ausschlicßt: endlich die Tartusserie, mit der cs sich aber verträgt, katholische Kirchcnfürstcn nicht nur semitischer, sondern auch rein .arischer Abstammüng zu beschimpfen — sind nicht alle diese Prodnctc des AntisemitiSnluS „böhmische Korallen"? Bei jedem Industrie-' rilterthnm, auch beim folkloristischcn, fehlt cs nicht au antiseiuiliichen Elementen. Dr. Krauß erzählt von einem Herrn Beck fitste dl, der sich Hoffnluigcn aus seinen Beistand zur „Eiiljuduug der Ethnographie" gemacht, aber die Enttäuschung erlebt hatte, in Erfahrung zu bringen, daß Tr. Krauß selbst ein Jude sei. Herr Veckenstcdk, der sich „Toctor" nennt, dessenakademischer Grad aber nur eine „böhmische Koralle" ist, verstand unter „Enljndung der Ethnographie" die Verunglimpfung aller Gelehrten, gleichviel ob Juden oder Rieht jndeu, welche es verschmähten, ihm 'als Götlcrfabrikantc» Vorschub zu leiste». Unter den Kleingewerbetreibende», die im Folklor mit „böhmischen Korallen" schacherten, führt Tr. Krauß auch einen Verschollenen, Herrn SpiridionGopeevi,'-, an, von welchem er mitthcilt: „Zehn bis zwölf Jahre lang betrieb Gopeevi«- als rechtschaffener Klein gcwcrbctrcibcndcr sein Körallenfach und machte mit seinen wunderlichen Erzeugnissen die Spalten zahlloser politischer und belletristischer Blätter in Oesterreich und Deutschland unsicher. Er sammelte dabei ein Baar vermögen von 27.000 fl. . . . Tann entschloß er sich, die Koralleufabrication eil »ros zn betreiben. Er borgte seiner ledigen Schwägerin die Mitgift im Betrage von 800t) fl. ab, kaufte die in denletzte» Zügen liegende .(Gemeinde Zeitungfür baare 12) hm st. und gab sic äls eine antischümistische Brandfackel unter dem Titel: .Wiener Tagespost' täglich zweimal heraus. Binnen drei Moiialczi war ihm der uvrrus reruiu ausgegaugc». Zuletzt mußte er sogar seine Möbel verschleudern. Seit zwei Jahren ist Gopeevie verschollen.^ Aus einem

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