Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 79 (8.10.1893)
- Date
- 1893-10-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Freies Blatt Adomiemellt-prei»: ^an>jdh>ig mit Postzusrndunz . . fl. »^0. Halbjährig ft. l.*5. Bitrlrljähtig fl. —65 Sinjclne Nummern 4 ft. Organ zur Abwehr des. Antisemitismus. Erscheint an jedem Sonntage. Redaktion und Administration: Wien I. Keilerstätte 10. Nummer 79. Wien, 8. (Ortober 1893. II. Jahrgang. Mit der heutigen Nummer erhalten unsere Leser die einnndzwanzigste Fortsetzung des Werkes: Die Mm inib brr Aiitisrmilisiiiiis, ^frael' unter öen 'jlTationen von anatole Lerotz Aeaukieu r»c»nr frerrrzäsisclierr Institrrt. Neu kintretende Abonnenten erhalten ans Bcrlangen die bereits erschicncncn Fortseyiingc» nachgclicscrt. Von unseren Anticorruptioinsten. Wem ist nicht die Figur des fanatischen Anticorruptionisten ans pa'>">w'"ta'-!sch'" Geschichte des letzten' Jahrhunderts bekannt, jenes ManneS, dessen Unbestechlichkeit und Abscheu vor der Eorruplion ost hart bis an die Grenze tritt, wo die Tugend aufhört, Tugend zu sei», jenes Maimcs, der schonungslos in den faulenden Wunden der Gesellschaft wühlt, der aber auch von dein redlichen Wunsche beseelt ist, diese Wunden zu heilen? Die Zeitgenossen haben oft mit und ohne Grund über einen Robespicrre, Blanc, Lassalle und selbst LaSkcr bittere Klage geführt, die Nachwelt war nicht ininier imstande, diese Männer von dem Lorwurse der ungerechten Verfolglliigssucht freizusprechrn; eines aber vermochte die Mitwelt und die Nachwelt diesen Männer» nie abzusprechcn, die höchste Unbestechlichkeit, eine catonische Strenge auch in Rücksicht der eigene» Person. Was soll man aber zu Männern sagen, welche die Eorrnption vor der Welt mit slammenden Schwertern verfolgen, welche eine Eorrnplionöriecherci schlimmster Sorte ^betreiben, selbst aber behaglich im Sumpfe des von ihnen bekämpften Lasters waten und der Eorruplion liebevoll im Schooße der eigenen Partei Schutz gewähren, wenn dies eben dem lieben Eliqucnwcsen förderlich ist? Braucht man apf die zahlreichen „Führer" der 'antisemitischen Bewcgnng hinzuweisen, die sich mit ihrem „Anticorruptionismuö" prachtvolle Billen in der Nähe Wiens oder in Mallsee erwirlhschaftet habe», die sich an den Fleischtöpfen feiler Zeitungspauschalien behaglich »ähren oder von den Eintrittspreise», die zu ihren Bersammlungen zu entrichten sind, sich eine sorgenlose Existenz bereiten? Braucht man die Name» jener antisemitischen Agitatoren zu wiederhole», welche sich als die geschworenen Widersacher jeder Eorruplion gebcrdeten und nachträglich wegen Betruges, Wech elfälschung, Defraudation oder schuldbarer Krida ins Gefängniß wandern mußten? Daß die ganze Anlffemiterei in capite et membris innerlich corrupt ist, haben wir längst gewußt und ost genug gcbrandmarkt, daß sich aber die Partei als solche in einem öffentlichen Vertretungskörper für einen wegen seines dubiosen Verhaltens in Geldsachen disciplinirten Beamten einsctzt und dessen Sache zu der ihrigen macht, ist ein starkes Stücklein, das wir selbst den Antisemiten nicht so ohneweitcrs zugelraut hätten, und eine etwas starke Belastungsprobe selbst für das ErtragungSvermögen dcS „dummen KeriS von Wien". . Der Fall St ritzl, der den Antisemiten zu dieser neuesten Selbstschändung Gelegenheit bot und leider schon seit vielen Wochen die Arbeitszeit des Wiener Gemeindcrathcs verschlingt, ist nach den Ergebnissen der gepflogenen Untersuchungen folgender: Schon im Jahre 1891, als