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Freies Blatt · 1893-09-24 · 77 (24.9.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
77 (24.9.1893)
Date
1893-09-24
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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? I AdounemeatSpreiS: , 0l*gan zur Abwehr des Akktisemitismus. Redaktion und Admiuislratio»: Sanzjähiig MI« Poflzuleudung . . fl. ».so. , H-Ibjäbrig fl. 1.S5. »>«rlelj<il,rlg fl. —.CS " UiJlCU •fiiueiue «ummtra 4 kr. Erscheint au jcbcui Sonntage. I. Zeikerstätte 10. t * Stummer 77. Men, ‘24. September 1893. , II. Jahrgang. Mit der heutigen Nuiumer erhalten unsere Vcfcr die nennzchntc Fortsetzung des Werkes: Die Iiideit >>»!> der A»tisei»itiL»»is, Isvcret unter öen Elutionen von Änatote Leroy-Aeaukicu vc>»n srcnizösische»r I»rstitrrt. Neu cintrctcndc Abonucntcn erhalten ans Verlangen die bereits erschienene» Fortsetzungen nachgelicscrt. Die Lügen des 2lntisemitismus. (Orlginal-Milkheilmig deS „Freren Blattes".) Petersburg, 1«. Scptciubcr. Zur Bcmäntclung der feil mehr als einem Dcccnnium gegen die Inden in Rußland zur Anwendung gebrachten grausamen BcschräntnngSmaßrcgclii und Ansnahnicgcsctzc habe» die russischen Judcnvcrfolgcr eine lange Reihe von Beschuldigungen gegen die russischen llutcrlhancn mosaischer Eonfcssion ausgestellt, die die Welt glauben machen sollten, daß die Judenverfolgungen in Rußland den angeblichen schweren Sünden der Juden selbst znzuschrcibcn seien. Unter diesen zahlreichen Beschuldigungen'niuimt die von der angeblichen Unfähigkeit der Inden zum Ackerbau und zu schwerer physischer Arbeit einen hervorragenden Platz ein. Die russischen Lueger und Eynsortcn haben zur Bekräftigung ihres Märchens von der Unfähigkeit der russischen Juden zum Ackerbau auf die von Kaiser RicolauS I. in den Gouvernements Cherson und Jckatcrinoslaw gegründeten jüdischen Ackerbaucolonicn hingcwicscu, wo cs angeblich mit der jüdischen Bodcnenltur sehr traurig steht. Zudem wußten die antisemitischen Blätter in Rußland bald dort, bald da wurmstichige Beweise für die angebliche Arbeitsscheu der'Juden hcrauSzusindcn. Bei näherer Prüfung und unparteiischer Untersuchung erwiesen sich jedoch diese Beschuldigungen als Fictioncn, die dem lcifcste» Hauche der Wahrheit nicht widerstehen konnten. So hat der bekannte russische orthodoxe Professor der Rational- . ökonomie, Ulcinnikow, vor nicht gar langer Zeit in seinem trefflichen 'Buche „Die Juden als. Ackerbauer" die Behauptungen der russische» Judenfeinde von der angeblichen Unfähigkeit der Juden zum Ackerbau schlagend widerlegt, indem er an der Hand von unlcugbaren Thalsachen und osficicllen zifsermäßigcn Daten nachwics, wie groß die Summe der Früchte ist, welche die jüdischen Ackcrbaucolonicn, dank dem Flcißc, der Arbeitsamkeit und der Häuslichkeit der jüdischen Eolonistcn, getragen haben. Ebenso hat der Gouverneur von Mohilcw, Staatsrath Dcmbowctzkij, in seinem unlängst erschienenen Bliche, das >vir im „Freien Blatte" bereits besprochen haben, nachgcwicsc», daß die überwiegende Zahl der schwersten Handwerke in seinem Gouvernement fast ausschließlich in de» Hände» der Juden liegt.