Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 79 (8.10.1893)
- Date
- 1893-10-08
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seit« 2 Freie» Blatt. Nr. 79. naher Gcfiniiliiigsvcrwaiidler der Herren Liiegcr-Steiner-Jedliczkn sein soll. Das Präsidium des Gcmeinderalhcs zog sich nun die hestigstcn Angriffe der Antisemiten zu, weil es den betreffenden Antrag in schonender Weise aus „formellen" Gründen nicht zur Debatte brachte: später machte' es jedoch in vertraulicher. Sitzung die Mittheilung von der im Zuge befindlichen DiSciplinar-* Untersuchung wider Slritzl, worauf die Affaire einstweilen bcigelegt war. Das Feuer sollte aber neuerlich von den Antisemiten mit vollen Backen angeblasen werden, als eine aus den Antisemiten und einigen liberalen Sccessionisteii gebildete Mehrheit an den Gemcindcralh mir dem Ansinnen hcrantr.it, den entlassenen Commiinalbeamlen Slritzl sei gnadenwcise eine jährliche Pension, bei welcher fick gut leben und Antisemit sein läßt, zu gewähren. Die Mehrzahl der liberalen GemeinderathSmitglicdcr perhorrcscirte, und wohl mit vollem Fug und Recht, eine solche Forderung und beantragte die einmalige Abfertigung deS disciplinirtcn Beamten. Dies gab in,n den Anlaß zn Scenen, die lebhaft an die letzten Borfälle im bbhmi'chen Randlage erinnern. Die antisemitischen Corruplivnsriecher geberdctcn sich wieder einmal hochcntrüstet, daß man ihren wegen einer unsauberen Geldangelegenheit entlassenen Schützling nicht mit einer stattlichen Jahreöpension belohnen wolle, und im Drange dieser Entrüstung kam es zu Lärmscenen pöbelhaftester Art, das Präsidium wurde persönlich insultirt und bedroht, und Lueger rief wiederholt mit dröhnender Stimme in den Saal, der Bürgermeister müsse sofort von seinem Amte zurücktretcn. Daß dies den Antisemiten und specicll dem Herrn Lueger sehr erwünscht wäre, bezweifeln wir nicht 'einen Augenolick. Ja, es wird in nächster Zeit gewiß etwas geschehen müssen, was dem Präsidium und dem ganzen Gemeinderathe in seiner arg verletzten Würde wieder aushilft. Allein welches Recht haben die Antisemiten, den Rücktritt des Bürgermeisters darum zu verlangen, weil die Majorität sich für die Pensionirung des entlassenen Beamten entschied? Haben sic die Berläßlichkeit dc,r Untersuchungscommission und die Stichhältigkeit der gegen Stritzl erhobenen Anklagen mit einigem Erfolge zu bckänrpfcn vermocht? Dies nicht; aber sie haben nach bekannter Methode den Bürgermeister für die ganze Affaire verantwortlich gemacht, weil er die Angelegenheit angeblich nicht rechtzeitigwor das Forum des Gemeinderathes'brachte; und indem sie den Bürgermeister auf Grund dieser angeblichen Jncorrcctheit die gemeinsten Insulten und Berdächtigungeu zuschleuderten, suchten sie den Seandal zu verschleiern, daß sie sich in nachdrücklichster Weise für die Unterstützung und Förderung der Corruption aus öffentlichen Gelder» einsetzten. Mil antisemitischen Grundsätzen mag sich dies so gut vertragen wie die Annahme von Pauschalien seitens eines aiilicorriiptionistischen Zeitungsherausgebers. Wie sich aber ein Häuflein „liberaler" Gemeinderäthe nach Klarstellung deS Sachverhaltes zur Auxiliartruppe der Antisemiten hergeben konnte, ist uns unter der Annahme, daß die Gesinnung dieser Herren waschecht sei, nicht ganz erklärlich. Bedürfniß nach der Freundschaft -entlassener Beamten dürfte doch bei diesen Herren so wenig vorhanden sein als das Verlangen, den Präsideiitenstuhl mit einem der Ihren zu besetzen. Dic Früchte der piebtiVfchcit ^udew commtffton. Triginal-Mitlheiluug De? „Freien Blatter"., Petersburg, 2. 'Tctober. Bor Jabr' und Tag brachten die Londoner „Times" eine Corrc spontcnz ans Petersburg, . worin zu lesen stand, daß die seit cincin Deecnniilin in Rußland geübten Judenverfolgungen auf die religiöse Unduldsamkeit der russischen Regierung zurückzuführcn seien. Der Gewährsinaiin des Cityblattcs führte zur Bekräftigung seiner Behauptung einige Thatsachcn au, die von der religiösen Intoleranz der russischen Machthaber ein unwiderlegliches Z-ugniß lieferten. Ter- Commandant des kaiserlichen Hauptquartiers zu Petersburg, General Richter, sendete an des dcmentirle und feierlich versicherte, die russische Regierung habe die Gewissensfreiheit niemals verletzt, denn sie halte die religiösen Ucberzcuguiigcn ihrer nichtorthodoren Unterthancn für unantastbar. Jnn iefcrn das Dementi deS russischen Generals, der wahrscheinlich auf höheren Befehl gehandelt hatte, der Wahrheit entsprach, bewiesen die RechcnschaftSbtrichte des OberprocuratorS des heiligen russischen Synod, GeheimrathcS Pobedonoszew, in denen mit Befriedigung erzählt wurde, ie „Limes" eine Berichtigung, in welcher er die Ausführungen Petersburger Correspondentcn des englischen Blattes entschieden daß die rechtgläubige Kirche, „dank den energischen Maßnahmen der