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Freies Blatt · 1893-09-17 · 76 (17.9.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
76 (17.9.1893)
Date
1893-09-17
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
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Seite 7. # Nr. 76. Freie» trmilidjrin Äccifc, om „VereinsIog katholischer Mämierverei ne Nord böhmeiis" in Georgswalde ertöne» zu lasse». Die Versammlung; die am IO. d. M. jiatlsand, wurde unter de» Auspicie» des Leitmeritzer BjichosS Tr. Schöbet und des Prinzen Liechtenstein, der in dielein »kreise vor Wiederholnug seines vorjährigen Mißgeschicke« und der bitteren Erfahrungen Luegersicher war, eröffnet. Pater Lpitz begrüßte die Anwesende» im Namen des vorbereitende» Coinitö« und verkündete die erhebende Thatiache, daß Herr Trab er t ans Dien, der berühmte „poi:ta austriaco“, zui» Präsidenten gewählt worden sei. Bischof Dr. Schöbet bestritt es, verninihtich im Hinbtick ans die päpstliche Enehklica, daß die Religion nicht« mit der Politik zn schassen habe. Heutzutage potitisire die ganze Welt; dem Priester allein löiine dies daher nicht verwehrt werden. Redactenr Böhr ans WarnSdo.f brachte die abgedrolchenen Beschutdigimgen gegen die Schule und Presse vor, schob dein Liberalismus die Massenverarmung kurzweg in die Schuhe und vernrtheitte das „liberal jüdische und socialistssche Bildnngsfieber " <!> Herr Böhr schien von letzterem noch nicht ergrisse». Herr Trabert hielt, dann eine einstündige Rede über Erziehung der Töchter, die leider nicht so gediegen war wie jenes Gedicht, mit welchem Traben einst das römische,Publicum hinriß Fürst Liechtenstein donnerte gegen da« mobile Capital und die moderne Wirthichast-ordnung — die alte Walze. Als Letzter ergriff nochmal«?. Opitz,das Wort. Cr parodirte das Schtagworl der Socialisten und erhob den Ruf: „Christen aller Stände vereinigt euch!" Auf diesem Wege könne dann eine christlich-sociale Bolls.t organisatio» herbeigesührl werden. Der Schluß seiner Rede brachte in angenehmer Abwechslung Lobhhmnen auf die antisemitische Partei tmd wnthende Angriffe aus die Inden. Neue« war darin nicht zu entdecken. Cs läßt sich nicht leugnen, daß die Bersainnilttiig ein vollständig äquivalenter Ersatz, für den projectirten Katholikentag. gewesen ist. (Christlich-SocialkS attS Tirol.) Auch in dein Lande, in welchem der ' Jude nur vom Hörensagen und anS den, wie wir nicht dezweiseln, liebenswürdigen Schilderungen der clericalen Preffe bekannt sein dürste, in Tirol, regt sich der Geist des AntiseinitiSmus. In Ratte,iberg fand am d. M. eine „BolkSversammlung" statt, welche die Propaganda für die Gründung eines katholischen Arbeitervereines einleiten sollte. An der Spitze dieser „christlich-soöialen" Veranstaltung stand, tvic allerorts, die katholische Geistlichkeit, der Pfarrer von Mariathal und von Rattenbcrg, vermuthlich in strenger Besolgung der warnenden Worte der letzten päpstlichen Cnchktica. TaS große 'Wort in der Versammlung sührte der Redactenr Jehlp, welcher dagegen protestirte, daß man ihn einen Antisemiten nenne. Er betrachte den gewöhnlichen Anti- . semitiSmuS als eine Verirrung; sein Antisemitismus fei positiv und praktisch. Wir haben leider nicht das Vergnügen, Herrn Iehly's AntiseinitiSmnS zu kennen; die Schimpfereien in seiner Rede gegen,die „Indenblätter" und „liberalen Mastbürger" sehen den Auslassungen anderer „gewöhnlicher" Antisemiten täuschend ähnlich, und auch die Art, den eigenen Antisemitismus anfangs wie eine begangene Schandthat zu verleugnen, ist eine allen noch nicht ganz um Anstand und Ehrgefühl gekonimenen Antisemite» gemeinsame. Ter erhabenste Moment der Rattenberger Versammlung war entschieden der, wo ein „christlich - socialer" Theilnehmer, al« man sich über die Art der Abstimmung