Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 77 (24.9.1893)
- Date
- 1893-09-24
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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£ettf ü Nr. 77. Frei», Blatt. von 'Gelahrtheit, »nd auf dic purblaukc Autorität dicscS Mensche» hin schleudert Pfarrer Deckcrt dic furchtbarste Anklage gegen eine ganze j Mcuschcuclassc in dic Welt -hinaus. Au solchen Juden finden also dic ' Antisemiten Wohlgefallen, denn sic lasten sich als Werkzeuge zu Allem \ benutzen. TaS sind die clafsifchen Mengen für den Niltiali»or8. i 'Die dritte Person deö ProcesteS, der Journalist, welcher dem sauberen Machwerk Publicität verleiht, intcrcssirt nnS wc»i>g. Er spielte vor den ÄerichtSschrankcn jene klägliche Nolle, dic wir an anlifcinitischeu Lchriftlcitcrn im GcrichtSsaale schon gewöhnt sind; wie sich Pfarrer Deckcrt ans die Freiheit de»-Wissenschaft beruft, so Toll auf' dic Zcitiiiigöiilache, dic eine genaue Eontrolc der rinlaufcndcn Berichte auf ihre Glaubwürdigkeit nicht znlaffc. 'Wir werden daS „Vaterland" und Tr. Pattai an diese liberale Anffastnng 'erinnern, wenn die anli semitische Mente dic ganze liberale Presse wieder einmal als verlogen und sensationslüstern anfallen wird, weil siel, i» irgend einem Blatte ein kleiner Jrrthnm ohne Belang und Folgen cingcschlichcn hat. Doll'S Berzwciflung ging so weit, daß er selbst dic Bcrbrcitnng seines Blattes als eine sehr beschränkte hinstclltc, nur um sich zu entlaste». Ter (Geistliche, welcher den ganzen FetdzugSplan erdacht, benahm sich hochfahrend, der Abenteurer, der sich als Werkzeug für dic Behauptung dcS RitnalinordeS inißbranchc» ließ, dummdreist, der Journalist, welcher den Berlcnmdnngcn dic Publicität verlieh, einfältig. Der Proceß hat in einen Schlupfwinkel dcS AiitisemiliSnsiiS hincingelcuchtet, der dem Publicnm zumeist verborgen bleibt; während sonst arme Teufel, dic anfgchctzt und aufgcstachelt sich blindwüthig ans die Inden stürzten, ans der Anklagebank saßen, sahen wir neulich dic Heute dort, von welche» wirklich die ganze Schuld, dic gewissenlose Erfindung und Bcrbrcitnng jener blutigen Anklage» gegen daS Jndenthum ans geht. Wir haben endlich cuimal solch ein Kleeblatt gesehen, »nd wir können sagen: daS Gefühl der Verachtung für dasselbe war i» nnS so mächtig, daß u»S der Schuldspruch der BolkSrichlcr wie eine innere Erleichterung berührte »nd wie eine Gci»iglhu»ng für alle Jene, die sich durch ein Bcrtrancn solchen Acuten gegenüber mitschuldig gemacht haben an einer Sünde gegen die eigene Menschenwürde. Im Nachfolgenden tragen wir einen Bericht über die interessantesten Momente der Verhandlung »ach: Aach der Verlesung der Anklageschrift wird daS Verhör des Paulus Meyer eröstnet. Ter Angeklagte bekundet eine große Redseligkeit, weshalb sich das Perkör sehr langwierig »nd nnerg» cklich gestaltete. Meyer verantwortete sich dahin, daß ihm Pfarrer Teckeet de» Brief unterschoben habe. Er sei erst durch da» „Vateiland" zur Acnntniß de» Briese» gelangt. Er habe von keinem Ritnalmorde iienntniß und sei auch niemals Augenzeuge eines solchen gewesen, lieber seine Verbindung;» Tr. Teckert erzählt der Angeklagte: Mit Dr. Teckert ,v»rde ich durch Beriniitlmig de» ProfestorS Rohlingen Prag bekannt. Ich n>ar vor mehrere»"Jahren in tzcipzig »nd war dann in Berlin als Judenmiisionär lhätig ktnd trat schon z» damaliger Zeit mit Professor Rohling i» schriftliche Verbindung! Ich Halle mich aber chiit der Mission nicht vertragen und ich trat ans. Ich wollte nun über die Wirlhschast bei der Mission in der „Staatsbürger Zeitung" Ve>ösfe»t lichunge» machen, da wurde ich mit Earl Paasch bekannt, »nd dieser wieS mich dann an Piofeffor Rohling in Prag. Ter Vorsitzende dcS deutschen Anti scmitenclubs ließ mich zu sich berufen und forderte mich sehr freundlich aus, ihin nach bestem Wissen »nd Gewisse» z» sagen, ob e» ei» indische« Blnarituale gibt oder nicht. Zuerst gab ich ihm keine Anttvor«, dann aber nahm ach mir vor, gegen Professor Strack anszntreten, weil dieser »icht-daS Hebräische be herrscht. — Präs.: Aber fassen Sie sich doch kurz. — A n g c k l.: Professor Slrack hat de» Talmud nicht verstanden. — Präs.: Aber kommen Sie doch zur .Sache. Habe» Sie vor der Perössentlichnng des Artikels nicht« davon ge tvußt? — Auge kl : Ich habe c» erst an« dem „Vaterland" erfahren; ich war sehr erstaunt, meinen Namen im „Vaterland" zu lese», ich war ganz »iedergeschmettert, ganz unglücklich. — Präs.: Wie ist dann Tr. Teckert zn diesem Brief gekommen'? — A ngekl.: Anfmeekjam wurde ich dadurch, daß im „Vatelland" ei» Brief de« Tr. Teckert stand, ivorin er die Emhüllungcn eine« jüdischen Eonveitiicn über de» ^liitnalmold in Aussicht stellte. Ich war sehr unglücklich, alS Professor Bi stell mich fragte, ob mit diesem Convertitc» ich gemeint sei. Dr. Teckert mochte mich unglücklich. TaS sagte ich diesem, und da lachte er und rieih mir, nach der Schwei;;n gehen. Ich sagte: „Ich Hab' ja kein Geld." Ta sagte er: „Hab' ich Sie nicht';» Mittag eingcladeü'? Ta« Geld spielt keine Rolle." (Heitelkeit.t Eine» Tages stand der Brief im „Vaterland", Tr. Teckert gab mir die Zeitung nicht;» lesen, und erst Professor Bickell la« mir den Biicf vor. Ich war ganz niedergeschinettert, daß ich ein Augenzeuge gewesen sein sollte, wie man einen Ch ristenkuoben abgeschlaihlet hat; ich >var ganz nn glücklich. Tann ging ich mit Tr. Teckert;»»> verantwortliche» Rcdactenr Jnthal vom'„Vaterland". Ich war ganz aufgeregt, der Ritnalmord summte mir immer sw im stopf. Dan» hat mir Professor Bickell 1000 fl. geboten, wenn ich ihm eine» Brief schreibe, daß ich de» Be es an« „Vaterland" zurrcknehme Ich habe da« nicht gethan^Warnm hätte ich da.» Geld nehmen sotten'? J.y habe je den Brief gar nicht geschrieben gehabt. — Prä,.: Hat Ihnen Professor Bickell las Geld angebote», damit Sic dafür deie Brief;u»ückn»hinen'? Me„er: Rein er nahm an, daß ich die» nur in meiner Roth getban habe; cv_n-olltc' nur darum dic lTOO fl. g ben, damit mir in meiner Roch geholfen weide und ich nicht mehr in den He „den Teck-rt'» sei. — Präs: Ta l alten L:c ja etnsach sage» tönnc», daß Sie den Brief gar nicht grschiieben habe». Haben Sic da» gesagt? — M eyer: Nein. — Pfarrer Tcckcrt spielte sich aus den Historiker, hinaus »nd berief sich ans da» Vertrauen, da» er deni Meyer.enigegengebrachl habe. Gegen Ende deck Verhöre» wurde Teckert yon Tr. Grie; daran erinneu, das; er dem „Neuen itziener Tagblatt' eine Berichtigung ec» Inhalie» zusendcte, daß Meyer nicht bei ihn, gc>vvh»t habe. Teckert enlgegnete, daß Meyer bei ihm pickit gewohnt, jondcrn nur übernachtet habe. Wonnen >md schlafen sei nicht alleSciii» Tann betonte Dr. Gries, daß^^ckert den Polizeibeamteu, die Meyer bei ihm siichtca. erklärte, die Wohnung desselben nicht;n kennen, ob zwar auch die» nicht ans Wahrheit beruhte. Teckert bemerkte, daß er.Polizeispitzeln gegenüber inuner. vorsichtig sei.. Ta« Verhör de« dritten Angeklagte». de» verantwortlichen lehr kurz. Ter Angel Ikedacleur» Franz Toll vom „Vaterland", gestaltet sich aglc gibt zu, den incriminirten Brief gelestn nnd zinst Tr. Josef .nopp als Meine Herren < noch lein Fall von heutige. Zugleich ab ihn inillar zu mache! Mo>d begangen sechs Truste befördert zu laben. Ec habe an der Wahrheit desselben umsoweniger gezweifclt, al» der Br es Meyer'«, ivelcher ihm im Trjgivale vorlag. so erschütternd geschrieben luge. Nachdem noch einige belanglose Zengcnazi-sagen zur .stennlniß gcnoinmc» ivorde» waren, wnrde da» BeweiSversahre» geschlossen, und e» ergriff Vertreter der Anklage daS Wort. Terfelbe-stigte: iefchwornen! In me'iner vierzigjährige» PrariS in itiir solcher Elnfachheit nnd .Klarheit iznlergckoinnien wie der -r auch kein Fall, bei welchem so Vieles geschehen ist, un» , I und;n verivirren. Tie erste Frage, die wir iltlS vor ' zulegcn habe», ist d e, ob durch dic incriininirte» Verdüchtiglingcn Jeinand .in seiner Ehre verlebt wurde. Ich glaube, da« erst ansznspreche» ist nicht mehr nöthig, wenn.Jeniandcin ei» Mord sälschlich zngcchricben wird. Aber der Fall liegt noch crasfer. ES wird hier Jemand be-chuldigt, nicht eine» gewöhnlichen baden, nein, man erhebt die Anklage, daß Männer ein bis siebenjährize» .'lind kalten LAltte« wie ei» Thier hingcfchlachtet haben. Man müßte deipfin uuznrechnniigSfähig Hallen, der einer so scheußlichen An klage gegenüber sich nicht beleidigt fühle» würde. Ein Mord in dieser Weise ist eine solche Niedertracht, daß 'nur der verworscnste Mewch denselben begehen könnte. Tie zweite Frage lautet: Wer kalt» sich durch diese Verdächtigungen belrosse» suhle»? Auch darüber gibt c» 'keinen Zweifel, den» dic Personen sind in dem Briese mit größter Tentlichkeit bezeichnet. Tic dritte Frage lautet, ob die Angeklagten säuckdig sind, da» gethan zu habe», wa» ihnen zur vast fällt. Ta» ist auch sehr klar »nd deutlich. Bezüglich de» Paulus'Meyer haberr-wir nur gehört, daß er leugnet; den Artikel versaßt und zur Triickkegnng testiniml zn habe». Ich denke, er selbst hat am meisten dazu beigetragcn, nm Ihnen die. Ucberzeugung seiner Schuld bciznbringe». Ja. frage ich, wenn da» schreiben nicht von ihm hcrrnhrle, warm» ließ er denn dann so ruhig den Mißbrauch seines Namens im „Vaterland" zu? Man braucht im ZeitungSwesen gar nicht veisirt zu sei», um zn wissen, waS inan in einem solchen Falle;u l-inn hat. Wenn mir daS nnlerkommen tvürde, ltnd tvärc eS selbst einÄrtik.l, gegen den ich nicht« rinzuwende» hätte, ich Hütte sofort der Redaction der Blatte» ange;eigl daß sie mystificist worden ist. Wenn aber ein Ailikel. mit »»inem stkanie» fälschlich gezeichnet wäre, in welchem so schivcrwiegende Bcichntdigungen gegen einige Fremde erhoben werde», so würde ich mich sofort rechtfertigen. TaS ist so einfach nnd natürlich, daß e» jed e Mensch. »nd wäre er auch noch io dn»n»,i thn» würde. Meyer wollte auch in der Voruntersuchung keine Angaben machen.^ Ja, warum denn? Wenn ich unschuldig bin an einem derartigen Vergehen, >o lasse ich doch nicht eine Beschuldigung so lange aus mir siben. Welcher Mensch ivird dem Untersuchnngklichier sagen: .„Ich gebe keine Antwort!" Ja, e» wäre etwa» Andere», tvcnn er niederschmetternde Beiveife iin Sacke gehabt hätte nnd sich die>'c für die Hanplverhandlung hülle aufhebe» wolle», um dann um io eclatanter mit denselben hervorpiltclen. Aber auch da» ist nicht der <>all Er sagte, er wollte gar nicht, daß der Brief vciössentlicht wird. E» wurde ihm später gesagt: „Du hast ein schwere» Unrecht begangen, nimm eS zurück, wider' rufe den Brief und mache Sa» linrecht gut?" Ta» hat Meyer verweigert, und zwar, weil ihm dafür Geld geboten worden war. Mir ist der Mann noch immer lieber, welcher »m Geld eint Verleumdung znrsickzieht, al» der, welcher eine erhobene Verleumdung unter gar keiner Bedingung .wieder gut macht. In Verbindung mit Allem, wa» wir heute gehört haben, ivird kaum ei» Zweifel sein, daß er der Versasser dcS Briefes sei. Ich mnlhe kein Messer zwar nicht die ftnlistische Gewandtheit zu, einen solchen Bricj zu schreiben, aber der inielleeiuelle Urheber diese- Briefe» ist er Meyer hat da» Eoneept verfaßt und dachetbe einer stylgewandtcn Persönlichkeit zur eorrecten Fassung übergeben. ^ch.lann mir wohl denken, wer diese Persönlichkeit ist, ich fühle mich abernicht bernfcn, diese Vermnihung hier öffentlich anszu'prcchcn, sonst winde ich in denselben Fehler «e>fallen ivic der Angeklagte, nnd Beweise habe ich keine. Nach menschlicher Einsickst muß man sagen, PanluS 'Meyer ist der Verfasser, er hat die Verössenllichnng de« Briefe» betrieben, er ist »rfm’b’.i-