Regierung", täglich neue Siege über die Andersgläubigen im Reiche feierte. Aber eine noch schlagendere HLidcrlegung jenes Dementis des russischen Generals ist erst kürzlich von der russischen Regierung selbst geliefert worden. Diese Widerlegung findet in der Thätigkcit der bekannten Plehwe'schcn Commission zur „Lösung der jüdischen Frage" ihren kräftigsten Ausdruck. Diese Commission hat in dem von ihr ausgcarbeiteten, dem Petersburger Rcichsrathe nunmehr uiiterbrcitclcn Projccte zur „Lösung der jüdischen Frage" die denkbar schärfste religiöse Intoleranz bekundet. .Der Petersburger Rcichsrath, der aus den höchsten Würdenträgern des Reiches zusammengesetzt ist, soll über das Projekt demnächst verhandeln, und von ihm wird es abhängcn, ob die Bestrebungen deS PopenthumS die kaiserliche Sanction erhalten oder verworfen werden. Wenn Kaiser Ricolaus I. die Juden massenhaft gewaltsam zur Orthodoxie bekehren ließ, so war er wenigstens von dem Wunsche beseelt, die Juden mit der einheimischen Bevölkerung zu asfimiliren; wenn man aber am Vorabende des XX. Jahrhunderts ein Project ausarbeitct, welches die Verfolgung von Millionen von Menschen vorschlägt, nur deshalb, weil, diese Menschen das Unglück hatten, als Juden geboren zu werden, so erinnert dies nur an die Zeiten Loyola's und Torqucmada's, in denen tausende von Inden im Rainen der christlichen Liebe dem Scheiterhaufen übergeben worden waren. Denn wie anders soll man das Project der Plehwe'schcn Judcncomniission bezeichnen, wenn wir aus demselben erfahren, daß das Bckcnntniß zur mosaischen Lehre die Mitglieder der Commission bestimmte, eine ganze Reihe neuer Bcschränkniigcn und Ausnahmsgesctzc gegen die betreffenden Staatsangehörigen ins Leben zu rufen? Ans zuverlässiger Onelle wird ja versichert, daß die famose Commission bei der Schaffung ihres Projcctcs „den Geist der hebräischen Lehre" im Auge behielt, lind demgemäß hat die Commission auch eine Maßnahme zur Beschränkung des jüdischen llntcrrichtcs und für Abschaffung der jüdischen Privatlchrcr vorgcschlagen, ohne jedoch den Inden zu gestatten, die Staatsschulen wie zur Zeit Kaiser Alexanders II. zu besuchen. Rebstdcm verlautet hier von dem neuen Projccte, daß cs die bestchcndcn Judciigesetzc für zweckmäßig erklärt, um ans Grundlage derselben „die Stellung der Juden im Reiche zn ordnen". Es ffl deshalb 'schon jetzt vollkommen begreiflich, was die Juden von dem Projccte zu erwarten haben, welches nach achtjähriger Dhätigkcit niid Prüfung entstanden ist. Daß der Geist der religiösen Unduldsamkeit, wie er aus dem Projectc dieser Commission spricht, in Rußland die Oberhand immer mehr gewinnt, erhellt auch deutlich aus der Geschichte der jüdischen Synagpge in Petersburg, die demnächst eröffnet werden soll. Die jüdische Cultusgemeinde in Petersburg hat unter Alexander II. die Erlaubniß zum Bane eines Gotteshauses erhalten. Die damaligen Stadthauptlcute von Petersburg, Trepow und Zurow, haben die Pläne der Synagoge genehmigt und alle diesbezüglichen Wünsche der Gemcindc in entgegenkommendster Weise erfüllt. DaS jüdische Gotteshaus war bereits fertig, da begann die Acra der Judenverfolgungen. Der Stadthauptmann von Petersburg, General Greffcr, gestattete auf Betreiben der Petersburger Geistlichkeit die Eröffnung des ncucrbaiitcn Tempels nicht, weil — die Kuppel desselben derjenigen der Jsaacskirche glich. Später, nach vorgcnommcncr Aenderung, wurde die Eröffnung wiederum untersagt, weil die Kuppel die Kirchen Petersburgs überragte. Runmchr soll die Eröffnung des jüdischen Gotteshauses bald stattfinden; sicher ist cS aber noch immer nicht, weil ja über Rächt ein neues Hinderniß ein treten kann, daS in den Angen der russischen Behörde die Einweihung eines „Judcntempels" unmöglich macht. Der wahre Grund dieser Bcrschleppung liegt jedoch wo anders, und zwar in der religiösen Unduldsamkeit der gegenwärtigen russischen Regierung. Arjrii.«. Die wissenschaftliche Behandlung des Antisemitismus.*) Dadurch, daß Kathcdcriveisheit die Formel construirt hat, daß cS nicht die Religion der Inden, vielmehr deren Racc ist, die dem Anti- *) Wir geben Diesen Ausführungen eine« geschätzte» Herrn Mitarbeiter« mit Vergnügen Raum, obwohl sich die darin ausgesprochenen Ansichten nicht vollkommen mit den unserigen Decken. Tie wisienschasltiche Kritik der antisemitischen Voraussetzungen wird von »nS keiiieswegS deshalb so systematisch betriebe», weil wir etwa die zwingende Logik der daraus gefolgerten Schlüsse, z. B. unter der Annahme, daß die Racentheorie richtig ist, die von den Antisemiten daraus gezogenen socialen und politischen Konsequenzen anerkennen, lins handelt es sich vielmehr, ans Schritt und Tritt zu zeigen, Daß eben schon die antisemitischen Boraussetzungen falsche sind und dadurch das antisemitische Trnggebäude schon in feiner Ärundveste erschüttert wird.