Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 79 (8.10.1893)
- Date
- 1893-10-08
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seit* 4. Freie» Blatt. Adreßbuch ist;u entnehmen, daß er unter einem italienisch klingenden '.Rainen noch vegctirt." Zur Geschichte der Gopöevie'schcn ZeitungSgründung sei hier noch hinzugefügt, daß Placate das Erscheinen der ,Wiener Tagespost" als liberales Organ ankündigten und daß . Gopücvi,' sich erst nach einer Unterredung mit einem Abgeordneten/ der damals ein Eoncurrenzunternehmen gegen das ihm die Kenntniß VcS französischen absprechcnde „Deutsche Volksblatt" ins Leben rufen wollte, dazu entschloß, im Gegensätze zu seiner Ankündigung dem Antisemitismus journalistisch zu dienen. Die schnurrige form, deren sich Tr. Krauß bedient, und eine gewisse Absichtlichkeit,. mit welcher er immer den Juden hcrvorkehrt, werden nicht Jedermann Zusagen, allein der Geschmack ist eben verschied/». Kein Unbefangener aber wird verkennen, daß die „folkloristischcn Bölscnbcrichtc vom Götter-- und Mythenmarkte" ein bedeutendes Fachwissen bekunden, daß der Berfaffer seine Widersacher nur auf Grund umfangreicher Kenntnisie ad absurdum führt, wenn er sic auch gleichzeitig durch witzige Einfälle, oft in schonungsloser Weise, dem allgemeinen Gelächter preisgibt. Ein besonderer Vorzug dcS jüngsten Krauß'schen Werkes ist eS, daß dasselbe, wiewohl cs in erster Linie einen Gegenstand behandelt, der nur einen engeren Gelehrtcnkrcis näher interessirt, doch in Scher; und Ernst so gehalten ist, daß auch weitere .»reise daraus Belehrung und Unterhaltung schöpfen können. fff (Pfarrrr Ttlktrk.) Unter der Bevölkerung hat sich das Gerücht verbreitet, daß der „Ritualmordforscher" Pfarrer Deckert von Weinbaus, der traurige Held des jüngsten Antisemiten-Proccsics, vom Erzbischof nach einer kleinen Landpfarre versetzt worden sei. Dieses Gerücht, welches auch in einen Theil der Prcsit Eingang fand, ist nach eingerogcncn Informationen vermuthlich bloß auf einen allgemein gehegten Wunsch der Bevölkerung von Weinhaus zurückzuführen. Das bochwürdigste Eonsistorium hat sich zu einer Maßregelung des Pfarrers Decken nicht veranlaßt gesehen. I Flltgschriftrn.) Durch die Administration des „Freien Blattes" (Wien, I., Seilerstätte 10) können Gesinnungsgenoffcn folgende Broschüren gratis und franco beziehen: 1. Bericht der zweiten Generalversammlung des Vereines zur Abwehr des AntiscmitisnluS 1892. 2. Stenographisches Protokoll der am 13. October 1892 vom Verein zur Abwehr des Antisemitismus veraustalrcten Protcstvcrsammlung. 3. „Die rechtliche Stellung der Inden in Oesterreich" von Dr. Gustav Heinrich Fall. Wien 1892. Verlag des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus. 4. Bericht der dritten Generalversammlung des Vereines zur Abwehr des-Antisemitismus 1893. — Um Weiterverbreitung dieser Schriften unter Nichtgesinnungsgenoffen wird gebeten! Zu der Acra der „Ritualmorde".» In einer tschechischen Stadt wäre cs in Folge eines falschen Gerüchtes fast wieder zu Ausschreitungen gegen Juden gekommen. In Berau n fanden am 4. d. M. Vormittags Aniatlimlungen vor der Wohnung des Glashändlers Lewy statt, welcher zugleich Schächter der dortigen israelitischen Gemeinde ist. Es hatte |icfy das Gerücht verbreitet, daß im Magazin Lcwn'S deffen D icnstnrSdchen Marie S ch m i d ermordxt aufgcfunden worden sei. Dem Gerüchte lag folgende Thatsache zugrunde: Als Lewy Morgens sein Magazin betrat, fand er dort daS Mädchen leblos auf dem Boden liegen. Er schlug sofort Lärm und sendete um den Arzt. Der Arzt selbst glaubte im ersten Momente, daß das Mädchen tobt sei. Ta.die Ansammlungen Zunahmen, verständigte der Voriieher der jüdischen Cultusgemeinde, Roubitschck, daS Bezirksgericht und erbat Hilfe. Es erschien alsbald eine Commission, zugleich auch der Bezirksarzt auS Horzowitz. Bei sorgfältiger Untersuchung fand man, daß die Marie Schmid von einem epileptischen Anfälle hcimgesucht worden sei. Wieder zum Bewußtsein gebracht, gab sie an, sic-, habe sich im Magazin verstecken wollen. Sie leide häusig an epilcplischcn Krämpfen, und als sie das Herannahen eines solchen Anfalles fühlte, habe sie sich in das Magazin geflüchtet. Die Menge ging nach dieser Aufklärung auseinander; böswillige Leute suchten aber Abends neuerliche Ansammlungen hervorzurufcn. (Tie (Sjccfif von Kolin und Podiebrad.) Der 25jshrige Buchbindergchilfe Johann Sajal, Sohn eines Podiebrader Schuldieners, wurde vom Preisgerichte Kuttenberg wegen Theilnahme an den antisemitischen Erceffcn in Kolin und Podiebrad zu dreizehnmonatlicher schwerer Kerker strafe verurtheilt. >Ttgradirt.» Die „Silesia" meldet, das Kriegsministerium habe den Rcservelicutenant Josef Frei sin ge r, welcher als Rcdactcur des Troppaucr Antil'emitenblattcs „Deutsche Wehr" wegen MojestStSbelcidiguug angcklagt war und frcigesprochen wurde; wegen dieses Pro- Nr. 79. ceffeS der Officierscharge für verlustig erklärt und als Infanteristen vom 84. zum 99. Infanterieregimente transferirt. (Zu den Landtagswahlen in Preußen.) Ein aus Anlaß der bevorstehenden Landtagswahlcn in Preußen erschienener Wahlaufruf der national-liberalen Partei betont auch die Nothmendigkeit, den durch Bcrfaffung und Recht anerkannten Grundsatz der Gleichheit der Staatsbürger gegen alle antisemitischen Rückschrittsvcrsuche zu vertheidigen. Der Aufruf ist vpn einer großen Zahl national-liberaler Notabeln unterzeichnet, wie Profeffor v. C u n y, Gneist, Dr. $ a mmachcr, Eynern, Profeffor Friedberg :c. Dem Einflüsse Hammacher's und besonders Gneist's dürfte die ziemlich entschiedene Stellungnahme gegen den Antisemitismus zuzuschreiben sein, welche von der zweideutigen Haltung der sächsischen National-Liberalen vortheilhaft absticht. — Bcmerkenswerth ist es cs ferner, daß der Wahlau'ruf der Conservativcn das Tivoli-Programm ignorirt und mit'keiner Sylbe antisemitische Bestrebungen verrälh. (Ein Manifcstationscid Ahlwardt's.) Vor mehreren rage» sollte der Er-Rector Hermann Ahlwardt vor dciil Amtsgericht in Berlin wieder einmal den Manifestationseid leisten. Es kam aber nicht dazu, weil Herr Ahlwardt sich darauf berufen konnte, daß er bereits früher den MamfestationSeid geleistet habe. Diese Thatsache war dem klägcrischcn Anwalt allerdings bekannt gewesen; er hatte deshalb in seinem Antrag darauf hingewicscn, daß sich inzwischen die Vcrmögensvcrhältniffe des Herrn Ahlwardt sehr gebessert hätten, da er notorisch aus seinen Vorträgen und Broschüren erhebliche Einnahmen beziehe. Herr Ahlwardt bestritt dies; er behauptete, daß nur seine schriftstellerische Thätigkeit ihm eine bescheidene Einnahme bringt, seine Vcrhältniffe hätten sich also seit Ableistung des OffenbarungseidcS nicht gebeffert. , Der Antrag des Klägers wurde hierauf abgcwiesen. Ter in Rede stehende Fall hat, wie das „Berliner Tageblatt" erzählt, folgende recht charakteristische Vorgeschichte: „Im Jahre 1883 empfing Herr Ahlwardt von dem jetzigen Kläger ein Darlehen von nicht unbeträchtlicher Höhe 'und verpfändete dafür gemeinsam mit seiner Ehefrau das in seiner Wohnung befindliche Mobiliar. In der betreffenden Urkunde befindet sich die ausdrückliche Versicherung dcS Ehepaares, daß die als Unterpfand gegebenen Möbel ihr unbestrittenes Eigenthum seien. Als es dann später, da Ahlwardt seinen Verpflichtungen nicht nachkam, zur Pfändung der Möbel kam, erhob die Schwiegermutter des Herrn Ahlwardt Jnterventionsklage, indem sie die verpfändeten Möbel als ihr Eigenthum rcclamirte. Der Gläubiger ließ sich nun von Herrn Ahlwardt dadurch trösten, daß dieser ihm eine Quittung über seinen demnächst fällig werdenden Gehalt und Ncbeneiunahmen im Betrage von 795 Mark, beziehungsweise 150 Mark ausstellte, die der Magistratshauptvffe gegen Zahlung dieser Summe übergeben werden sollte. Ter Gläubiger war auch zu der angegebenen Zeit pm kllich auf dem Posten, aber — er kam doch zu spät. Der Kläger war übrigens nicht der Einzige, der sich so enttäuscht sah, er fand noch drei Mittrauernde, denen Herr Ahlwardt ebenfalls Gehaltsquittungcn ausgestellt hatte, und die von dem Beamten der Magistratshauptcasse den Bescheid erhielten, daß der Herr- Rector, beziehungsweise ein anderer seiner Gläubiger ihnen bereits die Mühe des Abholcns erspart hätten." (Unangenchmcs Wiedersehen.) Aus einem Dorfe des hessischen Wahlkreises, den der Antisemit Werner vertritt, wird folgende tragikomische Geschichte berichtet: Vor Kurzem kam cines Abends ein älterer Herr in das Wirthshaus dcS betreffenden Dorfes, um daselbst zu übernachten. Tie anwesenden Gäste, darunter auch ein Lehrer des Ortes, glaubten ihn seinem Gesichtstypus nach füe einen Juden halten zu müssen, und begannen ihn nun in der gemeinsten Weise zu belästigen. Da cs den Fremden offenbar anwiderte, sich mit solch roher Gesellschaft in einen Disput einzulaffcn, so ließ er sich alsbald sein Zimmer anweiscn. Hier sprach er nun dem Wirthe gegenüber sein Mißfallen über solche Gemeinheiten auS und erkundigte sich nach den Namen der Radaugesellen. Ter Wirth, der. durch das imponirendc Wesen des Fremden neugierig geworden, wollte seinerseits auch gern wissen, wen er vor sich habe, und fragte nach Namen und Stand seines Gastes. Doch dieser wollte seinen Namen nicht nennen, so daß der Wirih jetzt unter Berufung auf das Polizcigcsctz auf Eintragung ins Fremdenbuch bestand. Dieser Aufforderung mußte Folge geleistet werden, und so schrieb der Frcnide seinen Namen in dgs ihm vorgelegte Buch, den aber weder der Wirth noch ein Anderer enträthseln konnte. An dem anderen Morgen mit dem Glockenschlage sieben trat in das Claffcnzimmer des oben erwähnten LchrcrS jener Fremde ein und begann, ohne sich weiter vorzustcllen, eine — Schulvisitation. Als der erstaunte Lehrer sich erkundigen wollte, mit wem er die Ehre habe, erhielt er die beißende Antwort: „Ich bin der Schulrath Steinkop.f aus Kassel; nach Ihnen brauche ich mich nicht zu