Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 77 (24.9.1893)
- Date
- 1893-09-24
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
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Seite tj. Freies Blatt. Nr. 77. tote Vertreter ber ihre Huldigung darbriiigenden Cfoiifefftoncn 26ortc gerichtet, welche durchaus die unzweideutige Absicht verratheu, de» arg bedrohte» Religionsfrieden dem Königreiche Ungarn zu bewahren. Zur Deputation des katholischen ElernS, deren fFührer Bischof Zalka ipar, sagte der Kaiser: „Mil Freude empfange Och diese Deputation des ungarischen katholischen ElernS, und nehnieu Cie Meinen' aufrichtigsten Dank für Ohr Erscheine» und für die Persicherung-Ihrer Treue entgegen. Och kenne die stets bezeugten .treuen Gefühle der katholischen Geistlichkeit und hoffe, daß dieselbe auch gegenwärtig eifrig zur Erreichung des Zieles »lilwirkeu » irb, daß bei 26 a h ruug der 26 ii r d e des C t a a t e S und der Kirche die öffentlichen 0 n t e ref f en u n d der so seh r e rw ü nschte Rel ig i o nS sr iede keinen Abbruch erleiden. Vertranen 26ir Gott, und der Himmel wird Unsere auf daS Gemeinwohl gerichteten Bestrebungen segne»." Gleich huldvoll sprach sich der Monarch der Deputation der evangelisch resormirten Eonfession gegenüber ans. Auch eine Deputation der israelitischen E u l t u S g ein e i u d e wurde von Cr. 'Majestät huldvoll empfangen. 2tnf die Ansprackzc des Cberrabbiners von C t e i» a m a » g e r, Tr. Bela Bern st e i u, erwiderte der Kaiser: „Mit Befriedigung sehe Och auch die Vertreter der israelitischen Glanbensgenieinden jenseits der Donau, welche die Zeit Meines Hier . seiuS als (Gelegenheit dazu bc nützen, ihre Huldigung zu bezeige»/ rnd da Cie Obre treuen Gefühle betonen, vertraue Och ger tte de r 2l u fr ichtig kei t derselben, und w ie Och daran nicht zweifle, werden Cie nie Gelegenheit dazu bieten, daß Och Meine ('Mürbe u nd Meinen Schutz Meinen treuen israelitischen Unten hauen entziehe." Besonders die ' leutere 'Ansprache -des Monarctien fand in der gelammte» Presse die verschiedensten Eonunentare und verfehlte ob ihrer negativen 'und von der gewöhnlichen ivotm etwas abweichende» Fassung nicht, auch in den Gemülhern" der israelitischen Bevölkerung Errrgnng.und Bekümmerniß wachzurnfen. Man suchte eifrig nach dem etwaigen Grunde für den anS den 26orlen des Monarchen herauSgefühlten leiten Tadel, und während ihn die Einen darin suchten, weil die Juden jenseits der Tonan größtentlieils der UnabhüngigkeitSpartei freundlich gesinnt seien, soll »ach einer anderen Auffassung das Ausbleiben der Araber Oudendepinalivn der Anlaß gewesen sein, die sich verletzt fühlte, weil sie ' lischt in der Reihe der Eonseisionen empfangen werden sollte: nach einer drittel, Version soll der Ctreil zwischen den orthodoren »nd »eologen Ouden wegen der Zulassung zur 2lndienz beim Kaiser an maßgebender Ttelle übel vermerkt worden sein. Die (Regner der tuchen politischen Vorlagen suchten sogar aus der kaiserlichen 2lnsprache zü schließen, daß nnnniehr mindestens die Vorlage betreffs der R e c e p t i o n der 0 ü d e n unterbleiben werde. 