Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 78 (1.10.1893)
- Date
- 1893-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 78. Freier der Gesellschaft können nur russische Staatsangehörige christlicher Confessio» bestellt werde». Eine Ausnahme in dieser Beziehung ist nur für die österreichische» Staatsangehörigen Roman Graf Potockl und Casimir -Roinanski gestattet, von welchen der Letztere nur auf drei.Jahre vom Tage der Cröfsnung der Geschäfte der Gesellschaft an gewählt werden kann." DaS „Vaterland" rcproducirt diesen Erlaß mit den vorangehende» Bemerkungen der „Politischen Correspondeil;", scheint sich also gleichfalls über die wirlhschaftliche Unterdrückung der russischen Juden zu entrüsten. llus antisemitischen Vereinen und!)ersaii;ii,lung<?ü. «trink össentliche Juslificirung.) Tie deutschnationale» Antisemiten haben in Wie» alle» Boden verloren, wenn inan nn» über diese Tbal>ache auch mit Alarmschüsse» auS Rosenau und mit der sGrüudung eines JoiirnalcS zur tagtäglichen Vkrhi»imelui.g Schöneler'S die Augen auswische» will. Tiefer Tage hatte der kleine dem sreierwählleu Tsimarlherzog treugebliebenc Heerbann aus der Landstraße eine össentliche Volksversammlung veranstaltet, uin für das demnächst zu gewärtigende antisemitische Tagblait .die große Trommel zu rühre». Allein mit den „össentliche» Bolksvcrsaiumlnuge»" haben die Anti semitc» schon immer schauderhaftes Pech gehabt, waiinn hätten die Herren Hauck, Dötz und Wols mit ihreu, ersten Versuche, a» die Bolksstimmc zu appellircn, bester fahre» sollen? Zu der Versammlung.hatte» sich etwa LtXP) Menschen eingcfuude», von diesen waren jedoch etwa 1801 — Arbeiter, die sonach in der überwiegenden Majorität waren. Dies machte sich auch bei der 'Wahl des Präsidiums fühlbar, indem inS Bureau nahezu einstimmig Social Demokraten gewählt wnrden. Ter Vorsitzende, Arbeiter Winzig, ertheille hierauf dem Referenten, Rcdactenr des antisemiiischen ZnknnftSblalteS si. H. Wolf, das Wort. Derselbe begann. >vie eben Marktschreier eS thun, um ihre Waarc anzuprcise», mit der Herabsetzung der fremde». Tie erste Schimpsei ei über die „jüdische" Prrste, welche,' wie männiglich bekannt, dar östemliche Leben vergiftet und aller Laster Anfang ist, rief jedoch lebhafte Unterbrechungen und Oho»Ruse seitens der Bersaminlung hervor. Herr Wols, ei» sehr streitbarer Jüngling, dessen. »rlcutonisches Antlitz von zahlreichen „Schmissen" geziert ist, verlegte sich sodanu ausS „Jmponiren". „Meine Herren," rief er, „wenn Sie mich uiilerbrechc», muß ich annehmen, daß Sie von Juden gekauft wurde», uni die Verhandlung zu stören. (Stürmischer Widerspruch.) Die Arbeiter werden am »leiste» von Juden auSgebeulet." (Rufe: Auch von Christen!) Als der Vor sitzende dem Redner bedeutete, nicht über eine Confessio» solche Schiinpfworie z» gebranchen, warf Wols ihm Parteilichkeit vor, was abermaligen stürmischen Widerspruch seitens der Versammlung hervorrics. Ter kampflustige Man» fuhr sokaun in seinem Geschimpfe gegen die Juden fort, bis ihtn der Vorsitzende daS Wort entzog. Hie,auf entstand ein solch heftiger Tumult, daß'zn bcsnrchlcn war, daß es zwischen den streiteuden Parteien zu einer regelrechte» Steiler ei komme» werde. Ter RegierungSvertreter sah sich in Folge des Tumult« veranlaßt, die Versammlniig unter lcbhasie» Hochrufe» der Social-Teniokralen für aufgelöst zu erklären. Tic Arbeiter stimmten hieraus da« „Lied der Arbeit" an. Hoch rufe anf die internationale Social Temokratie ivtirden auSgebrachl, und einige Arbeiter stiegen ans Stühle und riefen : „Rieder lyit den Judenfressern! ' Trotz mehrsacher Aufforderung des ConimiffarS Tr. Pauk waren die Brr sainmellkn zum Pcrlasie» des Saale« nicht zu bewege», so daß Wache requirirt werde» inußte, die die Ränmung des Saale« vcranlaßte. Tic