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Freies Blatt · 1893-09-17 · 76 (17.9.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
76 (17.9.1893)
Date
1893-09-17
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Freies Blatt. Seite 6. folgende nette Anekdote auS dem Borleben Liebermaun'S v. Sonnenberg: »Der bekannte Antisemit nnd Reichstagsabgeordnete im deutschen Parlamente lebte vor Jahren in der Hanpstadt Kaliforniens, San Francisco, in bitterster Roth. Er wäre zweifellos ein Opfer seiites Elends geworden, wenn ihm nicht in dem deutschen Juden (3'erion Kohn ein Retter erstanden wäre. Dieser streckte ihm eine Ö'etbfumitte vor zu einem geschäftlichen Gewerbe. Aber der Ehrenmann verduftete und seiif Wohlthäter. hatte das leere Nachsehen. Solcherart ist der Dank eines Antisemitensührers." Dazu bemerkt das amerikanische Blatt »Publik Op in ton": »Wer darf sich demnach wundern, daß dieser Ehrenmann von Gesinnungsgenossen auf den Schild erhoben wird?" In Ämelika scheint man uns Deutsche in der Dhat bereits gründlich zu kennen! tAitlistiit im Coitflick mit dc» Strafgesetzen.> Der Antisemit und frühere Besitzer der .Reuen deutschen Deining", William W a n e r, der sich schon seit längerer Zeit ans der' Flucht besindet, um sich einer gegen il n verhängten zweiiuona t lichen G esä ng n t ßst r a fe zu entziehen, wird jetzt auch vom Leipziger Landgericht wegen zweier Wechselsorder n ngen steckbrieflich verfolgt. 4kolden, ein Hauptagitator des Deutsch-socialen Beremes in Köln und antisemitischer Wanderredner, vorbestraft wegen Beleidigung mit 100 und 150 Mark, wurde wegen Hausfriedensbruch, Wachebeleidigung und anderen Randales zu acht Wochen Gefüngniß verurlheilt. Außerdem ist seitens einer aiöluer Firma gegen Rölden ein Haftbefehl erwirkt worden, weil Letzterer von der Firma sich einen Posten Ebampagner und Wein zu verschaffen wußte, au desieu Bezahlung er wohl niemals ernfAich dachte. Auf Grund eines gerichtlichen llrtheils wurde eine Pfändung vorgenommen, die jedoch fruchtlos anssiel. Rolden wurde;nr Ableistung des Offenbartingöeides geladen, erschien aber nicht im Termin, worauf der Haftbefehl erging. — Das Schwurgericht in R ü r it b erg vernrtheilte dieser Tage den antisemitischen Redaeieur W eher i» jv ft r t h wegen eines im unlautersten und anstößigsten Tone gehaltemu Artikels zu dreimonatlicher Gesäugt, ißsiLafe. Weber hatte bei den letzten Reichstagswahlen auf das antisemitische Programm eandidirt. Alcrri Pctrowiksck Wassilowski.) Dieser Tage verstarb, wie dir „Rowoje Wremja" meldet, der ehemalige estländische Bieegoüverneur j Alerei Petrowitsch Wassilowski. Derselbe hatte, als er nach dem Jahre 1877 Bicegouverneur von Wolhunieu war, hervorragenden Anrheil an der Ausarbeitung der Judenfrage im Südwestgebiet genommen. Er war späterhin auch Mitglied der unter dem Borsitz des Ministergehilfen Gotowzew eingesetzten specieUen Eommission. welche die bekannte Gesetzesbestimmung über die Einschränkuitg der jüdischen Seßhaftigkeit im Reiche auSarbeitete. Im Jahre 1800 nahm -«r an den Arbeiten der Eommission für die Jädenfra^e unter dem Präsidium des Herrn v Plehwe theil. >Znr ZlldrllvcrfolgUNg iu Rußland.) Wie die »St. Petersburger Zeitung" meldet, hat der Kriegsminister die Bersügung getroffen, daß unverzüglich zur Ausweisung der Juden geschritten werde, welche aus dem .st u bau und