*) Kürzlich aber wurde die Widerlegung des Märchens von der Unfähigkeit der Juden zu schwerer physischer Arbeit neuerlich bestätigt, *) Man vergleiche hiezu auch de» Artikel: „Russische Inden atS.Bauern". „Freies Blatt", l. Jahrgang, Rr. 4 vom l. Mai T. Red. und zwar in so schlagender Weise, daß cS unmöglich ist anzunchuien, diese Widerlegung werde ganz spurlos vorübcrgchc». Tiefe Entkräftung einer der schwersten Beschuldigungen gegen die Juden in Rußland ist vom Grafen Schuwalow, dem Ehcs des Gardecorps iiiib'Cufcl deS russischen Botschafters in Berlin, kürzlich bcivcrlstclligt worden. Gras Schuwalow, Besitzer -deS - Städtchens Talnoje im Gouvernement Kiew, ist Eigcnthümcr.vieler und ausgedehnter Zuckcrrübcnplantagen. Zur diesjährigen Rübenerntc hat Graf Tchuwalow gestattet, probeweise auch eine Anzahl jüdischer Arbeiter zu verwenden. Und wie groß muß die Tüchtigkeit nnd der Fleiß der jüdischen Arbeiter gewesen sein, wenn gegenwärtig mehr als 31 >00 Inden auf de» Plantägc» des Grafen beschäftigt sind! Thatsüchlich hat der Bcrwaltcr der Schnwälowschcn Güter, Brcnndel, ein gebürtiger Deutscher, den Arbeitsfleiß, die Bescheidenheit nnd die Fähigkeiten der jüdischen Arbeiter in derart schwungvollen Worten gerühmt, daß viele andere christliche GutSbrsivcr der Gegend dem Beispiele' des Grasen Schuwalow folgten nnd zu ihren Feldarbeiten ebenfalls Juden verwendeten. Die antisemitische Prcsic in Rußland übergeht natürlich den Bcr'such des Grafe» Tchn- ' walow mit tiefem Stillschweigen, weil sie weder gegen den einflußreichen Grafen auftrrtcn kann, »och der Wahrheit Gerechtigkeit zolle» will. Allein man erzählt sich hier, daß Graf Schuwalow von dem überraschenden Erfolge, den die Bcrwendung der Juden als Feld arbcitcr ergeben hat, dem Gcncrakgouvcrncur von .Kiew, Grasen Jgnatjcw, sowie dem Borsipendc» der „jüdischen Eonlinission",KR hcimrath Plehve, Mitthcilung gemacht hat, mit der Bemerkung, m a n mögc dic Iudcnfragc nicht aus Gr-n n d a irriseliut ischcr Hetzereien lösen, die mit der Wahrheit stets im Widerspruche stehen. Sb die russischen Machthaber der Stiinnrr der Unparteilichkeit und der Wahrheit ihr Shr leihen werden, darüber wollen wir-nicht ein scheiden. Es unterliegt keinem Zweifel, daß dort, wo der böse.Wille zur Judenverfolgung ciiltnal -vorhanden ist, die Stimme der Wahrheit' nnd der Humanität leider nur zu oft unerhört bleibt. Tic russische Regierung schreitet auf dem vor zwölf Jahren cingcschlagenen Piadder Judenverfolgung unentwegt fort, und jeder Tag schlägt de» recht losen Inden in Rußland neue Wunden. Das Miniit.et-min des Innern . hat vor wenigen Tagen beschlossen, die jüdischen Wohltbätigkeitsänstalten im Reiche, sogar -die jüdische Privatwohlthätigkeit der Eon-trolc der Regierung zu unterstellen. Zu diesem Zwecke, wurde der Gouverneur : bereits angciviescn, die Zahl der jüdischen hunianitärcn.Institute im Gouvernement dem Ministerium unverzüglich bekannt zu geben. Durch diese Maßregel bezweckt die Regierung, daß den Juden alle Mittel entrissen werden, mit welchen sie im Interesse des gcs.annntcn russischen Judenthums etwas ansrichtcu. Gleichzeitig wurde der nach Petersburg cinbcrusencn Rabbiner-Eoinmission eine Reihe von Be ' schränkungcn vorgclegt, die die freie Ausübung der mosaischen Eon! fcssiou sowie die freie Eheschließung bei den .Juden betreneu sollen, i Man glaubt hier aunehmcn zu dürfen, das Miuistcrinm plane dH j Zahl der jüdischen Ehen zu beschränken, oder dieselben nur unter ge! .wißen Modalitäten zuzulasse». Wie Sie also scheu, fallen die Stimmen i einzelner unparteiischer Männer, auch wenn sic eine hohe sociale i Stellung entnehmen,^zn Gunsten der. Juden in Rußlsiud nicht in die Wagschalc; die Regierung' sinnt täglich nach neuen Ausimhuisgeicy-.-n ' gegen die Juden, welche ihnen das Rben einfach ulnuöglnh' mache». Wohin dies fuhren wird'/ TieS ist die Regierung selbst tan:» iui i stände zu beantworten. I

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