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Freies Blatt · 1893-09-17 · 76 (17.9.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
76 (17.9.1893)
Date
1893-09-17
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Seite 5 Nr. 70. „ Freies aber die Beispiele der Priester in jeder Hinsicht sehr mächtig wirken, so mögen diese vor Allem bestrebt sein, sich selbst stets als lebendiges Muster der Tugend und Enthaltsamkeit vor den Augen dcS christlichen BolkcS' darzustcllcn. Sie sollen sich aber hüten, sich allzu sehr der Politik.;» widmen, eingedenk der oftmaligen Mahnung dcS Apostels Paulus: .Niemand, der Gott dient, verwickle sich in weltliche Geschäfte, damit er dem gefalle, dem er sich hiiigcgebcn' (VI. Tim. 2, 4)/ Allerdings darf die Sorge für das Acußere nach der Mahnung des heiligen Gregor des Großen bei der Bcdachtnahme auf das Innere nicht nntcrlaffcn werde», und namentlich, wenn cö sich nm den Schutz der Religion und 'um Beförderung des gemcinsanien Wohles handelt, dürfen die zeit- und ortögcmäfcn Schutz- und Hilfsmittel nicht vernachlässigt werden. ES bedarf jedoch der größten Klugheit und Wachsamkeit, damit die G e i st l i ch c n ’ ii i d) t d i c gehörigen Grenzen überschreite» und sich weniger um das imm lische, als u m das Aicnschlichc zu bckilin in er n scheinen. Sehr richtig sagt derselbe heilige Gregor der Große: ,Dic weltlichen Angclcgcnhcitem sind bisweilen anö Mitleid zu dulden niemals aus Borliebe zu suchen, damit sic nicht, indem' sie den Geist des sic liebenden beschweren, diesen durch ihr Gewicht überwindcii und vom Himmlischen ünf daS Irdische herabzichcn.' (Reg. Past. 2, 7.)" Tie Worte des obersten Kirchciifürsten sind zwar zunächst an die ungarische Pricsterschaft gerichtet und im Hinblick auf den kirchcnpolitischen Streit gesprochen, in welchem sich der ungarische Elerns bisher schon allzu militant erweisen. Allein die Worte dcö Papstes gelten in ihrem allgemeinen Sinne auch für unseren ciSleithanischcn EleruS, der in den letzten Jahren die „gehörigen Grenzen" längst überschritten und, weit „weniger nm daS Himmlische als um daS Menschliche" bekümmert, die Kanzel zu einer Tribüne „der christlichsocialen Ideen" gemacht hat. Auch auf die Herren Schcichcr, Schcrzcr, Ratscht« u. A. paßt daS warnende Wort der Encyklica: „Sie sollen sich hüten, sich allzu sehr der Politik zu widmen!" Sb indessen die Achtung vor der „Kiichcnzncht" stark genug sein wird, diese Herren in Hinkunft zu einer Einschrüiiknng ihrer socialrcsormatorischcn und anlisemitischen Thätigkcit zu veranlassen, erlauben wir uns selbst nach der eindringlichen Warnung der päpstlichen Enchklica zu bezweifeln, ancE Gründen, die wir schon des Seftcrcn eingehend erörtert haben. In der That weiß bereits das „Batcrland", also nicht ein mal daS Srgan der „kleinen", sondern daS der „großen" teilte in der Hierarchie aus dem Ton und Wortlaute der Enchklica nichts als KampieSfanfaren hcräuszuhörcn, fortan müßten Bischöfe und Seelsorger im innigsten Einvcrnchuien an der Aufrüttelung der Gewissen der Behörden und der Gläubigen arbeiten. Allem Schwanken, aller Saumseligkeit sei der Jadeit abgcschnitten. So wcrdcn'S also die Herren, auch in Scstcrrcich halten und weiter die Gcwisicn der Behörden und der Gläubigen in ihrer Weise „auf rittteln". (Zudcilhetztlt in Szabadka.) Bekanntlich wurde der dritte ungarische Katholikentag, der am 1t). d. M. in Szabadka (Maria Thcrcsiopcl) stattsinden sollte, vom