Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 78 (1.10.1893)
- Date
- 1893-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 2 Freie» Blatt. Nr. 78. . das (?Hoä des Volkes in Folge feiner mangelhaften Bildung fast ausschließlich von unbewußten Impulsen und Gefühlen geleitet wird und dcmeiiti'prcchcnd nach einem Kriege, besonders wenn derselbe einen glücklichen Ansgang halte, in einen Geisteszustand versetzt wird, der Ve'chrankunge» aller Art und staatliche.. Bevormundung herbeisehnt oder wenigstens ermöglicht, dafür lasten stch zahllose Belege auS der allen und neuen Geschichte anführen. Wir wollen unS mit dem Nächstliegende» Beispiele begnügen. Oesterreich ging anS den langjährigen Revolutionskriegen, die gegen Ende des vorigen Jahrhunderts begannen und durch den Wiener Congrcß ihren formelle» Abschluß fanden, neuverjüngt hervor. Unniitielbar darauf begann die Herrschaft des berüchtigten Metternich'schen Svsicins, die excesstve.Ausbildung der regnlirenden Gewalt. Man ist;u'.r. in der Regel gerne bereit, die Unterdrückung der Freiheit, die in O esterreich länger als dreißig Jahre consequent durchgeführl wurde, lediglieli den leitenden Staatsmännern in die Schuhe zu schieben. PWnn wir auch diesbezüglich keinen l^rund haben, den guten Willen derselben zu bezweifeln, so müsten wir doch zugestehen, daß nur die rrnivfanglichkeit der Bevölkerung für beschränkende Maßregeln die Tucchinbrung derselben gestatten konnte. Xa Znsanimenhang der fraglichen Erscheinungen wird noch durch den Umstand begründet, daß nui die Milte der Treißigerjahre, also nach einer langen Friedensperiode, die entgegengesetzte Slröninng immer deutlicher zu Tage trat, ivorans wir leicht euknehineii können, daß der durch die vorangegangenen Kriege gezüchtete Sinn für staatliche Bevormundung durch die langjährige friedliche Beschäftigung gewichen war und einer Auffastung der Verbälkniste Platz, gemacht halte, die schließlich zum Widerstände gegen die Regierung ainpornte. Tie Kriege, die Oesterreich in den Jahren 1S.V.» nud 1 "tit» führte, waren mir Rücksicht auf ihren unglücklichen Ansgang nicht geeignet, die Bevölkerung in eine regimentationslüsterne Siinlinung zu versetzen; vielmehr haben wir ein Anwachsen des V.berali-'inns zu verzeichnen. Tie heutige reaetionäre Bewegung wurde obne Zweifel durch die allgeuieine Wehrpflicht verbreitet, da die militärische .^ucht, welcher nunmehr der größte Theil der männlichen Bevo-ldrnng unterworfen wurde, ihre nachhaltige Wirkung nicht verfehlen konnte. Tie unmittelbare Ursache war aber die glücklich durchgeführte O.cnvakiou Bosniens und vielleicht auch der ToctrinarismuS einiger Politiker. Gerade diesmal war der Umschwung in der öffentlichen Meinung ein gewaltiger. Tie Begeisterung für die Erfolge unserer Armee war eine >'o allgemeine, daß eS ein bedauerlicher Fehler war, derselben Opposition zu machen. Thatsache ist, daß gerade zu dieser Tir_^deniieb liberale Partei ihre führende Position verlor und eine -^Slröninng begann, die »eben manchem Anderen insbesondere in der >s'e,verbebewegnng und im AntisenntiSmus zum.Ausdrucke gelangt.' Wir sind weit davon entfernt, dm Einfluß zu Unterschüßen, den die eonkintli-.liche Berbetzung auf die großen Maste» ausgeübt hat. Allein im »nisten