Erregung datierte aber auch nach Schluß der Versammlung sott. Ans der Gasse provocirtc» einige deutsch-nationale Studenten die Arbeiter und hätte» sich so sqst eine lüchlige Prügelsuppe eingebrockl, wenn die Wache nicht eingeschriite» wäre und die Provocateure zur Ruhe verwiese» hätte. — Tiefer AuSgang der .chstemlichen Volksversammlung" steht allerdings in grellem Widerspruch zu den größ'precheri scheu Tiraden der Roscnauer Eigcninaiiiie», die »och neulich bchaupleten, Schönerer könne getrost in jedem denlschc» Wahlbezirke mit AnSsichl auf Erfolg sich uni ei» Reic^SralhSmandat bewerbe». (Maßrkgklung anlisemilischcr Sludcnlcn.i Gegen de» „V c r c I n deutscher Studenten" in Berlin, welcher, wie jungst gemeldet, dcn Profeffor Dr. Strack aus der Liste der Ehrcnmiiglicdcr gestrichen hat, ist vom aka dcmischcn Senat der Berliner Universität daS TiSciplinarvcrsahren anhängig gemacht worden. 1 lTkr Paasch-Rumitttl.) Tie Antisemiten sind stets gerne bereit, sich gegen seitig für verrückt zu halten, womit sie wohl so ziemlich daS Richiige treffen. So eiklärt ein Berliner Aiiliscmitenblatt S'öcker'scher Richtung, daS neueste Buch deS überspaitliten Bewer, welches „Gedanken" betitelt ist, müßte eigentlich den Titel „Hirngespinnste" trage», denn „eS sei wirklich zweifelhaft, ob der gute Mann »och unter die Verständigen zu rechnen fei". Wie häufig habe» die einstigeil Gesin»u»gsge»osse» Schönerer'« erklärt, daß dieser mit Säusertpahnsin» behaftet sei u. s. w. Wenn aber einmal ärztliche Autoritäten eine aiitiseinitische Größe für verrückt und gemeingefährlich erklären und dcnientsprcchend die Ueberfnhrnng deS betreffenden Individuums in ein Irrenhaus veranlaßt wird. V l a t t. Seite 7, gerochen die Anliseinile» außer Rand und Bandschreien über Vergcwaliignug klage» über persönliche llusichcrbeit und.halic» Proiestveriqininluuge» ab. Einen geiadcz» widerlichen Eiudruck macht der Mänurereullns, der mit den, cndgiliig ' ii» Jrrenhause unlcrgebrachic». Ingenieur Paaich geirieben wird ,mt> den timdrpck einer wohlberechneie» mis<- >>n s.-. ni’ herstörruji. In alle» aniilcurili eben Blättern wird die „scharse Geistesklarheit" de«. „lebendig.Begrabenen" hervorgkhobeii und über jüdischen Irre,.»»fug gedonnerk, au mehrere» Trten werden Bcrsaminluiige» znni Cullus des Paa'cki Radau veranstglict u. s. w. Eiuc solche fand kürzlich in Berlin stall. Redner war der Guninasialproscssor »nd Landwehrhauplina»» a. D. Dr. Paul Förster, der in halb docireudeni, halb iniliiäri'ch schilarrendeni Tone nnicr Verschluckung der halben Worl.e den Fall Paaich noch einmal rccapilulirte Tr. Förster gab selbst zu, daß Paasch ass ein sehr nervöser Mann nicht iminer de» rechte» Weg eingeschlagc» haben mag und von falschen Rathgcbern irregeführt worden ist, gemciiigefährtich, geisleSgeslört sei er aber nicht. Seine Ausführungen und Anfichtc» über de» Fall Paaich faßte Tr. Förster schließlich in eine Protestresolution zusainmen. -- Ter bekannte Cheiniler Tr.s Brackcbusch. der seit seiner Verurtheilung wegen Beleidigung eines Lai^dgeiichisdireclorS ein - entschiedener Feind geordneter Rechtsverhältnisse geworden ist, beantragte z» der Resolution-yoch eine» energischen Protestzusatz gegen unser heutiges römisches Recht »nd unsere gesaurintkir Rechtsverhältnisse, die so be chassen sind, daß Jeder besser daran t'hne, sich sein Recht „auSzuliiobelu". '— Auch in Leipzig sollt,e eine Prolestversauimlung statt finden, in welcher Ahlmardt den Fall Paasch besprechen wollte. Dieselbe wurde jedoch von der Polizeibehörde verboten, und zwar au4 dem Grunde, weil die Persönlichkeit Ahlwardt'S nicht Gewähr leiste, daß die Bei saiuinlung ohne erhebliche Störung verlausen und daS Maß der erlaubten Siritik nicht überschritten tverden würde. — Jeder Ei» sichtige