26ie die orfieiöfe „Ungarische Eorresponden;" meldet, haben sich T ienstag zahlreiche Mitglieder der Onlelligen; der Budapester israelitischen 2^ärger zum Reichstagsabgeordneten Moriz Me'zey begeben, au denselben daS Ersuche» gestellt, an eompekenter Ctelle Jnfornialionen darüber einzuhole», ob ein Grund dafür vorliege, daß die bei dieser Gelegenheit ertbeilte Antwort Cr Majestät von den anS gleichen Anläneu vom König in der Regel ertheilten Antworten abweiche,' da ja, wie die Mitglieder der Deputation chervorhoben, im confefsionellen Leben der Oudenschait keinerlei Tendenz zu Tage trat, welche Anlaß zu Zweifeln biete» könnte. Abgeordneter Mezey erwiderte, daß auch er seinerseits int confeisionellen l'eben kein Moment sinde, auf welches diese Antwort bezogen'werden könnte. Auf das wiederholte Ersuchen der Depukalions- »lirglieder erklärte sich Mezey bereit, zur Zerstreunng der Besorgnisse an eoinpelenler Ctelle sich zu erkundigen. DaS Crgan der Regiernng .,'R'emzet" meldet, daß die Antwort des Monarchen nur eine Paraphrase der 'Ansprache deö Rabbiners .Tr. Bernstein war, welcher die 'Bille vorlrng, der Monarch möge den Ouden auch ferner seinen Schutz nicht entziehen. 2lls Antwort hierauf sagte nun Ce. Majestät, er hofsej daß die Ouden ihm keine Gelegenheit geben werden, ihnen seinen Schutz Zu entziehen — es also s oavoh l deyl Monarchen als der Regierung ferne gelegen ist, irgend etwas für die Ouden -schaft ll ü a » ge ne hm es zu sagen. Dabei dürfte es denn wohl auch sein Bewenden haben, und die Erregung der jüdischen CtaatS bürger Ungarns dürfte ebenso nnbegründel gewesen sein, wie der verfrühte Jubel der Elericalen und Antisemiten. «Tas (knde dre LlldenflintcnprocciicS.) Der bekannte VerleuindnngSproceß der Firma Loewe gegen Ahlwardt hat endlich seinen Abschluß gefunden. 26ie erinnerlich, wurde: der Rector aller Deutschen in diesem Processe Anfangs Tecember vorigen OahreS zu fünf Monaten Gefängniß verurtheilt. Das Unheil konnte jedoch nicht in Rechtskraft treten, weil der Verunheilte dagegen beim Reichsgerichte Revision eingelegt hatte, das Reichsgericht das Ctrafverfahren gegen Ahlivardt jedoch unterbrechen mußte, da ihn die Wähler von Ärnswalde-Friedeberg'als den Mann'ihreS Vertrauens in den Reichstag gesandt »nd so mitder JminunitSt ansgestattet hatten. Mit der Vertagung des Reichstages, mit welcher bekanntlich in Deutschland auch die Ommnnitül erlischt, wurde jedoch das Ctrafverfahren, das in Folge deö CitzungS- .beschlusieö vom 14. December 18l>2 geruht hatte, wieder anfgenommen und »unmehr dem Ende dadurch zugeführt, daß daS ReichSgerichtd i e von Ahlward.t gegen das e r str i ch t er l i ch e U r th e i l e i n» gelegte Revision verwarf, Ahlwardt war bei der Verhandlung deS Reichsgerichtes selbst gegenwärtig und suchte' in längerer 2tebe;n beweisen, daß er nicht habe beleidige», sondern nur dem Vaterlande dienen wollen. Der Erkürte zweier deutscher Wahlkreise muß also seine Ctrashast abbüße» und wird seine »»freiwillige fünfmE»arliche Muße hoifentlich dazu verwenden, »in seine jüngst ans dein norddeutschen Alitiseinitentage znm Bestengegebenen OndenverfolgnngSpläne sich gründlich;n überlegen. <CchwtINlhlIgc» — htilllsttkchrt.) Der berüchtigte «Geschäfts autisemit Ludwig C ch w«ln n ha gen, der bekanntlich seiner gerichtlichen Verfolgung wegen Beleidigung des preußisäzen FinanzministerS Dr. Miguel durch die Flucht nach Rumänien entging, ist wieder in Berlin eingetrossen, nm sich de» Gerichtin zu stellen. Bei seiner An knnft richtete er an die Redaetio» deS „Kleinen Oonrnals" folgenden 2Kief: „Berlin \V., Bnloivstr.- 5ü>, den I-'i. September!!>!>:,. Ter geehrten Cchriflleituiig des „.kleinen Oonnial-!" erlaube ich wir mit zutheiten, daß ich nach Beendigung der Vorarbeiten für de» von mir verantaßte» 'Rechtsstreit ivider den Herrn Finanzminister Tr. 