T er ek- (Gebiete entfernt werden sollen, ohne' Ansehung ihrer Prosession. Sie sollen sich schriftlich verpflichten, daß sie binnen Monatsfrist die Gebiete verlassen. Diejenigen Inden, denen die Gebietschess einen Aufschub bewilligt, haben die Gebiete binnen vier Monaten zu verlasieu. Es soll streng daraus gesehen werden, daß keine Berschleppungen eiutreten. Wie dasselbe Blatt hört, ist'.es jüdischen Provisoren verboten worden, sich im V »bau- und Terek-Gebiet niederzulasien. lZüstschc Soldaten im russischen Heere.) Dr. S. Kayserlin g veröffentlichte in der »Allgemeinen Zeitung des Judenth ums" folgende, ofsieiellen Berichten entnommene Angaben über die „im russischen Heere' dienenden Juden, welche aufs Schlagende die so oft erhobene Anklage widerlegen, daß die Juden die vornehmste Pflicht -gegen das Baterland nicht willig erfüllen und sich möglichst dem Militärdienste zu entziehen suchen. Es ergibt 'sich vielmehr aus dieser Zusammenstellung, daß im Berhältuiß zur Gesammtbevölkerung eine zu große Zahl Juden in den letzten Jahren in den Dienst eingestellt ist, und daß die russische Regierung auch in dieser Beziehung ihrem Grundsatz treu bleibt, diejenigen mit Abgaben und Lasten am schwersten zu drücken, die sich am wenigsten des Schutzes der Gesetze zu erfreuen haben, von dem Genusie der Rechte ganz zu schweigen. Im europäischen Rußland wurden als Reeruten eingestellt: Pom Jahre 187', bis 188t 1,152 5-41 Nichtjudcn, 40.840 Juden, 3 b Pereent „ .. 1881 „ 1888 1,228731 53.635 44 im Jahre 1887 . . . . . 231.085 „ 12.263 „ 5 2 „ „ 1-88 .-. . . . 213.037 13.111 „ r»'! ,, „ 14.552 „;> 7 Nr. 7Ü. Nach Hübner's statistischen Tabellen bilden die Juden nur 3°9 Percent der Gesammtbevölkerung; die Heranziehung zum Dienste steigt ersichtlich von Jahr zu Jahr und erreicht 1801 die Höhe von 0 07 Pereent, da von 45)8.763 Eingestellten nach der im »Pravitelsky Bestnick" veröffentlichten Statistik 15.837 Juden waren. Dieselben stehen gegen ihre christlichen Kameraden auch insofern zurück, als ihnen die übliche Gnadenzeit nicht ferner bewilligt wird; es ist nämlich der Gebrauch, daß den von den Vorgesetzten Behörden als dienstuntauglich erklärten Mannschaften eine Frist von zehn Tagen vor ihrem Eintritt ' in daS Heer gewährt wird, um ihre häuslichen Angelegenheiten ordnen nnd ihren Angehörigen nnd Freuuden Lebewohl sagen zu können. Die jüdischen Reeruten müffen für die Folge hierauf verzichten und werden nach der ärztlichen Untersuchung sofort nach den ihnen angewiesenen Garnisonen gesandt. Nach einer annähernd das Richtige treffenden Schätzung dienen gegenwärtig 126.00) Juden in der russischen Armee, von denen keiner die Epaulelten trägt und keiner eö höher als bis zum Uuterofsieier gebracht hat; selbst als Feldschecr oder Militärarzt iverden sie in Zukunft nicht mehr angestellt. ■ lind wenn sie nun ihre schwere, langjährige Dienstzeit beendet und den besten ihrer christlichen Kameraden gleich sich geführt haben,, wie lohnt daS dankbare Baterländ ihre Dienste? — Die Regierungserläffe der letzten Jahre und die himmelschreienden, jedem menschlichen Fühlen und jeder Gesittung Hohn sprechenden Berfolgungen geben Antwort'auf diese Frage. (Wie sie cs wollen.) Wie man in dem antisemitischen Musterstaate Rumänien umspringt und wie es vermuthlich auch bei unS zuginge, wenn die frotnmen Wünsche der Antisemiten in Erfüllung