nicht einigen konnte, den Vorschlag machte,, man solle die Anträge cinsactz — „anSrauscn". Dazu wäre es nun auch angesichts der heftigen social-demokratischen Opposition thatsächltch gekommen, wenn die Social-Demokraten es nicht vorgezogen hätten, die Versammlung zu verlassen, nachdem sie den srommen Herrn »och einige derbe Wahrheiten gesagt hallen. — Eine am 10..September in Kitzbühel abgehaltene Versammlung des „Tiroler Bauernvereins", zu welcher der Reichsraths- und LandtagSabgeordnete August D ö tz sowie der oberösterrcichische Banernsllhrer Georg Schamberger erschienen waren, wurde von dem RegierungSvertreter aufgelöst. (Tie „Deutsche Wacht" an der Adria.) AnS Triest schreibt man uns: Hier existirte seit Gründung deS „Germanenbundes" ein Zweigverein desselben, tvelcher den Titel „Deutsche Wacht" sührte. Gegründet von einigen jungen Leuten, die zum Theil durch ihre schlechten FortgangSclatsen im Gymnasinm oder in der Bürgerschule gezwungen waren, als ElarcS ihr Fortkommen zn suchen und hiebei nach Triest verschlagen wurden, war dieser Verein bald der Tummelplatz von einem Dutzend im Geiste Schönerer's geeinter schöner Seelen. Er war indeß weniger den Triestinern, als den Leser» der „Unverfälschten-Deutschen Worte" bekannt, denn dort quittirte der Herrgott von Zwettl nach jedem germanischen Festtage dankend die telegraphischen Glückwünsche oder empfangenen „Luskarten" der treuen „Deutschen Wacht" an der Adria. Nun veröffentlicht der , Onscrvatore Triestino“ eine Kundmachung, der zufolge auch die Ortsgruppe „Deutsche Wacht" de« „GermanenbiNideS" aufgelöst wird'. Das „Triester Tagbtatt" bemerkt hiezu lakonisch: „Wir freuen uns, durch diese Knndmachung von der Existenz eines Vereine« .Deutsche Wacht' in Triest etwas erfahren zn haben." (Wieder ei» neues Programm.) Es wird bald mehr antisemitische Programme alS Autisemiten geben. Wie mau berichtet, wird unter den deutschen Antisemiten die Gründutkg einer „freien antisemitischen Vereinigung" angeregt. Prosessor Förster, der bekanntlich den Neu-Stettiner Wahlkreis im Reichstage vertritt, ist der Vater dieser BereinSidee, zu deren Verwirktichnng Liebermann v. Sonnenberg folgendes Prograntm vorschlägt: Verbot jüdischer! Blatt. Einwanderung»nd Veibvl der Anknalnne vielter noch nicht »atnralisirter Jude» in den Verband eines deutschen Staates; Prüsizng. der jüdische» ^ittettwhre durch eine Peicmdere staatliche Commission '. Verb»» weiierzr Anstellung jüdischer Richter, Lehrer u»d Beamter. Tie Antisemiten ünde» es ziveiscltos, daß diese« Programm im Reichstage eine imposante Unterftüviuig etbalten werde. Wir finden es ebenso zweisettos, daß aus diese sanguinische Erwartung eine arge Enttäuschung folgen werde. 2lus antisemitischen blättern. Gntweibttitg!» Ein Feuilletonist der „')! a.rod» i List)," wendet sich an die czechiichen Bräute mit der Aufsorderung, keine Hochzeitsreise zu machen. Heiliger Schauder ersaßt ihn bei dem Gedanken, daß eins-jüdischer Reisender die Händedrücke und Liebesblicke der Neuvermählte» aus jder Bahnfahrt mit einem höhnischen Lächeln begleiteü könnte. Gräßlich dünkt ihn, die Möglichkeit, daß c.z-'chischeS LiebeSgeflüster in demselben Hotelzimmer erklinge, in welchem kur; vorher „der ewig wallsahrende" jüdische Cnimiiis voyagwtr übernachtet hat. — Wir glauben nicht, daß junge? Blut für den Idealismus dieses. unfrei willige» Scherzvogels da« richtige Berständniß haben utld der Boqcoittsirung aller Bahnen, die noch Inden befördern, zuftuninen dürfte.. (Zur Irattdidatti^ Schönerer'«., Tie „Deutsche Wehr" erklärt die Schönerer'« Candidatnr im IV. Wiener Bezirke betressenden Gerächte sür erlogen ■ Das deutsch»ationate Blatt bemerkt dazu: „Schönerer sitzt erstens in den Herzen seiner Waldviertler bombenfest, trotz aller .Manöver', die man veranstaltet, um