wird zngrstehe», daß die sanalische» Umslüpzlcr, die man mit Ausnahms gefetzen vcrfo.lgt hat, die bestehende Anioriläl »icinalS i» dem Maße ekschüliert habe» wie jene Vergifter der öffentlichen Meinung, die i>» Jnl.'resse der antisciniliiche» Geschäftes einen »»heilbaren Rarren zum Märtyrer stmipel». tVrudkrzwisk unter den bnitfditn Antiskmilcil. Bo» der „«-.»igend'e»" Wirkung, die der antisemitische Parteitag haben sollte, läßt sich unter den deutschen Anliseinile» cinstweileii wenig veespnrcn. Gegenüber den Anscindunge», welche die Tivoli Anlisciniten und Christlich Sociale» seitens der Berliner Ahlwardt Trthodorc» anSgesrtzt sind, erklärt die „xreuzzeituuß", di« conservative Partei werde sich daraus gefaßt mache» nrüssen, dcinnächst nicht nur gegen die revolmio »äre, svudern auch gegen die antisemitische Demagogie einen scharse» und -uiusassendr» tlarnp-s-^» sührcu. Aus einem andereu Plan befehden sich Böckel und Liebermann a,» daS Heftigste, und ii» gemiiihlichen Sachi'cnlande liegen sich die Conservaiive» imd GeschäsiSanlisemiien wieder ein Uial in den Haaren. Bewndcrs imLeipzig ist eS aber auch i» Folge von Zerivürf iiissen unter den Führern der Tertt'ch Sociale» zu gau; arligen-Scandälchen gekoinuren. Tr. Wescnd'onck balle sich nämlich vor llurzein i» seiner. Zeit > schrist „Aiili-Corrupiion" den Chcfredaclenr der „Renen Tculschen Zeitung" Tr. i?i Erwin Bauer, auSgcliehe» »nd ihm die ehrenrührigsicu Tiuczc an de» .llops geivorse». Toctor ,?> Bauer iah sich in Folge dessen genölhigt, sich in öffentliche» Persaininlungcn. von den Vorwürfen Wcsendonck'« rein zu iv.rscheit. «!r sühne aus, er habe sich bisher in Tcntschland darum nicht iiaturalisircn lasse», toeil er »och nicht die Gewißheit habe, daß er sich hier eine sichere Existenz gründen könne. Weiler erklärte er, daß er von den Cou serrative» für geleistete Wah.dieiisic keinen Pfennig, erhalte» habe, fügte aber hinzu, Herr v. Herder (ein couservalivcr Reichsiagseandid.il, habe' ihm an« eigene,» Antriebe -'Et Mark'geliehe». Cr erklärte ferner, daß erde, l Toctortitcl nicht besive, aber in Rußland au der Universität Dorpat eitlen akademischen G>ad-erlangt habe, der dem deutsche» Tocioztitel gleichsuche. Bezüglich der siuanzicllcn Vdrhältniffe seiner Zeitung erklärte er alle Angaben deS Tr. Wesendonck für erlogen und erstunken Tie Zeitung habe »nr >0.U;X) bis :»<>.«10> Mark Schulden. I,» llebvigen halte tu« fiiv keine «chande, Schilde» zu machen.^ — Ta es dem Tr. Wesendonck, dessen akademischer Grad nicht auf der Torpater Universität erworben ist, nicht gestaltet iviudc, ans derselben Tribüne den russische:, „Toclor" zi, widerlegen, verausialleie dieser einige Tage später eine ege u »e r s a in in l n u g, atls welcher Bauer «oivie Lieber in a » und Fritsch böse wegkauie» und speciell Ersterer de« Wvrtbruches gegen Hertwig, der ihm einen Wechsel »der '-'TO1, JJiavf acceplirte, beschuldigt wiirde. Die Versaminlung endete antiseinitisch, d. h. unter dein nirgeheuersten Scandal, ivomit jedoch die Sache noch lciireSwegS zu Ende ist. Bauer wird Wekcnbonck klagen, dagegen habe» die Anhänger deS Letzteren die höchst erquickliche Frage aus de» am '-'6. September i» Chemnitz stattgcfniidenen Parteitag der sächsische» T e u tsch-S oc i a lc u verschleppt, »nd bei dieser Gelcgenlieil die Amoviruirg der Führer Bauer, Fritsch und Liebermanii von der Partei- - leitung durchzusetze» gefiichl. Ter Chemnitzer Parteitag endete jedoch mit cincin. VertranenSvotui» für Licberinaun und mit einem Be-chlnffe, Bauers Journal vor dem Tode z» bewahren. ' - > «Absitblitzt!) Tie Düsseldorfer Antisemilcn hatte» am 15. d. M. eine össentliche Bolksversainmluug veranstaltet, »nd um den braven Düffeldorsern daS Evavgeliiiin Ahlwardt'S besser zw Geniüthe zu «übre», hiezu zwei