Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 77 (24.9.1893)
- Date
- 1893-09-24
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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reite V Freies Blatt. tiv.no nnra.ii lft tie Angelegenheit bei teil beide» andere» Beschuldigten. Lie l abe» r'IUer eingestanden,' was das (besetz erfordert. Pfarrer Treten hat selbst aeia.zi, daß er de» Brief dem „Vaterland" gegeben habe. Es »»terliegt keinem Zivei'.'I, dag Tr. Teckerl alS Perbreiler dieser Nachricht sich auch dieses Bergelieus f.imltig gemacht bat, ebenso Herr Toll, welcher den Artikel zum Trucke b.*dide>l hat. Ein Beweis für die Wahrheit der ungeheuerlichen Be'chuldigiing wurde nicht angetreten, auch nicht einmal zn fuhren versucht. Tr. Teckert darf uns auch nicht sage», dasi er bei Beroiienilichung der Truck'chrift i» gutem Glauben gehandelt habe. Er muß sich vor der Beiössenkliäinng von der Wahrheit überzeugt habe». Ter gute Glaube kann hier leine Entschuldigung sein. Zeder Mensch kann Sie- Erzählung über eine '(blechte Handlung des Andery glaube», aber wenn er diese Erzählung w>neiverbreilet, dann muß.er sie genau prüfen. Der Berbreiker muß daher ar.ch so gestresst werden wie der dirrcle Urheber. Uebrigens wie steht eS mit dem gnien Glaube»? Zch kann dem Pfarrer Teckert nicht in Herz und Niere» bis an* de» Grund sehe», um zu wissen, ob er "den guten Glauben gehabt hat. Aber welches Recht hat er gebabl, bier >o voizugehen? Paulus Meyer, sagt er, *ei ibin als guter Talniudtehrer empfohlen worden. Was hak der gute Talmudleb'.er mit dem Zeugen des Rinialmordes zu thun? Rohling hat in seiner Einv'ebluug geschrieben, daß Meyer ihm al» ein ehrenwerther Charakter geiilnlden wild stfphling hat daS Leine gelhan, er bat einfach erklärt, daß er innies über Meyer gehört habe. Genügt das, um diesem Manne so schauderl asie Eluabsikmeidereien zu glauben? Nein! Was Professor Bickill betrifft, so 1 ich, ich »teile i» Abrede, daß auch dieser ihm günstige Berichte über Meyer l-i-u. P'arrer Teckert muß mir das gestatten, denn wenn mau etwas erst n>. .,»!>» Augenblicke vor bringt, so ist da? eben eine Behauptung, die noch i. bis beweist. Nach dem, waS Professor Bickell über die Lache geschrieben hat, g.inbe ich das nicht. Tr. Teckert selbst iagr, daß er bö*e Erfahrungen m t gennu. n 0111.11 Himer sich l abe. Er erinnelt si.h wohl auch der AssaireR ohling B r i in a n ii s, welche vor zwei Zabyen spielte und wobei Rohling durch die ,',n' ■.niatianen deS Brimanns bald in eine rechte Pat'che gekominen wäre, wenn ni.1i inzwischen Rohling seine Klage rechtzeitig zurückgezogen hätte Brimauus, auch sin gelauster Zute, wurde später von diesem Landesgerichte wegen U! I unden'ä!'chun g verurtbeitt. Tadurch hätte er doch gewarnt sein vinn. ge in amt nicht vor den gelaut.en Juden überhaupt, aber vor solchen i.ran’t.n Zuden, ivelche gegen ihre LtaMmreligion binleiher auflrelen und Pn s.iil e.en Glaubensgenossen Verbrechen undichten, um derentwillen dieselben v■■..ri'iie» wiird.n. vom Erdboden vernichtet zu werden. Lchon das hätte den T Teckert vorsichtiger machen selten. Es war zum mindesten ein sträflicher l'e i .1; t > i ii», den das Geset» n.cht als guten Glauben airsehen kann. Was den Ang-liagien Ata»', Toll betrifft, v ist auch er schuldig. Ta? wäre eine schöne P. .'.eiben. ir.it der mau Unschuldigen uiigesteast derartige» nachsagen kann — ui würde ein Zug zum Bandiientbrrin groß gezogen. Lo weit kann .n d feit f die Preß'reibeit nicht geben, kenn taim wäre man wahrhrlich aus- »nenn, Zb glaube hiemit, dass Alles getagt ist, was zu sagen war. Ich bitte um ihren Lchntk'perich Z.