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Freies Blatt · 1893-09-17 · 76 (17.9.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
76 (17.9.1893)
Date
1893-09-17
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German
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Seite 8. Nr. 76. Freie» Blatt. dieser jiingsteu Eppectorationen «halten die Vorkämpfer der „ethisch«» Lullur" einen kräfligen Fußtritt. ES wundert uns gar nicht, daß Leute, welche^ glauben oder wenigsten» zu glauben vorgebeu, daß man dort keine Moral finden könne, wo nicht ihre seststehenden Glaubenssätze angenommen firid, für moderne Bestrebungeii kein Berftänduiß haben. „Reformjuden" werden nur dann gsttigst acocpttrtr ivfmi sie, wie R eandcr und «kahl, in den Tienst der Kreuzzciiungsparici treten. (Zu den preußischen Landtagswablrn.) Tie antisemitische Agitation, anläßlich der bevorstehende,, Wahlen in da» preußische Abgeordnetenhaus. steht i» vollster Blüthe. Ei» Aufruf im „Re ichSher old" fordert dazu aus, keine Advocaten, Baione und am allerwenigste» Beamte zu wählen und'bei der Wahl zu Wahlmännerik die Bürgermeister, Lehrer, Geistlichen oder andere Beamte auszm'chjj,ßen. Auf nicht höherem geistigen Niveau scheinen die schlesischen Antisemiten zu stehen, welche momentan die — Schächtfrage als die vitalste und den Wählern am meiste» am Herzen liegend« hinste'llcn. Ta» Breslauer. Antisemiteuorgan macht alle Parteien darauf aufmerksam, „daß sie n»lr auf Unterstützung seitens der Antisemiten rechnen können, wenn sie als Candidaten Männer aufstellen, weiche in de» Schächtfrage eine Stellung zu Gunsten der antisemitischen Forderungen aufnehmen." Gar so schlimm muß die von den Autjsemiten so viel citirte Weltnoth nicht sein, wenn die Schächtfrage die einzig vasiende Wahlparole sein kann. (Antisemitische jReclame. Tie Reclame wäre, wenn man den Versicherungen der Antisemiten trauen dürste, eine ausschließliche Tomäne der „Juden und Judengenoffen" Tein ist aber nicht so. Tie Antisemiten habe» gar keine Beranlassuug, in übertriebener Bescheidenheit ihre eigene Fertigkeit in der Markstchreierei so in den Scharten zu stellen; denn wenn es ans Reclameinacheu gebt, stellen auch sie ihre» Mann. Eine Probe davon liefert eine der letzte,, Sonntagsnummern der „Staatsbürger.Zeitung". Tieselbe enthielt folgende Annonce: „An mein Bo Ik! io rief unser unvergessener, hochseliger Xaiier Wilhelm I., weiland, im Jahre 1870, als ihm der ubermülhige Franzmann den Krieg erklärte ». s w." Es folgt dann eine schwungvolle Berherr-, lichung des Krieges von l^iO—71 im Allgemeinen und dcS SedantageS in, Besonderen. Taran schließt sich ein Aufruf zur Abwehr „eines anderen, deS inneren Feindes", der mit der Mahnung: „Kauft nicht bei Juden!" ausläust in eine ausdringliche Anpreisung dcS antisemitischen „Adreßbuch christlich deutscher Geschäfte", vom dem nächstens eine neue Ausgabe erscheinen soll Tie Worte „An Mein Bolk!" find alS Ucberfchrift der Annonce groß und dick gedruckt, wie. es sich für eine echte und rechte Reclame, die das lesende Publicum alarmiren soll, schickt. Wäre ein Jude so findig gewesen, die oben genannten Worte als Köder;u benutzen, (o würden die Antisemiten wahrscheinlich-iosort nach dem Staatsanwalt geschrien und Anwendung de« Paragraphen vom „groben Unfug", vielleicht.sogar des „Majestätsbeleidigu»gs".Paragraphen verlangt haben. Tirect unter dieser Reclameleistung des antisemitischen Gcschäflsinannes steht übrigens eine, andere, nicht minder amüsante Annonce, die von einem von den Antisemiten viel angegriffenen jüdischen Ge'chäile ist, von der „Goldenen 110'. Sie beginnt: „Es beißt mich (diese drei Worte sind ms Neberschriil dick und groß gedruckt) mein Gewissen, wenn ich der Welt niM' , Minheiluug mache von dem Ausverkauf des Well-Garderobehauses zur Goldenen^ 110 ». s„w." Ticke beiten Annoncen, ■ bie in ihrer 'Nachbarlichkeit den Leser recht herausfordernde mit einander zu vergleichen, beleuchten die Beschränktheit de» anlii'emitffchen Standpunkte» etwas drastisch. Tas Reclameinachen ist ebensowenig xine sxeciell jütische Eigenschaft wie etwa die Bornirtheit eine speciell anti'emiti'che. .ßad} Fchlutz der liediiction. 