gingen, illustrirt ein Borgang, der sich kürzlich in Poda-Jloaei ziigetragen hat. Dort erblickte der Tubprüfeet des Kreises Bahlui am 2i). August auf der Straße fünf seit längerer Zeit in genanntem Städtchen seßhafte Juden, welche er festnehmen und ihnen gewaltsamdie Bärte abschneiden ließ. Die Opfer, welche österreichisch-ungarische Ilnterthanen sind, führten beim österreichischen Eonsul in Jassy Beschwerde, welcher die nöthigen Schritte veranlaßte. Aus antisemitischen Vereinen und!)er samnilungen. «Die bösen Socialdemokratr».) Al» 3. September hielten die antisemilische» Schuhmachergehilsen im II. Bezirke eine Versammlung ab, um einen Candidalen für die Wahl in die Gehilsenvertrelung aufzuslellen. Als der socialdemokratische Gehilseiiobiiraun Möller mit 60 Genossen Einlaß in das Versa»ii»lu»gsloeal begehrte, wurde ihm dies verweigert. Möller erstattete nun die Anzeige wegen vorschriftswidriger Emberufiing der Versammlung. Tarob herrscht eine große Entrüstung unter den Antisemiten. Tiefe Herren, die das System des Ver>aininlung!prengens bei »ns eingebürgert haben, finden nicht genug. Worte dor Verurtheilung, wenn inan ihnen mit gleichen Waffen begegnet. Obzwar die Soeialdemokraten diesmal auf dem Boden des Gesetzes standen und die Brüderlichkeit dfc Antisemiten als Äassenhinausivnrf zum Ausdrucke kam, gestatten sich letztere dennoch, ihren College,, den Mangel dieses altruistischen Gefühles vorzuiversen. , tTic facultativeu Aiilisciuitcii in Zwickau.) Am 8. d. M. fand in Zwickau eine Wauderversammlnng de« Vereines »Deutsche Presse" statt. Tie Abgeordneten Barenther, der den Vorsitz führte, und Prade erhoben, gegen die liberale Presse und die deutsch liberale Partei die bekannten Veschnldignugen. Beine, kenswerth ist die Thatsache, daß die Herren diesmal nach dem von Stein wen der begründeten System pes faeultativen alluiiseinilismus das wüste Geschimpfe ans die Jude» ein wenig unterdrückten xind sich dafür mit Beschuldigungen gegen die angebliche nationale Lässigkeit der Deutsch Liberale» entschädigten. Ter Abgeordnete Fourn ier entgegnete auf ihre Angriffe in entschiedener Weise, indem er die Bestrebungen und Erfolge seiner Partei eingehend darlegte und den Rückgang des Parlamentarismus, der den Liberalen in ungerechtester Weise in die Schuhe geschoben wird, ans da« verderbliche Treiben der Antisemiteuhänptlinge zuriickführte. Abgeordneter Strache hob die negativen ' Errungenschaften der Nationalpartei, die sich an die Sprengung des Teutschen Clubs anknüpsin, hervor und bezeichnet die angeblichen Fortschritte dieser Partei als lächerliche Erfindung. Dieser Fortschritt zeige sich am besten an dem Austritt der Abgeordneten 8raus, Foregger, Morro und Pernerstorfer aus dem Parteiverbande. Für den Einfluß, den die Deutsch-Nationale» in Zwickau besitzen sollen, ist es charakteristisch, daß es in der Versammlung durch die Tivergen; der Meinungen zur Annahme einer Resolution nicht kam. (Vereiustag katholischer Männervereiae von Nordböhmen.) Aus Schluckenau wird uns geschrieben: Unsere Christlich-Socialen sind von ihrem Vorsatze abgekommen, zu Ehren des Papstjubiläums eine» nocdböhmischen .Katholikentag zu veranstalten. ES mag dahingestellt bleibe», ob sie ein glänzende« FiaSeo befürchtete»; jedenfalls zogen sie es vor, ihr Geschimpfe in engerem,

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