ungarischen Minister des Jnncin H i e r o n h in i, mit Rücksicht auf die Choleragefahr untersagt. TaS Wiener „Batcrland" gab damals scincin llnmuthc gegen diese Maßregel Ausdruck und bedauerte, daß man in der Regel um das körperliche Wohlbcsindcn gcwisienhaftcr bekümmert sei als dafür, die B c r g i t t n n g der Geister und Herzen hintaiizuhglten. Gerade dieser Borwurf ist cS aber, den wir den politischen Freunden des „Batcrland" machen müssen, angesichts des nunmehr anS Szabadka cinlaufendcn Berichtes, daß in Folge des Berstötes der Katholikcnversanimlung daS Bolk gegen die Juden aufgchctzt wurde. Es wurde ansgcsprcngt, daß die Minister von den Juden gezwungen worden seien, die Katholikenvcrsanimlung zu verbieten. In Folge dcsicn kam cö auch zu cincin Einbruch in daS Kanzleigcbände dcS jüdischen „Heiligen Bcreincs", wo aus der Caffc alles vorhandene Bäargcld gestohlen wurde. Ganz ohne eine „Prositchcn" kann cS bei den Antisemiten nie .und nirgends abgehen. (Der Knabenmord in kanten.) Seit einiger Zeit durchschwirrcn wieder die verschiedensten Gerüchte über neue llntcrsnchiingSrcsultate in der Angelegenheit des Xantcner Mordes die l'uft. Bald heißt cS, die Hauptzeugin Dora Moll sei neuerlich vernoinmen worden und die Untersuchung bewege sich in einer ganz bestimmten Richtung, bald heißt cS, die Unterfucksting gegen Busch ho ff selbst sei wieder aufgenommen, die Staatsanwaltschaft habe ans seine Ergreifung eine Belohnung von 500 Mark ausgesetzt, Buschhoff sei aber cinstivcilcn unauffindbar ii. s. w. Nach kurzer Zeit werden dann diese ^Nachrichten wieder dementirt, Buschhoff befindet sich unbehelligt in seinem ständigen Domicil in Köln, die Staatsanwaltschaft in Eleve antwortet' ans dirccte Anfragen, daß sic von einer steckbrieflichen Bcrfolgnng Buschhoss's nichts 2? I a 11. wisse, und Tora Moll erklärt, sic sei in diesem Jahre in dein Mordproccß gar nicht vcruommcn worden. Wir »chmcu von diesen auSschkießlich in antisemitischen -Leitungen crschicncnen und eifrig colportirtcn ^Nachrichten - lim: deshalb 'Notiz, weil sic in. ihrer auffällig raschen Aufeinanderfolge einer ganz bestimmten Absicht entsprungen zu sein scheinen. TaS einzig Zuverläsnge über den dcrinaligen Stand der .Xantcner Asfairc dürfte darin zu suchen sein, daß auf Antrag des Justizministers vom Ministcr des Innern der Polizeipräsident anfgeforderk wurde,'bis Ende August eilten Eommm'är namhaft zu machen, der sich nach Xanten begeben solle. TaS ift nun geschehen, und ein Erimiiialcominisiär versucht nun in Xante», fielst in das immer noch bcstchciidc und von gewisser Seite noch tünstlich vermehrte Dunkel zu bringen. Mit Buschhoff hat die Sache nichts zu thun. Eine „Wiederaufnahme des BerfahreiiS" gegen ihn, von der die aiitisemitiichcii Blättern fabeln, ist übrigens so ohncweitcrS gar nicht statthaft. Buschhoff ist rechtskräftig frcigcsprochcn, und eine Wiederaufnahme des Bcrfahrcns, zu tliigiiiistcii des Angeklagten sindct nach 8 402 der deutschen Strafgcsetzordnnng nur statt, l. wenn eine in der Hauptverhandlnug zu feinen Gunsten als echt . vorgcbrachtc Urkunde fälschlich angcfertigt oder verfälscht war: 2. wenn ein Zeuge odc^ Sachverständiger zu seinen Gunsten einen wissentlichen oder fahrlässigen Meineid geleistet hat: U. wenn ein luchter oder tste - schworcucr bei dem Urthcilc mitgewirkk, welcher sich in Bczichuiig auf die Sache der Verletzung einer Amtspflicht schuldig gemacht; imb 4. wenn von dem Freigesprochenen