13. September, 10 Ahr Abends. Tie Geschworncn erkannten Panlns Men er einstimmig. Pfarrer T eckcr t mit 10 3tiiniucu ja gegen 2 Stimmen nein und Fra»; Toll mit!« Stimmen ja gegen 3 Stimmen nein — schuldig. Meyer wurde;u vier Monaten Arrest, Tcckert z» 400 fl. Geldstrafe, eventuell zwei Monaten Arrest, Toll zu 20t) fl. Geldstrafe, eventuell zu einem Monat Arrest vernrtheilt. Eingesenbet.*) Man ersucht uns aus Rücksicht auf die armen nicht unterrichteten Taiibstummcn ohne Unterschied der Confessio» um die Ans nähme nachstehender Aundmachuna, betreffend die Aufnahme von Zöglingen an der Taubstummen-Schulabtheilung in Wien, XVIII. Bcz., Währing, Klettenhofergafsc Nr. 3. Im Sinne der Ztz 10, 11, 19 und 26 der n.-ö. Landesgesktzes 'vom 5. April 1870, n.-ö L.-G.-Bl. Nr. 34 gelte», für die Aufnahme von Kindern in die Taubst,,mmen-Schulabtheil,mg in Wien, XVIU. Bez., Währing, Kletten- Hofergasse Nr. 3, im Allgemeinen dieselben Bestimmungen, welche für die öffentlichen Volks- und Bürgerschulen Wiens festgesetzt sind. Jedoch sind in Folge der Eigenartigkeit des Unterrichtes folgende Punkte zu beobachten: 1. Die geeignetste Zeit für de» Eintritt taubstummer Kinder ist das vollendete 7. Lebensjahr. 2. Nach vollendetem 14. Lebensjahre werden Kinder in der Regel nicht mehr ausgenommen. Die Zulassung solcher Kinder hängt von ' der tz> jedem einzelnen Falle nachzusuchenden Genehmigung der competenten Schulbehörden ab. 3. Für die auszunehmendeii Kinder sind folgende Documente beizubringen: Ter Taufschein (Geburtsschein), da« Jmpfzeugniß, ein ärztliche» Zeugniß, aus welchem hervorgeht, daß da» Kind iu dem Grade taub ist, daß es mittelst des Gehörs die Sprache nicht erlernen kan», und daß es an keiner ansteckenden, unheilbaren Krankheit leidet, »nd die Bestätigung, daß die Eltern oder deren Stellvertreter in einem der Bezirke Wiens wohnen. Wie». XVIII. Bez., Währing, am 30. August 1893. Der Cbmanii de» LrtsschulratheS:. JnlinS Wehle. *> Tiefe Rubrik stelle» wir humanitärell Zwicken jederzeit unentgeltlich zur Verfügung. Briefkasten. X. I- Z>, Neubau: Dankend abgelehnt. VeritaS: In der Notiz „Von den Germanen' hat sich ein Fehler ein-' geschlichenv Nicht der Salzburger Verband, souoeru der „Germanenbund" überhaupt, somit auch alle anderen Verbände wurden behördlich aufgelöst Mus Jobst Sie haben Recht, der Witz des antisemitischen „Fida^der gallische Hahn sich wundere, was für ei» Ei er auSrittet Ipabe, erinnert sehr an die Fibel des Hieronymus Jobs, derettvisgen er voi/den Bauern au» dem Torfe gejagt w„lk>e. Dem „dumulen Kerl vom Wien" kayn man aber auch so etwas bieten. S. F., Brvdy: Sie irren; die in Steyr erscheiiikitde Zeitung: „Die Judenfrage", die wir so oft als classische Quelle eitlem, ist kein specifffch jüdisches, sondern ein spfcifisch antisemitisches Blatt. Wir könne» Ihnen deshalb das Abonnement de) „Judenfrage" nicht empfehlen. Zur gefälligen Keachlung! Ter erste Jayrgang des „Freien Blattes" ist durch unser Bureau gegen Einsendung des herabgesetzten Preises von ö. W. fl. 1.— oder 2 Kronen (statt ö. W. fl. 2.50 oder 5 Kronen) zu beziehen. Wir erlauben uns darauf aufmerksam zu machen, daß ivir bei llebcrsendung von Abonnemcntsbeträgen zwar Postmarken, nicht aber Stempel an Gcldesstatt annehmen können. Ferner ersuchen wir dringend, sowohl bei Abonnements-Anmeldungen als Reklamationen Uame «nd Adresse (besonders Ort und Post) leserlich zn schreibest,' da wir sonst bei bestem Willen nicht in der Lage sind, eine Verantwortung für nichtbestelltc Exemplare zu übernehmen. Die Administration. Beitrittserklärungen zum „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" werden entgegengenommen im Sekretariate des Vereines, Wien, I., Parisergafle 4. Ab»»i»rme«t»anmeld«agen auf bas „Freie Statt" nimmt die Administration, Wien, I., Seilerstätte 10, jederzeit entgegen. Ebendaselbst werden auch einzelne Nummern abgegeben. Probrnnmmern zur »eiteren Verbreitung des „Freien Blattes" werden Gesinnungsgenossen ans Verlangen bereitwilligst zur Verfügung gestellt. Herausgeber': Ernst Victor Zenker. — Verantwortlicher Redacteur: Joses Borwahlner. — Druck von LH. Reißer & M. Wecthner, Wien.

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