äbha-ter Beifall im Znichauerraiim. Ter Präsident ma' nt zur Ruhe Tr. Gri.z *i.i Vanliis Meyer sagt: Ter Bertreter der Anklage hat volle» Ne.1 i gebabz. i’-.i d.r großen Einfachheit dieses Falles zu sprechen. Ter Thalli.'land in in idsahil eil ein hollü einfacher Es hat mir eigenthümlich geklungen, ..' einer der Angeklagten sagte: „Za, ich wollte gar nicht beleidigen." ES ist ii t u ..derer Grad van Geinütlllichkeit, Zeiiiauden des Morde» zu beschuldigen i d u dinn zu lagen': Zch wollte gar nicht beleidigen.' Nicht so ciufach ist die ZWer ist d er Urheber der Ehrenbeleidigung? Ta» ist eine der 'in.-vi'Hen Zragen, die jemals da waren. Wir haben abweichende Aussagen ü-r Be chz.idigken. Welcher Per ankwortu ng ist mehr Glauben beizum et'.n? Hier bängt Alles von der Charakteristik beider Angeklagten ab, Hilden' ree, lein Beiveismaierial vorhanden ist. Keilt Zweifel, daß Pfarrer Te.le.t ein, aiiielie Ltellung einnimml und Mitglied eines hochachtbaren Liandes ist Cr gehört einem Lkande an, dessen Mitglieder sich auszeichne» tiir.i' ein guiiges Heiz, durch Milde gegen die Nebenmenscheu, durch ■ r ii e fl riete, uIInabbare Wahrheitsliebe. Ter Beruf des Priesters me.li! 'einen Liand zu einem hervorragenden. Eine andere Frage ist, ob dem He.in P'arrer Teckert die'ir 'Nimbus zngiite kommt. Zch glaube, daß er -nicht berechtigt ist, aus Ciftcm Ansehen seiner Stande» hier 'NuYen zu ziehen. Wir haben gesehen, daß er nicht zurückschreckt, wenn e« kür ihn roriheilliasl ist, von der Wahrheit abzuweichen. Er hat dem „Neuen Wi.ner Tagbtatt" und der Bloch'schen Wochenschrift eine Berichtigung de» Znlalis zuge'chicki: „Es ist nicht wahr, daß Panlu» Meyer bei mir gewohnt bat." Er bat damit eine Unwahrheit veröffentlicht, denn wenn er nunmehr erk ält, er habe nur die 'Nachte bei ihm zntzebracht, io ist die» gewiß da» Gleiche als wenn er bei ihm gewohnt hülle. Als der Polizeibeamte, welcher Paulus M.yer verhaften wollte, Herrn Pfarrer Teckert nach dessen Adresse fragte, .lautete dis Antwort: „Z,k> weiß nicht, wo er wohnt " ' Er rechtfertigte heule diese nnwabie Angabe damit, daß er sich Polizeispitzeln gegenüber refervirt verhalte. Wenn H.rr Tr. Teckert ein.' Unwahiheik sagt, n~eil Andere eingesperrt we.de» oll.», was ist von ihm zu erwarten, wenn ihm selbst Gefahr droht? Zch glaube Nv. 77. nicht, daß Herr Pfarrer Teckert berechtigt ist, mit Rücksicht hierauf um seiner priesterlichen Stellung willen große Glaubwürdigkeit zu beanspruche». Zu' den hervorragenden christliche» Tugenden gehört die Nächstenliebe. Ist der Mau», welcher e» sich zur Aufgabe gemacht hat, darzulegen, daß die Zuden früher Christenblut vergossen haben und e» auch jetzt »och thun, berechtigt, ans größere Glaubivürdigkeit Anspruch zn machen als mein Client? Ter Berlheidiger bemerkt, daß das Motiv für, Dr."Deckert, einen Beweis zn schassen, daß die Juden Christenblnt vergießen, genügend stark war*, eine genügende Selbstsnggestion bildete, um die Selbst Herstellung solcher Briefe zu bewirken. Ter Redner führt hierauf mehrere Stellen au» dem Briese an, welche dem Angellagten Meyer nicht zuzumnthen seien.' Unter Anderem verweist er ans die Stelle de» Briefe», in welcher von dem „Tambour-Major der Zudenschutztruppe" die Rede ist. Ta» klinge ja ganz heimisch (lebhafte Heiterkeit), e» sei ein echte» Wiener Fabricat. In keinem Falle wäre eS begründet, an» dem Wunsche de» Briesschreiber» »ach ■ einer weilen Verbreitung der mitgetheilten Thatsachen zu schließe», daß damit die Beröffentlichung durch den Druck gemeint war. Ein Pfarrer habe eine große Plattform für die Berbreitnng, auch ohne daß eine Drucklegung erfolge Dr. v. Gciez keunzeichiiet die Art de» Dr. Teckert, Schlüffe auf die Wahrheit zu ziehen, indem er au» der Broschüre Tr. Decken'» eine Stelle citirt, wo dieser au» einer Auffordeiung an die orthodoxe Judenschaft, zum Pessachfeste allen rituellen Borschriften nachzukommen, auf da» wirkliche Borhandensein des Blutriluale» schließt. Dr. Griez