vor Gericht oder außergerichtlich ein glaubwürdiges Gestündniß der strafbaren Handlung abgelegt wird. Punkt;J scheidet ohne Weiteres aus, ebensowenig ist bekannt geworden, daß Buschhoff ein glaubwürdiges Gestündniß abgelegt hätte. Bezüglich der Punkte 1 und 2 schreibt ts 404, 1. c) aber vor, daß ein Antrag auf Wiederaufnahme deS BerfahreiiS, welcher auf die Behauptung einer sli afbarci Handlung gegründet - werden soll, erst dann zulässig ist, wenn wegen dieser Handlung eine .rechtskräftige Beriirtlpulnug stattgefundcn hat. 'Nach 8 440, l. <•) muß aber auch dargcthan fein, daß die etwa begangene strafbare Handlung auf daS frcisprcchendc Urthcis vvn Einfluß gewesen ist. ' ((5'hfllUst.) Tcm bekannten Bcrsasscr der Schrift „Ter Blutaberglanbc in der Menschheit", Professor Tr. H. V. Stra>k, ist von dem Knsfhüuserverbande auf Antrag des antifemiiischcii BcreincS deutscher Stndcnten in Berlin die Ehreumiiglicdschaft entzogen worden. Ter „Beweggrund der Gegner" — schreibt Professor Strack in einer Zuschrift an das „Berliner Tagblatt" — „ist einfach der' Groll darüber, daß ich, gerade weil positiv-christlicher ThcologS, eS als mein« Pflicht betrachtethabe aind stets betrachten werde,, der .Blutlügr' und' anderen Ausschreitungen deS Racciiautiscmiiisniiis cntgegciizutreicu. Angriffe, die um meiner Pflichterfüllstug willen gegen mich gerichtet werden, könncu mir nie zur tlnchre^creichcn." (Kci»c Gllüdc.> TaS Begnadigungsgesuch dcS RedartcurS und Herausgebers der antisemitischen „'Neuen deuischcn Zeitung" Tr. Erwin Bauer, der bekanntlich wegen Bcaiitteiibcleidigung iui Xanieiicr Knabciimordprocessc zu sechs Wochen Gefängiiiß vom leipziger VandeSgcrichtc verurtheilt worden war, ist vom önige von Sachsen zurückgewicfcn worden. (Alltiscmitcit »Itkcr sich.) Tie leipziger Antisemiten liegen sich zur Abwechslung einmal in den Haaren. Tr. Erwin Bauer vcröffcntlicht in der „Neuen Terttscheu Zeitung" eine Erklärung, in der cs heißt, daß er gegen' den Herausgeber der „Anti Eorruption", Tr. Hermann Wesendonck, bereits beim zuständigen.Gerichte die BclcidigilzigSklage erhaben habe: daß fümmtliche'Behauptungen, auf welche Tr. Wesendonck seine Angriffe wider .ihn stütze, unrichtig und unwahr,' oder arg entstellt, erfiindcn und erlogen seien, so namentlich alles daS, was in dem Artikel der „Ailti-Eorrirption" über die Vage der „Reuen Tcutfchcn Zeitung" und über seine, dcS Herausgebers, febenSführuiig behauptet wird: daß er Tr. Wesendonck, der vorgcbe, im Jntcrcsie der dcntsch-socialeii Partei zu handeln, auch vor den Parteigenossen, wo gehörig, zur Rechenschaft ziehen werde. Ferner ist dem Anträge Tr. Bauer'S auf vorläufige Bejchlaguahnie der bctreffeudcii Nummer der „Aitti-Eorruption" von der zuständigen Be Hörde Folge gegeben. Toch hat Tr. Wesendonck gegen die Beschlagnahme die Beschwerde eingelegt und sich erboten den WahrheikSbeweiS anzittrete». so daß also eine gerichtliche Klarstellung der Tinge von beiden Seiten verlangt ipird und zu erwarten steht. (Tank ä la Ahlwardt.) Tic erste Bedingung, eine führende Rolle in der antiscmitischcn Bewegung ciinnnchmcii, scheint die zu sei», daß man auf eine möglichst anrüchige Bcrgängenheik zurückblickcn kann. Darin scheint ein „Führer" dem anderen zu gleichen, wie ein" Auge dem anderen. Sic sind lauter Ahlwardt s. So berichtet die in Ncw-z'lork in hebräischer Sprache erschcincudc Zeitschrift „Hcubhri"

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