Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 78 (1.10.1893)
- Date
- 1893-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/4886575-5439157-5441455--0839-4887336- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 78. freies Wiener Judenpresse, welche servil und schweifwedelnd nqch oben daS Mißtrauen, das man ihr entgegcnbringt; einznschläfcrn sucht. Die liberale Presse, welche ihrer Partei immer einen Schritt voraus ist, wolle die Republik, die Antisemiten aber wollen ein starkes Königthum, das Fleisch und Blnt hat, das die Macht hat, zu regieren! Pattai dachte offenbar an den altcü Bcrs: Und der König absolut, wenn er unseren Willen thut. Npch während der Rede Dr. Pattai's v betrat Bergan! den Saal; sofort erhoben sich von Seite der Deutsch- Nationalen einige Rufe: Hinaus mit B e r g a » i! Nieder mit Bergani! Es entstand ein unbeschreiblicher Tumult und gleich darauf eine furchtbare Keilerei im Saale. Entsetzt flohen die Frauen auS dem Bersammlungslocale, und auch vielen Männern war die Sache doch zu bunt. Nqch einigen Minuten löste» sich auö der kämpfenden Gruppe einige Leute ab — cS waren djc unvorsichtigen Schönerianer, welche -^Nieder mit Bergani" gerufen hatten. Man verfolgte sie unter wuchtigen Ptisstn und Schlägen durch den Hofraum und auf die Straße, wo man spcciell zwei der Mißhandelte» blutig schlng. Mit Mühe gelang cs vier Wachleuten, die "Nationalen den Händen der Rasenden zu entreißt». Nur durch schleunigste Flucht entzogen sich die Bier weiteren Insulten. Nach dieser kleinen Zerstreuung sprach P s c» n e r, welcher sich in einer halbstündigen Rede bemühte, den Nachweis zu erbringe», daß der berüchtigte nngarischc Räuber Rosza Sandor ein Liberaler gewesen sei. Bei seiner Zuhörerschaft erntete er auch hicfiir demonstrativen Beifall. Hierauf war dem antisemitischen ZcituiigShcrausgeber Bergani Gelegenheit gegeben, den Zauber seiner Erscheinung ans die Kremser wirken zu lasten. Ausgehend von der Devise: „Nicht christlich-social — nein christlich-social-d'utsch national sind wir!" strich er den Kremser Deutschen um de» Bart mit Phrase», welche er noch ans der Zeit gerettet hatte, da er zn dem Schloßherrn von Rosenau schnorren ging; dann verthcidigte er seine Zeitungsgrüudnng und nahm die im Zollproccß Gcrngroß vcrurtheilten Beamten in Schutz. Diese seien vcrnrthcilt worden, der »Jude Gcrngroß aber fahre im im numcrirtcn Fiaker herum. Bergani verlangte auch eine Bcstcnerung größerer Bcrmögen bis zu 50 Perccnt, »in dem Staat Geld zuznfnhren. Mechaniker Schneider erzählte von seiner Reise in Galizien. Dort sei der Bauer dem Inden vollkommen unterthan — er sei dem Thier gleichgestellt. Der Bauer wird neben den Achsen i» den Pflug gespannt, und der Jude schwingt die Peitsche. Redner verlangt EonfiScation der Judcngütcr und schließt mit folgenden Worten: Es war einmal eine Zeit, da man für die Mongole» ein Schnßgcld bezahlte; ich hoffe, daß diese Zeiten bei uns auch w i c d c r k c I> r c n, daß man bei »nS ei» Schußgeld für Juden bezahlen wird. Begeisterter Beifallsjubel war das Echo auf diese Glanzleistung deS Stampiglieii-Schncidcr. Monsignore Schcichcr entdeckte/ sein deutsches Herz. Der Liberalismus sei volküschädlich und vcrjndst — unser Bolk sei heute geknechtet, verrathcn und verkauft. Wann endlich werden sich alle Deutschen ermannen, »nt der Jndcnwirthschaft ein Ende zu yiachen? Aus