'Miguel am gestrigen Tage in Berti» wieder eingetrokfen bi», um heute ('Mittwoch» den Herrn Untersuchung-?, liebtet am kbniglichen Amtsgericht zn Berti» Dloabit periöntich »in die 'Wieder anfnahnie deS dn'rch meine Meile uach Liebenbnrgen n»d Rnmänien unter brochenen gerichtliehen Ber'ahrenS zu ersuchen. Och gebe mich dabei der Envartnng hin, daß die früher etwas verzögerte Vornntersuchnitg nunniehr bald ihren Abichlnst nudelt und somit eiitschieden wird, ob siel, daS eingeleitete Bersahre» ihatiächlich zn einer ordentlichen Anklage ivider mich verdichten dürfte.- Ta Ohre geschätzte Zeitung seinerzeit mehrfach über den vorliegenden Fall berichtet hat, io darf ich wohl danttn bitten, auch von bieier meiner Miltheilnug Ohren Lesern güttgst tteimtmjj zu geben. ES zeichnet' mit Hochachtung Ludwig Lchwenuhagen." Das „Kleine Oonrnal" bemerkt hiezu: „Wir erinnern daran, daß hinter dem Schriftsteller Cchwennhagen, alias Cchweinhagen, 'Anfangs 2lngpst der schon früher hinter ihm erlassene Cteckbrief erueuert worden ist. Mitte 'August ging die »nwidersprochenc 'Rachricht durch die Blätter, daß Cchwennhagen, wohlverborgen von seinen Parteigeuofsen, sein in Rumänien gesammeltcS .Material' hier bearbeite. ES erscheint demnach doch etwaS;weifell)oft, daß Cchwennhagen am 12. -ö. M. erst znrückgekehrt sei, und vielleicht darf man auch daran zweifeln, daß er gestern freiwillig dem UntersuchnngSrichter einen Besuch gemacht haben wird." Die Antisemiten selbst scheinen nicht besonders hoffnungS freudig dem nnn zu gewärtigendeu Processe entgegenznsehen, denn daS Crgan der Leipziger Antisemiten schreibt: „Om Interesie der antisemitischen Bewegung hätte es eher gelegen, wenn Cchwennhagen geblieben wäre, wo er hergefommen ist. Elemente wie er können die verfahrene Berliner Bewegung nur noch mehr herunterbringen." Die Herren haben mit ihren „Beweismaterialien" eben schon sehr traurige Erfahrungen gentacht. Cie müssen'S' wisien. (Plillic cillcs Philanthropen.) Baron Hirsch äußerte sich in einem Interwiew mit einem Mitarbeiter der in Rew 2)ork erscheinenden Zeitschrift „The Menorah" über die Pläne und 2lbsichten, bje ihn bei seinem HilfSwerke für die russischen Inden leiteten, folgender maßen: „Tie Hanptangrisse seitens unserer Feinde und Widersacher werden stets und in erster Reihe gegen die Vornehmen und Reichen in Osrael gerichtet, denen eS gelungen ist, ein enormes Vermögen zu er werben, einen berühmten Rainen oder eine achtunggebietende Stellung sich in der Welt zn erringen — in dieser erleuchteten, aufgeklärten Welt, die kein Auge, . kein Her; und kein Mitgefühl habe für den endlosen Oauliner unserer verfolgten und tiefgebeugten Glaubensgenossen in Rußland und den übrigen nneivilisirten Ländern. 'Auf die Judenfrage im Allgemeinen will ich nicht weiter eingehen; mein höchster und heiligster Wunsch ist eö, der Welt zu beweisen,' daß nur die barbarischen Verfolgungeil und 'Auspressungen die Ouden zu dem gemacht haben, waö sie dort sind. Och will daher, soweit eö mir möglich,,, ihr trauriges Los bester zu gestalten suchen, indem'ich zahlreichen Ouden ein neues und unermeßliches Arbeitsfeld eröffne, wo sie als Bauern und Landwinhe ihre Kräfte zum Segen der Menschheit entfalte» können und ein menschenwürdiges Dasein führen sollen. Och muß jedoch offen gestehen, daß es mir sehr schwer wird, eine geeignete Auswahl zn treffen. Moutcsiore war oft glücklicher in seinen Unter-