sagte, daß e» an Wahnsinn grenze, solche Schlüsse zu ziehen. (Heiterkeit.) Paulus Meyer sei ein unglücklicher, nerven kranker Mensch, der nicht nur physischen Leide», sondern auch psychischer Tortur , nnterworfen war. Seine straft reichte nicht aus, um der Suggestion, die 'auf ihn geübt wurde. Widerstand zu leiste». Seine Berantwortung, daß die bösen Herzen entspringenden, verabschenenSwürdigen, gesellschassSgefährliche» Behaup tunge» de» incriminirten Briefes nicht i» ihm entstanden seien, verdiente deS halb den Glauben der Zury. (Bravo! Bravo! im Publtcum. Ter Präsidenl weist strenge zur Ruhe i _ . Hierauf erhält Teckerl'S Berlheidiger, Dr. Porzer, da» Wort. Redner sucht die Teckert belastende Beranttvortung Meyer s ' al» unwahrscheinlich dar zustelleu. Er bestreitet auch, daß die objcctiven Momente der Ehrei.beleidignug gegeben seien: öamik Zemand in den Augen eines Ande.rn herabgesetzt werde, muß er sich mit diesem Anbern in irgend einem Conlacte besinden. Jene Herren, .welche heute als Gegner aufgetreten sind, dürsten wohl kaum in den Augen der Leser de» „B atefla » d", welche» in Rußland nur Einen Abonnenten besitzt, herabgewürdigt wo de» sein, denn e» kennt sie kein Menich in Testerreich. Tr. Pattai, der Verlheidiger des RedaeteurS Toll, hatte merkwürdiger weise einen ähnlichen Gedankengang: Bei der Chreubeleidigung müsse eS sich darum handeln, Jemande» in der Achtung der Personen, mit denen er verkehrt, herabzusetzen Treffe dies nun in diesem Falle zu? Wenn eine Zeitung hier ineld.u würde, der Bauer Zvanow in Rußland habe de» Bayer Jvaniew um gebracht, und e« würde sich ergeben, daß umgekehrt Jvaniew den Zvanow er schlagen habe, so wäre es doch klar, daß man de» Zvanow nicht beleidige»' wollte, da Jvanow wie Zvaniew uns gleichgiltig sind. Es ist da» begreiflich, da eine hiesige Zeitung dort gar nicht hinkommt und wir von der Existenz dieser Menschen keine Ahnung habe». Diese Bauern würden auch gar nicht geklagt haben. Aber auch in dem heutigen Falle wäre die Klage, nicht weizen der per sonlicheii^ Beleidigung erfolgt; sie wurde geführt wegen des beleidigten Zudenthum». Tr. Ko pp replicirt Folgende»: Bon Seite der Bertheidigung de» Pfarrer» Teckert fei versichert worden, daß die Bestrebungen desselben nur um wisset.' schasslich historischer Ziele willen geführt worden. Ties erinnere ihn an jene Theaterstücke, in welchen eine Person fortwährend als gescheit und geistreich gerühmt werde; wenn kann aber diese Person aus der Bühne erscheine, spreche sie nur platte Worte. Eine» alten Schmöcker schreibt man leicht ab. das ist keine historische Wissenschaft. Wir sehe» das anS den Berichten über die Hexenproeesse; Taui'ende von Angeklagten haben da alle möglichen Tinge ausgesagl unter dem Eindrücke der Torlnr. Und auch da bestanden alle möglichen Bor schriften, daß durch die Tortur nur ja Niemandem Unrecht geschehe. Hexenproeesse wird e» nun allerdings keine mehr geben — freilich, geiviß weiß man e» nicht. (Heiterkeit.) Und wenn e» sich nun wirklich um ein historisches Werk handelte, da könnte man ein Auge zudrückeu. Aber ist ein Brief ein historische» Werk? Envas Rene» wurde von der Bertheidigung geltend gemacht; man könne die Leute nicht beleidige», jbie man nicht kennt. Diese Theorie würde de» Herren doch bange machen, wenn sie befolgt tvürde, bei uns, die Ivir in einer großen Stadt wie in einem Meere leben und in einem großen Hause den Nachbar nicht kennen. Es sei auch keineswegs richtig, daß die beleidigende End absicht zu der. Ehrenbeleidigung nöthig sei; -es sei nur der Charakter der Handlung selbst entscheidend. Sonst küiinte Jemand, welcher ans dem Arrest aus reißen will und zu diesem Zwecke sein Gesängniß in Brand steckt, nicht der Brandlegung angeklagt werden, weil e» ihm eigentlich um den Brand nicht zu thun war. *