dem Wege, den die Clcricalcn rinschlagcn, gehe cS nicht; nnt der Bittschrift in der Hand erreiche man nichts bei unserer Regierung. Wir müssen fordern, und das ist unser gutes Recht. Mit den Deutsch-Nationalen haben wir deutschen Priester und die Ehristlich Socialen viele Bcrührnngspnnktc. Wir Priester haben das Recht und die Pflicht, für das Bolk einzutretcn. Warum auch sollten die deutschen Priester nicht für ihr Bolk cintreten'? Natürlich darf die Betonung des Deutschthuuis nur bis zu einer gcwisten Grenze gehen, und cS darf nie übers Ziel geschossen werden. Dann kam wieder die verjudcte Prestc, dix verjudcte Social-Dcmokratie und die verjudetcn Liberalen im die Reihe. Zum Schlüsse sprachen die Provinzagitatorc» Wohlmeyer, Pranger und Bogcl, welch Letzterer sein Bedauern darüber anssprach, daß die Genicindcvcrtrctnng von Krxms sich an dem Empfang gar nicht bctheiligt habe, wie überhaupt der Empfang in KrcmS ein lauer gewesen sei. Redner proponirte die Gründung eines christlichsocialen BercincS in Krems; dann werde auch in der -deutschen Stadt KrcmS 'die jüdische Macht gebrochen werden. Damit schloß die Bersammlung, ohne daß weitere Ercesse vorgcfallcn wären. Vielleicht auch that der Landregen, welcher gegen Abend nicderging, das Scinige zur Beruhigung der Gemüther und Abkühlung der stark erhitzten Köpfe. Die jüdische Race. -Der berühmte Physiologe und Schriftsteller Paolo M a n t c g a z z a legte kürzlich in mehreren Artikeln der „Neuen Freien Prestc" seine Ansichten über den Antisemitismus, diesen blutigen Schandfleck unserer Zeit, nieder. Wir geben im Nachfolgenden auS dieser lichtvollen Kund- V Blatt. Seite gcbung eines gelehrten und humanen (Geistes die besonders interessante anthropologische AuSführnng wieder. Mantegazza schreibt: Wenn ein menschliches Problem uns umgeben von -zivist' u»o Dcntcleicn entgegcntritt, wenn zu dessen Berwicktnng und Berdnnllnng Intereffeu, Leidenschaften, Bornrthcile beitragen, da»» wenden wir »ns an die Wissenschaft als an einen höchste» Gcrichlshok, »nd von il»n verlangen wir die Leuchte, die uns den Weg durch die, Dunkelheit er möglichen soll, mid den ruhigen Ernst der Thalsachen, damit wir den gordischen Knoten söscn könne». Diese Berufung ist eine natürliche, und sie sollte auch als entscheidend gelten; doch ach! die ethnologische' Wistenschaft steht noch in den Kindcrjahrcn oder höchstens im Jung lingsaltcr, und wenn sie selbst reifer und weniger eingehcmmt wäre durch Fragezeichen aller Art, so mußte sie unvermeidlich stets durch jene selben Köpfe gehandhabt werden, die von Leidenschaften, Bor urtheilcn und Wünschen geleitet werden. Das hat zur Folge, das; ein« und dieselbe Thatsache entgegengesetzten Interessen' dient, wodurch die Auslegungen und Erklärungen die Wahrheit bis zur Unkenntlichkeit entstellen. Die antisemitische Frage ist eben gerade ein solches menschliches Problem, bei welchem die Wissenschaft das Bcrtheidignngs.