immer wieder die wenig anerkannte Wahrheit anführe», daß nur die jeweilige Geistesverfassung des Volkes Individuen gestaltet, die Ströniung privaten und SkandeSinteresten dienstbar -zu machen oder nicht Tie allgemejne Wehrpflicht, die Occupatio», die kriegeri'ckitn Verhäirniste, die lange Zeit in den neuen Provinzen geherrscht Ivil'eii und zum Theile »och heute herrschen, der Umstand, daß die meisten Männcr der heute politisch in Betracht koininendeli Generation wenigstens e neu Xheil ihrer militärischen Tienstzeit in Bosnien, in halber ätriegswtefikli.m, iitiiiiucii einer feindlich gesinnten Bevölkerung verbracht lab.'», a.ies dies und noch manches Ändere hat idie großen Masten L ibeidinalion, Organisarion, Beschränkung u»d Bevormundung nene'.r'ngs empfänglich gemacht. Erst dieser Boden. mar geeignet, Snmp'p'lai'ze» zu zeitigen. Robert Drill. Ei» Lcklnsiarlikil folgt.) Kntiiemitenerceffe in Krems. >Original Miltheilnng deS ,.Freien BlatteS".- -treniS, 25. September. I». Ten letzten Sonntag benützten die Wiener Christlich- 'Soeialen z» einem Ausflug nach Strems, wobei der Wiener Wursttestelpai lei Gelegenheit geboten war, sich de» Kremsern von ihrer kräftigsten Seile zu zeigen. Srandal während der Fahrt, Scaudal im Veriammlungsloeal, Seandal in den Straßen der Stadt, Scandal bei der Abfahrt — kur; Scandal ohne Ende — das war die Physiognomie des Tages. Ten Kremsern wird der 24. September hoffentlich recht lauge in Erinnerung bleiben. Angenehmer Ratur werden diese Erinnern'igen allerdings nicht sein. Hier herrscht nur eine Stimmt der Empörung über die Antisemiteninvasion. Unsere friedliche Stadt erinnert sich nicht ähnlicher Vorfälle und verurtheilt dieselben aufs Schärfste. Doch gehen wir zuerst auf die Vorgeschichte ein. In seinen Artikeln, in welchen das „Deutsche Volksblatt" mit der großen Trommel für den Kremser Ausflug Propaganda machte, wußte es von einem aus zwanzig Mitgliedern bestehenden EmpfangScomite in Krems zu erzählen, ja noch mehr, diese zwanzig Comiteherren wurden zu hochansehnlichen Kremser Bürgern erhoben. Bor Allem ist bei dieser Ziffer dem Setzer deS Vergani'schen Blattes ein unliebsamer Mehrgriff passirt. Er setzte eine Rull zn viel. WaS liegt auch an einer Null? Wer aber waren die zwei Comitemitglieder und „hochansehnlichen" Kremser Bürger? Es war dies ein Fabrikant, namens Edmund Vogl, und cin pensionirter Bürgerschullehrer und gegenwärtiger Eorrespondent deS „Vaterland" und der Opitz'schen „Oesterreichischen VoUs-Zeitung" in Warnsdorf, »auiens Pranger. Dieses „hochansehnliche" EmpfangScomite traf die Vorbereitungen zum Empfang. Sie mietheten vor Allem zwanzig Jünglinge des katholischen Geselenvereines, welche offenbar die fehlenden achtzehn hochansehnlichen Kremser Bürger ersetzen sollte». Ein Versuch der beiden clerisalen Kampfhähne von Krems, des ZeitnngSherausgeberS Kehl und des StrafhauSpfarrers Walzer, ihre Mitwirkung beim Empfang durchzusetzen, mißglückte. Bei dem Kremser Ausflug war es zunächst auf eine Invasion in daS Gebiet des freierwählten Ostmarksherzoges abgesehen. Die Operation gelang auch, und es gab daher nicht einmal Todte, die frommen Christenseelen begnügten sich mit Verwundeten. Bei einiger ruhigen Vernunft wären diese Opfer nicht einmal nothwendig