den schwär; roth-gelben Bauern die rothe Liebe aus dem Herzen zu reißen; denn sie wissen, was sie an ihrein Schönerer haben. Schönerer hat zweitens seine Erllärnng. lein Mandat mchr anzunehnien, trotz aller Bitten seiner Anhänger, »och nicht widerrufen. Hauck ist drittens in seinem Wahtz, bezitke nicht nur. nicht wenig beliebt, sondern sogar allgemeitr beliebt, außer bei den Inden de? Bezirke«; denn er hat sür seinen Wahlbezirk auch schon praktische Vortheile errungen. Hauck wird viertens ffiu Mandat, wenn er e« über Haupt niederlegen wollte, nur mit Zustimmung Schönerer'» niedertegen, der aber hente ans die Wieden und Favoriten lischt ansteht, da er in dem nächst besten deutschen Wahlbezirke mit guter Aussicht auf Erfolg candidiren kann. Ter wahre Sachverhalt ist vielmehr, wie wir schon einmal mitgetheilt haben, der,-daß Abgeordneter Hanek lluterichiiften sür die Bitte an Schönerer iainmelt, er möge seine bekannte Erklärung znrückzi eben." Schönerer wird sich hossenttich erweichen lasten und der Welt das Bergungen -bereiten, einmal probetveise „in dem nächstbesten deutschen Wahlbezirke", z B. in Innsbruck, „mit Erfolg" zu candidiren. Schönerer gleicht jenem alten Haudegen, der in der Nacht von einer bedeutenden Ucbermacht umzingelt war. und um den Feind über -seine Stärke zu täuschen, den .venigen Mann, L-ie er hinter sich batte, befahl, ein-Höllenivectaket zn erheben, so daß man glaube, eine ganze Brigade sei im Anzüge. Schönerer vergißt, daß da« Höllenipeemkel und die Bramarbasierei seiner Schreiblnechte und einiger minderjähriger Stndexjteti in der Wahlurne '=■ 0 wiegt. ' (Fremde llilb Judeu.) Die Bulgaren, wie alle interessanten Böller, sind immer gerne bereit gewesen, ausländisches Capital zu Bahnba.tten und anderen Dingen zn qcceptiren. Daß die Gläubiger dabei nicht immer ilrre Rechnung gesunden haben, macin den' guken Leuten weicig Kopfzerbrechen. Der tvirth schastliche Ausichwung, den Bulgarien fremdem Gelde zu verdanken hat, scheint nun einigen Chauvinisten in den »topf gestiegen zu sein. Dieselben beabsichtigen, unter dem Titel'„Bu lgarien für die Bulgaren" eine Zeitung zu gründen,' welche sür die Bertxeibnng der „Fremden und I u den"-Provaganda machen und die Bulgaren aueisern toll,* mit „bulgarischem Gelde" Fabrtken zn gründen. Die antisemiti'chen Redactenre dürften wohl noch zur Erkenntnis! gelangen, daß „bulgarisches Geld" kaut» zum Abonnement einer Zeitung ansreicht und ilire Methode der sicherste Weg iei, ihr tlienre« Heimatlaud zu isoliren und zu schädigen. ' (Antisemitische Zcitttttgsgrüttdungc». Der antisemitische Zeiiungswald gedeiht. Nicht nur wir in Wien haben in der nächsten Zeit zwei neue anti setnitische Tagesblätter zu gewärtigen, auch in Berlin wild, tim einent schreienden /Bedürfnisse abzuhelsen, demnächst djc Gründung eines radiealantisemitischen Blattes unter der Redaction von Ahltvardt beeil) sichligt. Ta« bisherige Organ der Antisemiten soll den entschiedenen Antisemiten in den wirlhichafttichen Fragen zu conservativ und reactionär sein. Alle Gegner des Atttisetnilisintts können nur wünschen, daß das „zielbewußt"'antisemitische Blatt unter Chesredaction des wackeren Ahltvardt wirklich ins Leben trete. (Gegen „rücksichtslose Antisemiten" und „Reformjudeii".) Djo „Kreuz zcitung"' beschäftigt sich in einem Aussätze mit d.-n Aufgaben der nächsten deutschen Reichstagssessio n und bezeichnet selbstverständlich die Lösung der Zu de «frage als äußerst dringend. Da« Organ der deutschen Finsterlinge weist darauf bin, daß andernfalls der Antisemitismus, den die Innker und Mucker so gerne allein hegen und pflegen würden, immer niehr in die Hände „rücksichtsloser" (d. h. wohl „demokratisch" schillernder) Bcrlretsr gerathen werde. Am Schlüsse

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