Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 78 (1.10.1893)
- Date
- 1893-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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Seite d Nr. 78. Freies Juden Trost suchen und damit ihrem Gewerbe auf die Beine zu helfen glauben. „Ich glaube,", sagte Professor Sueß, „daß die antisemitische Bewegung, welche kaum in noch ab stoßendere Formen treten kann, eine tiefe Gefahr für die ganze Bürgerschaft i» sich schließt, indem -leider durch sie der guten Stadt Wien immer mehr und mehr Sympathien und Achtung allenthalben verloren gehen. Ihr rntgegenzutrete» mit allen erlaubten Mitteln halte ich für eine patriotische Pflicht." Nach' dem mit einem Beifallsstürme aufgenoininenen RcchenfchaftSberichtc des Abgeordneten interpellirte einer der Wähler Professor Sueß darüber, ob ihm die Arußcrung des Mechanikers Schneider, daß man für die Inden ein Schußgcld festsetzen möge, bekannt sei, und ob er im Schoße der Bereinigten deutschen Linken dahin wirken wolle, d a ß d i e s e l b c d i c R e g i c r u n g an ihre Pflicht ermahne, diesen antisemitischen Ausschreitungen entgegenzutrctcn. Professor Sncß erklärte hierauf, daß er bereit sei, alle Schritte gegen Schneider einzuleiten, wenn man ihm Zeugen bringe, die eventuell bei Gericht eidlich erklären, die Aeußcrung Schneider's, man möge Schußgelder auf die Juden aussetzcn, gehört zu haben. Unter Hochrufen auf Sncß wurde die Versammlung geschlossen. („Gefrorenes" mit Antisemitismus.) Ter Bezirk Favoriten scheint znni Haupttummelplatz der clcrical-aiitiscmitischcn Partei geworden zn sein. Zu den vielen in diesem Bezirk bestehenden politische» Vereinen soll sich nun auch ein christlich-socialer Verein, gcfellcn, und werden bereits in allen WirthShänscrn Mitglieder angeworben. Ein bekannter EiShändler ist der Hanptagitalor; bei Ablieferung, des Eises an seine Kundschaften, die zumeist Wirthc sind, bestrebt er sich mit großem Eifer, den zufällig anwesenden Gästen fromme Predigten zn halten. Daß dabei die Inden nicht gut weg kommen, ist selbstverständlich. Wir geben dem frommen Manne den Rath, seinen „waschecht" christlichen Gefühlen an einem würdigeren Srtc Ausdruck zu verleihen. Sein „Gefrorenes" wird sonst ebensowenig Absatz sinden wie sein „kalter Antisemitismus". (Der Antisemitismus im Talzburgischcn.) Ein Freund unseres Blattes schreibt uns aus Salzburg: Mit der Anflösnng deö antisemitischen Geniancnbnndcs ist dahier das letzte'Nest der abscheulichen Brut ansgehoben. Zn verwundern ist nur, daß dies nicht schon längst geschehen, und daß cS überhaupt sich hat bilden können. Nirgends ist der AntisemitisinnS minder am Platze als in unserer Saisoustadt, die alljährlich zwischen siebzig- und achtzigtanscnd Fremde beherbergt. Zudem lebt dahier kauin ein Dutzend Juden, und bic. da wohnen, sind ausnahmslos chrenwerthc Leute, die niemals zu irgendwelcher Klage Anlaß geboten haben. Ein „Kyffhänscr" und „Gerniancnbund" waren demnach für unsere Stadt ciii Anachronismus. Derselbe wurde ausschließlich dadurch ermöglicht, daß ein paar zugcwandertc Streber, die sich um jeden Preis geltend machen wollten, hier ihre schinuyigc Bude aufschlugcn. An der Spitze steht der Erz-Schöncriancr Dr. Sylvester, der aus Niedcröstcr»eich gekoinincn ist/ Er steckte sich äugen blicklich hinter unsere Basier«, die wie allerwärts dem Leithaniinct