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Freies Blatt · 1893-10-01 · 78 (1.10.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
78 (1.10.1893)
Date
1893-10-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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* / Freies Blatt Abonnement-Preis: «a»>jäh»ig mit Poftjulrodung . . fl. 1.50. Halbjährig fl. 1.25. vierteljährig p. —.65 tinjclnc Nummer» 4 kr. Organ zur Abwehr des Antisemitismus. Erscheint an jedem Sonntage. Redaktion nud Administration: * Wien I. Keilersiätte 10. Nummer 7S. — wien^l. Oktober 1893. II. Jahrgang. Mit der heutigen diummcr erhalten Misere Vcfcr die zwanzigste Fortscynng des Werkes: Die Iiidril »»i> der A»lisc»iilir»»is, Asvael' rrrrtev öen 'ZIatiorrer, vo» Analoke Leroy-Beaukicu vorn frcrrrzösrscHen Institut. Wcu kintretendc Abonnenten erhalte» ans Verlange» die bereit» - .erschienenen Fortsetzungen nachgeliesert.. Befähigungsnachweis uktd Oer lvandtes. ii. Es wurde schon darauf hingcwiescn, daß die Beschränkungen, die., in unseren Tagen abermals cingcführt oder wenigstens angcstrcbt werden, als der Ausfluß eines BerlangcnS »ach Bcvorniunvung zu betrachten sind, von welchen, die Bevölkerung neuerdings ergriffen wurde. Os ist daS Berdienst der modernen Sociologie, in diese noch vor Kurzem gcheimnißvollen Lorgänge klares Licht gebracht zu höben,' und da cS nicht möglich ist, dieselben richtig zu würdigen, ohne einen Blick auf ihre bisherige natürliche Entwicklung zu werfe», mögen einige Worte darüber gestattet fein. Je tiefer ein Bolk in feiner kulturellen Entwicklung steht, desto weniger wird der Einzelne geneigt fein, den eigenen Fähigkeiten zu vertrauen, seine Existenz lediglich auf die eigene Kraft zu baue», desto mehr wird er geneigt sein, seine Existcnzuiöglichkeit vorwiegend in dem innigsten Anschluß an diejenigen zu erblicken, die ihm durch Stamm, Sprache, Glaube, Gesinnung oder Beruf verwandt sind. Tiefem tief im Menschen wie im Thiere wurzelnden Heerdcntriebe verdanken auch die Zünfte ihre Entstehung und Ausbildung. Wir gestehen gerne zu, daß der einzelne Handwerker in den Tagen des FaustrechtcS gar nicht die Macht befaß, Eingriffen in feine Rechte genügenden Widerstand cntgegenzufctzen, und demnach die Organifirung des Standes in den Gilden eine wohlbcgründete war und sowohl dem Individuum als der Ausbildung der Handwerke zn Gute kam. Allein die Zünfte hatten längst ihre Existenzberechtigung verloren, als man immer noch fortfuhr, zu den alten Privilegien neue hinzuzufügen, um die freie Eoncurrenz fernzuhalten. Dies läßt sich nur darauf zurückführen, daß die große Mehrzahl der Handwerker nur sehr langsam auf die individuelle Kraft vertrauen und an die Möglichkeit glauben lernte, mit guten Arbeiten auf eigene Faust den freien Wettbewerb aufnehmcn zu können. Der ganze Zug der menschlichen Entwicklung geht nun dahin, daS Individuum aus diesen Banden der Unselbstständigkeit zu befreien, den Menschen zur Selbstbestimmung und damit zur Freiheit zu führen. Andererseits dürfen wir nicht übersehen, daß mancherlei Factoren geeignet sind, den im Menschen schlummernden Hcerdentricb zu kräftigen und dort, wo er im Erlöschen begriffen ist, wicd'er frisch anzufachen. Cs unterliegt keinem Zweifel, daß der Krieg hiezu besonders geeignet ist. Im Kampfe darf nicht Willkür herrschen; die Selbstständigkeit des Einzelnen muß auf ein Minimum hcrabgcdrückt werden, da der Sieg durch einheitliches, von einem einzigen Willen geleitetes Zusanimcnwirken leichter zn erringen ist als durch Zersplitterung der Kräfte. Sind aber die Kriege häufig und andauernd, so führt dies schließlich