- material der Unterdrückten und daS Anklagematerial der Unterdrückerin der Weise liefern sollte, daß man nach dem Urthcilsspruchc den ganzen »nd vollen Trinpiph der (Gerechtigkeit mit dem Bcifalle des PublicnmS zur Genugthuung Aller habe», sollte. Während wir von den übercinstimmeiiden Studien vieler Forscher die Materialien fnr nne vollständige anthropologische und ethnologische Monographie der hebräischen Rare erwarten, sehen wir seit einiger Zest mit viel . Freude, wie sich die ernsten Studien auf diesem Gebiete ne» beleben. Wir wollen alle jene Schriftsteller beiseite lassen, welche bisher znm Zwecke politischer Polemiken geschrieben haben, einige und - nur wenige citircn, welche cs verstanden haben, ans dem Gebiete der reinen ' Wistenschaft zn bleiben, wie "Neubauer, Jacobs, Blechmann und Renan. In der Wissenschaft gibt cS stets gleichzeitig Behauptung und Widerspruch, und an die Stelle alter und unbestrittener Dogmen treten neue Zweifel. So ist es auch bei der Frage, mit der wir uns eben bcschäsligen. Die Menge . glaubt, die jüdische Raec bestehe sozn sagen ans einem Stücke und weise so bestimmte und . beiondür^ Eharaktcrzügc ani, daß sic von allen anderen lebenden Raec» soiori ~ unterschieden werden könne. Heute jedoch/bestreitet die Wissenschaft diese elkeinheit und Ei»l;eit der Race und weist aus viele Faete» hin, die jene Annahme widerlegen, »'ich' selbst habe seitvielen Jahren stets ge glaubt, daß die rothhaarigen nnd blauäugige» Inden, die man in Rußland i»id in Polen so häufig antriist, nicht das gleiche Blut haben können wie die kraushaarige», krninmnasigc», bleichwangige» Israeliten, welche Über Italien, Frantreich und-Deutschland'verbreitet " sind. Heute bin ich überdies von einer anderen. Tbaliache 'überzeugt, nämlich daß, wenn cs auch unstreitig semitische Sprachen..-gibt, cs jedoch keine semitische Race gibt, und daß die Wissenschaft der I» knnft diesen fundamentalen Jrrshnm der modernen Ethnologie -widerlege» wird. Jedenfalls ist die hebräische Race keine rein«-- Schon aris der Bibcl ersehen wir, daß in die Bene» der Jude» fremdes Blni ein geführt, wird. Jsntacl,. Sohn des Abraham, hat Agar-zur Mutter, eine Araberin, und er selbst wird der- Baker der arabisichen. :>race Isaak »nd Jacob nehme» Aramäerinnen zu"Frauen, - J.a'es ehelicht" eine Egyptcri», »nd Moses> wird getadelt, weil er steh mit einer Madianitcrin vereinigt. David stammt von Ruth ab, einer Möalstteri», Salomon ist Sohn eines trittische» Weibes, und er selbst niuimlvrcle fremde Weiber zn Gefährtinnen. Auch die Söhne Jsmacl's in Egypten heiraten cgyplische Mädchen, so daß. vielleicht mit Ausnahme der pricsterlichen Kaste, die alten Inden schon cjn gemischtes Boll waren. Aiui> in der Folge hörte» die Israeliten mcht —auf, - ihr 'Blut mit demjenigen anderer Völker zu.vermischen, lH'iin lic ans der Ber bannung hcimkehrten, und die heilige Schrift berichtet von vielen Ber cinigungc» jüdischer Männermit Weibern von Asthdod, von Amnion und von Mvab. Später. liest inan von syrischen, griechischen nnd pal,»»rische» Mäniier», die zum Judenthnm übertrete», um schöne Töchter Israels zu ehelichen. Es ist ganz richtig, daß in viele» Fällen die Elemente, mit welchen die Hebräer sich kremten, wenig verschieden waren von ihrem TypnS, aber sicherlich gliche» ihnen weder du Egypter »och die Grieche». Auch in Rom blieb das jüdische Blut nicht rein. Die pure Römerin Fnlvia bekehrt sich zum Judenthnm gleichzeitig mit einer großen Zahl von Freunde» und Sclaven, nnd alle zur neue» Religion bekehrten Römer mußten' sich naiürlicherwciie mit Hebräerinnen vereinigen. Es ist wohl tpahr, dag Daciins von den Jude» sagt, sic hätte» sich mit keinem fremden Blute -vermischt tirln-unrniir oononlsttio alistineiit), aber die Bekehrten waren ja keine Heiden mehr, sondern Glaubensgenosse», und deshalb .-war cs die