gewesen, denn die Christlich-Socialen fanden seitens der Kremser Nationalen wahrlich Entgegenkommen genug. Tie „Lesterreichische Landzeitung" hieß namens der Deutsch Nationalen die Wiener in einer Stylübung willkommen, „um der gemeinsamen Bestrebungen willen", die als Brücke die Deutsch-Nationalen mit den Clericalen verbinden. Mit erhebender Einmüthigkeit standen auch die beiden sonst feindlichen Brüder zusainmen, als es galt, einen Wiener Journalisten und vermeintlichen Juden aus dem Versammlungslocale hinauszuwerfen. Ein Priester übernabm die Rolle des fanatischen Anführers bei diesem Exceffe. P. Stefan Skoupil, res. lat. Chorherr des Stiftes Klosterneuburg und Cooperator zu Floridsdorf, stellte sich an die Tete der Excedenten und stürmte, einen derben Krückstock in der erhobenen Rechten schwingend, mit dem Rufe: „Schlagt's ihn nieder, den'Juden" auf den Wiener Journalisten ein und verfolgte ihn eine Strecke von etwa fünfzig Metern. So begeistert war der würdige Priester von seiner hehren Rolle, daß er von einem ziemlich defect gekleideten Manne wiederholt znrückgehalten werden mußte, bis er von der weiteren Verfolgung abließ. Eine Viertelstunde später leugnete er seine, That, als ihm der Journalist in der Nähe des Polizeicommiffariats entgegentrat und sein Nationale forderte. Und als den Herrn Cooperator der Wachmann Starz er aufforderte, ihm zur Abgabe des Nationales auf die Wachstube zu folgen, fragte er ganz consternirt: „Warum?" und seine Begleiter riefen: „Er hat sich nicht von unserem Tische weggerührt". Freilich, in, der Wachstube änderte sich die Situation, da ließ sich-der Priester zu folgendem Geständniß in Form einer Drohung hinreißen: „Es sind Sachen vorgefallen, welche meine Erregung begreiflich machen. Ich mußte mit erhobenem Stocke gegen Sie Vorgehen. Hüten Sie sich, von dem Vorfälle Gebrauch zu machen. Es wird iich bitter rächen." Diese Worte begleitete der GotteSdiener mit einer drohenden Geberde der Hand. Nach diesem nach so mancher Hinsicht recht intereffanten Vorspiel, das übrigens ein gerichtliches Nachspiel haben dürfte, begann die Versammlung. Tie Tendenz derselben ist bereits charakterisirt, eS handelte sich um den Fang von Deutsch-Nationalen. Daß dies nicht gelang, ist die Schuld des vorbereitenden ComiteS, welches außer der Geistlichkeit der Umgebung,, einem Dutzend Kremser Nationalen, ebensoviel Social-Temokraten und Kremser Neugierigen keilt Publicum zusammentrommeln konnte. Tie Nationalen standen unter Führung des Schönerianers Arnoscht und des Flugschriftenverlegers Stein, welche ans Wien gekommen waren. Beide wurden blutig geschlagen, Stein offenbar als Dank dafür, daß er eS war, der den Wiener Journalisten dennncirt hatte. Das reiche Menu, das die Wiener de». Kremsern versprochen hatten, konnte nicht eingehalten werden, da die gefeiertsten Führer: Prinz Liechtenstein, Lueger, Geßmann und der weinschänkende Abgeordnete M u t h nicht erschienen waren. Als erster Redner ergriff »ach der Eröffnung der Versammlung Tr. Pattai das Wort, um über den Liberalismus zu sprechen Dieser habe vom ersten Anbeginn ab nur dem Judenthum genützt — die Schule diene nur dem Judenthum, das christliche Volk sei dem Judenthum ausgeliefert. Eine Hauptmacht des Liberalismus sei di: