Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 77 (24.9.1893)
- Date
- 1893-09-24
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8. Freie» Mie Aitualmordgeschichten gemacht werben. Xciletzte Antisemitcnproccß, über deffcn Gegenstand und Ansgang wir bereits letzthin berichteten, hat eine überraschende Wendung gcnoniincn Paulus Meyer, der Verfaffer jenes famosen Briefes, in welchem mehrere Juden aus Ostrom eines rituellcnMordcs beschuldigt wurde», Paulus Mayer, der von den Antiscmitcir als .Ausnahmsjiibc" gefeiert wurde, weil er, der gewesene Talmuvschüler, als Zeuge für den „Ritualmord" auftrat, hat vor den Schranken des Gerichtes, wohin er schon längst gehörte, die Autorschaft jenes Briefes rundweg in Abrede gestellt und geleugnet, daß er jemals an den Ritualmord geglaubt, den Ritualmord behauptet, geschweige denn einem Ritualniord persönlich bcigewohnt habe, .Diejenigen, welche sich von dem Proccffe auch nur den schüchternsten Bcrsuch eines Wahrheitsbeweises für die erhobene scheußliche Beschuldigung versprochen hatten, wurden bitter enttäuscht. Diejenigen aber, welche einmal in die geistige Werkstatt des Antisemitismus blicken wollten, wo die Dolche der giftigsten Verleumdung gegen die Juden geschmiedet und geschliffen werden, diejenigen. welche einen Blick hinter die Couliffen thun wollten, auf die dem Auge des Gesetzes leider nur zu oft verborgen bleibenden Actorcn jenes unverantwortlichen Betruges, den man Antisemitismus nennt — denen war hier eine selten günstige Gelegenheit geboten und überreiches Material für ihre Studien. Das also sind die Macher jener blutrünstigen „Mordgeschichtcu", welche als der gravircndstc Beweis für die Gcmeinschädlichkcit des Judcnthums gnSgeipielt werden, und so wird die Sache gemacht? Auf der Anklagebank sahen wir daS Kleeblatt beieinander; da haben wir zunächst den Agitator im Dalar, den eigentlichen geistigen Pater dieser sauberen ini-->- en -ei-ne, der den Renegaten aufdingt, ja contractlich aufdingt, daß er schriftlich dcu Ritualmord beweise, der sich eines notorischen Abenteurers bedient,, um in einem großstädtischen Tagblatte zum D heile. noch lebenden Personen mit dem Scheine der größten Glaubwürdigkeit einen begangenen „Ritualmord" nachznsagcn. Pfarrer Dcckcrt war die wichtigste Person in diesem Proccffe; Meyer und Toll waren nur die Marionetten, die er an seinen Fäden führte und bewegte; seinem stopfe war die Idee zu jenem Briefe entsprungen, er dürfte die ratsinirtt stylistischc Form dazu gegeben habe», er halte seinen, Gegner in der ZcituiigSpolcmik so lange muthwillig mit jenem Briefe .gedroht, bis der Brief veröffentlicht werden mußte; und auch dann noch vor den Schranken des Gerichtes erwies Pfarrer-Dcckert sich als der einzige, dem die Gabe der Rede zustand, den, ein scharfer, durchdringender Pcrstaüd nicht abzuiprcchcn ist und der auch den Gcschwornen gegenüber »och die hochfahrcnd erhobene Stirne, in der Rede de» ge wiffen Brusikon der llcbcrzeugung zu wahren verstand. Dr. Teckert snetne sich hinter zwei Ausflüchten zu verschanzen: hinter seinem guten Glaube» und seiner wisic»schasklick)cn Ueberzcugung! Zunächst die „Wissenschaft" des Herrn Pfarrers von Weinhaus, denn sie ist ein zu ausgewachsenes Prachtstück der. Hnpokrisie unseres antisemitischen Jabrlmnderts Wen» ein Raturforschcr, Historiker oder Philosoph das Er e.tbnist einer peinlichen, mühevollen, ein Leben erfüllenden Arbeit, eine »m den Preis von lausend Entsagungen, Enttäuschungen und Bitter- 1 .:;» '.foufto Erkenntnis; in der selbstlosesten Weise dem öffentlichen Uiih.iie in »gibt und dem öffentlichen Wohlc widnict, daun gibt es gewisse, tun Herrn Pfarrer sehr nahestehende Leute, welche von einem! solchen We.ke nur in den wegwerfendsten Ausdrücken, wie: teuflisches Blendwerk, absichtliche Irreführung des Bolkes, Untergrabung der 2inlidifcit, Vergiftung der Polksseele n. s. w. sprechen und den Autor am liebsten, wie e! edcm, dem Scheiterhaufen überliefern würden.- Wenn aber Pfarrer Decke«. S. S Theologiue Doetnr, in einer bei dem Ahlwardt'Bcrleger erschienenen Broschüre die Geschichte von Simön von Drienk, pu>-ris inininin d>-e-:int:ttnm, wieder erzählt, und wenn er aus die Antoritüt eines Paulus Meyer hin den Juden den Vorwurf einer rituellen Schandlhat ins Gesicht schleudert, ohne auch nur de» 2 chaiken cincs Beweises Jassir zu habe», so heißt das Wiffenschaft, soll einen Gcleitsbricf den F^cschwornen gegenüber bilden, und mau erinncit sich an einen Paragraphen der Staatsgrundgcsctze, der da heißt: „Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei!" Wer bleibt da noch ernst? Run, wie sicht aber die „wissenschaftliche ForschungSmcthodc" des Herrn Pfarrers von Weinlgnts aus? Der Bertheidigcr des Paulus Meyer'hat in seinem »ach jeder Seite hin vollendeten Plaidoyer ein Beispiel von der verblüffenden i'ogif und Form des Schlicßens gegeben, die lei Herrn Dcckcrt im Schwange zu sein scheint. Wie selbiger „Forscher" in »er Kritik des „Acten"-Materials bei seiner Broschüre . 2'lnan von Trient rorgegangcn sein mag, erhellt, auS der Kritik, Blatt. ' ‘ Nr. 77. die er an dem Brief des Paulus Meyer übte. Man denke nur: ein Renegat, der heute noch Talmudschüler, morgen dcfs talmudischc Jndcnthum bis aufS Meffer bekämpft, ein Abenteurer, her die Asyle mehrerer Reiche durchbummclt hat und wegen Vagabundage abgcstraft ist, den nicht bloß die Juden, den auch christliche Geistliche als ein verkonim-.ncs Subject schlimmster Sorte öffentlich gcbrandmarkt, ein Mensch, der von der prvfessionsmäßigkii Insinuation lebt, dem ein scheußlicher Leumund vorangeht und der Steckbrief wie ein zweiter Schatten folgt, ei» solcher Mensch kommt, bringt den, gelehrten Ritualinordcrforscher ei» Schreiben, in welchem namentlich genannten Personen an einem »ach moderne» Begriffennicht allznfcrne» Srtc in jüngst vcrfloffcncr Zeit eine That nachgcsagt wird, lueldje, wenn sic wirklich geschehen wäre, fürwahr eine furchtbare. Anklage gegen eine ganze Mcnschenclassc involvirte. Und was thut nun der wissenschaftliche Forscher? Man wird glauben, er hätte ein Schreiben (das Porto »ach Rußland beträgt 10 kr.) an die politische oder Bczirksbchörde von Sstrowo oder Dublin gerichtet und dort nachgcfragt, ob in besagtem Jahre sich ein Ercigniß wie das von Paulus Meyer geschilderte zugctragcn, ob eine gerichtliche Berfolgung . stattgefundcn, welches Resultat -sic gehabt habe, 'wenn nicht, ob um jene Zeit ein Kind auf unaikfgcklgrte Weise verschwunden sei, ob cS in Dstrowo überhaupt Personen mit diesem oder jenem Rainen gibt oder gegeben habe u. dgl. mehr. Weit gefehlt! Der „Historiker" Dcckcrt hätte auf diesem höchst einfachen nird sehr naheliegenden Wege ja zu bald erfahren, daß die- Hauptperson der Blutthat von Dstrowo bereits zwei Jahre, bevor sic den Mord begangen haben soll, in Warschau zur Erde bestattet wurde, und daß er so in höchst rcspcctwidrigcr Weise genarrt worden sei.' Pfarrer Dcckcrt schlug daher eine andere wissenschaftliche Methode ein; er ließ Paulus Meyer durch Woche» bei sich in der Pfarrei »ächten, sprach mit ihm bis tief i» die Rächt hinein inter poeulir über die abscheulichen Gebräuche der Ehasidim und übergab den Brief — sobald er dieses kostbare Schriftstück von dem'etwas widerstrebenden Paulus Meyer erlangt hatte — so eilig als möglich dem „Vaterland". Erst nachher, erfuhr er, daß auch der Raine des Drlcs nicht ganz richtig angegeben war. Was kümmern einen „wiffcnschaftlichcn Forscher" st In Dcckcrt Drtsnamcn; auf solche Bagatelle» kann cs bei einer „wiffcnschaftlichcn" Arbeit doch nicht ankommen. Es erübrigt nun kaum noch etwas über den so genannten „guten Glauben" des Herrn Pfarrers zu erwähne». Wer Paulus Meyer einmal ins Gesicht sah, wer seine Redeweise, sein ganzes Auftreten nur einmal beobachtete, dem wird diese Person zeitlebens unvergeßlich bleibe» als der vollendetste Typus eines licrufsmDigcn — Lügners. Den Menschen konnte ein Pfarrer Dcckcrt für de» einzigen „Ausiiahinsjubcn" halten? Wir glaubcn's nicht', wohl aber, daß ihn Pfarrer Dcckcrt auf den ersten Blick als seinen „Mann" erkannte. Wir komincn nun zu Paulus Meyer selbst, in der Anklage die erste Person, in Wirklichkeit nur die zweite, nur das Werkzeug. So also müssen die Inden auSsehcn, die Gnade vor den Augen der Antisemiten sindcn wolle»? Ein physisch n»d moralisch hcrabgcsnnkencs Subject. Seine Glieder sind in beständiger nervöser Ilndnlation, sein Auge irrt beständig unsicher von Srt zu Drt, seine Zunge ist in ewiger Bewegung, aber er ist ein dnmmcr Schwätzer, und auf die klarste, einfachste Frage antwortet er nie zur Sa'chc, stets mit einem ganzen Wortschwall, weil er stets an die eventuelle Bemäntelung einer bereits gesprochenen oder erst zu sprechenden Lüge denkt. Ja seine Vorsicht geht so weit, daß er selbst in den gerichtlichen Protokollen seinen Ramcn bald so, bald so schreibt,, um gegebenenfalls diese oder jene Unterschrift einmal ableugnen zu können. Jüdischen, protcstantischeu und katholischen (Geistlichen hat er »ach der Reihe gedient und alle hat er — betrogen, in Rußland, D eutschland und Dcsterrcich hat er sich compromitlirt. Er läßt sich zur Abfaffung eines Schriftstückes - vielleicht unter dem Druck einer materiellen Rothlage — bestimmen, das mehrere Personen an den Strang liefern, ungezählte andere den »nbcrechenbarcn Leidenschaften des Pöbels überantworten könnte. Und was thut er, vor Gericht zur' Rechenschaft gezogen? Er erklärt diesen Brief als ihm nnterschobcn, er erklärt, ein Zeitungs-Ekngcscndct in einem dcntschen Blatte, wo er den Ritualmord als klassischer Zeuge zu beweisen verspricht, sei ihm unterschoben, er erklärt selbst eine Stell: in einer seiner Broschüren, wo er gleichfalls mit Enthüllungen ü1>er den Ritualmord droht, für nnterschobcn. Dieser Mensch leidet an der höchst merkwürdigen Krankheit, daß ihm Acußcrungcu zur Be stätigung des Ritualmordes unterschoben werden und daß er dieselben, obwohl er Kenntniß davon hat, obwohl sic ihm Scelcnpcin verursachen, nie dementirt. Panlns Meyerist fürwahr ein dninmcr Gauner; er gehört zu jenem socialen.Plankton, daö in den gesellschaftlichen Tiefen jeder Großstadt gedeiht. Und diese» Menschen bezeichnet ein deutscher Mucker als ein „auserlesenes Werkzeug Gottes", um.die bösen Juden zu bekehren. Diesen Menschen empfiehlt ein Rohling als eine Leuchte