blindlings Folge leisten. Daß dies Manöver zugleich für den Führer höchst rentabel ist, geht daraus hervor, daß er nach wenigen Jahren in der Nähe Mattstes eine Herrschaft gekauft hat. DaS ist eben die feine Taktik der antisemitischen Führer, daß sic. sich der Bauern als Fußschemel bedienen, um von da anS emporziisteigen. UebrigcnS ist Salzburg nicht der einzige Ort, wo sich diese antisemitische Taktik vortrefflich bewährt, die im Grunde gciioinmen nur auf die Tuninihcjt der Leute spcculirt., ' I >r. 1 S. (Die jüdische Moral.) Die Behörden in Deutschland fahlen fort, durch weise Maßregeln der antisemitischen VerlcuindungSarbcit den Boden zn untergraben. Der „Reichs- und StaatSanzcigcr" vom 28. September berichtet: Im Laufe des vorigen JahrcS ist in verschiedenen TagcSblättern sowie in Streitschriften gegen die im Unter r i ch t S g e b r a n ch c d c r j ü d i s ch c n S ch n l c n b e f i n d l i ch c n L ehrbüch e r d i c A n k l a g e erhoben worden, d a ß s i c Lehren enthielten, welche unser sittliches, wirthschaftlicheS und staatliches Leben gefährdeten. Man hat daran die Frage, geknüpft, ob denn die preußische Unterrichtsverwaltnng dem jüdischen Religionsunterrichte ausreichende Anfincrksanikcit zuwcndc und ob ihr der Inhalt der betreffenden Bücher bekannt sei. Der Untcrrichtsininistcr hat daraus Veranlassung geiionimcn, sänimtlicht zur Zeit im llnterrichtsgcbranchc befindlichen oder sonst noch in Betracht koinmcnbcn jüdischen RcligionSbücher einzitfordcrn. Die bezügliche Sammlung umfaßt :>!>1 Bücher, und zwar sind sie dem Inhalte nach: 1. UntcrrichtSbücher: a) für Erlernung der hebräischen Sprache, 40 Ereinplare; >,) für biblisch- und jüdisch-geschichtlichen Unterricht, 163 Exemplare; c) für ReligionSlchre, Blatt. Katechismen, Spruchbücher, Bibclknnde, 234 Ereinplare: il,i für deutschen Unterricht, Lesebuch für Volksschulen, 2 Ereinplare. 2.-Erbanungsbüchcr: :>> die Heilige. Schrift ganz oder Theile derselben deutsch.hebräisch-oder hebräisch-deutsch, 2l Ereinplare. >>> Gebetbücher,, hebräisch-deutsch und deutsch-hebräisch, 47 Ereinplare: <•) Gesangbuch, deutsch, l Exemplar. 3. Sonstige Schriften, leine Schulbücher, 43 Exemplare. Säinnitlichc Bücher sind cincni theologisch und pädagogisch hervorragend gebildeten Schulaufsichtsbeamten zur Begutachtung zngcgangc». Derselbe faßt das Ergcbniß seiner sehr cingchcndc» Prüsung dahin znsamnien, daß keine der in der Presse gegen die jüdischen Religionöbüchrr erhobenen Anklagen durch dcn Inhalt der.vorgclcgtenBüchcr begründet ist. Dieses Gutachten ist sodann einem evangelischen Geistliche n, welcher, längere Zeit int Dienste der Jndxnniission gestanden hat und mit der taluiudifchcn Li'teratnr innig vertraut ist, zur Acußcrungzngcstcllt worden. Derselbe hat seine volle Zu stimm u ng zn dem Gutachten ausgesprochen. Die vielbesprochene Schrift „Sdiulclien imicli" (gedeckter Tisch) ist in keiner öffentlichen oder privaten Volksschule int preußischen Staate im UnterrichtSgeblanchc. Zufällig trifft diese Publication deö „Reichs-und StaatSanzeigerS" mit der Meldung über die am 27. September in Berlin stdttgchabtc, von 400 Herren besuchte Versammlung des neu begründeten Eentralvereines, dentfchcr Staatsbürger jüdischen Glaubens zusammen,'der folgende Thesen annahin: „Wir stehen fest ans dem Boden der dcnts chcn N ati o» a li t ii t; unsere Gcnicinschcift mit den Inden anderer Länder ist keine andere, als der Katholiken zu dcucn anderer Länder und der Protestanten zu Protestanten anderer Länder. Wir erfüllen unsere Pflichte» als Staatsbürger freudig und halten fcst.au dem ii»S verfasinngSinäßig gewährleisteten Rechte. Wir gehören als Inden keiner politischen Partei an. Politische Anschauung wie religiöse ist Sache des Einzelnen. Wir haben kciizr andere Moral als die unserer nichtj ü di scheu Mitbürger. Ter Schlußsatz verdammt die Unchrlichkejt Einzelner und vcrurtheilt, daß dem Jlidcnthnin die Fehler einzelner Inden zur Last geregt werden. ' <M‘rmaiiy.) In G ohfcld rni preußischen Regiernngs--. bezirke Minden, nebenbei bemerkt, dcüi schwärzesten Thcil dcS dünkclstc» Deutschland und der ureigensten Domäne der Stöckerei und Mnckerci, fanden vor einiger Zeit die Wahlen der kirchlichen Repräsentanten stäkt, wobei sich xwci Parteien gegcnübcrstanden, eine ganz schwarze, welcher der als clericalcr Heißsporn übclbcrüchtigte Pfarrer Jskraut seine, agitatorische .Kraft lieh, und eine lauere Partei, die zwar bereit ist, den Pastoren durch Dick »nd Tünn zu folgen, aber insosernc liberal ist, alS sic in Geldfragcn keinen Spaß versteht und fleißig die Hand auf dcii Sack hält, lieber den Vorgang bei jener Wähl, in der sich zwei „christliche" Parteien betünipften, lesen nir folgenden ans' der Feder des Pfarrers JSkranl stanimciiden Bericht der „Neuen Westphälischen Volks-Zeitung": „Am Dienstag »ach dem OKsangc von: .In alten meinen Thliten' war Nachmittags Uhr in'der Kirche die Wahl, welche eine Viertctstnndc »ach Mitternacht ihr Ende erreichte, Nachdem den Beamten ihre Zettel abgcnoinmcn sind, beginnt ein Drängen um den ganzen Wahltifch, daß während der ganzen Zeit der Stimmabgabe auch nicht einmal ein. kleiner Zugang, zur Wahlnrnc frei war. Männer, die, so lange ihre Freunde denken können, nicht zur Kirche gegangen sind, Dienstboten, auch der Scetc der englischen S.uäkcr angehörigc Männer habe» ihre Stiminzettck abgegeben. Die Verbindung zwischen der Kirchlhür niid dem nahen Wirthshans wird auf das L c b h a f t c st c unterhalten. Gegen 7 Uhr erscheinen die ersten leicht a n g c t r n n k c n c n W ä h l c r i i» G o t k c s h a »s e, ohne ihnm Geist in besonders aiisfültiger Weise Raum an diesem heiligen Trkc zu -ge statten, doch bald ist einer tannictnd aus der Kirchbank ein geschlafen" und schlägt wie im Tack mit dem Kops die steinerne Wand. Die ^Stimmabgabe ist beendigt, der Wahl Vorstand macht sich an die Feststellung des WahlrcsiiltatS und ein großer Theil der Wähler an das Trinken im Wirthshans. Bald ist das Hans erfüllt von TabakSgnalin, der Magen von Bier und Branntwein, die Luft vom Geschrei der Trunkenen. In demselben Maß, wie sich der Sieg in der Kirche der libenilcii (d. h. der lauer' clcricalcn. Am», d. Red.) Seile nähert, nimmt die Betrunkenheit im Wirthshans "zu. Ab und z» wollen einige sehen, wie die Sache in der Kirche steht: sic fallen taumelnd zavischcn die (Grabhügel wie frische Leichen, welche der Bccrdignng harren. Um 10 Uhr, als die Polizei Feierabend erzwang, tönte ein'so schrecklicher Lärm in der Kirche, daß der SrtSgcistlichc das Gotteshaus verließ. Gegen I! Uhr war eS nm die Kirche her noch-so lebendig, alS wäre man aus dem Hans; gegangen, um in der Dunkelheit ans der Straße die unsaübcrcn Geister weiter auStobcn zu lassen. AlS nach