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Freies Blatt · 1893-10-01 · 78 (1.10.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
78 (1.10.1893)
Date
1893-10-01
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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feite I.XXXIV. Beilage zum Freien I?latt, Vrgan zur Abwehr des Antisemitismus. II,id nicht durch den (''eilt allein, sondern auch durch die Gesinnungen, mit allen Festem ihres-Weseiis fühlen sich diese Nachkoiniiien Jacobs als Franzose», Engländer, deutsche, Italiener, Amerikaner. Für diese Art von Berschiiielzung mit dein lebendigen Baterlande bedarf es nicht 'immer vieler Generationen. Bei einem vairioiischeu Bolke, das Einen als Staatsbürger behandelt, erwirbt s,ch die Vaterlandsliebe rasch: inan lernt sie von Kindheit an in der Schule, auf dein ('’tim»afium. Ganibeita hatte zwar das Blut eines i''cm,eia Juden in den xHhern, aber darum nicht weniger ein französisches Her;: er hätte sich schwer verstellen können, etwas 'Anderes als Franzose zu sein: er hatte seinen ganzen Stolz aufFrankreich gesetzt. Ebenso war? Israeli nicht minder Engländer, obwohl sein Grosivater ein veiielianischer Jude gewesen: wie stolz er ans seine britannische Berühmtheit war, in ja bekannt. Wenn Marx-Mor- ^echiN, wie so viele Soeialisten jeder Outcc, der Apostel des Well bürgertlmms geworden in. i'o war dat'ür andererseits Ferdinand vanalle ein deutscher Patriot, ein eifriger Berfechter der deutschen Einheit und bereil, für sie mit Preußen und mit Bismarck ge meinschattliche Sache zu machen. Sa haben wir in Italien Ileberstuß an Beispielen. Weil die Bortahren Taniel Maiiin's aus den engen (''äßchen des <il,ott<> i,,U'V" oder des «iliott» roeihio stammten, hat das befreite Be nedig darum nicht minder eine Ehrenschuld abgetragen, als es. '.Vianin unter den bnzaMnischeii Bogengängen des Narthex von Säii-Mareo beisetzte, Ich besuche häutig Italien: niemals habe irii enteil Italiener getroffen, welcher eifersüchtiger auf die Größe der Halbinsel gewesen wäre, als der gewesene Schabminister Vuz zatu als Franzose hätte ich ihm selbst de» Borwurf zu machen, in der auswärtigen Politik nicht frei von italienischen Befangen beiten zu sein. Was nützt die Eigenschaft als Jude, wenn sie nicht vor nationalen Borurtheilen schützt'? Nun. das Juden thtitn j,'t nicht immer ein Impsstost gegen de» Ehauvinismus, ich habe djes wiederholt in Italien, in Tentschland, ,'elbi't in Frank reich ntahrgeiivnimen. . Nia» gestalte mir hier eine schon weit zurückliegende Erinnerung. /Ich habe, irre ich nicht, erwähnt, daß ich 1*«°>7 mehrere Monate bei einer israelitische» /vamilic in Dresden znbrachte. Es lebte da ein junger Mensch von achtzehn Jahren, jüdisch Bollblut. der das erste Buch Moses im Hebräischen vom Blatt weg las. Er war ganz wie Vaüalle, ein glühender deutscher Einheitsbekenner, zugleich jedoch ein lohaler sächsischer lljiterthan. Er ersehnte die Wiederherstellung des deutschen Reiches, zum .'iaiier aber hätte er den Zlonig von Sächseu gewünscht. „Wenn Frankreich sich unserer Einheit in" den Weg z» stellen wagt," sagte er mir wiederholt, „wehe euch! Wir martdiircn nach Paris: wir nehmen euch Elsaß j und ','othringen wieder ab." Er wußte nicht, wie wahr er sprach. Drei Jahre später mußte er mit kausenden seiner Glaubensgenossen, welche im Berein mit ihren christlichen Kameraden die „Wacht am Rhein" sangen,ssi) nach Frankreich ziehen. Bian hätte diesen dunkelhaarigen,' schwarzäugigen Abkömmling Jacobs als Urbild der deutschen Jugend ausgxben können. Er war mit germailischem (''eiste durchtränkt, verachtete den 'Slaven und Wälfcheu und bekannte sich zur naive» Geschichtsphilosophie gewisser Doetoreu vom Ueber-Rhein. Wenn man ihn hörte, so war großes in der Welt nur durch die Ger manen verrichtet worden und der Werth der modernen 'Nationen nach dem Berhältnisse der in ihre Adens eingeführte» Dosis teuto nifchen Blutes zu bemessen. Er schien zu vergessen, daß er selbst In Berlin allein hat man berechnet, gab es gegen 1885 zweitausend gewesene jüdische Soldaten, welche den französischen Feldzug mitgemachl hatten. in seinem ganzen Vcibc vielleicht nicht einen Tropfen Hermann- Blütes befaß. Als ich mir eines Tages diese Bemerkung erlaubte, schien er ganz betroffen. Die übrigen Israeliten, welche ich in dieser sächsischieii Familie traf, waren gleichfalls alle Deutsche, und zumeist vermochte ich nicht, sie von de» Ehristen zu unterscheiden. Eines Tages kam zu «Tisch ein Berliner Jude, der bei Sadowa das Zündnadelgewehr getragen hatte: ein richtiger Preuße, blond, irisch, laut sprechend mit Berliner Aecent. „Nach Königgrätz", meinte er, „ist man stolz Preuße zu sein." Bei Allen, Pveußen und Sachsen, fühlte man den dentfchen Nätionalstolz. Bei den Juden setzte mich diese Gesinnung damals in. Erstaunen. Seither sind mir, was mich stärker berührt hat, Juden lintergekomiiien, wxlche den Muth hatten, polnische Patrioten zu sein und der todten Nation eine ungeschwächte Liebe bewahrten. Ich habe auch welche gekannt, die sich aufrichtig als Russen betrachtete», wie Rlissen dachten und sprachen. „Wenn ihrer nicht , mehr sind," sagte mir ein Russe aus D desto im ^Bertraueu, - „so , hat dies seine Gründe. Auch in diesem Sinne hat jedes Land die Juden, die es verdient." Baterlandsliebe kann nur von Menschen empfniiden werden, i die das Baterland rings um ihre Wiege gefühlt haben. Wie kann man sie von Ausgewanderten verlange», die keine Zeit, gehabt, sich , im Lande sestzusetzen, oder von Geächteten, wie 'den russischen Juden,; die von 'Nation zu Nation getrieben werden, dem „Perikatetipole" > der Steppe, jenem dürre» Grasball vergleichbar, welchen der Herbstwind über die kahle Ebene dahinwirbelt'? Jene haben kein! Baterland mehr: sie sind aus ihrem Heimatboden entwurzelt! worden. So karg sie ihnen sein mochte, so beschränkt ihre Rechte daran gewesen, sie waren dieser einförmigen russischen Erde, wo i ihre Bäter Jahrhunderte und Jahrhunderte gelitten und gebetet,; in den meisten Fällen zugethan. Nichts Geringeres bedarf es, um sie davon zu vertreiben, als das Uebermaß von Elend und die I Berzweiflung, dort jemals den Frieden zu finden. I Und Biele sind ihrer, die selbst dann sich nur mit Gewalt dieser Erde zu entreißen vermögen! Bor ihrem Aufbruch nach jenen '/ändern, wo die Sonne nntergeht, besuchen sie mit ihren Kindern .ein letztesinal ihren Friedhof, und unter Thränen undKlage» sagen die Frauen den Heinigegangenen, welche ihnen nicht mehr in die Berbaiiiiung zu folgen vermögen, ein letztes Lebewohl. Heinzgesuchter noch als ihre Brüder in Segooia, welche unter Isabella aus Easiilien vertrieben worden, haben sie nicht einmal den Trost, die Denksteine ihrer Borfahren mitzunehinen."«) Sie mögen in Europa Zurückbleiben, sie mögen geradewegs den weiten Deean übersetzen oder langsam de» Mittelmeerküsten entlang segeln, auf die Gefahr hin, nirgends am Gestade landen zu können, überall, wo sie erscheinen, in Deutschland,- England, Frankreich, Amerika, fühlen sie sich sretild: sie müssen sich an einen neuen Himmelsstrich/ eine neue Erde, eine neue Sprache, ein ueues Leben gewöhnen. Sie werden sich gleichwohl vielleicht rascher damit abfinden, als sie sich's zu denken wagen. Ueberall, wo die Freiheit ihnen Zulächeln und die Waage des Gesetzes ihnen mit dem gleicheii Gewicht wie den Ehristen abwägen wird, werden sie sich schnell einbürgern. Sie werden für das Land, welches ihnen ein Baterland wiedergibt, das Gefühl von outlaws haben, die wieder einen Herd gefunden haben. Eben darum, weil der Jude weniger Anlaß zur Liebe für das Reich hatte, das ihn. von sich stößt, fällt es ihm auch minder schwer, Franzose, Engländer, Amerikaner zu werden, als den christlichen Einwanderern, die ein Baterland besaßen, als dessen Kinder sie sich zu fühlen berechtigt waren. cs°rg-,ung f«ig,.) ni) Mocatta: „The Jews anä the Inquisition." Man abonnirt das Freie Blatt in der Administration, Wien, I., Seilerstätte 10. Abonnementspreis: ganzjährig ö. W. 2 fl. 50 kr., halbjährig 1 fl. 25 kr., vierteljährig 65 kr. Herausgeber: Ernst Liclor Zenker. — Verantwortlicher Redacteur: Joses Borwahlner. — Druck von LH. Reißer & M. Werlhner, Wien.

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