überall dazu, dahdie im Heer» gezüchtete Unselbstständigkeit späterauch im bürgerlichen Leben zum Ausdrucke gelangt. Wenn wir bedenken, daß einst das Heer nichts Anderes war als daS . mobilisirtc Bolk, und beispielsweise die germanischen Völker Jahrhundert« hindurch gegen daS römische Reich unter den Waffen standen, so werden wir eS begreiflich finden, daß schließlich die gesammtc militärische Organisation, die sich im Laufe der Zeit herauSgebildct hatte, auch im staatlichen Leben festgehaltcn wurde. Die Ideen und Empfindungen' der Mitglieder eines Gemeinwesens pasien sich eben brnt bestehende» Regime in der Regel so vollständig an, daß letzteres nicht nur als ein natürlicher, sondern überhaupt als der einzig mögliche Zustand betrachtet uird. Gelangt dann eine so kriegerische 'Ration, wie cS die alten Germanen.waren, zur staatlichen Eonsolidirung, so ist cS nur natürlich, daß die allgemein herrschende Subordination, die tief-eingewurzelte Neigung für reglenicntmäßigc Ordnung der Beschäftigung ihren Ausdruck in einer staatlichen Form findet, die denselben Bau aufweist, wie er dem Heere eigenthümlich ist. Der mittelalterliche Feudalismus läßt dies deutlich erkenne». Abgesehen von der strengen * Kastencintheilung, die lange Zeit nicht durchbrochen werden konnte, " finden wir zahlreiche Gesetze, welche die Nahrung und Kleidung ilbcr wachen, die Freizügigkeit hcinmc», mancherlei Spiele verbieten und a»d.crc empfehle», kurz — eine hccrcSmäßige Zucht, die auf das bürgerliche Leben übertragen war. Dieser Zustand deS zwangsweisen gesellschaftlichen Zusammen wirkcnS hat im Verlaufe vieler Jahrhunderte durchgreifende Veränderungen erfahren. Die industrielle Thätigkcit, für welche, wie bereits erwähnt, ursprünglich von ihren Vertretern und Schützern gleichfalls allerlei Normen und Satzungen geschaffen wurden, hat de» Sin» für diese und überhaupt für Beschränkiingen aller Art allmälig unter graben. DaS Princip des freie» AnstanschcS, nach welchem sich alle geschäftlichen Verhandlungen vollziehen, bat die Menschen zur Selbstbestimmung und Selbsthilfe oft gegen ihre ursprüngliche Neigung großgezogen. Auf diese Weise entschlummerte langsam mehr oder weniger der Sinn für Beschränkung und staatliche Bevormundung. Allciu bei der Wiederkehr von internationalen Kämpfe» können sich die Völker doch nicht enthalten, den kriegerischen Geist mit seinem Streben nach .Regimen tation" neuerlich auf öffentliche und private Verhältnisse zu übertragen. Die Entwicklung, die Oesterreich in den letzte» fünfzehn Jahren genommen hat, ist ebenfalls als ein solcher Rückfall anszu fasicn. Wer 'sich niemals mit dem Studium ähnlicher Erscheinungen befaßt hat, wird wohl kaum geneigt sein, diese Auffasiung ohne WsitcrcS zu acccptiren. Besonders ein Anhänger deS Befähigungsnachweises oder ein glaubenScifriger Antisemit, dürfte gegen diese Einschränkung der persönlichen UrtheilSfrcihcit durch ein gespenstcrhafteS Jinpondcrabile energische Verwahrung einlegcn. ES »löge gleich hier bemerkt werden, daß die Führer der heutigen wie jeder rcaclionärcn Bewegung mit wenigen Ausnahmen -nicht denjenigen bcigezählt werden dürfen, welche lediglich unter dem Einflüsse der angeführten socialen Gesetze handeln. Diese Herren wissen ganz genau, warum sic sich in den Dienst rückschrittlicher Strömungen begeben, und bedürfen durchaus nicht d.s Krieges «nd kriegerischer Stimmung, um schwer errungene Freiheiten auf allen zugänglichen Gebieten anzunagen. Die Jntcrcsicn deö Standes oder des Geldbeutels sind für sie immer ausreichende Beweggründe. Daß aber *

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