hie Frage der Straßenreinigung in Wien in Fluß gerieth, erschien' in mehreren Zeitungen ein Inserat des Inhalts, daß zu einem amtlich constatirte», hohe» Gewinn bringenden Unternehmen ein rechtschaffener, intelligenter Herr mit 0000 fl. gesucht werde, die angemessen verzinst und eminent sichergestellt werden. Der Offerent, wurde bemerkt, könne sich dadurch. . eine Lebensstellung gründen. Es war ein Bekannter des Ober inspeclorS Stritzl, welcher, nachdem verschiedene Bersuchc scheiterten, demselben Geld zu verschaffen, auf die Idee gekommen sein will, dieses Inserat in die Zeitung zu geben, wovon Stritzl angeblich nichts wußte. Auf das Inserat hat sich Jemand gefunden, Veit die Sache interessirte. Der Vermittler begab sich mit demsclbeit zu Stritzl, welcher nach deu übereinstimmenden Aussagen der Be theiligten nicht, wie cs seine Pflicht gewesen wäre, die Verhandlungen kurzweg abgclehnt, sondern den Betreffenden um sein Alter gefragt, darauf hingewiesen, daß er die Allcrsnachsicht erlangen könne, und ferner von einer Anstellung bei der Straßensäuberung gesprochen hat Im Beginne dieses-Jahres nun, als die Straßensäuberungsfrage acut wurde, trat Stritzl mit der Trausporlgesellschaft, welche bisher die Säuberung besorgte, in Beziehungen, die, milde gesprochen, sehr verfänglich waren. Der betreffenden Gesellschaft wurde ein von Stritzl ansgcarbeitetcs Projcct für die Straßenreinigung vorgelegt und zugleich an sie daS Ansinnen gestellt, sie solle den Betrag von OO.OOO fl. für Herrn Stritzl bei einer Bank erlegen, wogegen der Letztere sein Prvject nicht der Commune überreichen werde. Es ist durch die Discipliuaruntcrsnchung festgestellt, daß zwei Agenten Verhandlungen zwischen Stritzl und der Transporlgesellschasl gepflogen haben; die Agenten hätten zu Stritzl gesagt, daß sie von der Transportgesellschaft entsendet seien, und zu der Transport geiellschaft, daß sie von Stritzl kommen. Gewiß ist, däß sich Stritzl mit den Agenten eingelassen habe, daß er diesen Aguilen Legili mationen und Briefe des Inhaltes gegtben sie seien berechtigt, mit der Transportgesellschaft zu verhandeln; daß er ihnen weiters eine Legitimation crtheilt deS Inhalts, er könne nicht mehr mit den früheren Forderungen zufricdengeben, er müsse jetzt 100.000 fl. verlangen. .Außerdem hat er noch einer dritten Person eine» Brief eingehändigt, worin er dieselbe als seinen finanziellen Theilhaber bezeichnet und zur Verhandlung mit der Transport gesellschaft schickt, und cndlkch ist er selber zur Transporlgesell schaft gegangen. Stritzl behauptet, daß er nur die Absicht "gehabt habe, zu erfahren, wie viel sein Project werth sei. Er würde das Geld, wenn er es bekommen hätte, nicht genommen haben. Die UntersuchungScommission hat dies nicht weiter erörtert, da seine eingestandene Handlungsweise den Schein au sich trug, als ob er - bestechlich wäre. Daräushin wurde der Obcrinspector Stritzl von seinem Dienste entlaffen. Dies ist das Ereigniß, welches auf die Empfindlichkeit upierer gemeinderäthlichen Auticorruptionisten in so merkwürdiger Weise als Reagens wirken sollte. Unkenntniß dieser damals noch nicht zum Abschlüsse gelangten Vorgänge veranlaßte einen freisinntzcn Gemeinderath, als die Stadt die Straßensänbcrnng ^i» eigene Regie übernommen hatte, für den Verfasser des Projektes. Stritzl, eine Ehrengabe aus communalen Mitteln zu beantragen. Unsere wackeren Anticorruptionistcu schlossen sich diesem Anträge sofort mit dem bei ihnen eigenen Temperamente an, weil Stritzl ein